Die Unbefleckte Jungfrau Maria vom Karmel

Überlegung

Übernommen aus dem Buch von Ch. O’Donnell: Wir feiern mit Maria,
veröffentlicht im Karmeliterverlag im Jahr 1996.

 

Verschiedene Titel der Jungfrau Maria in der Liturgie und im Volksglauben betonen meist eine Eigenschaft ihres Verhältnisses zu Gott oder zu uns, oder beziehen sich auf einen bestimmten Ort oder eine Ordensgemeinschaft. Bezeichnungen, die mit einem bestimmten Ort oder Orden verbunden sind, müssen etwas näher erklärt werden, wenn wir ihren Sinn wirklich verstehen wollen: Zum Beispiel bedeutet der Titel „Jungfrau Maria von Lourdes“ „Maria, wie sie sich offenbart hat und wie sie in Lourdes verehrt wird“. Ähnlich bezeichnet „Jungfrau Maria vom Karmel“ „Maria, wie sie vom Karmeliterorden verehrt wird“. Die Karmeliterverehrung der Jungfrau Maria hat eine lange und interessante Entwicklung durchlaufen. Wir können sie übersichtlich in drei Perioden unterteilen, die sich gegenseitig überschneiden und gemeinsam einen bestimmten Typ der marianischen Frömmigkeit bilden.

Der Orden ruft Maria vor allem als Schutzpatronin an. Ihr wurde, wie wir gesehen haben, die ursprüngliche Kapelle der Einsiedler auf dem Karmel geweiht. Die karmelitische Regel präzisierte, dass diese Kirche inmitten der Zellen der Einsiedler stehen sollte. Die Kapelle diente als Ort für die Feier der täglichen heiligen Messe (was zu jener Zeit ziemlich ungewöhnlich war). In den marianischen Überlegungen des Ordens im 13. und 14. Jahrhundert wird oft behauptet, dass der Orden zu Ehren der Jungfrau Maria gegründet wurde. Auch wenn diese Aussage historisch ungenau ist, drückt sie eine bestimmte geistliche Haltung aus, die auch die Einsiedler dazu führte, die Kapelle auf dem Berg Karmel der Jungfrau Maria zu weihen. Als der Orden nach Europa kam, wurde der Titel „Verkündigung“ der beliebteste Titel seiner Kirchen. Wenn wir uns bewusst machen, dass der zentrale Begriff der Regel, „Gehorsam gegenüber Jesus Christus“ (obsequium Jesu Christi), ein feudalen Charakter hatte, dann können wir leicht nachvollziehen, wie die Vorstellung entstand, dass Maria die Schutzpatronin des Ordens ist. Der Jahrestag (sowie der wöchentliche) Gedenktag der Jungfrau Maria feierte Marias Tätigkeit „von oben nach unten“ für die Karmeliter, nämlich den Schutz, und die Tätigkeit der Karmeliter „von unten nach oben“ zu Ehren Marias, nämlich Danksagung und Gehorsam. Neben dem Titel Schutzpatronin der Karmeliter entstand in dieser Zeit auch der Titel Mutter der Karmeliter.

Die zweite Periode der marianischen Frömmigkeit des Karmels beginnt im 14. und 15. Jahrhundert und zeichnet sich durch die Verehrung der Unbefleckten Jungfrau aus. Der Schwerpunkt liegt nicht auf Marias Unversehrtheit, sondern auf der Reinheit des Herzens, das vollkommen frei von Sünde und absolut Gott hingegeben ist. (8) Jetzt verstehen wir also, warum das Geheimnis der Verkündigung so anziehend war und warum vielen Ordenskirchen dafür geweiht wurden.

Das besondere Lob für Maria als Jungfrau beweist die Tatsache, dass als die Karmeliter 1584 das römische Missale übernahmen, sie jedes Sancta Maria mit den Worten Beata Virgo ersetzten. In dieser Zeit traten die Karmeliter auch am stärksten für die Verteidigung der unbefleckten Empfängnis ein.

Die Verehrung für Maria, die Unbefleckte Jungfrau, harmonierte auch mit dem kontemplativen Ideal des Ordens, das bereits klar in dem pseudonymen Werk Regeln der ersten Mönche festgelegt war, das Johannes, dem vierundvierzigsten Bischof von Jerusalem, zugeschrieben wurde, jedoch erst 1370 erschien: Was das Leben betrifft, können wir zwei Ziele unterscheiden, von denen wir eines durch die Gnade Gottes mit eigener Anstrengung und einem tugendhaften Leben erreichen können, nämlich Gott ein heiliges und reines Herz anzubieten, das von jeder tatsächlichen Verunreinigung der Sünde frei ist… Das zweite Ziel dieses Lebens kann uns nur die Güte Gottes gewähren, nämlich mit dem Herzen zu erfahren und mit dem Verstand zu erkennen, nicht nur nach dem Tod, sondern bereits in diesem sterblichen Leben die mächtige Gegenwart Gottes und das Glück der himmlischen Herrlichkeit. Getrieben von diesem Text und der damit verbundenen Spiritualität fanden die Karmeliter in Maria stets das Vorbild ihres kontemplativen Lebens.

Zeitgleich mit der Verehrung Marias, der Unbefleckten Jungfrau, entwickelte sich die Vorstellung von Maria als „Schwester“. Vielleicht spielte hierbei das mittelalterliche Interesse an Titulierungen eine Rolle, doch die Bezeichnung entsprach auch dem vollständigen Namen des Ordens „Brüder der seligen Jungfrau Maria vom Berge Karmel“, der zwar angegriffen wurde, aber dessen Erhalt der Orden tapfer verteidigte. Der Titel „Schwester“ erscheint bereits bei den Vätern. Paul VI. verwendete ihn in seiner Abschlussrede bei der dritten Sitzung des Zweiten Vatikanums:

Ebenso wie wir ist sie Tochter Adams und somit auch unsere Schwester in Hinblick auf die gemeinsame menschliche Natur.

Maria ist das vollkommene Kind des himmlischen Vaters, seine „geliebte Tochter“ (LG 53), weil sie mehr als jeder andere vom Heiligen Geist geleitet wurde (vgl. Röm 8,14). Die Karmeliter, die im Geiste des Propheten Elias in der Ehelosigkeit leben, fühlten sich mit Maria, der ersten Jungfrau unter den Frauen, verbunden. Das Bild Marias als „Schwester“ erhält in der karmelitischen Frömmigkeit weitere Bedeutungen: Aus der göttlichen Vorsehung wurde der Orden die Bezeichnung Brüder der seligen Jungfrau Maria vom Berge Karmel gegeben. Maria wird dem Orden geweiht, und somit wird sie sozusagen zu ihrem Haus, in dem den Menschen das Geschenk der göttlichen Nähe zuteilwird. Elias war der erste Mann, der in Ehelosigkeit lebte, Maria ist aufgrund ihrer Würde die erste unter den Frauen. Die karmelitische kontemplative Berufung, „das Gesetz des Herrn im Herzen zu bewahren“ (Regel 7), ähnelt jener Berufung, nach der Maria die meiste Zeit ihres Lebens lebte. Als Dienstmagd oder Tochter des Herrn wird sie zum Vorbild wahrer Jüngerschaft, Gehorsam (obsequium) gegenüber Jesus Christus, der das Herz der Regel bildet. Diese Punkte haben Bedeutung nicht nur für die geweihten Mitglieder des karmelitischen Ordens (erster, zweiter oder dritter) sondern für alle, die zu der karmelitischen marianischen Verehrung einen besonderen Bezug haben, indem sie das Skapulier tragen, von dem wir nun sprechen werden.

Der dritte Ausdruck der Verehrung für die Jungfrau Maria in der karmelitischen Familie ist das Skapulier. Diese Andachtsform hat seit dem 16. Jahrhundert Vorrang, auch wenn die beiden vorhergehenden Formen der Verehrung (Schutzpatronin und Unbefleckte Jungfrau) weiterhin bestehen und der karmelitischen Frömmigkeit, die durch das Skapulier ausgedrückt wird, einen besonderen Charakter verleihen. Der Ursprung des Skapuliers ist umstritten: Der Nachweis des marianischen Erscheinens an den hl. Simon (Stock?) ist spät, fast zweihundert Jahre nach dem angeblichen Ereignis; historisch ist das Zeugnis nicht ganz zufriedenstellend. Ähnliche Erzählungen finden wir auch in anderen Orden, manchmal gibt Maria sogar die ganze Kleidung. Entscheidend ist das Fazit von J. Smeta, wonach „die Möglichkeit nicht ganz ausgeschlossen werden kann, dass die Geschichte auf einem wahren Grund basiert“.

Und doch hängt die Echtheit dieser Erscheinung nicht von dem marianischen Skapulier ab. Das Skapulier symbolisiert hauptsächlich den Schutz der Jungfrau Maria. Das Gewand als Symbol des Schutzes kommt in der christlichen Tradition häufig vor, insbesondere in der östlichen Ikonographie in Form der Madonna mit dem Mantel. Neben dem Schutz bedeutet das Skapulier, das den karmelitischen Habit darstellt, die Weihe an Maria. Da die Weihe eigentlich von Gott vollzogen wird, sagen wir, dass wir uns Gott und Maria weihen, indem wir erklären, dass wir frei wollen, dass sich der Wille Gottes in unserem Leben offenbart und dass Jesus unser Herr ist. Mit dem Tragen des Skapuliers zeigen wir, dass wir durch unsere Taten und Haltungen die Werte verwirklichen wollen, nach denen Maria gelebt hat.

Die Frage des sogenannten „Samstagsprivilegs“ müssen wir nicht allzu sehr behandeln. Auch wenn sein Ursprung zweifelhaft ist, drückt es das Vertrauen auf die mächtige Fürsprache Marias im Moment des Todes und bei der Reinigung und Heilung, die der Fegefeuer zuteil wird, aus. Es wäre nicht weise zu sprechen von der Befreiung aus dem Fegefeuer am ersten Samstag nach dem Tod, aber abgesehen davon kann man sicher die „Bedingungen“ verkünden, die mit diesem „Privileg“ verbunden sind, nicht auf der Grundlage von Visionen oder „Versprechungen“, sondern gemäß dem Neuen Testament, das alle drei Bedingungen dringend empfiehlt: es sind Gebet, Reinheit des Lebensstandes und Buße.