Wilfrid Stinissen OCD
(Laut der schwedischen Zeitschrift Karmel, August 1996)
Liturgie irdisch und himmlisch
Viele von uns leiden unter dem Gefühl, dass das Leben so unbedeutend, so begrenzt, so fragmentiert ist. Wir sehnen uns nach Weite, Raum, nach großen Perspektiven. Es schmerzt uns zu erkennen, dass das Leben irgendwie zersplittert ist, dass wir oft in Belanglosigkeiten stecken bleiben, während die Realität – von der wir nur ahnen – unendlich ist. Eigentlich haben wir alle ein wenig mit Theresa von Lisieux gemeinsam und erkennen uns in ihren Worten: „Je choisis tout“ (Ich wähle alles). Wir wollen alles, das Ganze. Diese umfassende Perspektive, von der in unserer Zeit so oft gesprochen wird, ist im Grunde eine praimenschliche Perspektive. Das wusste bereits die alte Philosophie, als sie erklärte, dass der menschliche Verstand für das Sein in seiner Ganzheit geöffnet ist. Der menschliche Geist kann sich nicht mit diesem oder jenem bescheiden; er gelangt zur Ruhe, nur wenn er das Ganze versteht.
Durch die Massenmedien und deren Berichterstattung haben sich unsere Horizonte unglaublich erweitert: Statt in unserem kleinen Dorf leben wir jetzt in der großen Welt, und Nachrichten über Ereignisse auf der anderen Seite des Globus erreichen uns oft schneller als Informationen darüber, was in unserer Nachbarschaft passiert ist. Dennoch sind wir unzufrieden. Die meisten von uns ahnen, dass dies nicht das Ganze ist, dass hinter dem, was wir mit unseren Augen sehen, eine unsichtbare Realität existiert und dass diese unsichtbare Realität möglicherweise interessanter, wahrhaftiger ist als das, was wir mit unseren Sinnen erfassen können. Alle Religionen sind hierin anscheinend einig.
Der Hinduismus spricht von „Māyā“ (dieses Wort stammt aus dem Sanskrit und bedeutet Täuschung, Illusion): die brahmanische Philosophie betrachtet die Welt als Täuschung. Christen hingegen finden sich mit dieser Ansicht nicht ab und verteidigen den Charakter der Realität der Welt. Der Hinduismus behauptet jedoch nicht, dass die Welt nicht real ist, sondern weist – ähnlich wie das Christentum – darauf hin, dass die Welt, wie wir sie mit unseren Augen sehen, nur einen kleinen Teil der Realität ausmacht. Indem wir glauben, dass dieser kleine Teil das Ganze ist – oder zumindest leben wir so, als wäre es so – entfernen wir uns von der Wahrheit. Die Welt ist eine Illusion, nicht weil sie nicht real ist, sondern weil das, was wir von ihr wahrnehmen, in uns den Eindruck erweckt, dass dies die ganze Realität ist.
Die sichtbare, konkrete Realität selbst ist jedoch kein Hindernis oder Schleier, der das Unsichtbare verbergt. Für den, der im Inneren lebt, wird das Sichtbare zur Offenbarung des Unsichtbaren und zur Brücke zu ihm. Je reiner die Beziehung des Menschen zur Schöpfung ist, desto „durchsichtiger“ ist für ihn die Schöpfung. Johannes vom Kreuz bringt diese wichtige Wahrheit mit den Worten zum Ausdruck: „Dem Menschen, der die Freude der Sinne nicht beherrschen kann, wird es niemals gestattet, die erhabene und beständige Freude in Gott durch die von ihm geschaffenen Wesen und das übrige Werk zu kosten ... Aber der Mensch, der bereits ein reines Herz hat, findet in allen Dingen die Erkenntnis Gottes, der erfreuend, lieblich, keusch, rein, geistlich, fröhlich und liebend ist“ (Aufstieg III, 26).
Die Ursache des Interesses so vieler Menschen an Hinduismus oder Buddhismus liegt darin, dass beide Religionen ein ausgeprägtes Gespür für die unsichtbare Realität haben, die hinter oder jenseits des Sichtbaren liegt. Dieses Gespür bietet jedoch auch das Christentum, zumindest, wenn wir darin voll und ganz leben. Und im Christentum hat diese unsichtbare Realität zudem einen konkreten Inhalt. Es handelt sich nicht um eine formlos, nebulös wirkende Realität, sondern um eine „Gesicht“, oder besser gesagt um viele Gesichter, zu denen jeder Einzelne eine persönliche Beziehung hat.
All dies zeigt sich ganz klar im täglichen Gebet der Kirche. Wenn wir es beten oder in unserem Zimmer oder gemeinsam mit einigen anderen Gläubigen singen, tun wir dies nicht als isolierte Individuen, sondern in Gemeinschaft mit der weltweiten Kirche. Eigentlich ist das Wort „weltweit“ bereits zu begrenzt. Das tägliche Gebet der Kirche beten wir mit der ganzen Kirche, auch mit der himmlischen Kirche. „Der Lobgesang, der von Ewigkeit her Gott im Himmel gesungen wird und den der Hohepriester Jesus Christus in diese Welt gebracht hat, wird in erstaunlicher Vielfalt verschiedenster Formen seit so vielen Jahrhunderten treu in der Kirche umgesetzt,“ so beginnt Paul VI. die Konstitution Laudis canticum. Und in den allgemeinen Anweisungen zum täglichen Gebet der Kirche lesen wir: „Wenn die Kirche ihr tägliches Gebet Gott Lob bringt, reiht sie sich mit ihrem Gesang in den Lobgesang ein, der in den himmlischen Wohnungen durch alle Ewigkeiten ertönt, und kostet gleichzeitig vorweg von der himmlischen Herrlichkeit, die unablässig vor dem Thron Gottes und des Lammes erklingt, wie Johannes in der Offenbarung schreibt“ (Art. 16). Wir singen zusammen mit allen Engeln und Heiligen in einem viel größeren Chor, als wir uns vorstellen können. Der himmlische Gottesdienst wird vom Apostel Johannes beschrieben. Wir sehen eine große multitude, die vor dem Thron Gottes steht, und vierundzwanzig Älteste, die ihre Krone vor dem Thron Gottes niederlegen, sich niederwerfen und Gott anbeten. Wir hören den Gesang: „... wie der zahlreich angerufene Schar es ruft – es war wie das Geräusch vieler Wasser und das mächtige Donnern der Gewitter: ‚Halleluja! Der Herr, unser Gott, der Allmächtige, hat das Reich angenommen! Lasst uns freuen, frohlocken und ihm Ehre geben, denn die Hochzeit des Lammes ist gekommen, und seine Braut hat sich bereit gemacht‘“ (Offb 19,6–7).
Christus betet in uns
Wir singen jedoch nicht nur mit allen Engeln und Heiligen, sondern auch zusammen mit Christus. Er leitet den Lobgesang, er gibt den Ton an: „Lasst uns den Vater loben!“ Als ob wir seine volle, unüberwindliche Baritonstimme hören, wie sie die cantus firmus, die Melodie, singt. Wir fügen uns seinem Gesang hinzu und gemeinsam mit ihm und in ihm loben wir den Vater. „Wir sind Glieder des Leibes Christi, und darum schließen wir uns an das Gebet, das unser Hohepriester zu Lebzeiten auf Erden begonnen hat“ (aus dem Vorwort zur schwedischen Ausgabe des täglichen Gebets der Kirche). Als Getaufte sind wir das auserwählte Geschlecht, das königliche Priestertum (1 Petr 2,9). Wir haben tatsächlich das Recht, zusammen mit dem Chor zu singen, wir sind kompetent, müssen uns nicht fürchten, dass wir falsch singen. „Kommt,“ lädt unser Hohepriester alle ein, die zögern, „lasst uns gemeinsam den Herrn loben!“
In der Biografie der heiligen Luitgard (einer Zisterzienserin, die von 1182–1246 lebte und Schutzpatronin Flanderns ist; ihre Statue verziert auch die Karlsbrücke in Prag – Anm. d. Red.) wird eine lustige Anekdote im Zusammenhang mit dem Stundengebet erzählt. Luitgard fühlte sich bedrückt über ihre Unfähigkeit, bei ihrem Gebet ihre Zerstreuung zu beherrschen. Da erschien ihr Jesus und fragte sie, warum sie so betrübt sei. „Verstehst du nicht,“ sagte er, „dass ich alle Lücken fülle und alles gebe, was fehlt?“ Das tägliche Gebet der Kirche ist eher ein Werk Christi als unseres. Wir müssen nicht verzweifeln, wenn wir es nicht so beten können, wie wir wollen. Nur eine einzige Person betet dieses Gebet vollkommen, nämlich Jesus Christus. Indem wir uns an sein Gebet beteiligen, wird auch unser Gebet Teil seiner Vollkommenheit.
Die Liebe Christi zu uns ist so groß, so absolut, dass er uns nicht anders lassen kann, als uns daran teilhaben zu lassen, was sein Leben ausmacht: den Vater zu preisen und zu loben und ihm zu danken. „Vater, ich will,“ sagt er, „dass auch die, die du mir gegeben hast, mit mir dort seien, wo ich bin“ (Joh 17,24). Jesus ist völlig mit dem Lob seines Vaters beschäftigt; er möchte, dass wir mit ihm auch darin sind. „Alles was mein ist, ist auch dein,“ sagt er uns. Er lädt uns ein, uns seinem Lobgesang anzuschließen. „Lobt mit mir den Herrn, lasst uns zusammen seinen Namen preisen!“ (Ps 34,4). „In diesem großen Werk, das Gott vollkommen verherrlicht und den Menschen heiligt,“ sagt die liturgische Konstitution, „vereint Christus immer seine geliebte Braut Kirche mit sich. Sie bittet ihren Herrn und erbringt durch ihn Ehre dem ewigen Vater“ (SC 7).
Das tägliche Gebet der Kirche ist daher das echte opus Dei im doppelten Sinne: sowohl als Werk, das der Mensch für Gott schafft (Genitiv des aktiven Objekts) als auch als Werk, das Gott selbst schafft – das Werk Gottes (Genitiv des besitzenden). Das tägliche Gebet der Kirche ist der Lobgesang, den der Sohn zum Vater erhebt. Es ist Teil des göttlichen Dialogs zwischen Vater und Sohn im Heiligen Geist. Wenn wir es beten, sind wir an diesem Dialog beteiligt. Gemeinsam mit dem Sohn sagen wir: „Du bist mein Vater, mein Gott und der Fels meines Heils“ (Ps 89,27).
Das tägliche Gebet der Kirche ist auch vox Christi ad Patrem: Christus spricht zum Vater. Christus jedoch ist niemals alleine. „Er ist das Haupt des Leibes – das ist die Kirche“ (Kol 1,18). Das Haupt kann jedoch nicht ohne den Leib sein, der Weinstock kann nicht ohne die Zweige sein. Christus singt nicht solo zu seinem Vater. „Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden, mitten in der Gemeinde – in medio ecclesiae – werde ich dich loben“ (Ps 27,23). Christus steht im Herzen der Kirche. Er schämt sich nicht, uns seine Brüder zu nennen (Hebr 2,11). Er zieht uns mit sich zum Vater, „führt uns durch sein Gebet in den Vater“. Indem wir uns mit dem Gebet Christi identifizieren, beginnen wir, Jesus immer ähnlicher zu werden. Sein Gebet wird unser Gebet, wir übernehmen seine innere Verfassung, sein „Denkweise“ (Phil 2,5). Es gilt immer mehr: Ich bete nicht mehr ich, sondern Christus betet in mir (vgl. Gal 2,20).
Wenn wir gemeinsam wachsen wollen, gibt es keinen besseren Weg, als zusammen zu beten. Indem wir zusammen mit Christus mit seinen eigenen Worten beten, sind wir eins mit ihm. Das tägliche Gebet der Kirche eröffnet uns die Möglichkeit, die Worte Jesu in unseren Mund zu nehmen. Jesus betete während seiner irdischen Existenz schließlich die Psalmen, und alles, was er jemals tat, hat Dimensionen der Ewigkeit. Wenn wir lesen: „Der Herr sprach zu mir: Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt“ (Ps 2,7), wissen wir, dass Jesus diese Worte so verstand, dass der Vater sie auf ihn bezog. Wir handeln genau wie er: Wir lassen den Vater sie uns direkt zusprechen, und so werden wir Söhne im Sohn, Kinder im Kind. Wenn ich im Psalm lese: „... dann sagte ich: ‚Siehe, ich komme; im Umschlag des Buches steht von mir geschrieben: Dein Willen, mein Gott, will ich tun, dein Gesetz ist in meinem Herzen‘“ (Ps 40,8–9), haben die Worte für mich völlig andere Gewichtung, wenn ich sie von Christus ausgesprochen höre.
Die Worte drücken nicht in erster Linie meine innere Verfassung aus, sondern die Verfassung Christi, sie öffnen mir endlose Horizonte und laden mich ein, in die Unendlichkeit einzutreten, meinen geringen Willen zu stärken, den Willen des Vaters zu tun, um in der vollkommenen Gehorsamkeit Jesu zu wachsen und zu erweitern.
In der Liturgie – obwohl wir ständig Worte aussprechen – geht es mehr um Hören als um Sprechen. Die Texte, die wir lesen, haben wir nicht selbst zusammengestellt, sondern uns werden Worte angeboten, die uns in den Mund gelegt werden. Deshalb ist es so beruhigend, einfach den liturgischen Vorschriften zu folgen, statt nach eigenem Willen zu improvisieren. Wenn die Liturgie vorgezeichneten Wegen folgen kann, wird sie mit Frieden und Stille erfüllt.
„Wer in der täglichen Gebetsliturgie der Kirche die Psalmen singt, singt sie nicht nur für sich selbst, sondern auch im Namen des ganzen Leibes Christi, ja sogar im Namen Christi selbst. Wer dies im Hinterkopf hat, wird keine Schwierigkeiten haben, wenn er beim Singen bemerkt, dass seine Herzensträume mit den Gefühlen, die der Psalm ausdrückt, nicht übereinstimmen; wenn dies der Fall ist, trifft fröhlicher Psalm auf seine triste und traurige Gemütslage oder umgekehrt. In einem rein persönlichen Gebet können wir dem zwar leicht entkommen, weil wir die Möglichkeit haben, einen Psalm auszuwählen, der mit unserer eigenen Stimmung übereinstimmt, im heiligen Offizium jedoch wird eine allgemein festgelegte Folge von Psalmen nicht privat, sondern im Namen der Kirche vorgetragen, und zwar auch dann, wenn jemand ihn vielleicht alleine betet. Wer die Psalmen im Namen der Kirche singt, hat immer einen Grund zur Freude oder Trauer, denn auch hier gilt das Wort des Apostels: ‚Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden‘ (Röm 12,15) ... (Allgemeine Anweisungen zur täglichen Gebetsliturgie der Kirche, Art. 108).
(Aus dem Schwedischen übersetzt von Prof. Dagmar Chvojková)
Bild aus dem Brevier (rechts) erstellt nach einer fotografischen Reproduktion von Jesus von Ittenbach, genannt „Messin“, weil er von Schwester Maria von der Dreifaltigkeit aus dem Karmel in Paris auf der Messinaer Straße gebracht wurde.
Als Theresia am 7. Juni 1897 dreimal fotografiert wird (links), hält sie zwei Bilder in der Hand, die ihre Spiritualität zusammenfassen: das Heilige Antlitz von Tours und das Messin-Bild. Beide Bilder wird sie immer im Blickfeld während ihrer Pflege haben.
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