Wüste der entblößten Glaubens und entblößten Liebe

Das Buch der ersten Mönche

»Das Buch der ersten Mönche« wurde wahrscheinlich zwischen 1380 und 1390 von Felip Ribot, dem katalanischen Provinzial, in Latein veröffentlicht. Ribot stützte sich auf eine Sammlung älterer Texte und erzählte eigentlich die Geschichte des Karmeliterordens von Elias bis zur Ansiedlung in Europa neu. Um seiner Erzählung Glaubwürdigkeit zu verleihen, datierte er diese Schrift ins frühe 5. Jahrhundert: angeblich verfasste sie der patriarch von Jerusalem Johannes XXII. im Jahr 420 und widmete sie einem gewissen Mönch Caprasius.

Seit dem 14. Jahrhundert haben die Karmeliten Elias als den Gründer des Ordens angesehen. Auch »Das Buch der ersten Mönche« beruht auf dieser Annahme. Obwohl der Orden zu dieser Zeit bereits zu den Mendikanten (Bettlerorden) gehörte, blieb er sich stets seiner eremitischen Spiritualität bewusst. Die Verehrung des Anachoreten (Eremiten) Elias als »Vater des Ordens« vertiefte im Leben der Brüder Themen wie »Wüste«, »Einsamkeit« und »Entbehrung«. Die Karmeliten hatten zwar längst die tatsächliche Wüste ihrer Herkunft verlassen, aber sie entdeckten die »geistliche Wüste« in ihrem Herzen: die Wüste des nackten Glaubens und der nackten Liebe. Das kontemplative Leben war für sie ein Prozess des immer tieferen und umfassenderen »Selbstverzichts«: von eigenen Interessen und Bedürfnissen entleert, wurden sie offen und frei für die bedingungslose, selbstlose Liebe; die Wüste erwies sich als Raum, in dem Gott geboren werden kann.

Übe dich in meinen Geboten und Ratschlägen. Vertreibe nicht nur unreine Gedanken und selbstsüchtige Wünsche, die meiner Liebe im Wege stehen, sondern meide alles, was deine Liebe zu mir schwächen und dämpfen könnte. Sei achtsam auf das, was deine Liebe zu mir stärkt und dir hilft, mich mit vollkommener grenzenloser Liebe zu lieben. Sobald du dich in dieser Weise innig mit mir vereinigst, sobald in dir kein Verlangen mehr auftaucht, das dieser Liebe nicht entspricht oder sie behindert, dann wirst du mich von ganzem Herzen lieben und verborgen sein in Kerit (1), in der Liebe.

All dies wird dein Herz mit so großem Frieden erfüllen und es mit mir auf eine Weise verbinden, dass in meiner Liebe dir nichts im Wege stehen wird. Dein Herz wird ganz in meiner Liebe ruhen. Ein solches Herz ist rein von jeder Sünde und ist verborgen in Kerit, in der Liebe, wie der Weise sagt: »Die Liebe deckt alle Übertretungen zu« (Spr 10,12b).

Wenn du dieses Ziel des prophetischen eremitischen Lebens erreicht hast und in Kerit, in der Liebe verborgen bist, dann wirst du aus dem Bach trinken. In so vollkommener Einheit mit mir werde ich dir und deinen Gefährten zu trinken geben aus der Quelle, von der der Prophet sprach: »Aus dem Bach deiner Wonnen gibst du ihnen zu trinken« (Ps 36,9).

Gott wird dir anstelle des Landes, anstelle dessen, was die Menschen schätzen, anstelle des Reichtums, den du aufgegeben hast, Feuersteine geben, das heißt eine starke, glühende Liebe. Feuersteine sind harte Steine, aus denen das Feuer geschlagen wird. Sie sind das Bild der vollkommenen Liebe, von der der Weise sagt: »Stark wie der Tod ist die Liebe, unerbittlich wie das Grab ist die Eifersucht der Liebe. Ihr Glühen – das Glühen des Feuers, der Flammen des Herrn« (Hld 8,6).

Als Lohn für die Feuersteine, für die starke und vollkommene Liebe, in der du dich geübt hast, wird Gott dir »goldene Ströme«, unbeschreibliche, süße geistliche Freuden geben. Darüber sagt die Schrift: »Was Auge nicht gesehen und Ohr nicht gehört hat, was auch keinem Menschen in den Sinn gekommen ist, das hat Gott für die vorbereitet, die ihn lieben« (1 Kor 2,9; vgl. Jes 64,3; vgl. 65,17). Diese Freuden werden Ströme genannt, weil sie den Geist des Propheten mächtig überflutet haben wie ein reißender Fluss: »Die Quelle der Weisheit ist wie ein mächtiger, reißender Strom« (vgl. Spr 18,4).

Dennoch, wie der Bach schnell unter der Hitze der Sonne austrocknet, so trocknen auch diese Freuden im Inneren des Propheten aus, sobald darin irgendein selbstsüchtiges Verlangen auftaucht. Diese Freuden sind in der Tat goldene Ströme, sie strahlen in der Hitze der göttlichen Liebe, aus der sie zum Propheten geflossen sind; sie scheinen das klare Wissen Gottes zu leuchten, das auf geheimnisvolle Weise dem Menschen-Propheten verliehen wird, wie der Herr sagt: »Wer mich liebt, den wird mein Vater lieben, und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren« (vgl. Joh 14,21).

(1) Der Autor spielt auf die Ähnlichkeit des Namens des Baches »Kerit« (lateinisch karith) und des lateinischen Wortes »caritas« (Liebe) an.

Entnommen aus dem Buch: Tanz der göttlichen Liebe
Herausgegeben von: Elisabeth Hense, T.OCarm.
Verlegt bei: Herder, 1991
Übersetzt von: Norbert Žuška, OCarm.

Weitere Texte aus dem Buch der ersten Mönche

Aus dem karmelitischen Proprium: bl. Angelus Augustinus Mazzinghi, Hl. Prophet Elias