Liebe Brüder und Schwestern der Karmelfamilie,
Das Fest der Gottesmutter vom Karmel rückt näher, ein Jahr ist seit dem letzten Fest vergangen, und ich möchte Ihnen zu diesem Anlass alles Gute wünschen. Dieser Tag bedeutet uns viel. Er ist ein freudiger und tiefer Moment, in dem wir die Ehrfurcht vor der Mutter des Herrn feiern und sie mit dem geliebten und uns teuren Namen anrufen, unsere Lady vom Berge Karmel.
Für das kommende Jahr möchte ich all unsere Wünsche und Träume, unsere Projekte, unsere Aufgaben, Missionen und apostolischen Werke, unsere Freuden sowie unsere Sorgen der Fürsprache Mariens anvertrauen. Möge uns die selige Jungfrau, unsere Mutter und Schwester, Licht erbitten, uns führen und begleiten, damit wir stets unserem Beruf treu bleiben und erkennen, wie großzügig wir auf den dringlichen Aufruf von Papst Franziskus an die gesamte Kirche reagieren sollten, um wahre Zeugen des Evangeliums zu sein.
Vielleicht erinnern Sie sich, dass ich Ihnen letztes Jahr eine mögliche Interpretation eines Ikon angeboten habe, die typisch ist für die Ehrfurcht vor unserer Lady vom Berge Karmel: die selige Jungfrau, die in das Fegefeuer hinabsteigt und diejenigen erlöst, die hier leiden, durch das Skapulier. Ich bitte Sie erneut: Möge jeder von uns wie Maria in die Fege Feuer unserer Zeit hinabsteigen, egal welcher Art sie sein mögen, und in einem Geist der Solidarität und des Mitgefühls den Leidenden helfen, daraus herauszukommen. In unserer gegenwärtigen Welt gibt es viele solcher Fegefeuer.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich auch alle Mitglieder der Karmelfamilie – Brüder, abgeschiedene Schwestern, aktiv wirkende Schwestern, Mitglieder von Bruderschaften, Tertiaren und Laien, die auf irgendeine Weise zur karmelitischen Familie gehören – bitten, sich in Kontemplation, Teilhabe und zugleich Vermehrung der Schönheit, die uns umgibt, zu verbinden, auch wenn sie manchmal verborgen ist. Von Anfang an ist der Karmel eng mit der Schönheit verbunden. Das Wort Karmel wird im Alten Testament als Synonym für das Konzept der Schönheit verwendet, und wir selbst nennen Maria die Mutter, den Schmuck und die Schönheit des Karmel. Unser Orden hat im Laufe der Jahrhunderte eine Tendenz zu dem, was poetisch, künstlerisch… schön ist, entwickelt.
Daher ist es mein Wunsch, dass unser Leben ein Lobgesang auf Gott für die Schönheit ist, die uns umgibt, und auch ein großzügiges Engagement für die Anstrengung, damit die Schönheit nicht durch das Böse, die Sünde und das Leiden so vieler unschuldigen Menschen, die Opfer des Egoismus und seiner Folgen sind, wie Ungerechtigkeit, Gewalt, Ungleichheit usw. zerstört oder befleckt wird.
Möge unser Leben, in Übereinstimmung mit der konkreten Situation jedes Einzelnen von uns, ein Lobgesang an den Schöpfer werden, möge wie die Jungfrau Maria demütig verkünden, welche großartigen Dinge Gott in unserem Leben getan und tut (vgl. Lk 1,46–55). Vielleicht ist eines der tragischsten Merkmale der modernen Welt, dass sie nicht in der Lage ist, Schönheit zu entdecken und zu schaffen. Heute wird Schönheit auf eine bloße selbstbezogene Ästhetik reduziert, die keinen Bezug zur Solidarität hat, weshalb es sich nicht um authentische Schönheit als solche handelt, sondern nur um ein gewisses Gefühl für zu viel und für nichts. Die alten Scholastiker sagten: „bonum et pulchrum“ (das Gute und die Schönheit) gehen immer Hand in Hand. So ist es!
Wenn wir entdecken wollen, was schön ist, führt Maria, die Lehrerin der Spiritualität, unseren Blick in eine andere Richtung: zu dem, was klein und unbedeutend ist, was nicht zählt... Maria lehrt uns, die Schönheit auch in den verschiedenen Verwirrungen des Lebens zu erkennen, in allem, was im Alltag erhaben und heroisch ist, auch wenn die heutige Zeit dafür blind bleibt.
Das Fest der Gottesmutter vom Karmel, mit den vorbereitenden Novenen und Andachten sowie der eigentlichen liturgischen Feier, möge ein demütiger und friedlicher Gesang sein, der die Schönheit preist. Wir dürfen uns nicht mit bloßer Routine, mit lauwarmen und halbherzigen Feiern, mit Überresten einer glorreichen, aber sehr weit entfernten Vergangenheit zufrieden geben. Wir müssen auch der bloßen äußeren Schönheit entgehen, die sich hauptsächlich auf Pomp oder liturgische Rubriken konzentriert. Nein, an diesem Tag müssen wir unsere Herzen durch die friedliche und tiefe Schönheit der Liturgie emporheben, über allen Leiden und Nöten der Menschheit hinweg, und auf Maria, „Stern des Meeres“, blicken und sie bitten, uns zu Christus, unserem Herrn, zu führen.
Ein schönes Fest! Möge Maria, unsere Mutter und Schwester, stets bei Ihnen sein.
In brüderlicher Liebe
Fernando Millán Romeral, O.Carm.
Generalsuperior
(Aus Brief des Generalsuperiors... übersetzt von: Norbert Žuška, OCarm.)