Leben von Michael von St. Augustin (1622–1684)
Jan van Ballaert wurde am 15. April 1622 in Brüssel geboren. Seine Ausbildung erhielt er an einer hervorragenden Schule der Augustiner, und nach ihrem Abschluss trat er am 14. Oktober 1640 in den Karmel ein, wo er den Ordensnamen Michael von St. Augustin erhielt. Kaum fünfundzwanzigjährig wurde er Lektor der Philosophie in Gent und traf dort auf Maria Petyt, die ein Jahr jünger war als er. Ihre Beziehung wurde zu einer der größten mystischen Freundschaften des 17. Jahrhunderts.
Bereits nach kurzer Zeit wurde Michael mit weiteren Ämtern betraut, die seinen Abschied aus Gent erforderten. Maria Petyt hielt daher schriftlichen Kontakt mit ihrem geistlichen Führer. In ihren Briefen sendete sie ihm auf seine Anfrage detaillierte Berichte über ihre mystischen Erfahrungen. Die so gesammelten Texte veröffentlichte Michael im Jahr 1683 in zwei Bänden unter dem Titel Leben der verehrten Mutter Maria von St. Teresa (1).
Michael hatte während seines Ordenslebens verschiedene Ämter inne; er war Novizenmeister, Ratsherr, Prior mehrerer Klöster und dreimal Provinzial. Er strebte an, die Tourainer Reform in den belgischen Konventen durchzusetzen und versuchte, dieser kontemplativen Spiritualität auch neue Impulse zu geben.
In seinen Büchern thematisiert er den inneren Weg des mystischen Menschen mit seinen Höhen und Tiefen und warnt immer wieder vor den verborgenen Formen der Selbstliebe und des Egoismus. Er ermutigt dazu, diese zu überwinden, denn nur so kann die Seele in Einfachheit und Freiheit mit ihrem Gott vereint werden. Michael von St. Augustin verbindet die karmelitische Spiritualität mit der reichen kontemplativen Tradition Flanderns.
Das Thema der geistlichen Armut beschreibt er mit der Terminologie der nordischen Mystik: Der Mensch soll in Gott ruhen, ohne Wollen, ohne Wissen, ohne Verstehen, ohne Fühlen. Er soll nach nichts Begehren, nichts besitzen, nichts Irdisches, nichts Himmlisches... Geistliche Armut und völlige innere Selbstverleugnung befähigen die Seele, Gott nicht um seiner Gaben oder Eigenschaften willen zu lieben, sondern nur um Ihn selbst. Erst wenn die Seele dazu fähig ist, kann sie existenziell und unmittelbar mit Gott vereint sein.
Diese Selbstverleugnung soll jedoch „suaviter“ geschehen – auf dem Weg der Milde, ohne Gewalt gegen den Geist und übermäßige Betonung des Intellekts. Es handelt sich um ein Spiel der Liebe zwischen Gott und dem Menschen, und Michael beschreibt es mit Bildern aus dem Hohelied. Die Realität dieser Liebe zeigt sich dann im alltäglichen Leben des Mystikers. Das innere Erleben der göttlichen Liebe, das in der Einsamkeit und Stille des Gebets erfahren wird, kann nicht in sich selbst verschlossen bleiben, sondern führt unweigerlich zu selbstloser Liebe gegenüber den Geschöpfen. Was dem Karmel eigen ist, ist – in Michaels Auffassung – die Verbindung von kontemplativem und aktivem Leben, die Verbindung von Maria und Martha.
(1) Maria Petyt war eine karmelitische Terziarin mit dem Ordensnamen Maria von St. Teresa.
Aus dem Buch: Tanz der göttlichen Liebe
Herausgegeben von: Elisabeth Hense, T.OCarm.
Veröffentlicht im Verlag: Herder, 1991
Übersetzt und überarbeitet von: Norbert Žuška, OCarm.