Sr. Milada vom Erlöser der Welt, OCD
Die Eheleute Martin
Auch nach der Hochzeit bemühten sich Zélie und Louis, ganz für Gott zu leben. „Unsere Eltern hielten uns für außergewöhnlich fromm“, zeugte später Marie im Kanonisierungsprozess. „Täglich gingen sie um halb sechs zur ersten heiligen Messe, die die Messe der Armen genannt wurde.“1 Zur heiligen Kommunion gingen sie vier- bis fünfmal in der Woche, was zu der Zeit der jansenistischen Frömmigkeit (die den Respekt vor den Sakramenten so weit überbetonte, dass diese nur selten empfangen wurden) sehr häufig war. Der Sonntag wurde bei ihnen mit puritanischer Strenge geheiligt. Darüber hinaus erinnerte sich Marie, dass sie an diesem Tag keinen Weg „noch zum Nutzen“ unternehmen dürften. Sie hielten auch alle vorgeschriebenen Fasten ein. „Unsere Mutter, von körperlicher Konstitution schwach und zart, hielt das Fasten ebenso ein wie der Vater. Sie nahm grundsätzlich keine Dispensen in Anspruch, die bereits erlaubt waren. Das ist nicht gut für fromme Christen.“2 Morgen- und Abendgebet waren für die Eltern eine Selbstverständlichkeit. Besonders groß war ihre Ehrfurcht vor der Jungfrau Maria und dem heiligen Josef. Sie halfen oft bedürftigen Menschen und lehrten das auch ihren Kindern (vgl. AS 32; AS 40).
Es ist selbstverständlich, dass auch die Martin` durch die Zeit geprägt wurden, in der sie lebten: Die Katholiken wurden damals aus dem politischen und gesellschaftlichen Leben gedrängt und die Kirche in eine defensive Haltung gezwungen. Daraus ergab sich in der Familie der Martins eine Geringschätzung der „Welt“, alles Weltliche war bei ihnen verboten. Der Kloster wurde als Vorbild und Höhepunkt des christlichen Lebens betrachtet – deshalb ahmten sie auch die klösterliche Frömmigkeit so sehr nach. Auch wenn dieser Stil nach außen das religiöse Leben der Familie prägte, so entstellte er die Quelle ihres authentischen Glaubens nicht.
Ein Leben, das intensiv auf die Nachfolge Christi ausgerichtet war, bedeutete jedoch nicht, dass zwischen den Eheleuten Martin keine tiefe und zärtliche Beziehung existierte. Therese verglich einmal ihre Familie mit einer Familie von Lilien, in der jedes Mitglied völlig für Jesus lebt – „Welch eine Freude empfindet unser Herz, wenn wir daran denken, dass unsere Familie Jesus so zärtlich liebt. Das ist mein ständiger Trost. Ist unsere Familie nicht rein, die Familie der Lilien...?“ (DT 104)3 – Aber die Liebe zu Gott gab dem Ehepaar Martin die Kraft, sich gegenseitig mit einer umso größeren und reineren ehelichen Liebe zu lieben. „Wie glücklich bin ich mit meinem Mann,... (...) Ja, mein Mann ist ein heiliger Mann. Jede Frau würde sich wünschen, so einen zu haben“, – so vertraute sich Zélie einmal ihrem Bruder an.4
Die Stärke der geistigen Verbindung zwischen den Eheleuten zeigte sich am deutlichsten in Zeiten, in denen sie körperlich voneinander getrennt waren. Bei einem Besuch bei Verwandten in Lisieux schrieb Frau Martin an ihren Mann: „Mein lieber Louis, gestern um halb fünf sind wir hier angekommen. Mein Bruder erwartete mich bereits am Bahnhof und war sehr erfreut, uns wiederzusehen. Er und seine Frau bemühen sich, dass wir uns hier wohlfühlen. Heute Abend gab es zu unseren Ehren einen großen Empfang. Morgen fahren wir nach Trouville, am Dienstag gibt es wieder eine große Festlichkeit bei Frau Maudelonde und vielleicht (erwartet uns) auch eine Kutschfahrt zu Frau Fournet.5 Die Kinder sind sehr begeistert. Wenn das Wetter schön ist, wird es sicherlich wunderschön. Es betrübt mich aber, dass hier so viel Geld verschwendet wird. Nichts erfreut mich daran. Es geht mir gerade so wie deinen Fischen, die du aus dem Wasser ziehst. Sie sind aus ihrem Element gerissen und sterben. Auch ich würde hier sterben, wenn ich länger bleiben müsste. Ich fühle mich nicht wohl, schlichtweg bin ich nicht da, wo ich hingehöre. Und das wirkt sich auch auf mein körperliches Wohlergehen aus. Ich fühle mich fast krank. Und dennoch bemühe ich mich, vernünftig zu sein und darüber hinwegzukommen. Geistig bin ich den ganzen Tag bei dir und sage mir ständig: jetzt macht er das, jetzt macht er jenes! Ich sehne mich sehr nach dir, mein lieber Louis. Aus tiefstem Herzen liebe ich dich und fühle, wie meine Liebe durch diese Trennung sich verdoppelt. (...) Wenn es möglich ist, schreibe ich dir morgen wieder. (...) Am Mittwoch kommen wir um halb sechs nach Hause. Ach, wie lange ist es noch bis dahin! Mit Liebe umarme ich dich. Die Kinder lassen dir ausrichten, dass sie sich freuen, mit mir reisen zu können, und senden dir viele Küsse.“6
Herr Martin war im Schreiben zurückhaltender; dennoch strahlt aus seinen Briefen dieselbe Zärtlichkeit: „Liebe Freundin, ich kann nicht vor Montag nach Alençon kommen; die Zeit scheint mir lang und ich kann es kaum erwarten, dir nahe zu sein. Ich muss dir nicht sagen, wie sehr mich dein Brief erfreute. Es tut mir nur leid, dass du dich so sehr mühen musst. Bitte gönne dir Ruhe. (...) Ich hatte das Glück, zur heiligen Kommunion in der Gnadenkapelle der Siegesmutter in Paris gehen zu können. Ich fühlte mich dort wie im kleinen irdischen Paradies. Im Namen unserer ganzen Familie habe ich dort eine Kerze geopfert. Ich umarme euch von ganzem Herzen und erwarte, dass wir bald wieder zusammen sein werden. Ich hoffe, dass Marie und Pauline vernünftig sind. Dein Mann und wahrer Freund, der dich mit ganzem Herzen liebt.“7
Die Geschichte der Familie
Herr Martin glaubte anfangs nach der Hochzeit, dass Gott wollte, dass er mit seiner Frau wie Bruder und Schwester lebte, nach dem Vorbild der Hochzeit des hl. Josef mit der Jungfrau Maria. Erst nachdem ein vernünftiger Priester ihm dies geraten hatte, änderte er seine Meinung. Und der Herr segnete sie mit neun Kindern. Als erstes wurde am 22. Februar 1860 Marie Luisa geboren, die spätere Schwester Marie vom Heiligsten Herzen, die Patentante von Therese. Alle Kinder wurden von Geburt an der Jungfrau Maria geweiht. Am 8. Dezember betete Zélie Martin zu der Unbefleckten Jungfrau Maria für ihr zweites Kind. Sie wurde erhört und am 7. September 1861 wurde ihnen die zweite Tochter Marie Pauline geboren, die spätere Mutter Agnes von Jesus, Thereses „zweite Mutter“. Pauline erbte am meisten von allen Töchtern das körperliche Aussehen und die geistigen Eigenschaften der Mutter. Als drittes Kind kam am 3. Juni 1863 Marie Léonie zur Welt, später Schwester Franziska Therese vom Orden der Besuchsmütter in Caen. Diese Tochter blieb von Anfang an körperlich und geistig hinter ihren Schwestern zurück.8 Die Mutter musste besondere Rücksicht auf sie nehmen. Bei der Geburt des vierten Kindes, Marie Hélène, am 13. Oktober 1864 war Zélie bereits so schwach, dass sie ihr Kind nicht selbst stillen konnte. Das Töchterchen wurde daher einer Amme auf dem Land anvertraut.
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Zéliens Schwierigkeiten
Bald darauf verschlechterte sich der Gesundheitszustand von Frau Martin, weshalb sie ihren Bruder um Rat bat: „Wie du weißt, habe ich mich als junges Mädchen einmal an der Brust am Tisch gestoßen. Damals achtete ich nicht darauf, aber jetzt bemerke ich an der Brust eine Art Schwellung oder Tumor, der mich seitdem beunruhigt, seit er anfängt zu schmerzen. Was kann man dagegen tun? Kannst du dir vorstellen, wie erschrocken ich darüber bin? Nicht, dass ich Angst vor einer Operation hätte, ich bin bereit, sie durchzuführen, ich habe nur kein Vertrauen zu den hiesigen Ärzten. Ich wäre sehr froh, wenn die Operation in Paris stattfinden könnte und zwar dann, wenn du dort bist, denn dann könntest du mir eine große Unterstützung sein. Nur eines hält mich jetzt davon ab: Was soll mein Mann hier machen?“9
Zu dieser Operation kam es jedoch nicht. Wir wissen nicht, was der Grund dafür war. Zwei Monate später dachte Zélie unter dem Einfluss eines anderen Ereignisses ernsthaft über den Tod nach: „Gestern um eins starb mein Schwiegervater. Letzten Donnerstag erhielt er die Krankensalbung und starb wie ein Heiliger. Niemals hätte ich gedacht, dass mich das so rührt. Ich zittere noch immer... Ich gestehe dir, dass mir der Tod Angst macht. Ich beobachtete meinen Schwiegervater auf dem Sterbebett, und wenn ich mir vorstelle, dass eines Tages das gleiche Schicksal mich oder meine Liebsten trifft...“10 Der erwähnte Tumor, der 1865 entdeckt wurde, trat dann elf Jahre später, im Oktober 1876, intensiv in Erscheinung. Zu diesem Zeitpunkt betrachteten die Ärzte jedoch Zélies Zustand als hoffnungslos.
Frau Martin wurde nicht nur von der Sorge um den Haushalt und die zunehmende Zahl von Kindern erschöpft, sondern auch von ihrem Gewerbe, ihrem Geschäft. In ihrer Korrespondenz beschwerte sie sich darüber mehrmals bei ihrem Bruder: „Diese Nachtarbeit verdirbt mir das Leben. Wenn ich viele Bestellungen habe, bin ich eine bedauernswerte Sklavin, aber wenn ich nichts zu tun habe und hier fertige Spitzen im Wert von 20.000 Francs liegen, muss ich Arbeiterinnen, die ich mit großem Aufwand ausgebildet habe,11 zu anderen Fabrikanten schicken. Dann quäle ich mich und fühle mich, als lägen die gesamten Alpen auf mir. Was kann ich aber daran ändern? Ich muss mich hineinbegeben und meinen täglichen Kreuzzug Tapferkeit auf mich nehmen.“12 Und wieder: „Mit dem Geschäft in Alençon habe ich große Schwierigkeiten und Plagen. Es ist die Krone meines Leids. Zwar verdiene ich etwas Geld, aber was kostet mich das alles! Es geht zu Lasten meines Lebens, denn ich fühle, dass sich meine irdischen Tage verkürzen. Wenn mir der gütige Herr Gott nicht hilft, werde ich nicht mehr lange leben. Wenn ich nicht meine Kinder erziehen müsste, würde ich mir wenig Sorgen machen und den Tod wie das Licht des wunderschön aufgehenden Tages begrüßen. Oft denke ich an meine Schwester im stillen und friedlichen Kloster. Sie arbeitet nicht für irdische Güter, sondern sammelt Reichtum für den Himmel. Und ich? Ich versuche, mit meinen Händen Geld zu verdienen, das ich nicht mitnehmen kann, und auch nicht möchte. Was sollte ich damit anfangen? Manchmal bedauere ich, dass ich nicht dem Beispiel meiner Schwester gefolgt bin, aber dann sage ich mir wieder, ich hätte nicht meine vier schönen Töchter und meinen lieben Mann. Nein, es ist gut, dass ich genau dort stehe, wo ich hingestellt bin.“13
Mit der Zeit fand sie jedoch in ihrem Geschäft den richtigen Umgang und das Maß: „Als ich mein Geschäft mit Spitzen begann, wurde ich davon krank. Inzwischen bin ich klüger geworden. Ich bin bereit, alles Unangenehme, was mir begegnet, auf mich zu nehmen. Ich sage mir: „Der liebe Herr Gott erlaubt es so“, und denke nicht lange darüber nach. Er gibt mir die Gnade, dass ich keine Angst habe, und deshalb bin ich ganz ruhig. Er ist wahrhaftig ein gütiger Vater und lädt den Menschen nicht mehr auf, als sie tragen können.“14
Wachstum in der Hingabe
Obwohl Zélie lernte, das Leiden in Verbindung mit der Arbeit zu ertragen, erwarteten sie weit größere und tiefere Schmerzen, verursacht durch den Verlust der ihr teuersten Wesen. Vor den Martins stand eine Lebensphase, in der Momente der freudigen Erwartung sich oft mit der Qual abwechselten, die nur in der Hingabe an den Willen Gottes erträglich war. Zélie und Louis wünschten sich lange einen Sohn, den Gott zum Priestertum berufen würde. Sie beteten zu hl. Josef, und am 20. September 1866 wurde ihr fünftes Kind, der Sohn Maria Josef Ludwig, geboren. Er musste jedoch auch zur Amme aufs Land gebracht werden und starb nach einem halben Jahr am 14. Februar 1867 an einer schweren Erkältung. Die Eltern gaben jedoch ihren Wunsch nicht auf. Deshalb führten sie erneut das Novene zu hl. Josef, das am 19. März 1867 endete. Neun Monate später (19. Dezember 1867) wurde ihnen der Sohn Maria Josef Johannes der Täufer geboren. Auch dieses sechste Kind starb jedoch nach drei Vierteljahren (24. August 1868). Die Martins nahmen dies mit Hingabe an den Willen Gottes hin und baten nicht mehr um einen Sohn. Aber das Leiden hörte nicht auf. Nicht einmal einen Monat später, am 3. September 1868, starb der Vater von Frau Martin, der sich im Alter zu ihnen umgesiedelt hatte. Zélie trafen all diese Wunden tief. Ihr Blick war jedoch stets auf Gott gerichtet. „Es scheint mir selbstverständlich, dass ich leide“,15 schrieb sie ihrer Schwiegertochter.
Aber schon zwei Monate später vertraute sich Frau Martin ihrem Bruder mit ihrem neuen mütterlichen Glück an: „Was sagst du dazu, wir bekommen wieder ein Kind. Es ist wahr, nur hoffe ich, dass mich vorher kein Unglück trifft. Wenn der liebe Gott mich auch mit diesem Kind nehmen wollte, habe ich nur einen Wunsch: dass es nicht ohne Taufe stirbt.“16 Vor der Geburt stiegen jedoch erneut die Ängste: „Du kannst dir überhaupt nicht vorstellen, wie ich um die Zukunft fürchte, während ich auf dieses kleine Wesen warte. Es scheint mir, dass auch dieses Kind den vorherigen (Söhnen) nachfolgen wird und für sie das ewige Leben antreten wird. Auf mir liegt eine Last so groß wie die Alpen. Ich denke jedoch, dass die Realität nicht schlimmer sein wird als meine Vorahnung. Kommen wieder irgendwelche Wunden, werde ich erneut schnell aufstehen. Aber die Angst, das ist wahrhaft das Martyrium. Heute Morgen während der heiligen Messe drückten mich diese trüben Gedanken nieder, dass ich fast das Gleichgewicht verlor. Es ist immer am besten, alles in die Hände Gottes zu geben und alles Zukünftige mit Hingabe in seinen heiligen Willen zu erwarten. Ich bemühe mich, das zu tun...“17 Das siebte Kind wurde am 28. April 1869 geboren. Es war wieder eine Tochter, Marie Céline, die spätere Schwester Jenofeva von der hl. Therese und des heiligen Angesichts. Auch sie musste einer Amme anvertraut werden, aber das Mädchen wuchs und war gesund. Deshalb vertraute sich Zélie voller Freude Lisieux an: „Jetzt habe ich wirklich keinen Grund zu klagen...“18
Nach einigen Monaten kam jedoch ein weiterer Schlag. Das kleine Helene (sie war fünf einhalb Jahre alt) erkrankte plötzlich schwer und, obwohl es den Ärzten nicht gelang, die Ursache der Krankheit zu ermitteln, starb das Kind am 22. Februar 1870. Dieser Tod traf die Eltern sehr schmerzlich: „Weder ich noch mein Mann hatten mit einem so plötzlichen Ende gerechnet. Als er nach Hause kam und das tote Kind sah, brach er in Tränen aus und rief: ,Meine Helene! Meine Helene!‘ Danach opferten wir beide dieses Leiden auch Gott...“19 „Manchmal stelle ich mir vor, dass ich genau so wie meine kleine Helene auch leise aus diesem Leben scheiden werde. Ich versichere dir, dass ich an diesem Leben nicht festhalte. Seit dem Tod dieses Kindes habe ich den brennenden Wunsch, es wiederzusehen, aber die anderen Kinder, die hier noch sind, brauchen mich und für sie bitte ich den Herrn Gott, dass er mich noch einige Jahre hier lässt.“20 Eine Nonne aus dem Kloster ermutigte sie in diesen Tagen sehr: „Wie glücklich ich bin, wenn ich deinen tiefen Glauben und deine große Hingabe an den Willen Gottes beobachte. Diejenigen, die du jetzt betrauerst, wirst du eines Tages im Himmel wiedersehen. Dein Herz ist jetzt mit Schmerz erfüllt, aber deine Hingabe an alles, was dir der Herr sendet, erfreut ihn. Dein Glauben und dein unerschütterliches Vertrauen werden eines Tages wunderbar belohnt werden. Sei dir sicher, der Herr wird dich segnen und mit Gnaden überschütten.“21
In dieser schmerzlichen Zeit jedoch wuchs bereits wieder neues Leben im Herzen von Frau Martin. Ihr achtes Kind, die kleine Marie Mélanie Thérèse, wurde am 16. August 1870 geboren. Doch schon nach nicht einmal zwei Monaten (8. Oktober 1870) starb sie – aufgrund einer schlechten Amme.22 Noch am selben Tag weinte Zélie in einem Brief an ihre Schwiegertochter: „Was ich erlitten habe, kann sich niemand vorstellen. Ich bin trauernd und untröstlich, weil ich mein Kind unbeschreiblich geliebt hatte. Bei jedem neuen Tod scheint es mir, dass gerade dieses Kind das, was ich am meisten geliebt hatte... Oh, wenn ich auch sterben könnte! Ich bin so müde, ich habe fast zwei Tage lang nichts gegessen und die ganze Nacht in mortaler Angst verbracht.“23
Wie Zélie Martin all diese Prüfungen verarbeitet hat, ist deutlich aus dem tröstenden Brief zu erkennen, den sie ihrer Schwiegertochter schrieb, die am 16. Oktober 1871 bei der Geburt ihres dritten Kindes, des Sohnes Paul, gestorben war: „Das große Unglück, das dich getroffen hat, hat auch mein Herz berührt. Dir ist wirklich eine schwere Prüfung auferlegt worden... Möge dir der Herr die Gnade der Hingabe an die Heilige Willen Gottes geben. Das Kind ist bei Gott, sieht und liebt dich und eines Tages wirst du es wiederfinden. Das ist ein großer Trost. Ich habe es selbst erlebt und werde es noch erleben. Als ich meinen eigenen Kindern die Augen schloss und sie zum Friedhof begleitete, erlebte ich echten Schmerz, aber er wurde immer gemildert durch die Hingabe an den Willen Gottes. Ich bereue die Schmerzen, die ich für meine Kinder erlitten habe, und die Sorgen, die ich mit ihnen hatte, nicht. Manchmal höre ich Menschen sagen (über ihre verstorbenen Kinder): Es wäre besser gewesen, sie wären nie geboren worden! Solche Worte kann ich nicht ertragen. Schmerzen und Sorgen um Kinder dürfen nicht in Betracht gezogen werden, wenn wir an ihr Glück im Himmel denken. Eigentlich haben wir sie nur vorübergehend verloren. Wie kurz ist schließlich das Leben! Und im Himmel werde ich sie wiederfinden... Siehst du also, welches ein Segen es ist, ein kleines Engelchen im Himmel zu haben. Und dennoch ist es für unsere Natur etwas sehr Schmerzhaftes, ein Kind zu verlieren. Gerade darin liegen die großen Leiden unseres irdischen Lebens.“24
Über die Zeit hinweg wurden die vielen Verpflichtungen für die Eltern unerträglich. Daher verkaufte Herr Martin 1871 sein Geschäft mit Uhren und Juwelen an seinen Neffen Adolf Leriche und begann, im Unternehmen seiner Frau zu arbeiten. Er übernahm die Verkaufsreisen, einen Teil des Einkaufs und die Buchhaltung. Sie wollten sich auch ein geräumigeres Haus für ihre Familie kaufen, aber sie fanden kein passendes. Daher zogen sie schließlich in das Haus des verstorbenen Herrn Guérin in der St.-Blasius-Straße Nr. 42, das Frau Martin geerbt hatte. Hier wurde am 2. Januar 1873 ihr neuntes Kind, Marie Franziska Thérèse, also Therese, geboren.



