„Ihr werdet Priester der Welt sein.“

Jean Lafrance

Der Konvertit entdeckt also seine wahre Natur, die das Gebet ist, und wird neu aus der Hand des Schöpfers geboren. Er entdeckt seine ursprüngliche Berufung – der Priester der ganzen Schöpfung zu sein, über die er zuvor herrschen wollte. Wir wissen gut, dass der Mensch in den Garten Eden gesetzt wurde, um ihn zu kultivieren, das heißt, um aus seinem Leben einen geistlichen Kult zu machen. Gerade im Gottesdienst findet der Mensch sein volles „Ich“. Einige moderne Exegeten übersetzen den Abschnitt Gen 2,5 so: Der Herr, Gott, nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, um ihn zu bewahren und Gott zu verehren.

Der Garten ist symbolisch mit dem Tempel verglichen, und der Mensch mit seiner priesterlichen Wache – der Mensch ist also zunächst ein gottesdienstliches Wesen. Er hat die Fähigkeit, aus seinem Leben, seinen Beziehungen und seinem Handeln ein geistliches Ritual zu machen. Die alltäglichsten Dinge vollzieht er wie die Eucharistie, oder besser gesagt, in allem wird die Eucharistie verwirklicht. Sein ganzes Sein wird als geistliche Anbetung wahrgenommen. Der Landwirt auf seinem Feld, der Arbeiter in der Fabrik, der Ingenieur im Labor, all diese verwirklichen in ihrem menschlichen Leben das Gebet des Herzens. Sie opfern nicht nur ihre Arbeit, sondern die gesamte Realität ihres Seins (ihren Körper, wie Paulus sagt): Durch die Barmherzigkeit Gottes ermahne ich euch, Brüder: Bringt eure Körper als lebendige, heilige und Gott wohlgefällige Opfer dar! Das sei euer geistlicher Gottesdienst (Röm 12,1), wahre Anbetung.

Sogar die Verkündigung des Evangeliums wird von Paulus als Gebet und heilige Handlung angesehen, da sie aus den Heiden ein geistliches Opfer macht: Ich habe euch zwar etwas dreist geschrieben, um euch an einige Dinge zu erinnern, und das aufgrund der Gnade, die mir von Gott gegeben wurde: um ein Diener Christi Jesu unter den Heiden zu sein. Darum verkünde ich das Evangelium Gottes, als würde ich eine heilige Handlung vollziehen, damit die Heiden eine wohlgefällige, vom Heiligen Geist geheiligte Opfergabe werden (Röm 15,15–16).

So war die ursprüngliche Berufung des Menschen, und so ist die Berufung des neu geschaffenen Menschen durch die Kraft der Auferstehung – es ist der Mensch des Gebets, vor allem ein gottesdienstliches Wesen. Es ist der Mensch des Heiligtums, der den Menschen und den Dingen um ihn herum das Siegel des Gebets aufdrückt. Und das Wort Heiligtum hat eine breite Bedeutung, denn seit der Inkarnation wohnt Gott in der ganzen Welt, in der Geschichte der Menschheit und im Herzen des Menschen. Ich mag diese Worte von Silvanus aus dem Athos: „Natürlich haben wir Kirchen, in denen wir beten können, wir haben liturgische Bücher; aber lass dich niemals von deinem inneren Gebet verlassen. In den Kirchen feiern wir den Gottesdienst, und dort wohnt der Heilige Geist. Aber möge auch deine Seele zum Tempel Gottes werden – für den, der unablässig betet, wird die ganze Welt zum Tempel.“

Wir sind also eingeladen, selbst zum Tempel zu werden und unser tägliches Leben zur Anbetung zu machen. Eine solche Präsenz des Gebets heiligt jeden Ort auf der Welt und trägt zum wahren Frieden bei. Im göttlichen Universum, das ein großer Tempel ist, ist der Mensch der Priester des Lebens und macht aus allem Menschlichen Opfer und Gebet, egal ob er Arbeiter oder Wissenschaftler ist.

Das Privileg unserer ersten Eltern sollte sein: ohne Schwierigkeiten zu beten und einander zu lieben. In manchen Momenten fällt uns das Gebet leicht, dann nimmt das Leben andere Farben an. Im Gegenteil, wenn uns die Sünde und das Leiden plagen, ist es mit dem Gebet schwieriger und wir sind unglücklich. Ein betrübter junger Mensch sagte einmal zu mir: „Betet, bitte, denn ihr könnt!“ Es gibt Tage, an denen wir beten möchten, aber nicht dazu in der Lage sind. Solange wir jedoch beten können, ist nichts verloren, denn die Hoffnung verwandelt alle Situationen.

Unsere ersten Eltern waren berufen, die Priester der Welt zu sein, also mit Leichtigkeit zu beten, weil sie eine vertraute Beziehung zu dem Herrn hatten und mit ihm im Abendwind sprachen. Uns fällt das nicht mit solch einer Leichtigkeit, was nicht normal ist. Ein Mensch, der eine geistliche Erneuerung durch das Gebet erlebt hat oder eine Woche in Lourdes verbracht hat, wird Ihnen sagen: „Ich habe ununterbrochen gebetet!“ Wenn es möglich ist, das eine Woche lang zu tun, warum sollte es dann nicht immer möglich sein? Wir sollten in der Lage sein, Gott unser wahres, tiefes Wesen zu opfern, das heißt, unser Leben zu einem ständigen Gebet zu machen.

Durch die Sünde wollte der Mensch über die Welt herrschen, ihr Herr sein und sie sich unterwerfen. Genau deshalb braucht die Welt Menschen, die ihre Priester sein werden, sonst kommt es zum Verfall des Menschen und des Universums (die Atombombe ist ein greifbarer Beweis für den geistlichen Verfall des Menschen).

„Der Geist lehrt also den Mönch, Gott und die ganze Welt zu lieben. Vielleicht wirst du mir entgegenhalten, dass es heute keine Mönche mehr gibt, die für die ganze Menschheit beten, aber ich sage dir, wenn es in dieser Welt keine betenden Menschen gibt, wird es große Übel und den Untergang der Menschheit geben.“

Das ist auch die Berufung all jener Männer und Frauen, die inmitten dieser Welt „innerliche“ Mönchtum leben, in der Wüste großer städtischer Siedlungen. Ihre Mission ist es, das gesamte Universum zur Anbetung zu führen, die unaufhörlich aus ihrem Herzen springt.

Das genaue Gegenteil der Anbetung sind die Leidenschaften. Der Mensch hat in sich einen großen anbetenden Potential, und wenn er es nicht auf Gott richtet, wird er sich selbst anbeten und Götzen verehren – die Menschheit oder einen Menschen, Kunst, Politik, Rasse, Nation… irgendetwas. Wenn er nicht zu Gott betet, wird er sich selbst beten. Es gibt tausend verschiedene Modelle. Die Leidenschaft ist Teil der menschlichen Natur, es ist ein instinktives Drängen, dessen letztes Ziel es ist, die Sehnsucht zu wecken, Gott anzubeten. Wenn sie diese Ausrichtung verlässt und sich ausschließlich auf ein begrenztes, unvollkommenes Wesen oder Ding konzentriert, wird sie nichts Ewiges, Absolutes finden.

Fast könnte man sagen, es sei eine Definition Satans – eine verkehrte Anbetung, die in der Leere verloren geht. Der Mensch dürstet nach Gott, aber weil dieser Durst niemals gestillt wird, kann er von den Engeln der Dunkelheit, die sich als Engel des Lichts tarnen, getäuscht werden und sein anbetendes Potential in die Leere investieren: „Die Hölle ist vielleicht nichts anderes als die Konfrontation zwischen Durst und Leere. Der Mensch trinkt seine eigene Leere und dürstet immer mehr.“

Manchmal schenken wir dieser Leere paradoxerweise zu viel Aufmerksamkeit. Dann wird das Netz der Idole, der Magie und der Leidenschaften zu dem, was das Neue Testament als die Welt bezeichnet, die nicht von Gott geschaffen wurde, sondern es als diese Welt bezeichnet, die Gott und seine Schöpfung bedeckt und die ganze Erde in Dunkelheit und Tod hüllt.

Im Mai 1968 erschien an den Wänden der Sorbonne das folgende Graffiti: „Wenn der Finger auf den Mond zeigt, schaut nur ein Dummkopf auf den Finger.“

(Aus dem Buch: Jean Lafrance, Das Gebet des Herzens, veröffentlicht vom Karmelitenverlag in Prag im Jahr 2017, S. 41–45.)