Göttliche Größe und Heiligkeit (1. Teil)

P. Salvador Villota, O.Carm.

P. Salvador Villota ist ein Karmelit aus der Gemeinschaft in Valencia, Spanien. Der folgende Text entstand durch das Transkribieren und Kürzen eines Vortrags von Exerzitien, die er für uns Karmeliten – Ordensleute – im August 2016 in Kostelní Vydří gehalten hat. Daher enthält dieser Artikel Ratschläge, wie man die Exerzitien gut erleben kann. Die hier vorgestellten Gedanken sind jedoch allgemein nützlich für das Bemühen um das Gebet und das gesamte spirituelle Leben.

Wir werden nun über die Größe und Heiligkeit Gottes nachdenken und dies mit Hilfe unserer Mutter Maria und ihrem Magnificat tun. Maria bringt uns Gnaden, die für unser geistliches Leben die wichtigsten sind. Denn sie ist die Mutter unserer Seelen. Es ist sehr wichtig, dass sie die Mutter unserer Seelen ist. Wir haben also in Maria eine geistliche Mutter, aber wir sind noch nicht vollständig geboren. Wir brauchen eine Mutter, die uns ständig „gebärt“.

Maria ist die Mutter unserer Seelen und nur sie kann in uns die grundlegenden Haltungen des geistlichen Lebens formen. Sie hat uns als Mutter Jesus gegeben. Und in ihrem Lobgesang spricht Maria von Gott und seiner Größe. Das liegt daran, dass sie vollständig mit seiner Gegenwart erfüllt ist, in der Gegenwart Gottes lebt und ständig mit Gott verbunden ist. Maria ist eine Frau des Gebets.

So erkennen wir an Maria, dass es sehr wichtig ist, den Vater Gott – demütig, aber beharrlich – zu bitten, uns ständig in seine Gegenwart zu führen und uns mit dem Glauben an seine Gegenwart zu erfüllen. Ohne diese persönliche Beziehung zu Gott hat das Gebet nicht viel Wert. Das Nachdenken wird dann nur zu einer Aktivität unseres Verstandes, der jedoch spirituelle Bedeutung fehlt. Wenn ich nicht in der Gegenwart Gottes bin, hat meine Aktivität keinen Wert. (Genauso ist es mit der Eucharistie. Ich kann die Eucharistie feiern, als ob ich sie gedankenlos selbst mache. Und es kommt mir nicht einmal in den Sinn, dass ich in der Gegenwart Gottes, Jesu und des gesamten Himmels, also auch der ganzen Kirche bin... Aber das ist ein Irrtum, eine Blindheit und ich beraube mich dadurch sehr.)

Selbst wenn wir also die gesamte Zeit, die unserer Gebet gewidmet ist, nur dazu nutzen würden, uns in die Gegenwart Gottes zu stellen und überhaupt keine Überlegung (Meditation) entwickeln, wäre das gut genutzte Zeit, die für unser geistliches Wachstum vorteilhaft ist. Wir müssen alles tun, was wir können, um in der Gegenwart Gottes zu sein. Ich bin Angesicht zu Angesicht mit Gott. Die Gegenwart Gottes ist wichtiger als jede andere Idee. Seid euch auch jetzt bewusst: Wir sind in der Gegenwart Gottes. Das verändert alles! Und auch zu anderen Zeiten: egal ob du in der Küche etwas kochst oder alleine in deinem Zimmer etwas tust, das verändert alles. Denn in der Gegenwart Gottes wirst du Dinge nicht tun, die du nicht tun solltest, die Gott missfallen. Seine Gegenwart führt dich dazu, das zu tun, was gut ist.

Die Gegenwart Gottes ist also sehr wichtig. Sie ist wichtiger als jeder andere Gedanke oder auch originelle Idee, die wir haben könnten. Wir Menschen in der heutigen Zeit suchen oft nach etwas Originellem. Oft erwarten wir, was uns dieser Prediger, dieser Exerzitator Ungewöhnliches sagen wird. Nein, ich habe jetzt nichts dergleichen für euch. Aber ich ermutige euch: Tretet ein in die Gegenwart Gottes! – Und ihr werdet sehen, wie „originell“ genau das ist.

Bei jeder Meditation müssen wir uns bewusst sein, wie wichtig unsere tiefe Beziehung zu Gott und der Kontakt mit ihm, dem liebenden, barmherzigen und gnädigen Vater, ist. Er hat uns alle mit seiner Liebe überwältigt.1 Ohne diese Beziehung zu Gott wird alles andere unnötig und nutzlos. Und das Ziel der geistlichen Übungen ist es nicht, den Blick auf uns selbst zu richten, das ist ein großer Irrtum. Es wäre ein großer Fehler, wenn wir die Exerzitien nur auf uns selbst ausrichten wollten. Wenn wir sehr sorgfältig unsere Erfolge oder unsere Fehler, unsere Sehnsüchte oder Ängste, unsere Fähigkeiten oder unsere Schwächen analysieren...

Ebenfalls ist es nicht das Ziel der Exerzitien, über große Fragen der menschlichen Existenz nachzudenken. Wir sind keine Philosophen. Daher geht es uns jetzt auch nicht darum, über Leben und Tod, materielle und spirituelle Reichtümer nachzudenken, diese Wahrheiten zu vertiefen. Ja, all das ist nützlich, und wir wollen es nicht gering schätzen. Aber es ist nicht das Hauptziel der geistlichen Übungen. Wenn wir uns diesem widmen würden, würde unser Verstand überhitzen, aber unsere Seelen bleiben kalt.

Das Ziel der Exerzitien ist es, aus uns selbst, aus unserem Egoismus herauszukommen. Wir sind schließlich „Heiden, die sich selbst anbeten“. Das Ziel der Exerzitien ist es, in die Gegenwart Gottes einzutreten und den tiefstmöglichen Kontakt mit ihm wiederherzustellen. Gott ist in meinem Leben gegenwärtig und liebt mich. Das ist das Wichtigste. Das Ziel der Exerzitien ist also: den Herrn zu finden. Er hat uns hier versammelt, damit wir ihn finden. Der heilige Benedikt schrieb, dass, wenn ein Novize aufgenommen werden soll, „sorgfältig untersucht werden muss, ob er wirklich Gott sucht“.2 Und darum geht es uns jetzt, warum wir hier in den Exerzitien sind. Wenn du jedoch nach dir selbst suchst, wirst du dich wahrscheinlich nicht finden. Wenn du nur die Lösungen für deine Lebensprobleme suchst, wirst du das auch nicht finden. Denn Gott möchte, dass du das in ihm findest. Und dann – wenn du mit seiner Gegenwart erfüllt bist – wirst du alles andere auf eine andere Weise leben können. Es geht also darum, Gott zu suchen, Gott zu begegnen, unsere Beziehung zu ihm zu vertiefen, uns von ihm anziehen zu lassen und uns von seiner Liebe verwandeln zu lassen.

Also: Lass dich von Gott verführen. Lass zu, dass auch deine Seele sich verliebt. Maria richtete ihren Blick auf Gott und lehrt uns dasselbe. Maria drückt die Verwunderung aus, die ihre Seele erfüllt, wenn sie in ihrem Inneren die unaussprechliche Größe Gottes kontempliert. Und diese Verwunderung drückt sie mit den Worten aus: „Meine Seele preist den Herrn.“ Maria sagt uns damit, dass es nötig ist, die Größe des Herrn zu kontemplieren. Aber wie kann ich sie kontemplieren? In der Liebe, die mir Gott zeigt. Nur wenn ich mir bewusst bin, wie viel Liebe mir Gott zeigt, kann ich seinen Namen preisen. Wenn du wenig Liebe siehst, wirst du ihn wenig preisen. Tatsächlich wirst du nichts haben, was du ihm sagen könntest. Du wirst dann viel über dich selbst reden, aber wenig über ihn. Wir müssen also die Größe Gottes in der Liebe kontemplieren, die er uns offenbart, um die Liebe anzuerkennen, die wir von ihm empfangen, und in unserem Inneren dafür wirklich zu danken. Gott liebt dich! Gerade dich!

Ich bin oft nicht in der Lage, mich selbst zu lieben – und Gott liebt mich! Er hat mich erschaffen! Wegen mir hat er seinen Sohn gesandt! Er hat Großes an mir getan, denn ich bin wirklich Staub und er hat mich zum Fleisch gemacht. Gott ist groß, er ist groß gegenüber mir, deshalb preist meine Seele den Herrn.

Das Lob des Herrn sollte in der Seele unter allen Umständen geboren werden. Es sollte immer unsere erste Reaktion sein. Denkt an Therese. Als sie Blut spuckte, lobte sie den Herrn und pries ihn. Ja, Herr, du bist da, komm zu mir!3 Während wir wünschen, dass uns vor allem nichts Schlechtes passiert… Denn wir sind nicht in der Gegenwart Gottes.

Den Herrn zu loben ist auch ein Zeichen der Dankbarkeit für seine Liebe. Für seine barmherzige und mächtige Liebe, die uns verwandelt, uns das Heil gibt und in uns das Leben erweckt. Beachte: Um leben zu können, hängen wir vom Leben ab. Ich spreche von der materiellen Seite des Lebens. Wir essen das, was zuvor lebendig war. Nur das können wir essen. Steine stillen uns nicht. Wir essen das, was zuvor lebendig war. Das ist ein Zeichen, dass wir absolut auf Gott angewiesen sind. Was für materielle Dinge gilt, gilt auch im geistlichen Bereich. Wenn du auf Wasser, Pflanzen und Tiere angewiesen bist, um auf der Erde leben zu können, dann musst du dich von Gott ernähren und dich mit Gott tränken, um in der Seele leben zu können. Das heißt, wir sind vom Leben abhängig – sowohl im materiellen als auch im geistlichen Bereich.

Den Herrn zu loben. Die geistlichen Übungen sollen uns helfen, diese Haltung zu erreichen. Hier gibt es keinen Unterschied zwischen dem, der intelligenter ist, und dem, der weniger intelligent ist. Jemand kann weniger Intelligenz haben, aber er kann Gott mit seiner ganzen Seele loben und Gott näher sein als ich mit meinem ganzen Wissen. Ich feiere die heilige Messe, und währenddessen ist vielleicht eine einfache, bescheidene alte Dame Gott näher als ich. Denn sie dankt Gott mit ihrem ganzen Leben und preist seinen Namen. Lobpreis bedeutet, seine Größe zu verkünden. Magnificat... Magnus bedeutet auf Lateinisch: groß. So ist Gott.

(Fortsetzung im nächsten Heft.)

Fortsetzung