Theresia von Lisieux
Wie sehr hätte ich gerne Priesterin werden wollen, um über die Jungfrau Maria zu predigen! Nur einmal würde mir genügen, um alles zu sagen, was ich über dieses Glaubensgut denke!
Zunächst würde ich sagen, dass wir nur wenig über ihr Leben wissen.
Deshalb sollten wir nicht unwahrscheinliche Dinge über sie sagen, von denen wir keine Kenntnisse haben, wie zum Beispiel, dass sie schon als ganz kleine, dreijährige, in den Tempel ging, um sich Gott in brennender Liebe und mit ganz außergewöhnlichen Gefühlen zu widmen; in Wirklichkeit ging sie wahrscheinlich einfach dorthin, um ihren Eltern zuzuhören.
Und warum sagen, dass sie von dem Moment an, als sie die prophetischen Worte des alten Simeon hörte, ständig das Leiden Jesu vor Augen hatte; „Ein Schwert wird deine eigene Seele durchbohren“, sagte der alte Mann. Das galt also nicht für die Gegenwart, es war eine allgemeine Vorhersage für die Zukunft.
Damit mir die Predigt über die heilige Jungfrau gefällt und nützlich ist, muss ich ihr Leben so sehen, wie es tatsächlich war, und nicht, wie wir es uns ausgedacht haben; ich bin überzeugt, dass ihr echtes Leben ganz einfach war. Wir stellen sie uns so entfernt vor. Wir sollten zeigen, dass sie nachahmbar ist, wir sollten ihre Tugenden vorstellen, sagen, dass sie aus dem Glauben lebte wie wir, und dafür Beweise aus dem Evangelium bringen, wo wir lesen: „Sie verstanden nicht, was er ihnen sagte.“ Und an einem anderen, nicht weniger geheimnisvollen Ort: „Sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das, was über ihn gesagt wurde.“ Diese Verwunderung zeigt eine gewisse Erstauntheit, nicht wahr?
Es ist gewiss richtig, über ihre Vorzüge zu sprechen; aber wir sollten uns nicht darauf beschränken. Wenn in der Predigt ständig nur „Ach! Ach!“ gerufen werden muss, haben wir genug! Wer weiß, ob das nicht viele dazu bringt, sich von einem solchen überlegenen Wesen entfremdet zu fühlen und am Ende nur sagen kann: Wenn das so ist, ziehe ich mich lieber in eine Ecke zurück und leuchte, wie ich kann.
(Aus einem Gespräch mit Theresia auf ihrem Krankenbett, 21. 8. 1897,
aufgeschrieben von ihrer Priorin Schwester Agnes OCD).
(Wie ich von Maria predigen würde, Karmelimpulse II,1993)
Übersetzt von Dr. Vojtěch Pola