Ich möchte lernen, zu glauben.

Ich erinnere mich an ein Gespräch, das ich vor dreizehn Jahren in Amerika mit einem jungen französischen Pfarrer führte. Wir stellten uns ganz einfach die Frage, was wir tatsächlich mit unserem Leben anfangen wollen. Er sagte: Ich möchte ein Heiliger werden (und ich gebe zu, dass er es wurde); damals hat es großen Eindruck auf mich gemacht. Dennoch widersprach ich ihm und sagte ungefähr Folgendes: Ich möchte lernen zu glauben. (…)
Später erkannte ich und erkenne bis zu diesem Moment, dass man erst im voll menschlichen Leben lernt zu glauben. Wenn man den Gedanken, sich selbst zu jemandem machen zu wollen – sei es ein Heiliger oder ein bekehrter Sünder oder ein Mann der Kirche (die sogenannte priesterliche Persönlichkeit!), ein Gerechter oder Ungerechter, ein Kranker oder Gesunder – völlig aufgibt, und darin sehe ich das Irdische, dass man alle Aufgaben, Probleme, Erfolge und Misserfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeiten lebt, dann gibt man sich ganz in die Hände Gottes; dann erlebt man wirklich nicht sein eigenes Leiden, sondern das Leiden Gottes in der Welt, dann wacht man mit Christus in Gethsemane, und ich denke, darin liegt der Glaube, darin liegt die Metanoia; so wird man ein Mensch, ein Christ.

(Dietrich Bonhoeffer /1906–1945/, Brief aus dem nationalsozialistischen Gefängnis, 21. Juli 1944;
zitiert nach dem Buch Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Hingabe, Briefe aus dem Gefängnis, Kalich 2023)