Brief des Papstes Franziskus an die Karmeliter Anlässlich der Generalkapitel 2013

papez frantisekDem hochwürdigen Vater Fernando Millán Romeral, dem Generalkapitel des Ordens der Brüder der Gottesmutter Maria vom Karmel.

Ich wende mich an euch, liebe Brüder des Ordens der Gottesmutter Maria vom Karmel, die ihr in diesem Monat September das Generalkapitel feiert. Ich möchte euch in dieser Zeit der Gnade und Erneuerung, in der ihr berufen seid, die Sendung des glorreichen karmelitischen Ordens zu unterscheiden, Worte des Trostes und der Hoffnung anbieten.

Das uralte Charisma des Karmel war über acht Jahrhunderte ein Geschenk für die gesamte Kirche und trägt auch heute mit seinem einzigartigen Beitrag weiter zum Aufbau des Leibes Christi bei und zeigt das strahlende und heilige Antlitz Christi. Die kontemplativen Anfänge eurer Gemeinschaft entspringen dem Land, in dem die ewige Liebe Gottes sich in Jesus Christus offenbart hat, im Wort, das Fleisch geworden ist. Wenn ihr über eure Sendung der Karmeliten in der heutigen Zeit nachdenkt, empfehle ich euch, über drei Elemente nachzudenken, die euch auf dem Weg zur vollen Verwirklichung eures Berufungsziels leiten können, das der Aufstieg auf den Berg der Vervollkommnung ist. Diese sind Gehorsam gegenüber Christus, Gebet und Sendung.

Gehorsam

Die Sendung der Kirche ist, Jesus Christus der Welt zu bringen. Daher fordert sie uns als unsere Mutter und Lehrerin auf, uns ihm zu nähern.
In der karmelitischen Liturgie des Festes der Gottesmutter vom Karmel betrachten wir Maria als die, die „am Kreuz Jesu stand“. Das ist auch der Ort, an dem sich die Kirche befindet: nahe bei Christus. Und das ist auch der Ort jedes gläubigen Mitglieds des karmelitischen Ordens. Eure Regel beginnt mit der Mahnung, dass die Brüder „im Gehorsam gegenüber Jesus Christus“ leben, um ihm zu folgen und ihm mit reinem und ungeteiltem Herzen zu dienen. Diese enge Beziehung zu Christus verwirklicht sich in der Einsamkeit, in der brüderlichen Gemeinschaft und in der Sendung. „Die grundlegende Lebensentscheidung, die konkret und radikal dem Nachfolgen Christi gewidmet ist“ (1), macht eure Existenz zu einer Pilgerreise, die euch – in der Liebe – verwandelt. Das Zweite Vatikanische Konzil hat die Rolle der Kontemplation auf unserem Lebensweg erneut in Erinnerung gerufen: die Kirche ist von ihrer Natur „sowohl menschlich als auch göttlich, sichtbar und doch mit unsichtbaren Werten ausgestattet, eifrig in der Tat und der Hingabe an die Kontemplation, in der Welt präsent und doch nur hindurch gehend“ (2). Die alten Einsiedler vom Berg Karmel haben diesen heiligen Ort in Erinnerung behalten, und auch wenn sie ihn verlassen mussten und weit davon leben mussten, richteten sie ihre Augen und ihr Herz stets auf die Herrlichkeit Gottes. Wenn ihr über die Anfänge eurer Gemeinschaft und eure Geschichte nachdenkt und die große Schar derjenigen betrachtet, die im Laufe der Jahrhunderte das karmelitische Charisma lebten, werdet ihr auch euren gegenwärtigen Berufung als Propheten der Hoffnung erneut entdecken. Und gerade durch diese Hoffnung werdet ihr erneuert. Oft ist das, was neu erscheint, etwas sehr Altes, das im neuen Licht gesehen wird.
Das Herz der karmelitischen Sendung fand sich und findet sich auch jetzt – in eurer Regel. Im Rahmen der Vorbereitung auf das achthundertste Jubiläum des Todes des Patriarchen Albert von Jerusalem im Jahr 1214 (der euch die Regel schrieb) werdet ihr euch erinnern, dass er den „Lebensweg“ formulierte, einen Raum, der es euch ermöglicht, Spiritualität ganz auf Christus auszurichten. Der heilige Albert zeichnete äußere und innere Elemente, die physische Ökologie des Raumes und die geistliche Rüstung, die notwendig sind, damit der Orden seiner Berufung gerecht werden und seine eigene Sendung effektiv erfüllen kann.
In einer Welt, die Christus oft nicht versteht und ihn tatsächlich ablehnt, werdet ihr aufgefordert, euch Christus zu nähern und immer stärker an ihn zu binden. Dies ruft euch ständig dazu, Christus zu folgen und ihm ähnlicher zu werden. Dies ist in unserer so desorientierten Welt von lebenswichtiger Bedeutung, denn „wenn die Flamme des Glaubens erlischt, verlieren alle anderen Lichter ihre Helligkeit“ (3). Christus ist in eurer Gemeinschaft, in eurer gemeinsamen Liturgie und im Dienst, der euch anvertraut ist, gegenwärtig: Erneuert die Gehorsamkeit ihm gegenüber in allem, was ihr erlebt!

Gebet

Der heilige Vater Benedikt XVI. erinnerte euch vor eurem Generalkapitel im Jahr 2007 daran, dass „der innere Weg des Glaubens zu Gott im Gebet beginnt“, und in Castel Gandolfo sagte er euch im August 2010: „Ihr seid die, die uns lehren zu beten.“ Ihr definiert euch selbst als kontemplative Gemeinschaft unter den Menschen (4). Tatsächlich, wenn es sicher ist, dass ihr berufen seid, auf den Höhen des Karmel zu leben, ist es ebenso sicher, dass ihr berufen seid, Zeugnis bei den Menschen abzulegen. Gebet ist „der königliche Weg“, der uns die Tiefen des Geheimnisses Gottes, des Einen in der Dreifaltigkeit, eröffnet, ist aber auch der verbindliche Pfad, der sich inmitten des Volkes Gottes auf seiner Wanderung durch die Welt ins verheißenen Land schlängelt.
Einer der schönsten Wege, um in das Gebet einzutreten, führt durch das Wort Gottes. Lectio divina führt in einen direkten Dialog mit dem Herrn und öffnet die Schätze der Weisheit. Eine vertrauliche Freundschaft mit dem, der uns liebt, gibt uns die Fähigkeit, mit Gottes Augen zu sehen, in unserem Herzen mit seinem Wort zu sprechen, die Schönheit dieser Erfahrung zu bewahren und sie mit denen zu teilen, die nach der Ewigkeit hungern.
Die Rückkehr zu einer Einfachheit des Lebens, die auf dem Evangelium basiert, ist eine Herausforderung zur Erneuerung der Kirche als Gemeinschaft des Glaubens, die immer neue Wege der Evangelisierung in einer sich ständig verändernden Welt findet. Karmelitische Heilige waren große Prediger und Lehrer des Gebets. Und dies wird auch heute wieder vom Karmel des 21. Jahrhunderts gefordert. Im Laufe eurer gesamten Geschichte haben die Großen des Karmels immer wieder zum Rückzug auf eure kontemplativen Wurzeln aufgerufen, zu den immer fruchtbaren Wurzeln des Gebets. Hier ist das Herz eures Zeugnisses: zu leben, zu pflegen und das „Kontemplative“ des Ordens zu übertragen. Ich möchte, dass sich jeder von euch selbst fragt: Wie sieht mein kontemplatives Leben aus? Wie viel Zeit widme ich am Tag dem Gebet und denjenigen, die uns die Kontemplation lehren? Ihr definiert euch als kontemplativ inmitten der Menschen. Ist es in der Tat wahr, dass ihr kontemplativ seid? Ein Karmeliten ohne dieses kontemplative Leben ist toter! Heute, vielleicht viel mehr als früher, ist es sehr einfach, sich durch die Sorgen und Probleme dieser Welt ablenken zu lassen und sich von falschen Götzen mitreißen zu lassen. Unsere Welt ist in vielerlei Hinsicht zerstreut: der kontemplative Mensch kehrt jedoch zur Einheit zurück und stellt einen kraftvollen Ruf nach Einheit dar. Jetzt mehr denn je ist es Zeit, den inneren Weg der Liebe durch das Gebet wiederzuentdecken und durch das Zeugnis der Kontemplation, durch die Predigt und durch die Mission den Menschen von heute nicht unnütze Abkürzungsansätze anzubieten, sondern die Weisheit, die aus dem „Tag und Nacht über das Gesetz des Herrn nachsinnt“ (5) hervorgeht, (aus dem Nachsinnen über) das Wort Gottes, das immer unter dem strahlenden Kreuz Christi führt. Und zur Kontemplation gehört auch die Strenge des Lebens, die kein lediglich sekundäres Element eures Lebens und eures Zeugnisses ist. Die starke Versuchung, in die geistliche Weltlichkeit abzugleiten, betrifft auch euch. Der Geist der Welt ist der Feind des Lebens des Gebets, das vergesst niemals! Ich fordere euch zu einem strengerem und bußfertigerem Leben gemäß eurer authentischsten Tradition auf, zu einem Leben, das fern von weltlicher Gesinnung ist, fern von weltlichen Kriterien.

Sendung

Liebe Brüder Karmeliten, ihr habt die gleiche Mission wie Jesus. Alle Planungen und Diskussionen wären sinnlos, wenn das Kapitel nicht vor allem einen Weg der wahren Erneuerung verwirklich. Die karmelitische Familie hat auf der ganzen Welt eine wunderbare Blüte erlebt, die Frucht – aus Gottes Geschenk – des missionarischen Eifers in der Vergangenheit. Heute bringt die Mission (die sie erfüllen) manchmal schwierige Herausforderungen, da die Botschaft des Evangeliums nicht immer angenommen wird und manchmal sogar mit Gewalt abgelehnt wird. Wir dürfen niemals vergessen, auch wenn wir in trübe und unbekannte Gewässer geworfen werden, dass der, der uns zu dieser Mission beruft, uns auch den Mut und die Kraft geben wird, sie zu verwirklichen. Feiert also das Kapitel mit der Hoffnung, die niemals stirbt, mit großzügiger Hingabe beim neuen Erlernen des kontemplativen Lebens und der evangelischen Einfachheit und Strenge.
In (einer) Homilie auf dem Petersplatz sagte ich zu den Pilgern: „Jeder Christ und jede Gemeinschaft ist in dem Maße missionarisch, in dem sie das Evangelium trägt und lebt und die Liebe Gottes zu allen, insbesondere zu denen, die schwierige Situationen erleben, bezeugt. Seid Missionare der Liebe und der Zärtlichkeit Gottes! Seid Missionare der Barmherzigkeit Gottes, der uns immer vergibt, uns immer erwartet und uns so liebt!“ (6) Das Zeugnis des Karmels in der Vergangenheit ist ein Zeugnis einer tiefen geistlichen Tradition, die zu einer der großen Schulen des Gebets herangewachsen ist. Und es hat auch den Mut von Männern und Frauen geweckt, die (verschiedenen) Gefahren oder sogar dem Tod gegenüberstanden. Erinnert euch nur an zwei große Märtyrer der Gegenwart: die heilige Teresa Benedicta vom Kreuz und den seligen Titus Brandsma. Aber ich frage euch: Gibt es heute – unter euch – diesen Kampfgeist, den Mut dieser Heiligen?
Liebe Brüder Karmeliten, das Zeugnis eurer Liebe und eurer Hoffnung, das aus einer tiefen Freundschaft mit dem lebendigen Gott hervorgeht, kann wie ein „sanfter Wind“ wehen, der erneuert und eure Mission in der Kirche in der heutigen Welt mit neuer Kraft erfüllt. Dazu seid ihr berufen. Euer Berufungsritus legt euch diese Worte in den Mund: „Ich weihe mich Gott..., um mit der Gnade des Heiligen Geistes und mit der Hilfe der Gottesmutter in der Dienst an Gott und der Kirche zur vollendeten Liebe zu gelangen.“
Möge die Gottesmutter Maria, Königin des Karmel, eure Schritte begleiten und euren täglichen Weg zum Gottesberg fruchtbar machen. Ich bitte um reiche Gaben des Heiligen Geistes für alle Mitglieder der karmelitischen Familie und insbesondere für euch, Mitglieder des Kapitels, und allen von Herzen mein besonderes apostolisches Segenswort erteilen.

Franziskus
Im Vatikan, 22. August 2013

(1) Ratio Institutionis Vitae Carmelitanae, Rom 2000, Nr. 8.
(2) Sacrosanctum Concilium, Nr. 2.
(3) Lumen fidei, 4.
(4) Vgl. Statuten des Ordens, Nr. 14–24.
(5) Regel, Nr. 10 nach Ps 1,2.
(6) Homilie vom 5. Mai 2013.

Aus dem Italienischen übersetzt von Martina Vintrová