„Es ist eher ermüdend für mich, Gott Schmerz zuzufügen, als dass er müde wird, mir zu vergeben.“
(Leben 19,13)
Ein starker Antrieb, der Teresa zum Eintritt ins Kloster bewegte, war die „Angst, dass sie auf dem Weg zur Hölle ist“ (Leben, Kap. 3). Sie dachte, „dass der Orden für sie das Beste und Sicherste sei“, um dieser Gefahr zu entkommen. Sie wusste jedoch zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass man Gott im Kloster genauso ignorieren kann wie überall sonst – vor dieser Gefahr schützt kein solcher „geistlicher Plan“.
Was hinter diesem Motiv ihrer Lebensentscheidung steckte, war nichts als reine Angst, hervorgebracht durch ein Gottesbild, das sich ihr später als Beleidigung Gottes darstellte. Eine solche Haltung fördert – das musste Teresa auch erkennen – nur Selbstbetrug und Heuchelei, denn gegenüber einem solchen Gott gibt der Mensch ungern seine Schuld und die Unstimmigkeiten seines Herzens zu, verdrängt sie oder verurteilt und peitscht schließlich andere, was er selbst in sich trägt; er befreit sich von der Verantwortung für sein eigenes Leben und stimmt jenen zu, die immer die Schuld bei anderen suchen.
Was kann von dieser Sklaverei der religiösen Angst befreien, die das Leben erstickt und das Zusammenleben unerträglich macht? Wie kann sich der Mensch von all diesen „dämonischen Gottesbildern“ retten, die die Menschen bis heute plagen und ihnen einreden, sie seien „ungekauft“?
Den Weg hieraus fand Teresa nach langen Jahren des Kampfes und Leidens. Im Betrachten des Menschen Jesus, auf das sie später beim Unterrichten der Schwestern solchen Wert legte, begegnete sie einem anderen Gott. Der eher „feindselige“ Gott wurde zum freundlichen Gott, mit dem sie „oft und gern zusammen“ war und von dem sie wusste, „dass er mich liebt“ (Leben 8,5). Vor diesem Gott, der das menschliche Gesicht Jesu hatte, konnte die Angst dem Vertrauen weichen.
Damit war die Zeit der Unvollkommenheiten und Vergehen jedoch noch nicht zu Ende. Gerade Teresa lebte mit der Wahrheit, dass kein Mensch auf Erden Engel werden kann. Sie konnte jedoch diese Realität ihrer Menschlichkeit weiterhin annehmen und mit ihr leben. Es war für sie eine Erlösung von dem unmenschlichen Zwang, immer vor der Sünde auf der Hut zu sein, als sie erkannte: „Es ist eher ermüdend für mich, Gott Schmerz zuzufügen, als dass er müde wird, mir zu vergeben.“
Heute hören wir oft den Einwand, dass ein solches Bild eines barmherzigen Gottes die Menschen eher dazu führt, ihre Taten nicht zu zählen und nach dem Motto zu handeln: Gott vergibt ohnehin, also ist es egal, was ich tue. Ruft Teresa nicht gerade eine solche Haltung hervor? – Sie konnte einen solchen Schluss niemals akzeptieren. Weder Angst vor Gott noch gedankenloser „Großzügigkeit“ haben mit Teresas Erfahrung von Gott zu tun. Denn beide Haltungen sind ein Zeichen von mangelndem Glauben und letztlich von mangelnder Beziehung zu Gott. Der Mensch, der in Gott einen Freund gefunden hat, kann so nicht denken. Er kann nicht einfach tun, was er will. Und auch wenn er aus menschlicher Schwäche und Begrenztheit, die ihm bis zu seinem Tod bleibt, auch wenn er sich so heilig verhält, Unrecht tut, bleibt doch sein Vertrauen, dass Gott versteht und nicht zürnt. Er weiß dann von der „glücklichen Schuld“, von der die Liturgie an Ostern singt, bei der das Vertrauen die Dunkelheit der Angst vertreibt.
P. Thomas Rohr OCD
„Christus ist auch in der Küche, mitten zwischen den Töpfen.“
(Gründung 5,8)
Durch die Geschichte des christlichen Glaubens zieht sich ein Missverständnis, das nicht auszurotten ist: „Das geistliche Leben“ sei ein zeitlicher Abschnitt, den der Mensch dem Gebet, der Meditation und anderen „geistlichen Übungen“ widmet, also eine Tageszeit (meist eher relativ kurz), die den religiösen Rahmen des Arbeitsabschnitts (deutlich größer) und der Freizeit bildet. Bis heute ist diese Vorstellung bei Christen im Kloster sowie im geistlichen und laischen Stand präsent. Die Folgen sind da; sie zeigen sich oft in der besorgten Frage: „Wie viel Zeit muss ich dem geistlichen Leben widmen, um ein guter Christ zu sein?“, ebenso wie darin, dass auch eifrige Gläubige ihren „normalen“ Teil der täglichen Arbeit so verbringen, als ob sie „ohne Gott“ wären…
In ihrem „Buch der Gründungen“ schrieb Teresa einen Satz, der auf die jahrhunderte alte theologische Frage nach dem richtigen Verhältnis von Gebet und Arbeit, von „Aktion“ und „Kontemplation“ eine klare und beeindruckend starke Antwort gibt: „Christus ist auch in der Küche, mitten zwischen den Töpfen.“ Auch mir ging ein Licht auf, als ich mit diesen Worten zum ersten Mal in Berührung kam – auf einem Zettel mit Sprichworten, mit unübersehbarem Humor.
Mit diesen Worten wollte Teresa ihren Schwestern sagen, dass das „geistliche Leben“ nicht auf Stunden des Gebets und der Meditation reduziert werden kann, sondern dass der Alltag in seiner gesamten Breite und Fülle geistlich erlebt werden kann. Schlüsselworte in ihren Schriften, die einen solchen Lebensstil näher beschreiben, sind „Freundschaft mit Christus“ und „innere Gebet“. Wer wie sie den Glauben als Leben in Beziehung verstehen kann und in Christus einen Freund und Begleiter auf dem Weg sieht, stellt fest, dass auch die gewöhnliche, „profanen“ tägliche Arbeit nicht nur von Gebet umgeben und Gott „geweiht“ sein will, sondern auch mit Gott gestaltet werden will. Wie dies geschehen kann, beschreibt gerne Teresas „Vater meiner Seele“, Johannes vom Kreuz, mit den Worten „liebevolle Aufmerksamkeit auf Gott“:
Ich denke an den, dass Gott hier ist (auch wenn verborgen dem Wahrnehmungsvermögen) – in der „Küche“ wie in der „Gebetsklausur“ oder in der Kirche – und ich wende mich zu ihm, sage ihm bewusst „Du, Gott“…; ich verweilte bei ihm in Zeiten des Gebets und gehe mit ihm zur Arbeit, treffe meine Entscheidungen mit ihm, lache mit ihm und weine mit ihm…
Mit dem Begriff „inneres Gebet“ meint Teresa nichts anderes, als sich einem Wort aus der Glaubenstradition zu bedienen. Sie versteht darunter keine spezielle Form des Gebets, wie etwa Meditation, Gebet mit Texten usw., sondern eine bewusste Hinwendung zu Gott „von innen“, gleichgültig, ob sie nach einer äußeren Form geht, oder über jenen oder diesen Gebetsweg; es ist ganz einfach ein „Handeln“ der Seele, das im Grunde jeder Mensch ganz leicht vollziehen kann, die während der Zeit des Gebets aus dem „Handeln des Gebets“ Gebet macht und aus dem Leben und der Arbeit während des Tages „Werk der Gemeinschaft“…
Teresa dachte wohl nicht daran, dass sie nicht nur bei ihren Schwestern im Kloster, sondern bei vielen Menschen bis heute, gleichgültig ob sie in welchem Topf auch immer rühren, mit diesem kleinen Satz den Weg in eine neue Lebensweise aufzeigen konnte.
P. Reinhard Körner OCD
„Das Gebet ist wie das Verweilen bei einem Freund…“
(Leben 8,5)
Viele Menschen haben Schwierigkeiten mit dem Gebet. Es sind vor allem Ablenkungen, der Mangel an Zeit, der Stress des Alltags... Wir können glauben, dass das erst heute so ist – in unserer schnelllebigen Zeit des Lärms, der Unruhe und der Flut von Reizen. Das stimmt nur teilweise, denn auch die Gläubigen früherer Zeiten, darunter Heilige wie Teresa von Avila, hatten ähnliche Probleme. Fast zwanzig Jahre erlebte Teresa ihr Leben als „aufgewühlte See“ (Leben 8,2). Sie litt sehr unter diesem inneren Zwiespalt und der Ablenkung im Gebet: „Über viele Jahre achtete ich sehr oft darauf, ob die Zeit des Gebets, zu dem ich verpflichtet war, nicht schnell vorbeiging, ich achtete mehr auf die Stunden als auf andere gute Dinge; und sehr oft kam mir in den Sinn, dass es keine schwerere Buße gibt, als sich zu sammeln und zu beten“ (ebd. 8,7).
Oft erhalten Menschen, die solche Schwierigkeiten beim Gebet haben, den Ratschlag: „Sie müssen sich noch mehr anstrengen und konsequenter sein! Sie sollten allen Ablenkungsmöglichkeiten aus dem Weg gehen! Sie sollten jeden Tag ein Gebet zum Heiligen Geist hinzufügen!“ Oft führt das nur zur Verstärkung der Probleme und zur Steigerung des Gefühls der Unzulänglichkeit, der Schuld und der Angst. Es ist kein Wunder, wenn jemand dann nichts mehr von Religion und Kirche, von Gebet und Frömmigkeit hören will und alles damit abschließt – und sich dann endlich frei fühlen kann. Solche Ratschläge beruhen auf der Annahme, dass Gebet in erster Linie eine Pflicht ist, die man täglich erfüllen muss. Wir können uns erneut fragen, welches Gottesbild dahintersteht! Braucht Gott wirklich unsere Gebetsleistungen? Muss er durch unsere religiösen Übungen und Opfer zur Hilfe gezwungen werden? Ist es Gott, dem wir etwas geben müssen, damit er uns dafür etwas gibt? – Wenn Menschen mit einem solchen Gott abschließen, machen sie das richtig!
Auch Teresas Vorstellung von Gott durchlief während ihres Lebens verschiedene Wandlungen. Ihre Entscheidung, ins Kloster zu gehen, war noch stark von Angst vor Gott motiviert, aber sie versuchte schon vor ihrem Eintritt ins Kloster, eine persönliche Beziehung zu Gott zu entwickeln, indem sie sich den Menschen Jesus gegenwärtig machte: „Ich versuchte, so gut ich konnte, mir unser größtes Gut und unseren Herrn ganz lebhaft vorzustellen, und das war meine Art zu beten“ (ebd. 4,7). Sie bemühte sichalso, ihr „Gottesbild“ auf Jesus zu richten, wie er in den Evangelien dargestellt wird, und fand so einen neuen Weg, zu beten und zu leben. Ihr Streben nach einer neuen Beziehung zu Gott beruhte wohl auch auf ihrer Persönlichkeit, denn sie bekennt von sich: „Gott gab mir die Gabe, sympathisch auf andere zu wirken, und so war ich bei allen beliebt“ (ebd. 2,8); mit einem fernen Gott und einer eher formalistischen Frömmigkeit kann ein solch Mensch, der Freundschaft und Zuneigung kennt, von Natur aus nichts anfangen. So kam Teresa zu der Überzeugung, dass er, „der große Gott, doch auch ein Mensch war, der sich nicht vor der Schwäche der Menschen scheut, sondern unser elendes Dasein versteht… Ich kann mit ihm sprechen, wie mit einem Freund, obwohl er doch Herr ist“ (ebd. 37,5).
Gott, der sich nicht scheut, sondern versteht! Aus diesem Wissen kann nun Teresas berühmte Definition des Gebets gut verstanden werden: „Gebet ist nach meiner Meinung nichts anderes als Verweilen bei einem Freund, mit dem wir oft und gern zusammenkommen; einfach bei ihm sein, weil wir sicher sind, dass er uns liebt“. Vor dem Angesicht und in der Nähe eines solchen Gottes spielen Ungereimtheiten und Ablenkungen keine Rolle mehr; bei ihm gibt es keinen Anlass zum Schuld- und Angstgefühl; bei einem solchen Gott kann es sogar geschehen, dass der Mensch Fehler macht und sündigt. Dann wird die Gewissheit, dass wir von ihm so angenommen und geliebt werden, wie wir sind, sicherlich mehr dazu beitragen, dass wir Fehler und Sünden vermeiden, als gut gemeinte Ratschläge zu größerer Konsequenz und Vermehrung der Gebete. Es ist kein Wunder, dass Teresa diesen Rat gibt: „Wer mit dem inneren Gebet begonnen hat, soll es nicht aufgeben, auch wenn er noch viel Schlechtes tut, denn das Gebet ist das Heilmittel, durch das er gerettet werden kann, während ohne es alles viel schlimmer ist; wer damit noch nicht begonnen hat, den bitte ich in der Liebe des Herrn, sich nicht von einem so großen Gut abzuwenden; damit geht nichts verloren, man gewinnt nur.“ (ebd. 8,5). Es ist also wichtig, in erster Linie in Freundschaft mit Gott zu leben, der Versuch, bei ihm wie bei einem Freund zu verweilen.
Hier wird dann deutlich, dass es nicht richtig ist, das Gebet hauptsächlich als Tanken oder als Ausgleich zu den vielen Ansprüchen des Alltags zu verstehen. Das wäre nicht unabsichtliches „Verweilen bei ihm einfach darum, um bei ihm zu sein“, sondern würde bereits einem bestimmten Zweck folgen. Natürlich wird unabsichtliches und ungezieltes Verweilen bei ihm auch zum Auftanken neuer Kräfte und zum Ausgleich der Pflichten im Beruf und im Alltag, aber nur das unabsichtliche und ungezielte Verweilen schützt davor, dass wir unter den Leistungsdruck geraten und aus dem Gebet nicht eine weitere Pflicht machen, die wir dann schnell als Last empfinden. Darüber hinaus ist eine solche Absichtslosigkeit Ausdruck wahrer Freundschaft; alles andere würde bedeuten, dass wir das Gebet und somit auch Gott Menschlichen Zielen unterordnen würden.
P. Ulrich Dobhan OCD
(Kernworte der Hl. Teresa von Avila (2),
Karmel-Impulse 4, II, 5–9, 1994.)
Übersetzt von Dr. Vojtěch Pola.