Kardinal Albert Florent Augustin Decourtray
Sinn für echtes christliches Gebet
Der dritte Hauptgedanke von Elisabeths Botschaft, dessen Aktualität in der heutigen Zeit der „Rückkehr des Göttlichen“, des religiösen Aufruhrs und der sogenannten charismatischen Erneuerung offensichtlich ist, lautet: Sinn für echtes christliches Gebet.
Menschen suchen heute Lehrer des inneren Lebens und glauben oft, sie würden sie in nichtchristlichen Religionen finden. Doch hier ist eine unserer Lehrmeisterinnen, die lehrt, in der Nähe Gottes zu leben, in seiner Gegenwart – des Vaters, der uns niemals verlässt. „Die Dreifaltigkeit, das ist unser Zuhause, unser ‚zu Hause‘, das Elternhaus, aus dem wir niemals gehen sollten“ (NV 2). Im Gegensatz zu so vielen fad gewordenen Gurus erinnert uns Elisabeth von der Heiligsten Dreifaltigkeit daran, dass innere Stille keine Leere, sondern die Begegnung mit dem lebendigen Gott ist, der in uns ist, uns sein Leben der Liebe offenbart und uns in das intime Leben der Drei einführt.
Unsere Welt, die nach einem ‚Zuschuss zur Seele‘ verlangt, findet bei dieser mystischen Frau des Glaubens eine reiche Lebensquelle. Elisabeth erzählt von dem, was sie in Gott erlebt und was Gott in ihr erfährt. Daher wünschen wir uns, dass viele Christen sich in ihre Schule begeben. Ihre Schriften, die immer einfach, konkret, aufrichtig und nah an ihrer Erfahrung sind, sind so durchdrungen vom Bewusstsein der göttlichen Gegenwart, dass wir sie nicht lesen können, ohne tief berührt zu werden und ohne uns wenigstens kurz zu beten. Sie vertiefen das Verlangen, dem zu begegnen, der ihr Leben erfüllt hat. Sie öffnen den Weg zum echten persönlichen Gebet.
Hören wir uns noch ihr Zeugnis und ihre Ratschläge an. Über Gott schreibt sie: „Ich fühle ihn so lebendig in meiner Seele, es genügt, dass ich mich sammle, und ich finde ihn in mir, und darin liegt mein ganzes Glück. Er hat in mein Herz die Sehnsucht nach dem Unendlichen und das große Bedürfnis zu lieben gelegt, das nur er stillen kann: und so gehe ich zu ihm, wie ein Kind zu seiner Mutter, damit er alles erfüllt, überflutet und mich nimmt und in seinem Schoß trägt; es scheint mir, dass man mit Gott so einfach sein muss!“ (D 169.)
Ihr Gebet ist ganz durchtränkt von der Erfahrung, dass Jesu Geist in uns wohnt, der unaufhörlich für uns eintritt (Röm 8): „Es scheint mir, dass mein Gebet allmächtig ist, denn nicht ich bete, sondern Christus in mir“ (D 105). „Es ist so einfach, der göttliche Anbeter ist in uns, so haben wir sein Gebet, lasst es uns anbieten, uns ihm anschließen, mit seiner Seele beten!“ (D 179.) „Der Heilige Geist in dir schafft den Himmel“ (D 239).
Doch dieser Glaube der geistlichen Tochter Johannes vom Kreuz beruht auf Vertrauen: „Am Karmel lebt man aus dem Glauben. Wie der Vorstellung und den Gefühlen ...“ (D 323).
„Leben wir mit Gott wie mit einem Freund,“ schreibt sie an eine verheiratete Frau, „beleben wir unseren Glauben, um uns in allem mit ihm zu verbinden. (...) Unser Himmel tragen wir in uns, denn der, der die Seligen im ewigen Licht sättigt, gibt sich uns im Glauben und im Geheimnis, er ist derselbe. Es scheint mir, dass ich meinen Himmel auf Erden gefunden habe, denn der Himmel, das ist Gott, und Gott ist in meiner Seele. An dem Tag, an dem ich dies verstand, wurde alles in mir klar, und ich möchte dieses Geheimnis allen, die ich liebe, zuflüstern, damit auch sie sich in allem an Gott halten, damit das Gebet Jesu erfüllt wird: ‚Vater, dass sie eins seien‘“ (D 122).
Kern ihres Gebets beschreibt uns Elisabeth als liebevolle Gemeinschaft mit der Heiligsten Dreifaltigkeit, die in uns ist. An ein Mädchen schreibt sie: „Beten ist die Erhebung der Seele zu Gott durch alles, es schafft in uns gewissermaßen eine Art ständiger Gemeinschaft mit der Heiligsten Dreifaltigkeit, ganz einfach, indem wir alles unter seinem Blick tun, (...) wir treten in unser tiefstes Inneres ein, dort, wo der Vater, der Sohn und der Heilige Geist wohnen ...“ (D 252).
Sie ist sich der Gegenwart der rettenden Liebe bewusst, der ersten, umsonst gegebenen, achtsamen, und lässt sich treu lieben: „Ich fühle so viel Liebe in meiner Seele. (...) Er ist in mir, ich bin in ihm, ich muss nichts anderes tun als ihn zu lieben und mich lieben zu lassen, und das ununterbrochen, durch jede Sache: in der Liebe aufwachen, sich in der Liebe bewegen, in der Liebe einschlafen, die Seele in seiner Seele, das Herz in seinem Herzen, die Augen in seinen Augen zu haben, damit er mich durch seine Berührung reinigt und aus meiner Elendigkeit befreit“ (D 177).
Sie rät einem weiteren Mädchen in der Welt, sich (wie die heilige Katharina von Siena) einen (mönchischen) Raum in ihrem Herzen zu schaffen und sich immer wieder für einige Augenblicke zu ihm im Gebet zurückzuziehen: „Baue dir wie ich eine kleine Zelle in deiner Seele, denke daran, dass der Herr dort ist, und gehe manchmal hinein. Wenn du gereizt und unglücklich bist, eile schnell dorthin und vertraue alles dem Herrn an. Wenn du das Gebet ein wenig kennst, würde es dich nicht langweilen, es scheint mir, dass es eine Ruhe, eine Erfrischung ist: Man kommt einfach zu dem, den man liebt, hält sich an ihn wie ein kleines Kind im Schoß der Mutter und lässt sein Herz wirken. (...) Wenn du wüsstest, wie wunderbar er das versteht“ (D 123).
Ihr eigener Mutter rät Elisabeth, jeden Tag ein wenig Zeit für Gott zu reservieren und „dreimal fünf Minuten zu beten“: „Denke daran, dass du mit ihm bist, und handle mit ihm wie mit einem Wesen, das du liebst; es ist so einfach, du brauchst dafür keine schönen Gedanken, sondern musst dein Herz ausschütten; (...) wenn es für dich besser ist, zu denken, dass der Herr Gott mehr bei dir als in dir ist, tue, wie du fühlst, damit du mit ihm lebst“ (D 273).
Auf den Wunsch, den Jesus an jeden Christen am Vorabend seines Todes äußerte: „Bleibt in mir“ (Joh 15,4), antwortete Elisabeth mit ihrem ganzen Herzen. Sie schreibt: „Bleibt in mir. Dieses Gebot gibt uns das Wort Gottes, es drückt diesen Willen aus. Bleibt in mir, nicht nur für einige Augenblicke, einige Stunden, die vorübergehen, sondern bleibt ... ununterbrochen, ohne Unterbrechung. Bleibt in mir, betet in mir, betet an mir, liebt in mir, leidet in mir, arbeitet, handelt in mir. Bleibt in mir und tretet so vor jeden, dringt immer tiefer in diese Tiefe ein“ (NV 2).
Elisabeth spricht wie ein Echo der Ratschläge des Herrn Jesus und des hl. Paulus über das ständige Gebet. Sie ermutigt uns und lehrt. Sie selbst wollte nichts anderes sein als „Lob der Herrlichkeit“ Gottes – nach den Worten, mit denen der Apostel unsere Berufung beschreibt (Eph 1,12). Aber vergessen wir nicht, uns selbst zu verleugnen, uns selbst zu vergessen, wie eine solche Liebe es voraussetzt. Es gibt kein christliches Gebet, ohne dass man selbst stirbt, im Gefolge Christi in seinem großen Geheimnis. Am Ende ihres Lebens nennt sich Elisabeth oft „Hostie des Lobes der Herrlichkeit“.
Aus dem Französischen übersetzte Elisabeth Graubnerová.
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