Gott, wir spüren das ganze Gewicht von Jahrzehnten, Jahrhunderten und Jahrtausenden unserer christlichen westlichen Zivilisation. Wir sind müde und alt, kriechen müde und alt zwischen den Trümmern dieser christlichen westlichen Zivilisation und spüren den Schatten der Vergänglichkeit, den Schatten des Todes und der Dunkelheit um uns herum. Und wir möchten in unserem Bitterkeit verschwinden, wir möchten in unserer Bitterkeit müde über Dein Licht, über Deine Liebe, über Dein ewiges Leben verzweifeln!
Gott, wir haben Angst vor der Zukunft, die uns quält und verfolgt, Angst vor den Glaubensrichtungen, die uns bedrohen und die uns zwischen Himmel und Erde ziehen wollen!
Gott, wir bitten Dich, mögest Du immer intensiver all unsere Blicke in die Vergangenheit zerbrechen, mögest Du immer mehr all unsere Blicke in die Zukunft verhüllen. Gott, mögest Du tiefer und tiefer in das wahre Bad Deiner Taufe unsere gesamte Erwachsenheit eintauchen. Mache aus uns Kinder, die weder Vergangenheit noch Zukunft kennen. Ja, befreie uns von all unserem stolzen Menschsein, damit wir Tag für Tag wie Unkraut und wie Schmetterlinge leben, was Du selbst gesagt hast!
Befreie uns von all dem Stolz der Vergangenheit und von aller Eigenschaftslosigkeit der Zukunft und lasse uns ruhig für den Moment leben, den Du uns schenkst. Aus Deinem Licht trinken, das Du uns im Moment schenkst, Deine Liebe erfahren, die Du uns im Moment schenkst – und sonst nichts. Und somit wahrhaftig und ganz in Dir, der Du selbst jener Moment bist – strahlend, glühend, fließend – dem heiligen Moment der Ewigkeit.
(Erich Przywara SJ /1889–1972/,
Gebete dieser Zeit, 21; zur Zeit des 2. Weltkrieges)