Sich dem göttlichen Licht auszusetzen bedeutet, bewusst der Realität entgegenzugehen, dass bei klarem Tageslicht all unsere Fehler und Niedrigkeiten zutage treten. Zunächst werden sie anderen offensichtlich sein, und im Laufe der Zeit, je klarer das Licht wird, wird es auch die betroffene Person erkennen. Zuerst entdecken wir die Mittelmäßigkeit bei anderen, und erst danach bei uns selbst. Dieses Risiko gehen wir immer ein, wenn wir nach Höherem streben. Wir leiden dann umso intensiver, weil wir das Gefühl haben, dass wir uns immer weiter von unserem Ziel entfernen. (…) Die Enthüllung der Mittelmäßigkeit bei anderen und schließlich auch bei uns selbst ist ein Weg zum Licht, der immer verwirrender wird. Heiligkeit, Vollkommenheit, Tugenden: all diese Begriffe, die wir unbeabsichtigt als Abbild des Absoluten in uns interpretieren, verschwinden langsam irgendwohin. Alles, was aus mir den Mittelpunkt von allem machen könnte, irgendein autonomer kristallisierender Kern, muss verschwinden, damit ich dem auferstandenen Christus ähneln kann. Es wird nichts mehr bleiben, nur die Beziehung zum Vater, frei von jeglichem geschaffenen Reichtum: nur reine Beziehung.
(Paroles de chartreux, Cerf 1987)