Wilfrid Stinissen
Was ist charakteristisch dafür?
Zunächst einmal muss sie einen religiösen Charakter haben, denn im Zentrum steht Christus. In der christlichen Meditation versuchen wir auf die eine oder andere Weise, uns Gott zu nähern. Ein Synonym für das Wort Meditation könnte also innere oder stille Gebet sein. Für den Christen ist die Meditation ein Teil eines großen Abenteuers der Liebe. Er steckt sein ganzes Leben hinein. Schließlich geht es um unsere Beziehung zum „lebendigen Gott“ (Apg 14,15) und zum „Sohn des lebendigen Gottes“ (Mt 16,16), eine Beziehung, die aus Aktion und Reaktion, Ansprache und Antwort besteht. Nichts ist so lebendig wie das christliche Gebet, gerade weil es ein Symbol der Offenheit gegenüber dem Leben selbst ist (Joh 14,6). Dass christliche Meditation das Leben selbst ist, bedeutet auch, dass es einen inneren Zusammenhang zwischen Meditation und Handeln gibt. Meditation beeinflusst unser Handeln und unser Handeln beeinflusst die Meditation.
Wer versucht, sein Leben nicht mit der Botschaft der Liebe des Evangeliums in Einklang zu bringen, kann nicht erwarten, dass er in der Meditation weit kommt. Ebenso wie die Ethik des Evangeliums ohne Mystik nicht funktioniert, so funktioniert Mystik auch nicht ohne Ethik. In der Christenheit ist die Meditation nicht der letzte Schritt. Meditieren bedeutet nicht, glücklich im Ozean der göttlichen Liebe zu versinken. Meditieren heißt, sich dem Heiligen Geist zu öffnen und sich von ihm erfüllen zu lassen, meditieren ist, sich dem Einfluss Gottes selbst auszusetzen und zum Handeln gedrängt zu werden. Wer meditiert, erlebt bereits jetzt die Kraft Gottes, erkennt jedoch schmerzhafter, dass das Reich Gottes noch sehr weit entfernt ist. Wer Frieden erfahren hat, kann den Krieg in der Welt nicht ertragen. Wer in seinem Inneren merkt, dass die ganze Welt zur Einheit geschaffen wurde, kann nicht anders, als sich gegen die Zersplitterung der Welt und die Verwirrung der Menschheit zu stellen. Die Erfahrung Gottes gibt einen vertieften Einblick in den Zustand, in dem sich die Welt befindet, und den Willen, eine Komponente der Kraft zu sein, die die Welt in Richtung zum Reich Gottes führen kann.
Wenn die Meditation zu einem bloßen Eintauchen ins Absolute wird – und Gott ist das Absolute –, könnte sie selbstzweckhaft und passiv werden. Wenn wir jedoch Gott gleichzeitig als selbstbewusste Liebe verstehen und uns bei der Meditation mit dieser Liebe identifizieren, dann strömt der Wille zur Tat, zum aktiven Beitrag, in uns ein – weg von Passivität und Egoismus. Der Teilnehmer an der christlichen Meditation ist also daran interessiert, sich Gott zu nähern. Dieses Interesse ist nicht nur passiv, sondern kühn aktiv, denn wir glauben, dass Gott sich um den Menschen kümmert. In der Bibel lesen wir von dem Menschen, der Gott sucht, aber noch mehr von Gott, der den Menschen sucht. Deshalb können wir die Haltung des Menschen gegenüber Gott als Antwort auf Gottes Ansprache charakterisieren. Bei der Meditation spielt nicht nur der Geist, sondern auch der Körper eine wichtige Rolle. Die Zeiten, in denen der Körper als unwürdiger, von Missetaten durchdrungener vergänglicher Teil der Seele betrachtet wurde, sind vorbei. Beeinflusst von der Philosophie hat die Theologie schließlich auch einen Weg zurück zur ursprünglichen Sichtweise der Bibel und des Christentums auf den Menschen als Ganzes gefunden. Gott hat die menschliche Natur angenommen, also auch den körperlichen Rahmen des Menschen.
Jesus hatte einen wirklichen Körper und nicht nur einen scheinbaren, er war ein Mensch aus Fleisch und Blut, ein Mensch, der geboren wurde, lebte und starb wie andere Menschen. Das Ideal des christlichen Menschen ist es nicht, ein Engel zu sein, sondern das zu sein, was Jesus war: wahrer Gott und wahrer Mensch.
Im Gegensatz zu Tieren steht der Mensch aufrecht: Homo erectus. Er verbindet Himmel und Erde. Er ist an die Erde gebunden, denn er geht auf ihr und steht auf ihr. Gleichzeitig aber richtet er sich zum Himmel, wendet sich Gott zu. Die Aufgabe des Menschen ist es, sein ganzes Leben lang diese beiden Kräfte, Himmel und Erde, im Gleichgewicht zu halten. Eine eigentlich paradoxe Aufgabe: der Mensch steht angespannt zwischen Himmel und Erde und soll sich zwischen diesen beiden Polen zuhause fühlen. Deshalb ist das Bewusstsein des eigenen Körpers bei der Meditation sehr wichtig. Ob wir wollen oder nicht, unser Körper ist dabei, wenn wir meditieren, und hilft uns, innere Einkehr zu erreichen. Man kann hier von der geistlichen und körperlichen Seite einer und derselben Aktivität sprechen. Wenn wir gemeinsam ein Opfer an Gott bringen, stehen wir. Wenn wir uns demütigen und unsere Schuld reuevoll eingestehen wollen, knien wir uns nieder und machen uns vor Gott so klein wie möglich. Wenn wir uns jedoch der Meditation widmen wollen, die eine Pause inmitten des alltäglichen Trubels ist, tun wir dies im Sitzen. Wenn wir bei der Meditation sitzen, müssen wir dies unbeweglich und in einer ruhigen Umgebung tun. Äußerer und innerer Frieden gehören zusammen. Es ist kein Zufall, dass auch Teresa von Avila die erste Stufe auf dem Weg zur Mystik „das Gebet des Friedens“ nennt; in diesem Gebet erreichen wir Ruhe, äußere wie innere.
Eine häufige Frage ist, wie lange und wann wir meditieren sollten. Zwanzig Minuten gelten als die minimale Zeitspanne. In kürzerer Zeit als zwanzig Minuten können wir in der Regel keinen tiefen inneren Frieden erreichen. Jahrhundertealte Erfahrung – nicht nur klösterliche – zeigt, dass es für den Menschen am besten ist, den natürlichen Rhythmus zu respektieren und früh am Morgen aufzustehen (vorausgesetzt, dass wir nicht zu spät am Abend zu Bett gegangen sind). Den Tag mit einem Moment des Gebets zu beginnen, ist ebenfalls alte klösterliche Weisheit. Die Arbeit wird uns leichter von der Hand gehen und wir werden eine bessere Haltung ihr gegenüber haben, wenn wir uns der Meditation vor ihrer Aufnahme gewidmet haben. Und vielleicht wird der Zeitpunkt kommen, an dem wir feststellen, dass unser Bedürfnis nach Meditation so groß ist, dass wir uns dafür nicht nur morgens, sondern auch abends Zeit nehmen können. Ideal ist es, sich auch eine kleine Ecke zu suchen, in die wir uns nur zum Gebet und zur Meditation zurückziehen. Hängen wir dort ein Ikone oder ein Kreuz auf, auf das wir während der Meditation unseren Blick ruhen lassen können.
Vor Beginn der Meditation ist es wichtig, nicht nur die richtige Körperhaltung einzunehmen, sondern auch ruhig zu atmen und alle innere und äußere Anspannung zu lösen. Nur so können wir uns Gott richtig öffnen und uns ihm überlassen. Im Orden der Karmeliten ist das wichtigste Prinzip „sequi flantem Spiritum Sanctum“ (sich dem Geleiten des Heiligen Geistes zu unterwerfen), denn es ist der Heilige Geist selbst, der letztendlich entscheidet, wie wir meditieren sollen.
Einige Meditationen
„In deine Hände übergebe ich meinen Geist.“
„Jesus rief laut und sprach: ‚Vater, in deine Hände übergebe ich meinen Geist.‘ Und als er das gesagt hatte, verschied er“ (Lk 23,46).
Seit Jahrhunderten verwendet die Kirche diese Worte beim Abendgebet in dem Bewusstsein, dass wir jeden Abend die Möglichkeit haben, einen kleinen Tod zu erleben. In den Schlaf zu fallen bedeutet, alles von sich abzulegen, sich radikal von seiner Arbeit und seinen Plänen zu trennen, ja, sogar sein Bewusstsein aufzugeben. Bewusst stirbst du dem Leben und übergibst dich vertrauensvoll der Liebe.
„Der jüngste Sohn des Rabbi Sussja sprach: ‚Die Gerechten müssen immer wieder ihr eigenes Leben abwerfen, um einen neuen Geist empfangen zu können und um immer wieder von neuem erleuchtet zu werden. Dies ist das Geheimnis des Schlafes‘“ (Martin Buber: Die Erzählungen der Chassidim, deutsch Chassidische Erzählungen).
Schlaf und Tod sind nahe Verwandte. Von einem Menschen, der gestorben ist, sagen wir, dass er entschlafen ist, und von der verstorbenen Tochter des Jairus sagt Jesus, dass sie schläft (Mk 5,39). Unser jeden Abend kleiner Tod ist Vorbereitung auf den großen Tod. Wenn du jeden Abend vertrauensvoll dein Leben in die Hände des himmlischen Vaters übergibst, wird es dir nicht schwer fallen zu gehen, wenn der Moment kommt, in dem es heißt: „Geh zu dem Vater“ (Joh 14,12).
In deiner Abendmeditation lernst du, einzuschlafen und zu sterben. Während du atmest, wiederholst du ständig: „In deine Hände übergebe ich meinen Geist.“ Oder du teilst den Satz in das Einatmen („in deine Hände“) und das Ausatmen („übergebe ich meinen Geist“). Dabei erkennst du immer mehr die Schönheit der Nacht: „Oh Nacht, spricht Gott, oh Nacht, meine Tochter ... du ehrst mich im Schlaf viel mehr, als dein Bruder mich am Tag in seiner Arbeit ehrt. Denn in seiner Arbeit ehrt der Mensch mich nicht anders als durch seine Arbeit. Aber im Schlaf werde ich verehrt, indem der Mensch sich mir übergibt“ (Charles Péguy: Portal zum Geheimnis der Hoffnung).
Seine Namen zählen
Du hast deine meditierende Position eingenommen und atmest ruhig. Nicht zu tief: alles, was Gewalt ähnelt, stört das wahre Leben. Du atmest aus und ein und tust dies ganz bewusst. Nach einer Weile beginnst du, deine Ein- und Ausatmungen zu zählen. Beim Einatmen denkst du an die Zahl eins, beim Ausatmen lässt du sie tief in dein Inneres sinken, bis in den Bereich des Bauchnabels. Dort hältst du sie während der Pause zwischen Ein- und Ausatmen. Dann atmest du wieder ein und denkst an die Zahl zwei. So machst du weiter bis zehn.
Nach der ersten Serie beginnst du wieder von vorn und zählst erneut bis zehn. Vielleicht wird dann noch eine Serie folgen. Wenn du möchtest, kannst du dir eine Hilfe in Form einer Rosenkranzkette nehmen. Nicht um deine Leistung für dein eigenes Wohl zu steigern, sondern weil diese kleine Aktivität des Gleiten der Finger über die Perlen des Rosenkranzes verhindern kann, dass du in Tagträume abgleitest. Du kannst dich nur schwer dem Drängen unangemessener Gedanken entziehen und der Neugierde, wie weit du im Zählen gekommen bist. Mach dir darüber keine Sorgen und zähle weiter. Wichtig ist, dass du während des gesamten Prozesses dir deines Atems bewusst bleibst. Schließlich, anstatt die Zahlen zu zählen, wiederhole die Worte „Jesus“ oder „Vater“. Mit jedem Atemzug verankerst du dich tiefer und tiefer in ihm. Du wusstest schon vorher, dass die Nabelschnur, die dich mit ihm verbindet, nie durchtrennt wurde. Jetzt ist dies jedoch aus einem Bewusstsein zu einer lebendigen Realität geworden. Du wirst wieder zum Kind, das, wie der Sohn, im Schoß des Vaters ruhen darf (Joh 1,18). Du beobachtest, wie Arme aus deinem Inneren wachsen, die sich ihm öffnen und ihm entgegenstrecken. Wenn du deine Meditation beendest, wirst du dir bewusst sein, dass der Vater für immer bei dir bleibt und dass du ein kleiner Mensch bist, der für einen Moment im Licht Gottes scheinen durfte und jetzt neu geboren ist.
Offene Hände
Nach einer alten Definition ist der Mensch „ratio et manus“ (Verstand und Hände). Mit seinem Verstand plant der Mensch und mit seinen Händen verwirklicht er, was er geplant hat. Deine Hände sind ein flexibles Werkzeug, das dazu bestimmt ist, der Welt zu dienen und auch Gott zu dienen. Das Erscheinungsbild deiner Hände verrät, wie du der Welt dienst. Sind es die harten Hände eines Arbeiters oder die zarten, empfindsamen Hände eines Chirurgen? Deine Hände sind auch dazu da, Gott zu dienen. In deinen Händen gibst du dich selbst Gott hin, damit Gott in dir sein Werk vollbringen kann. „Ich trage meine Seele stets offen“ (Ps 119,109).
Lege deine Hände auseinander, Handflächen nach oben, die Finger zeigen in die entgegengesetzte Richtung, der Handrücken der linken Hand ruht auf der Handfläche der rechten. Die Daumen beider Hände berühren sich. Lass deine Hände auf deinen Knien ruhen. So drückst du aus, was du vor Gott sein möchtest: ein weit geöffnetes Gefäß, in das Gott seine Liebe gießen kann. Leere Hände sind immer freie Hände, bereit zu empfangen. Wenn du deine Hände im Gebet öffnest, drückst du dabei deine innere Haltung aus: Ich möchte selbst nichts anregen oder ändern, ich bin voll und ganz dir, Herr, zur Verfügung! Du trittst vor Gott mit leeren Händen und lässt ihn diesen Becher füllen. Johannes vom Kreuz spricht von der „fast unbegrenzten Kapazität“ der Seele. Deine offenen Hände sind ein Symbol für das Verlangen deines Inneren nach Gott: Komm, Gott, komm! Du musst Gott nicht immer wieder versichern, wie zugänglich du ihm sein möchtest. Alles, was du tun musst, ist, dich auf deine offenen Hände zu konzentrieren. Erlebe sie voll! Du kannst nicht anders, als das Kribbeln des Lebens in jedem Muskel, in jedem Fingerglied zu spüren. Die Offenheit deiner Hände soll dein ganzes Wesen durchdringen.
Er hat deine geballten Fäuste geöffnet und sie zu einem Gefäß gemacht, in das er seine Gnade ausgießt.
Strom des Friedens
„Siehe, ich will Frieden auf Jerusalem senden, Frieden wie einen Strom des Flusses“ (Jes 66,12). Unser Gott ist der Gott des Friedens (1 Kor 14,33). Er gießt seinen Frieden auf dich aus, nicht nur auf deine Seele, sondern auch auf deinen Körper. Sein Frieden ist wie „kostbares Öl auf dem Kopf, das in den Bart fließt ... über den Saum des Gewandes“ (Ps 133,2). Nimm wahr, wie dieses heilige Öl langsam, langsam über deinen Kopf, deine Schultern und Arme, hinunter über deine Brust und deinen Bauch, über deine Beine bis zu deinen Füßen fließt. Lass Gottes Balsam keine Stelle deines Körpers auslassen. Spüre, wie dein Körper, je mehr er mit Gottes Frieden in Kontakt kommt, Spannungen löst. Der Körper hat sich inzwischen dem Widerstand ergeben. Alles, was krampfhaft verschlossen war, öffnet sich; was hart war, wird weich. Du spürst, dass der Frieden allmählich den befreiten Körper bis in dein Inneres durchdringt. Gott gießt Balsam in deinen Körper und in deine Seele – einen Balsam, der kühlt, reinigt und tröstet.
Dann wirst du Gott Frieden noch einmal durch deine ganze Existenz strömen lassen, und vielleicht noch einmal. So lange, bis du sagen kannst: „Ich habe meine Seele beruhigt und still gemacht; wie ein abgesetztes Kind in den Armen seiner Mutter ... so ist meine Seele in mir“ (Ps 131,2). Gott hat etwas von seinem ewigen Frieden in dich hineingegossen.
Unzweifelhaft werden Gedanken und Sorgen aufkommen. Die Arbeit, die du beiseitegeschoben hast, klopft an die Türen deines Gedächtnisses und deiner Fantasie. Versuche nicht, die Gedanken gewaltsam abzuschütteln, sondern widersetze dich jeglicher Diskussion mit ihnen. Tauche stattdessen wieder in Gottes Frieden ein. Vielleicht hilft es dir, wenn du nach jeder solchen Störung leise wiederholst: „Kehre in deinen Frieden zurück, meine Seele, denn der HERR hat dir wohl getan“ (Ps 116,7).
Mach oft ein reinigendes Bad im Frieden Gottes! Ohne Angst, dass es ein bloßes Entkommen aus der Realität ist. Im Gegenteil, du wirst tiefer in die wahre Realität eindringen, und es wird dir leichter fallen, die Wahrheit von der Lüge zu unterscheiden, das Wesentliche von den nebensächlichen Dingen.
„Der Frieden Gottes, der allen Verstand übersteigt, wird eure Herzen und Gedanken in Christus Jesus bewahren“ (Phil 4,7).
(Beispiel aus dem Buch über christliche Meditation,
übersetzt von Prof. Dagmar Chvojková)