P. Gorazd Cetkovský, O.Carm.
Vollständige Einführung1
Wenn wir über das Alter sprechen, richtet sich unsere Aufmerksamkeit hauptsächlich auf die Lebensphase, die durch ein sehr hohes Alter und damit verbundene erhebliche gesundheitliche und mentale Schwierigkeiten gekennzeichnet ist.
Aber das Alter hat auch eine vorhergehende Phase, die man als „gemütlich“ bezeichnen könnte; ein frischgebackener Rentner ist meistens recht fit, und ist doch von verschiedenen Verpflichtungen befreit, damit auch von einem gewissen Einfluss, den er zuvor auf sein Umfeld hatte; er kann plötzlich eine Menge Zeit haben, ist aber gleichzeitig einer größeren Einsamkeit und Isolation ausgesetzt. Auch diese Etappe ist im Leben wichtig.
Beide Phasen des Alters sollten erfüllend und sinnvoll erlebt werden, „fruchtbar“!
Ein bisschen Sprachwissenschaft
Die hebräischen Ausdrücke für Alter stammen von den Wörtern „Kinn (d.h. Bart)“ und „Graue (d.h. graue Haare)“. 2 Aus unserem Umfeld fällt mir in diesem Zusammenhang gleich das schöne abwertende tschechische Wort „Holobrádek“ und die Erfolge moderner Haarpflegeprodukte im Kampf gegen die grauen Haare ein...
An der tschechischen Sprache fällt uns auf:
- Die Wörter alt und jung dienten ursprünglich nicht zur Altersbezeichnung (der Wortstamm von alt hatte ursprünglich wohl die Bedeutung „dick“ oder „unbeweglich“; jung bezeichnete jemanden, der eine zarte Haut hat, wie es bei jungen Tieren der Fall ist)
- Das Wort Sorge war ursprünglich das Gegenteil des Wortes Jugend und bedeutete „fortgeschrittenes menschliches Alter“ (P. Eisner, Tschechisch durch Klopfen und Hören); und siehe da: heute bezeichnen wir damit alles, was uns „Sorgen“ bereitet...
Lebensumstände der Menschen zur biblischen Zeit (insbesondere die Unterschiede zu heute)
„Das Alter in Israel begann bei Männern etwa um die sechziger Jahre,“ und „ein Alter über siebzig wurde als besondere Gabe Gottes angesehen.“3
Der Fortschritt der Zivilisation war viel langsamer als heute. Ein alter Mensch war damals nicht von „Zeiten“ und Erfindungen umgeben, die er aus früheren Zeiten nicht kannte und die er nicht verstand. (Beispielsweise fuhr man im Laufe des gesamten Jahrtausends, in dem die Bibel entstand, weiterhin auf Eseln oder Pferden, während in unserer Zeit innerhalb der letzten hundertfünfzig Jahre Eisenbahnen, Autos, Flugzeuge entstanden sind.)
Den alten Menschen wurde in der Antike allgemein großer Respekt erwiesen: die gesamte Gesellschaft wachte darauf, pflegte ihn gezielt und bildete die Jungen darüber aus. Im alten Israel waren die ältesten Mitglieder bedeutender Familien eine soziale Institution. „Die Ältesten“4 entschieden über Angelegenheiten der einzelnen Stämme und später (als die Zugehörigkeit nicht mehr durch Blutsverwandtschaft, sondern durch das Zusammenleben an einem Ort gegeben war) über Städte. Allerdings wurde die Zugehörigkeit unter den Ältesten nicht durch ihr Alter, sondern durch gesellschaftliche Stellung bestimmt (sie wurden zu einer Art Adel). Zusammen mit den Hohepriestern und Gesetzesgelehrten gehörten die „Ältesten“ auch zum Hohen Rat (Mat 27,41). In der Urgemeinde bezeichnet das Wort „Ältester“ die Repräsentanten der christlichen Gemeinden und wird stets im Neuen Testament im Plural verwendet, es handelt sich also um mehrere Personen in derselben Gemeinde, eine Art Gremium. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Vision des Buches der Offenbarung: 24 Älteste vor dem Thron Gottes.
Obwohl die Schrift auch über verschiedene gesundheitliche Schwierigkeiten alter Menschen spricht, kann man annehmen, dass ein alter Mensch in der biblischen Zeit in besserer Verfassung war als die heutigen alten Menschen - einfach wegen der Tatsache, dass das Niveau der medizinischen Versorgung damals sehr niedrig war. Sobald sich seine gesundheitlichen Probleme vergrößerten, starb er bald.
Auf der anderen Seite sollten wir uns bewusst sein: Der einzige Ort, an dem einem alten Menschen Pflege zuteilwurde, war damals die Familie. Wenn die Beziehungen darin schön waren, bot sie ihm zwar primitiv, aber menschlich ohne Zweifel sehr tröstlich Pflege aus gesundheitlicher Sicht...
Was sagt die Schrift über das Alter (alles)
„Allein die Tatsache eines langen Lebens wurde nicht nur in Israel, sondern in allen alten orientalischen Zivilisationen als außergewöhnlicher Ausdruck göttlicher Gunst angesehen.“5 Über die großen Persönlichkeiten aus der Zeit der Patriarchen und des Exodus sagt die Schrift, dass sie ein sehr hohes Alter erreichten (Abraham, Sara, Mose, Aaron, Joshua). So hohes Alter ist ein Zeugnis ihrer Beliebtheit in den Augen des Herrn und ihrer Bedeutung für die Geschichte des Heils.
Die Bücher Mose enthalten mehrmals Berichte über den Tod der Patriarchen. Beachten wir drei Einzelheiten, auf die wir dabei immer wieder treffen:
- Die Schrift verwendet einen besonderen Ausdruck und sagt, dass die betreffende Person „alt und satt von Tagen“ gestorben ist. Dies kann so interpretiert werden: ohne Schmerz über eine unerfüllte oder unvollendete Lebensweise. In Frieden (Tob 14,2). Die irdischen Tage werden mit einer sättigenden (und schmackhaften) Mahlzeit verglichen, die dem betreffenden Menschen zuteil wurde. Mit solch einem Gefühl stirbt er. In einer Kultur, die Hunger gut kannte, hatte dieses Bild sicherlich große Aussagekraft.
- Die Worte „schloss sich seinem Volk an“ drücken aus, dass die Seele des Verstorbenen mit den verstorbenen Vorfahren verbunden ist.6 (Der Glaube an die Auferstehung finden wir erst in den jüngsten Büchern des Alten Testaments.) Das heißt, obwohl wir jeder für sich sterben, 7 nach dem Tod – ähnlich wie zu Lebzeiten – sind wir immer noch Teil der Gemeinschaft mit denen, zu denen wir gehören.
- Am Sterbebett des Vaters sind – ohne Erwähnung von Spannungen – die sonst streitenden Söhne anwesend (Isaak und Ismael, Jakob und Esau, in gewissem Sinne auch Josef und seine Brüder).
Als Beispiel können wir den Abschluss des biblischen Zyklus über Abraham anführen (vergessen wir nicht das Versprechen eines frohen Alters, das der Herr ihm in Gen 15,15 gegeben hat):
„Dies sind die Jahre des Lebens Abrahams, die er lebte: 175 Jahre. Und Abraham starb und wurde in einem frohen Alter begraben, alt und satt von Tagen, und wurde zu seinem Volk versammelt. Seine Söhne Isaak und Ismael begruben ihn in der Höhle von Machpela im Feld Efrons, des Sohnes des Hethiters Sochar, gegenüber von Mamre.“ (Gen 25,8–9.)
Allgemein gilt: Das Geschenk eines frohen Alters wird in der Bibel als Belohnung von Gott verstanden. Wer treu in der Frömmigkeit gegenüber dem Herrn ist und sich um ein sittlich untadeliges Leben bemüht, der kann darauf hoffen.
„Graue Haare sind eine schmückende Krone,
sie sind zu finden auf dem Weg der Gerechtigkeit.“ (Spr 16,31.)
Ähnlich:
„Die, die im Hause des Herrn gepflanzt sind,
die in den Höfen unseres Gottes wachsen,
selbst in den grauen Haaren werden sie noch Frucht tragen,
werden saftig und frisch bleiben,
um zu verkünden, dass der Herr rechtschaffen ist,
meine Fels, in dem keine Ungerechtigkeit ist.“ (Ps 92,14–16.)
Die große Achtung vor dem Alter ist auch daraus ersichtlich, dass eines der Bilder, die die Propheten verwenden, um das versprochene Heil zu schildern, die Zeit des Friedens und des Überflusses ist, in der die Menschen die Möglichkeit haben, alt zu werden und nicht vorzeitig im Krieg oder Hunger umzukommen (vgl. Sach 8,4–5 und das gesamte Kapitel; Jes 65,19–23). Ein hohes Alter wird dabei idealisiert betrachtet, man denkt nicht an die Schwierigkeiten, die normalerweise das Alter begleiten. Es ist offensichtlich, dass die alt-testamentlichen Israeliten das Alter als „gewünschte Phase der Lebensreife“ betrachteten.8
In der Schrift wird das Altern auch als Möglichkeit angesehen, Freude an zahlreichem und gelungenem Nachwuchs zu erleben. (Spr 17,6). Es ist ein großes Segen, die „Söhne und die Söhne seiner Söhne bis zur vierten Generation“ (Hiob 42,16) zu sehen. Wenn der sterbende alte Mann Jakob sich vom Leben verabschiedet, segnet er seinen Nachwuchs (Gen 48 und 49). Demgegenüber bringt kinderloses Alter ein sehr schweres Schicksal. Nicht nur aufgrund der Einsamkeit an sich, sondern in der damaligen Sicht war der Nachwuchs die einzige Fortsetzung des Lebens, die Aufrechterhaltung des Gedächtnisses, des „Namens“.9 Darüber hinaus bedeutete Kinderlosigkeit, im Alter keine soziale Absicherung zu haben und als Bettler zu enden.
Allgemein wird als charakteristische Eigenschaft des Alters Weisheit betrachtet. Hierbei muss man sich intensiver mit der Schrift beschäftigen. In Dan 7,9 wird der Herr selbst „Der Alter“, wörtlich „Alt der Tage“ genannt. Im biblischen Kontext wird großer Wert auf Tradition gelegt. Man blickt mit großem Respekt auf das Alte, also auf das Bewährte (Hiob 8,8–10; 15,10).10 Und gerade der alte Mensch ist der Träger der Tradition - sowohl durch seine lange persönliche Erfahrung als auch durch das, was er von Menschen, die älter sind als er, angenommen hat und mit denen er in seinem Leben in Kontakt gekommen ist. „Schau dich nicht vor den Gesprächen der Alten zurück, die auch von ihren Vätern gelernt haben, denn bei ihnen wirst du Weisheit und das Wissen finden, wie man antwortet, wenn es nötig ist“ (Sir 8,9). Die Bezeichnung „Der Herr, der Gott eurer Väter,“ (5. Mo 1,11 und andere) zeigt unter anderem, dass eine wichtige Aufgabe der älteren und erfahrenen Menschen darin besteht, nachfolgenden Generationen das richtige Bild von Gott zu übermitteln!
Deshalb ruft die Schrift auf: „Steh auf vor den grauen Haaren und ehre die Älteren!“ (3. Mo 19,32). Experten, die diesen Vers auslegen, weisen darauf hin, dass wir hier nicht nur einen Rat haben, sondern eher einen verbindlichen Befehl, dessen Missachtung in der damaligen Gemeinschaft Israels mit dem Ausschluss bestraft wurde.11
Unausgesprochene Voraussetzung ist jedoch, dass der Mensch auch Interesse hat, in Weisheit zu wachsen, während er älter wird. Das heißt, dass er sich bemüht, das Geschehen um ihn herum wahrzunehmen, darüber nachzudenken, Vergleiche zu ziehen, dass er während seines Lebens eifrig wertvolle Erkenntnisse und Erfahrungen sammelt. „Wer mit den Weisen umgeht, wird weise; aber dem, der sich mit den Toren anfreundet, wird es schlecht ergehen“ (Spr 13,20). „Was du in deiner Jugend nicht angesammelt hast, wie kannst du es im Alter finden?“ (Sir 25,3). Die Schrift ermutigt ausdrücklich, die Väter und Älteren zu fragen (5. Mo 32,7). Und schließlich ist das Wichtigste, die konkreten Taten Gottes „im Herzen zu bewahren“, um sie nicht in der Zukunft zu vergessen.
Und Weisheit bringt großen Nutzen. Dem alten Menschen ist sie sowohl Reichtum als auch Hilfe, sie ist aber auch eine Quelle, aus der seine Umgebung schöpfen kann. So wird beispielsweise ein erfahrener und weiser Mensch sich nicht von vergänglichem Glanz blenden lassen, noch wird er sich von den Herausforderungen der Dränglichkeit erschrecken lassen. Er kann die Dinge mit Abstand betrachten, weiß, dass Freude und Schmerz zu einem Leben gehören (vgl. Pred 3,1–8). Der alte Mensch braucht auch seine Autorität nicht mit Härte oder Ungerechtigkeit durchzusetzen. Während unter den Bildern des Unheils, mit denen der Herr das untreue Volk aufrüttelt, auch die Drohung ertönt, dass die Macht in der Gesellschaft in die Hände zu junger Menschen gelangen wird: „Ich gebe ihnen einen Jungen als Führer, die Jungen werden über sie herrschen. (...) Der Junge wird den Alten angreifen, der Übeltäter den Angesehenen“ (Jes 3,4–5; vgl. auch V. 12).
Die Schrift identifiziert jedoch Alter nicht automatisch mit Weisheit. Ja, die Verbindung beider ist ideal:
„Weisheit ist der Schmuck der grauen Haare
und die Fähigkeit zu beraten ist eine Eigenschaft der Älteren.
Wie Weisheit den Alten schmückt,
so ist weise Rat eine Eigenschaft der Angesehenen!
Die Krone der Alten sind reiche Erfahrungen
und ihre Ruhm ist die Furcht vor dem Herrn.“ (Sir 25,4–6.)
Ähnlich Hiob 12,12. Dies ist jedoch nicht immer der Fall. „Die, die viele Jahre haben, sind nicht immer weise“ (Hiob 32,9; vgl. auch Sir 6,34). „Denn ehrenswertes Alter hängt nicht vom langen Leben ab, noch wird es an der Anzahl der Jahre gemessen. Die wahren grauen Haare für den Menschen sind Weisheit; und das reine Leben ist das wahre lange Alter“ (Weis 4,8–9).
Die Schrift betont immer wieder, dass Weisheit ein Geschenk Gottes ist.
„Denn Weisheit gibt der Herr,
Erkenntnis und Verstand kommt aus seinem Mund“ (Spr 2,6).
Und an anderer Stelle: „Denn Gott gibt dem Menschen, der ihm gefällt, Weisheit und Wissen sowie Freude. Den Sünder jedoch lässt er schindern, sammeln und anhäufen, was schließlich dem übergeben werden muss, der Gott gefällt“ (Pred 2,26). „Alle Weisheit ist von dem Herrn und sie ist bei ihm in Ewigkeit“ (Sir 1,1).
Die Gabe der Weisheit wird den Menschen oft als Geschenk zum Alter hinzugefügt, „wenn ihm ein Leben vorausgeht, das in Treue zum Herrn und im willigen Zuhören auf sein Wort gelebt wurde.“12 Ein solches Leben ist also die Voraussetzung für ein weises Alter eines jeden Menschen. Und umgekehrt äußert sich die Schrift ablehnend über einen alten Sünder (konkret: einen Unzüchtigen – Sir 25,2), im Falle, dass jemand „in der Sünde alt geworden ist“ (Dan 13,52).
Da Weisheit also ein Geschenk Gottes ist, warnt uns die Schrift letztendlich, dass Gott sie auch einem jungen Menschen geben kann, der dann - gerade wegen seines Verhältnisses zum Herrn - in Bezug auf Weisheit den Alten vorantragen kann. „Ich bin klüger als die Alten, denn ich bewahre deine Anordnungen“ (Ps 119,100). „Wer sich in der Kürze als perfekt erwiesen hat, erreicht die Fülle eines langen Lebens“ (Weis 4,13). Ein allgemein bekanntes Beispiel hierfür ist der junge Daniel (vgl. Dan 13,50).
Zusammenfassend kann man sagen: „Weisheit erscheint im Hinblick auf das Alter sowohl als Aufgabe als auch als hochgestellter Beruf.“13
Aber auch die Schwierigkeiten des Alters verschweigt die Schrift nicht...
Andererseits erwähnt die Schrift gelegentlich, dass das Alter auch eine Phase von Krankheiten und Abnahme körperlicher (z.B. Sehschwäche – Isaak, Jakob) und geistiger (der Priester Eli kann sich gegen das verkehrte Verhalten seiner Söhne nicht auflehnen – 1 Sam 2,22; 3,13) Kräfte sein kann. Ein alter Mensch könnte den Intrigen seiner Umgebung ausgeliefert sein (Isaak in Gen 27, vielleicht auch König David in 1 Kön 1,11–37)14 usw.
Ein sehr bekannter biblischer Text über das Alter ist Pred 12,1–7. Mit ausdrucksvollen (und schwer verständlichen) Bildern umreißt der Schriftsteller die Begleiterscheinungen des Alters: geschwächter Sehvermögen, Körperzittern, wachsende Isolation von der umgebenden Welt, Schlaflosigkeit, Verlust des Mutes, überwältigende Gewissheit des Todes. Und diese starke poetische Beschreibung verstärkt gleich zu Beginn das Erwähnen der Verweigerung dieses Zustands, des ausdrücklichen Widerstands des alten Menschen gegen seine Situation. Der Prediger sagt wörtlich (12,1), dass dies „schlechte Tage“ sind und „Jahre, von denen du sagst: ‚In ihnen finde ich kein Gefallen.‘“
Ich möchte hier auf einen interessanten Kommentar zum Buch Prediger zurückkommen,15 den Ludger Schwienhorst-Schönberger verfasst hat und den wir 2008 als Leitfaden für einige Kurse unserer geistlichen Übungen genutzt haben. Dieser erwähnte deutsche Bibelwissenschaftler betrachtet das Buch Prediger als Aufforderung, Freude zu erleben, zu wahrem Glück. Die berühmten pessimistischen Passagen des Buches zielen lediglich darauf ab, vor dem Verlassen auf falsches Glück zu warnen (was auch heute bemerkenswert aktuell ist).
Wenn wir uns den Text Pred 12,1–7 genau ansehen, erkennen wir, dass der düstere Gedichtsbeginn von einem Aufruf gefolgt wird:
„Und wenn der Mensch viele Jahre lebt,
so freue er sich an allen“ (11,8).
Und erst dann warnt der Prediger die jungen Menschen und weist auf die Zeit des Alters hin. Das gesamte Buch behandelt, dass Freude und Glück ein bleibender Reichtum des Menschen sein sollen, seine Haltung zum Leben, nicht ein flüchtiges Gefühl (vgl. 3,22; 8,15 usw.). Und während der Prediger viele Dinge tatsächlich als Eitelkeit abstempelt (d.h. als Windhauch, Vergänglichkeit),16 bezieht sich das sicherlich nicht auf die Freude, zu der er hier einlädt! Diese sollte dem Menschen trotz all des Vergehens dauerhaft erhalten bleiben.
Wenn der Prediger die jungen Menschen aufruft, in wahrer Freude und Verantwortung gegenüber dem Herrn zu leben, fordert er etwas, das ihm selbst in seiner Jugend nicht gelungen ist. Über diese seine Erfahrung spricht er in den ersten beiden Kapiteln des Buches. Vergeblich versuchte er damals, sein Glück auf (nur menschlicher) Weisheit, auf Reichtum und Genuss zu gründen. Er endete in Frustration und Verzweiflung. Erst danach durfte er erkennen, dass wahres Glück und Freude nur als Geschenk von Gott angenommen werden können (2,24–26). Und in vielen menschlichen Schicksalen kommt es jedoch häufig so, dass nach einem schlecht gelebten Leben (beginnend in der Jugend) einfach der Tod als eine Form des göttlichen Gerichts kommt. Und was verpasst wurde, bleibt verpasst... Daher die Warnung des Predigers an den jungen Menschen.
Obwohl der Herr im Buch Prediger (wie vielleicht in keinem anderen Buch des Alten Testaments) ein geheimnisvoller und unergründlicher Gott ist (und so ist auch sein Werk), lesen wir gerade im Abschnitt Pred 12,1–7, dass er kein ferner Gott ist, der den Menschen fremd ist. Dieses Gedicht über das Alter wird nämlich von der doppelten Erwähnung eingerahmt, dass er uns gemacht hat: „Gedenke deines Schöpfers...“ (12,1) und „der Geist kehrt zu Gott zurück, der ihn gegeben hat“ (12,7). Der Herr liegt unser Glück am Herzen.
Aber kommen wir zurück zur Schrift als Ganzes. Da das Alter eine Lebensphase ist, die mit Schwierigkeiten verbunden ist, erbittet der Psalmist von Gott Hilfe für die Zeit des Alters:
„Verwerfe mich nicht in der Zeit des Alters,
verlasse mich nicht, wenn meine Kräfte schwinden!
Denn meine Feinde reden über mich,
die, die auf mich lauern, beraten miteinander...“ (Ps 71,9.)
So sind wir mit diesen Versen aus der liturgischen (Bogner) Übersetzung der Psalmen vertraut. Die Worte „wenn (meine) Kräfte schwinden“ erwecken den Eindruck, dass der Psalmist um Schutz im Alter bittet, das für ihn bisher nur Zukunft ist. Andere Übersetzungen sprechen jedoch anders. So hat die ökumenische Übersetzung:
„Verwirf mich nicht zur Zeit des Alters,
verlasse mich nicht, wenn ich die Kräfte verliere.“
Was bedeutet, dass die Situation des Psalmisten viel dringlicher ist. Er ist schon alt! Und die im Text weiterhin genannten Machenschaften der Feinde und ihr Spott: „Gott hat ihn verlassen,“ verstärken die bedrängte Situation des Alters des Psalmisten nur noch schmerzhafter. Vers 18 des gleichen Psalms, im Grunde die Wiederholung der Bitte des Psalmisten an den Herrn, habe ich in einer freieren italienischen Übersetzung17 in folgender Form gefunden:
„Von meiner Jugend an, o Gott, hast du mich gelehrt
und bis heute verkünde ich deine Wunder.
Jetzt bin ich ein Greis, habe weiße Haare,
o Gott, verlasse mich nicht!“ (Ps 71,17–18.)
So sucht der Psalm im Herrn Unterstützung für ein Alter, das bereits da ist. Die Interpretation des Psalmisten als bereits alter Mann entspricht tatsächlich besser dem Wortlaut des gesamten Psalms.
Eine weitere Erkenntnis können wir aus dem, was der Psalmist dem Herrn im Gegenzug für die Erhörung verspricht, schöpfen:
„Verlasse mich nicht in Alter und in grauen Haaren, o Gott,
bis ich deiner Macht dieser Generation,
allen künftigen, deine Stärke verkünde“ (V. 18).
Das vom Herrn begleitete Alter wird dann mit dem Lob Gottes erfüllt sein. Durch das Gebet und das Zeugnis über die Kraft Gottes, Treue und „Gerechtigkeit“ (V. 24).
Ich werde nicht verschweigen, dass wir im bunten Mix biblischer Weisheit auch einen Vers finden, der den Tod als Ende eines langen Alters lobt (während der Tod für einen erfolgreichen und gesunden Menschen ein bitteres Schicksal ist):
„Oh Tod, wie gut ist dein Urteil
für den nuzenden Menschen und
für den, dessen Kräfte schwinden,
für den Menschen hohen Alters,
für denjenigen, für den alles schwer ist, sich allem widersetzt und die Geduld verliert“ (Sir 41,2).
Die Verzweiflung über das Leben taucht in der Schrift häufiger auf: Hiob betrachtet dazu, dass es Menschen gibt, die sehr nach einem выход из этого мира streben und dennoch lässt Gott sie hier. (Hiob 3,20–22). Verzweifeln tun auch Hiob (Hiob 6,9 usw.), Elijah (1 Kön 19,4), Jona (4,3) und Tobit (Tob 3,6). Aber hier bei Sirach (und in jener Ablehnung des eigenen Lebens in Pred 12,1) ist der Grund für die Melancholie gerade das drückende Alter!
Lassen Sie uns diesen Vers nicht überbewerten und versuchen, ihn gut zu verstehen. Wenn wir die gesamte Schrift mit einem tausendjährigen „Gespräch“ vergleichen, in dem viele verschiedene Gedanken vermischt sind, können wir sicher sagen, dass die zentrale Stimme der Schrift zugunsten des Lebensgeschenks klingt. Der Tod wird als etwas Schlechtes angesehen, als die Folge der ursprünglichen Sünde, und tritt ein, wenn Gott es zulässt, nicht aus dem Willen des Menschen. „Denn Gott hat den Tod nicht gemacht, und erfreut sich nicht am Untergang der Lebenden“ (Weis 1,13).
Der Kern der Mitteilung des Sirach ist in Vers 3: „Fürchte dich nicht vor dem Urteil des Todes...“ Die anderen Worte sollen dem Leser von dieser Angst befreien. Daher weist der Schriftsteller auch darauf hin, dass für einige Leute der Tod das Ende der Plage ist, dass manche Menschen ihn geradezu erwarten. Das ist kein Grund, dass wir auch so denken. Außerdem finde ich es interessant, wie treffend unser Vers die psychischen Schwierigkeiten des Alters beschreibt. Solch eine Verdunkelung des Geistes des alten Menschen sollte nicht unterschätzt werden. Sie stellt einen inneren spirituellen Kampf dar, den Gott dem alten Menschen auferlegen kann und der sehr schwer sein kann.
Fortsetzung