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Gespräch auf dem Weg nach Emmau (4)
In der dritten Meditation von P. Radcliffe – die der Freundschaft gewidmet ist – folgte eine Überlegung über die Kunst des Gesprächs, über das Gespräch, das zur Bekehrung führt. Die Anmerkungen unter der vorläufigen Übersetzung beziehen sich auf den ursprünglichen englischen Text.
Wir sind eingeladen, den synodalen Weg in gegenseitiger Freundschaft zu gehen. Andernfalls kommen wir nicht voran. Die Freundschaft mit Gott und mit anderen entspringt der Freude, dass wir zusammen sind. Wir brauchen jedoch Worte. Bei Cesarea Philippi scheiterte das Gespräch. Jesus nannte Petrus Satan, den Feind. Auf dem Berg der Verklärung weiß Petrus immer noch nicht, was er sagen soll, aber die Jünger beginnen, dem Herrn zuzuhören, und so kann das Gespräch auf dem Weg nach Jerusalem erneut beginnen.
Auf dem Weg streiten sie, verstehen Jesus nicht und verlassen ihn schließlich. Das Schweigen kehrt zurück. Aber der Auferstandene erscheint ihnen und seine heilenden Worte bringen das Gespräch wieder ins Fließen. Auch wir brauchen heilende Worte, die die Grenzen unserer Spaltungen überspringen: die ideologischen Grenzen von rechts und links, die kulturellen Grenzen zwischen den Kontinenten, die Spannungen, die manchmal Männer und Frauen trennen. Miteinander zu sprechen – das ist der Saft der Kirche. Wir müssen eine gemeinsame Sprache finden, schon wegen der Welt, in der die Unfähigkeit der Menschen zuzuhören den Kessel der Gewalt anheizt. Das Gespräch führt zur Bekehrung.
Wie sollte ein solches Gespräch beginnen? Im Buch Genesis herrscht nach dem Fall des ersten Menschen eisiges Schweigen. Die stille Gemeinschaft des Gartens Eden hat sich in beschämendes Schweigen verwandelt. Adam und Eva verstecken sich. Wie kann der HERR diese Kluft überbrücken? Gott wartet geduldig, bis sie sich anziehen, um ihre Verwirrung zu verbergen. Jetzt sind sie bereit für das erste Gespräch in der Heiligen Schrift. Das Schweigen wird mit einer einfachen Frage gebrochen: „Wo bist du?“ Das ist keine Informationsanfrage. Es ist eine Einladung, ins Licht zu treten und unverschleiert vor das Angesicht Gottes zu treten.
Vielleicht ist das die erste Frage, mit der wir das Schweigen brechen sollten, das uns trennt. Nicht fragen: „Wie kannst du nur so lächerliche Meinungen zur Liturgie haben?“ Auch nicht: „Warum bist du so ein Häretiker, so ein patriarchalischer Dinosaurier?“ Oder: „Warum tust du, als hörst du mich nicht?“ Sondern fragen: „Wo bist du?“ „Wovor fürchtest du dich?“ Das bin ich. Gott lädt Adam und Eva ein, sich nicht länger zu verstecken und gesehen zu werden. Wenn auch wir ins Licht treten und uns zeigen, wie wir sind, finden wir Worte für einander. Bei den Vorbereitungen zur Synode waren es oft die Priester, die zögerten, mit ihren Ängsten und Zweifeln hervor zu treten. Vielleicht fürchten wir, von anderen als nackt angesehen zu werden. Wie können wir uns gegenseitig ermutigen, die Angst vor der Enthüllung zu überwinden?
Nach der Auferstehung wird das Schweigen des Grabes des Herrn erneut durch Fragen durchbrochen: Bei Johannes: „Warum weinst du?“ Bei Lukas: „Warum sucht ihr den Lebenden unter den Toten?“ Als die Jünger nach Emmaus fliehen, sind sie voller Zorn und Enttäuschung. Die Frauen hatten zwar gesagt, sie hätten den Herrn gesehen, aber ihr wisst ja, wie das ist mit den Frauen... Auch heute zählt manchmal ihre Stimme nicht. Die Jünger gehen fort, verlassen die Gemeinschaft der Kirche, ähnlich wie viele unserer heutigen Zeitgenossen. Jesus hält sie nicht auf und verurteilt sie nicht. Er fragt: „Worüber redet ihr miteinander?“ Welche Hoffnungen und Enttäuschungen bewegen eure Herzen? Das Gespräch der Jünger klingt hart. In den griechischen Texten lesen wir: „Was sind das für Worte, die ihr eins nach dem anderen hervorbrecht?“ Jesus fordert sie auf, ihre Erregung zu teilen. Sie hatten gehofft, dass Jesus der sei, der Israel befreien würde, aber sie irrten sich. Er hat sie enttäuscht. Und so geht Jesus mit ihnen und öffnet ihre Wut und Angst."
Unsere Welt ist voller Zorn. Wir sprechen von der Politik des Zorns. Kürzlich erschien zu diesem Thema ein Buch mit dem Titel American Rage. Der Zorn hat auch die Kirche infiziert. Berechtigter Zorn über den sexuellen Missbrauch von Kindern. Zorn über die Stellung der Frauen in der Kirche. Zorn auf schreckliche Konservative, Zorn auf schreckliche Liberale. Trauen wir uns, wie Jesus, einander zu fragen: „Worüber redet ihr? Warum seid ihr wütend?“ Trauen wir uns, zuzuhören? Manchmal habe ich genug, wenn ich all diese Wut höre. Es scheint mir, als könnte ich es nicht ertragen. Aber ich muss hören, wie Jesus auf dem Weg nach Emmaus.
Viele hoffen, dass ihre Stimme bei der Synode gehört wird. Sie fühlen sich übergangen, zum Schweigen gebracht. Sie haben recht. Eine Stimme zu haben bedeutet jedoch zuerst zuzuhören. Gott ruft jeden beim Namen: Abraham, Abraham! Moses, Samuel... Sie antworten mit dem schönen hebräischen Wort Hinneni, „hier bin ich“. Unser Dasein gründet sich darauf, dass Gott uns beim Namen ruft und wir zuhören. Nicht das kartesianische „Ich denke, also bin ich“, sondern „Ich höre, also bin ich“. Wir sind hier, um dem Herrn und einander zuzuhören. Wie es heißt, haben wir zwei Ohren, aber nur einen Mund... Die Rede folgt nach dem Zuhören.
Wir hören nicht nur das, was die Menschen sagen, sondern auch das, was sie zu sagen versuchen. Wir hören den unausgesprochenen Worten zu, den Worten, die erst gesucht werden. Ein sizilianisches Sprichwort sagt: „La miglior parola è quella che non si dice.“ (1) „Das beste Wort ist das, das nicht ausgesprochen wird.“ Wir hören der Art und Weise zu, wie sie ihre Wahrheit aussprechen, wir hören jedem Körnchen Wahrheit zu, selbst wenn das, was sie sagen, insgesamt falsch sein könnte. Wir hören mit Hoffnung und nicht mit Verachtung. Bei der Generalversammlung unseres Ordens halten wir eine Regel ein: Was unsere Brüder sagen, ist niemals Unsinn. Sie könnten desinformiert sein, etwas Unlogisches oder tatsächlich Falsches aussprechen. Aber irgendwo unter ihren irreführenden Worten verbirgt sich eine Wahrheit, die ich hören muss. Wir sind Mendikanten, Bettler nach der Wahrheit. Zeitgenossen des hl. Dominikus sagten über ihn, dass er „alles verstand mit der Intelligenz eines demütigen Herzens“. (2)
Vielleicht haben Ordensgemeinschaften etwas, was sie der Kirche – was die Kunst des Gesprächs angeht – beibringen können. Der heilige Benedikt lehrt uns, den Konsens zu suchen; der heilige Dominikus liebt die Debatte; die heilige Katharina von Siena erfreut sich am Gespräch; der heilige Ignatius von Loyola an der Kunst des Unterscheidens; der heilige Philipp Neri an der Notwendigkeit des Lachens.
Wenn wir wirklich zuhören, verschwinden unsere vorgefertigten Antworten. Wir werden sprachlos und unfähig zu reden wie Zacharias, bevor er in seinen Lobgesang ausbrach. Wenn ich nicht weiß, wie ich auf den Schmerz oder das Missverständnis meines Bruders oder meiner Schwester antworten soll, muss ich mich an den Herrn wenden und um Worte bitten. Dann kann das Gespräch beginnen.
Das Gespräch erfordert, dass wir uns mit unserer Vorstellungskraft in die Erfahrung des anderen versetzen können. Sehen mit seinen Augen, hören mit seinen Ohren. Es am eigenen Leib erfahren. Aus welchen Erfahrungen stammen seine Worte? Welche Schmerzen, welche Hoffnungen tragen sie? Welchem Weg folgen sie?
Auf der dominikanischen Generalkapitulation erlebten wir eine leidenschaftliche Debatte über das Predigen und seine Essenz – ein heißes Thema für die Dominikaner. Das vorgelegte Dokument schlug vor, das Predigen als Dialog zu verstehen: den Glauben durch Gespräche zu verkünden. Aber einige Teilnehmer waren starrsinnig gegen, für sie grenzte es an Relativismus. Sie behaupteten: „Die Wahrheit muss kühn verkündet werden.“ Nach und nach zeigte sich, dass die streitenden Brüder auf der Grundlage ganz unterschiedlicher Erfahrungen stritten.
Das Dokument wurde von einem Bruder aus Pakistan vorbereitet, wo das Christentum notwendigerweise in ständigem Dialog mit dem Islam steht. In Asien ist das Predigen ohne Dialog überhaupt nicht denkbar. Die Brüder, die sich entschieden gegen das Dokument wandten, kamen hauptsächlich aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Die Vorstellung eines Dialogs mit denen, die sie ins Gefängnis gesteckt haben, ergab für sie keinen Sinn. Um dieses Missverständnis zu überwinden, waren rationale Argumente nötig, allein die hätten jedoch nicht ausgereicht. Man musste sich vorstellen, warum die anderen gerade diese Sichtweise vertreten. Welche Erfahrungen führten sie dazu? Welche Verletzungen tragen sie in sich? Welche Freuden?
Es erforderte, seine gesamte Vorstellungskraft ins Zuhören einzubringen. Die Liebe ist stets der Sieg der Vorstellungskraft, der Hass ihre Niederlage. Hass ist abstrakt. Liebe konkret. Im Roman von Graham Greene Macht und Ruhm (1940) sagt der Hauptcharakter – ein armer, alter Priester – folgendes: „Als du die Fältchen um die Augen, die Form des Mundes, das wachsende Haar sahst, konntest du nicht hassen. Hass war nur ein Versagen der Vorstellungskraft.“
Wir müssen nicht nur die Grenzen zwischen rechts und links, nicht nur die Grenzüberschreitungen zwischen Kulturen, sondern auch zwischen Generationen überwinden. Ich habe das Privileg, mit jungen Dominikanern zu leben, deren Glaubensweg sich so sehr von meinem unterscheidet! Viele Ordensleute und Priester meiner Generation sind in stark gläubigen Familien aufgewachsen. Der Glaube durchdrang unser tägliches Leben tief. Das Abenteuer des 2. Vatikanums bestand darin, in das säkulare Umfeld hinauszuschreiten. Französische Priester gingen in die Fabriken. Wir legten das Ordenskleid ab und tauchten in die Welt ein. Eine wütende Schwester, als sie mich im Habit sah, schimpfte: „Wie kannst du nur noch diese alten Lumpen tragen!?“
Heute wachsen viele junge Menschen – vor allem im Westen, aber allmählich auch überall – in einem säkularen Umfeld, in einer agnostischen oder sogar atheistischen Welt auf. Ihr Abenteuer besteht darin, das Evangelium, die Kirche und die Traditionen zu entdecken. Das Habit tragen sie mit Freude. Unsere Wege sind entgegengesetzt, aber sie stehen sich nicht entgegen. Ich muss mit ihnen gehen wie Jesus und lernen zu verstehen, was ihre Herzen berührt. „Worüber habt ihr gesprochen?“ Was für Filme schaut ihr? Welche Musik liebt ihr? Erst dann finden wir Worte füreinander.
Ich muss mir auch vorstellen, wie sie mich sehen! Wer bin ich in ihren Augen? Einmal fuhr ich mit dem Rad durch Saigon mit einer Gruppe von jungen vietnamesischen dominikanischen Studenten. Es war lange vor dem Aufschwung des Tourismus. Wir fuhren um die Ecke und da stand eine Gruppe westlicher Touristen. Sie waren so groß und dick und hatten eine so seltsame, hässliche Farbe. Wirklich seltsame Menschen. In diesem Moment wurde mir klar, dass ich genauso aussah...
Auf dem Weg nach Emmaus hören die Jünger einem Fremden zu, der sie als Bekloppte bezeichnet und ihnen widerspricht. Er ist auch verärgert! Seine Worte beginnen sie aber zu ermutigen, ihr Herz zu entzünden. Könnten wir in der Synode nicht von der freudigen Freude am Widerspruch lernen, die zu Verständnis führt? Hugo Rahner /1900–1968/, der ältere Bruder von Karl (aber viel leichter zu verstehen!) behandelt das Thema homo ludens, das spielerische Menschsein. (3) Lasst uns lernen, mit einem gewissen Spieltrieb miteinander zu sprechen! Ganz ähnlich wie Jesus und die samaritische Frau am Jakobsbrunnen im 4. Kapitel des Johannesevangeliums.
In der heutigen ersten Lesung hörten wir, dass wenn die Zeit erfüllt ist, „die Plätze der Stadt voller Jungen und Mädchen sein werden, die auf ihren Plätzen spielen werden“ (Sach 8,5). Das Evangelium lädt jeden von uns ein, zu Kindern zu werden: „Amen, ich sage euch: Wenn ihr euch nicht wieder wie Kinder werdet, werdet ihr gewiss nicht ins Himmelreich eingehen“ (Mt 18,3). Wir bereiten uns auf das Reich Gottes vor, indem wir verspielt, kindlich, aber nicht kindisch werden. Manchmal sind wir in der Kirche so fades und geschmacklos, so unfröhlich und übermäßig ernst, dass es kein Wunder ist, dass die Menschen gelangweilt sind!
Silvesterabend am Übergang ins neue Jahrtausend verbrachte ich an der Elfenbeinküste und wartete auf einen Flug nach Angola. Wir saßen im Dunkeln bei einem Bier mit einigen dominikanischen Studenten und plauderten darüber, was uns lieb und teuer war. Wir freuten uns über unsere Unterschiede, über die verschiedenen Vorstellungen, die wir hatten. Die Freude an der Differenz! Damals hatte ich Angst, dass mein Flugzeug abfliegt, aber es hatte drei Tage Verspätung! Unterschiedlichkeit ist fruchtbar, generativ. Jeder von uns ist das Produkt der wunderbaren Differenz zwischen Männern und Frauen. Wann immer wir vor der Differenz wegzulaufen versuchen, werden wir unfruchtbar und kinderlos, in unseren Häusern und in der Kirche. Wieder: Danke an alle Eltern, die bei uns in der Synode sind! Familien können der Kirche viel darüber beibringen, wie man mit Unterschiedlichkeit umgeht. Eltern lernen, den Händen ihrer Kinder zu reichen, die so unverständliche Entscheidungen treffen, und wissen doch, dass sie immer ihr Zuhause haben.
Wenn es uns gelingt, die Freude daran zu entdecken, uns vorzustellen, wie unsere Schwestern und Brüder zu den Meinungen gelangt sind, die uns so seltsam erscheinen, beginnt in der Kirche ein neuer Frühling. Der Heilige Geist wird uns die Gabe geben, in anderen Sprachen zu sprechen.
Beachten wir, dass Jesus nicht versucht, die Kontrolle über das Gespräch zu übernehmen. Er fragt, worüber sie reden; er geht dorthin, wo sie hingehen, und nicht dorthin, wo er selbst hin möchte; er akzeptiert ihre Gastfreundschaft. Ein echtes Gespräch kann nicht kontrolliert werden. Man muss sich ihrem Fluss hingeben. Wir können nicht vorhersagen, wohin es uns führt, ob nach Emmaus oder nach Jerusalem. Wo wird diese Synode die Kirche hinführen? Wenn wir das vorher wüssten, müssten wir nicht hier sein! Lassen wir uns überraschen!
Ein echtes Gespräch ist riskant. Wenn wir uns in einem freien Gespräch anderen öffnen, werden wir verändert. Jede tiefe Freundschaft bringt eine Dimension meines Lebens und meiner Identität ans Licht, die zuvor nicht da war. Ich werde jemand, der ich zuvor nicht war. Ich komme aus einer herrlich konservativen katholischen Familie. Als ich Dominikaner wurde, freundete ich mich mit Menschen an, die völlig andere Hintergründe hatten, und ihre politischen Ansichten brachten meine Familie zum Wahnsinn! Wer war ich, als ich nach Hause kam? Wie kann ich die Person, die ich zu Hause war, mit der Person versöhnen, die ich unter den Dominikanern geworden bin?
Jedes Jahr treffe ich neue und neue Brüder, die sich unserem Orden anschließen. Sie haben unterschiedliche Ansichten und sehen die Welt ganz anders. Wenn ich mich ihnen öffne und Freundschaft anbiete, wer werde ich dann? Selbst in meinem fortgeschrittenen Alter muss meine Identität offen bleiben. In dem Roman Do Not Say We Have Nothing (2016) der kanadischen Autorin Madeleine Thien /*1974/, der über chinesische Einwanderer in den USA erzählt, sagt eine der Figuren: „Versuche niemals, ein einziges, ungeteiltes menschliches Wesen zu sein. Wenn so viele Menschen dich lieben, kannst du dann wirklich nur einer sein?“ (4) Wenn wir uns einer Vielzahl von Freundschaften öffnen, haben wir keine ordentlich geordnete, streng definierte Identität. Wenn wir uns auf dieser Synode einander öffnen, wird uns das verwandeln. Es wird so etwas wie ein kleiner Tod und eine Auferstehung sein.
Unser Novizenmeister auf den Philippinen hatte ein Schild an der Tür: „Entschuldigung, wir sind am Bauen!“ Er meinte den Bau seines Lebens. Ein kohärentes Ergebnis liegt erst vor uns, im Königreich. Dann werden Wolf und Lamm, die in jedem von uns gegenwärtig sind, zusammen in Frieden weiden. Wenn wir eine geschlossene, fixe Identität haben, in Stein gemeißelt, werden wir niemals das Abenteuer neuer Freundschaften kennenlernen, die neue Dimensionen dessen entfalten, wer wir sind. Wir werden nicht für die weitreichende Freundschaft unseres Herrn offen sein.
Als die Jünger nach Emmaus kamen, endete die Flucht aus Jerusalem. Jesus tut so, als wolle er weitergehen, aber sie – mit einer wunderbaren Ironie – laden den Herrn ein, um mit ihnen zu verweilen. „Bleib bei uns, denn es wird Abend und der Tag hat sich bereits geneigt“ (Lk 24,29). Jesus akzeptiert ihre Gastfreundschaft, ebenso wie die drei Fremden im 18. Kapitel des Buches Genesis Abrahams Gastfreundschaft annahmen. Gott ist unser Gast. Auch wir müssen demütig sein, um Gäste werden zu können. Die deutsche Vorlage sagt, dass wir die „bequeme Position der Gebenden verlassen und eingeladen werden müssen, in die Existenz derjenigen einzutauchen, die wir auf dem Weg der Menschlichkeit begleiten“.
Marie-Dominique Chenu OP /1895–1990/, einer der Vorreiter der Reformen des 2. Vatikanums, ging auch abends hinaus, als er schon achtzig war. Er ging, um Gewerkschaftsführern, Akademikern, Künstlern, Familien... zuzuhören und nahm deren Gastfreundschaft an. Wenn wir abends zum Bier gingen, fragte er: „Was hast du heute gelernt? Mit wem hast du gesessen? Welche Gaben hast du empfangen?“ Die Kirche auf jedem Kontinent hat Gaben für die universelle Kirche. Um ein Beispiel zu nennen: Meine Brüder in Lateinamerika haben mir beigebracht, den Armen zuzuhören, insbesondere unser geliebter Bruder Gustavo Gutiérrez /*1928/. Werden wir in diesem Monat in unseren Debatten ihnen zuhören? Was lernen wir von unseren Brüdern und Schwestern aus Asien und Afrika?
„Als er mit ihnen am Tisch war, nahm er das Brot, sprach das Brot, brach es und gab es ihnen. Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Er verschwand jedoch von ihnen“ (Lk 24,30–31). Ihre Augen wurden geöffnet. Wir haben diesen Satz zuletzt gehört, als Adam und Eva vom Baum des Lebens aßen, ihre Augen geöffnet wurden und sie erkannten, dass sie nackt waren. Deshalb sahen einige alte Kommentatoren in den emmausischen Jüngern Kleopas und seine Frau ein eheliches Paar, das den neuen Adam und die neue Eva repräsentierte. Und nun essen sie das Brot des Lebens.
Und ein letzter kurzer Gedanke: Als Jesus von ihren Augen verschwand, sagten sie: „Brennte nicht unser Herz in uns, als er unterwegs mit uns sprach und uns die Schrift erklärte?“ (Lk 24,32). Es ist, als wären sie erst dann, ex post, in der Lage zu erkennen, die Freude, die sie auf dem Weg mit Jesus erlebten. Der heilige John Henry Newman /1801–1890/ sagte, dass nur, wenn wir auf unser Leben zurückblicken, wir anfangen zu erkennen, dass Gott die ganze Zeit bei uns war. Ich bitte darum, dass dies auch unsere Erfahrung wird.
Während der Synode werden wir wie die Jünger sein. Manchmal werden wir uns nicht bewusst sein, wie die Gnade des Herrn in uns wirkt, und wir werden vielleicht denken, dass es alles Zeitverschwendung ist. Aber ich bitte den Herrn, dass wir, wenn wir dann zurückblicken, erkennen, dass Gott die ganze Zeit bei uns war und dass unsere Herzen brennen.
[1] „La megliu parola è chiddra chi nun si dici“
[2] „humili cordis intelligentia“
[3] Man at Play or Did you ever practice eutrapelia? Übersetzt von Brian Battershaw und Edward Quinn, Compass Books, London, 1965
[4] Granta, London, 2016, S. 457