Antonio Sagardoy OCD / Linz
Am 21. März 1993 wurde Teresa de los Andes in Rom heiliggesprochen. „Die neue Teresa“ kommt aus Chile und verbindet unseren Orden auf besondere Weise mit den Christen in Lateinamerika. P. Antonio stellt sie uns vor.
Zu Beginn meines Treffens mit Teresa de los Andes wollte ich in ihrem Leben etwas Großartiges entdecken. Ich las ihre Briefe, einen nach dem anderen, in der Hoffnung, bei ihr etwas Außergewöhnliches zu finden. Aber nichts dergleichen gibt es in diesem kurzen, genau zwanzigjährigen Leben. Teresa hatte keine besonderen Aufgaben oder Ämter. Sie ist weder eine Gründerin von Klöstern noch eine Figur der sozialen Revolution noch eine Theologin mit charismatischen, neuen Gedanken. Als sie starb, hatte ihr klösterliches Leben gerade erst begonnen…
Und doch war ich nicht enttäuscht: Ich fand in Teresas Leben keine Superleistungen oder „mystischen Gaben“, und dennoch stand ich vor ihr mit der Gewissheit, dass ich es mit einem großartigen Menschen zu tun hatte. Ihr Leben war insgesamt ganz alltäglich. Doch in dieser Alltäglichkeit war etwas Ungewöhnliches: die Reife ihrer Äußerungen und die tiefen Dimensionen ihrer Schritte und Handlungen. Ich las die Worte eines heranwachsenden Mädchens im Alter von 17 und 19 Jahren und schüttelte beeindruckt und bewundernd den Kopf…
Juana Fernández Solar, geboren am 13. Juli 1900 in Santiago de Chile, war das siebte von sieben Kindern einer einflussreichen Familie, die in den akademischen und wissenschaftlichen Kreisen der Stadt bekannt war. Sie führt das Leben eines wohlhabenden Mädchens im damaligen Chile: geliebt und verwöhnt, beschäftigt mit Musikunterricht, Sport, Schwimmen, Reiten und Urlaub am Meer… Der Tod des Großvaters, eines angesehenen Arztes, bringt eine schmerzliche Wende: Die finanzielle Situation der Familie verschlechtert sich offensichtlich, die Eltern müssen das Land verlassen, der Vater wird gezwungen, außerhalb der Familie einen Job anzunehmen. Juana und eine ihrer Schwestern kommen daher in ein Internat. Dort wird der schulische Druck, dass sie selbst in den Pausen Französisch miteinander sprechen müssen, der für die Schülerinnen momentan sehr unangenehm ist, zum Segen: Teresa kommt so mit den Schriften der Therese von Lisieux in Berührung. In der Karmelitin aus Europa, die kürzlich verstorben ist, entdeckt sie eine tiefe seelische Verwandtschaft. Bei ihr wächst der Wunsch, ebenfalls Karmelitin zu werden. Doch ihre schwache Gesundheit zwingt sie, lange über die Verwirklichung dieses Vorhabens zu zweifeln. Völlig von ihrer Verwandtschaft missverstanden und über einen langen Zeitraum ohne Trost im Gebet tritt sie schließlich noch nicht einmal neunzehnjährig in den Karmel de los Andes ein. Ihr klösterliches Leben als Teresa von Jesus dauert nur elf Monate. Bei einer Typhus-Erkrankung verschlechtert sich ihr Gesundheitszustand sehr schnell. „In articulo mortis“ (im Angesicht des Todes) legt sie – nach drei Wochen Postulat und nur sechs Wochen Noviziatszeit – die Ordensgelübde ab. Vier Tage später, am 12. April 1920, stirbt sie im Kreis ihrer Mitschwestern.
Ein unvollständiges Tagebuch und eine Vielzahl von Briefen bilden ihr spirituelles Erbe. In Lateinamerika sind diese Schriften für viele Menschen zur Quelle geistlicher Nahrung geworden. Ich möchte nicht verschweigen, dass wir in ihnen einer Sprache begegnen, die uns mit einer europäischen Mentalität des endenden 20. Jahrhunderts aufgebläht und rührend erscheint, wenig nüchtern; ihre Religiosität wird uns hier und da unreif und für viele Ohren einfältig erscheinen. Diesen Eindruck möchte ich weder vernachlässigen noch verschleiern, ich denke jedoch, dass es sich dennoch lohnt, dieser südamerikanischen jungen Frau zuzuhören.
Die geistliche Dimension, die Juanita in die einzelnen Schritte ihres jugendlichen Alltags einbringt, zeigt beispielhaft, worauf es ankommt: nicht auf große Leistungen, sondern auf alltägliche Taten, die in inniger Verbindung mit Christus ausgeführt werden, geben dem Leben Wert. Vielleicht gehört diese so unkomplizierte Wahrheit zum prophetischen Auftrag unserer neuen Heiligen, die scheinbar nichts Außergewöhnliches vollbracht hat.
Ich möchte, dass Jesus Ihr vertrauter Freund wird, dem Sie Ihr müdes und leidvolles Herz öffnen können. Wer könnte, mein lieber Alter, die Tiefe und die Kraft Ihrer Sorgen besser verstehen als unser Herr. Mein lieber Vater, wie sehr würde sich Ihr Leben verändern, wenn Sie oft zu ihm kämen wie zu einem Freund! Glauben Sie, dass Jesus Sie nicht annehmen würde?
Teresa de los Andes
(aus einem Brief an ihren Vater, geschrieben während des Noviziats im Karmel [1920])
(Von demselben Autor erschien ein Notizbuch mit einer ausführlichen Biografie und vielen Texten aus dem schriftlichen Erbe dieser neuen Heiligen aus dem Karmel:
Antonio Sagardoy OCD, Teresa de los Andes. Meine Jugend gehört Gott, Wien 1992.)
Eine neue Teresa, Karmelimpulse II, 1993
Übersetzt von Dr. Vojtěch Pola.