Nur Versöhnung kann Frieden bringen.

Dieser Tag, der 6. Juni, erinnert uns an den Kampf für Europa und für seine Freiheit. Vor sechzig Jahren ging es um die Befreiung Europas und der Welt von einer unmenschlichen Diktatur, die den Menschen verachtete. Die menschliche Person wurde niedergetreten und missbraucht als Werkzeug einer wahnsinnigen Macht, die eine neue Welt schaffen wollte. Es wurde von Gott gesprochen, doch er wurde als Etikett gebraucht, das ein Werkzeug des Willens zur absoluten Macht war.

Wir wissen, dass die Gefallenen von beiden Seiten jetzt in der barmherzigen Güte Gottes sind. Alle sind Kinder Gottes, Gott kennt jeden Einzelnen persönlich, jeder wird von ihm geliebt und gewollt, er wird bei Namen genannt. Jede einzelne Person hat eine Leere hinterlassen, für jede gab es viel Weinen und Schmerz. Aber wir wissen, dass sie jetzt in guten Händen sind, in den Händen Gottes, in seiner Güte, die Barmherzigkeit und Versöhnung ist.

Nach dem blutigen Konflikt des Zweiten Weltkriegs begann der Versöhnungsprozess, den wir von ganzem Herzen und mit tiefer Dankbarkeit wertschätzen. Die Vereinigten Staaten haben ein umfangreiches und anspruchsvolles Programm angenommen, um ehemaligen Gegnern zu helfen, sich wieder zu erholen, und um eine Erneuerung zu ermöglichen. Großbritannien und Frankreich reichten denen, die in den Kriegsjahren ihre Feinde waren, die Hand zur Versöhnung. Charles de Gaulle erklärte dann die Bedeutung dieses Schrittes: Wenn es einst zu unserer Pflicht wurde, Feinde zu sein, so ist es nun unsere Freude, Freunde sein zu können. Dieser Versöhnungsprozess, der in Europa insbesondere dank der Nordatlantikpakt-Organisation stattfand und der entscheidend für die Weltgeschichte ist, stammt aus dem christlichen Geist. Nur Versöhnung kann Frieden herstellen, Gewalt kann die schwere Situation nicht heilen, sondern nur Gerechtigkeit. Versöhnung muss das Maß für jegliches politische Handeln in den gegenwärtigen Konflikten sein. Der Hebräerbrief spricht von dem Blut Christi, das anders schreit als das Blut Abels. Dieses Geschrei verlangt weder eine Vernebelung der Wahrheit noch Rache, sondern Versöhnung.

(Kardinal Joseph Ratzinger, Die Verantwortung der Christen für den Frieden;
Ansprache bei einem ökumenischen Gottesdienst in Bayeux, 6. Juni 2004,
60. Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie)