Heute ist ein Tag Gottes.

P. Wilfrid Stinissen, OCD

(Auszüge aus den täglichen Betrachtungen des gleichnamigen Buches)

1. Grüne Oasen in der Welt.

Die einzige konstruktive Kraft in der Welt ist die Liebe. Ohne Liebe kann menschliches Bemühen niemals dauerhafte Ergebnisse bringen. Laut Johannes vom Kreuz bringt ein einziger Tropfen reiner Liebe der Welt mehr Nutzen als alle anderen Werke zusammen.

Deshalb ist es so wichtig, dass es Menschen gibt, die ihr ganzes Leben der Kunst widmen, sich der göttlichen Liebe zu öffnen. Andere kritisieren sie dafür und weisen darauf hin, dass sie sich dadurch von der Not in der Welt distanzieren. Doch durch eine unsichtbare Leitung verkörpern gerade diese Menschen die Offenheit der Welt gegenüber Gott. Auf der spirituellen Ebene, jedoch ganz realistisch, erhält die Welt durch sie neue Augen und Ohren, neue Antennen, die die Beziehung der Schöpfung zu Gott in den ursprünglichen Zustand zurückversetzen. Wenn sie sich vor Gott demütigen und um Vergebung bitten, sind sie nicht allein. Sie bringen die schwere Last der Sünden der Welt als Opfer zu Gott. Es sind nicht mehr Individuen, sondern universelle Brüder und Schwestern.

Einmal stellte ich Pater Voillaume, dem Gründer der Kleinen Brüder Jesu, die Frage, was er von dem Leben der Karmeliterinnen hält und ob er glaubt, dass ihr strenger Lebensstil fernab der Welt für die Kirche unserer Zeit noch von Bedeutung ist. „Es ist sehr, sehr wichtig,“ antwortete er mir, „dass solche Klöster existieren. Sie sind wie grüne Oasen in dieser großen Stadt, die man Welt nennt.“

Wer sein Leben in Hingabe an Gott lebt, fühlt sich nicht besser als andere; niemand spürt seine Kleinheit so wie derjenige, der im vollen Licht Gottes steht und sich dessen voll bewusst ist, dass er zu einem solchen Leben berufen wurde, um der Welt zu dienen.

2. Das Gebet verrät, wer du bist.

Nichts kann den Menschen so enthüllen wie die Art seines Gebets. Einige Menschen behaupten, dass man den Charakter eines Menschen aus seinen Händen ablesen kann. Möglicherweise ist das so. Noch besser lernen wir einen Menschen kennen, wenn er uns verrät, wie er betet.

Das Gebet spricht von deinem Vertrauen oder deiner Selbstgefälligkeit, von deinem Verlangen nach Gott oder von deinem Streben nach Belanglosigkeiten, von deiner Liebe oder deinem Egoismus. Dein Gebet kann zum Herzen Gottes gelangen, kann aber auch eine Mauer zwischen Gott und dir aufrichten.

Jesus erzählt von zwei Männern, die in den Tempel gingen, um zu beten (Lk 18,9–14). Das Gebet des einen „dringt bis in die Wolken“, das Gebet des anderen erhebt sich nur geringfügig über die Erdoberfläche. Der erste Mann kehrte gerechtfertigt nach Hause zurück, der zweite wurde nur noch mehr in seiner Selbstgefälligkeit bestärkt.

Der Pharisäer richtet sich scheinbar an Gott. „Gott,“ sagt er. In Wirklichkeit richtet er sich nur an sich selbst: „Ich bin nicht wie die anderen Menschen, ich faste zweimal in der Woche, ich gebe den Zehnten von all meinen Einkünften.“ Er spricht scheinbar zu Gott, hat jedoch nur seine eigenen Interessen im Blick. Er ist so mit sich selbst beschäftigt, dass in seinem Inneren für Gott überhaupt kein Platz ist.

Die Persönlichkeit des Zöllners erweckt keinen besonderen Beifall. Er ist ein gefühlloser Raubzug und hat sich auf Kosten anderer Vorteile verschafft. Doch er tritt vor Gott, wie er ist. Sein Gebet besteht einzig darin, dass er zu Gott mit all seinem Elend kommt und Gott um Hilfe bittet. Deshalb kann Gott ihm sich selbst geben.

Und das ist gerade der Kern des Gebets: Gott die Möglichkeit zu geben, das zu sein, was er ist, und Gott unser Inneres mit sich selbst zu erfüllen.

3. Dein Inneres ist unbefleckt.

Ob du dir dessen bewusst bist oder nicht, tief in deinem Inneren trägst du das Verlangen nach Gott, die Liebe zu Gott. Daher geht es in deinem spirituellen Wachstum letztlich um nichts anderes als um die Rückkehr in die Tiefe deiner Seele.

Im Zentrum deines Ichs bist du vollkommen gesund. Hier gibt es keine Sünde, du bist hier das unversehrte Bild Gottes. Deine Abkehr von Gott hat dieses Bild verletzt, nichts kann es jedoch völlig zerstören. Das Zerbrechen ist allein darauf zurückzuführen, dass du nicht vollständig in deinem Inneren lebst, in deinem Zentrum, wo alles rein und unversehrt ist.

Dein Wesen trägst du ständig bei dir. Wenn du nur ein wenig Erfahrung mit Gebet und innerer Einkehr hast, weißt du, dass du jetzt schon eine heilige Stätte in dir trägst, in der du ganz mit Gott verbunden bist. In Momenten der Gnadenfülle spürst du vielleicht sogar einen Lichtblick, der in ihr wohnt. Bisher ist es dir noch nicht gegeben, in diesem Licht endgültig zu wohnen. Doch dein spiritueller Weg ist Tag für Tag ein stetiges und immer tieferes Eindringen in das Zentrum deines Seins.

Schließlich wirst du in die Tiefe gelangen und dort Christus finden. Das sprudelnde Leben, das du in dir entdeckst, das ist das Leben Christi. Dein wahres Leben ist das Leben Christi.

Christus in deinem Inneren ist niemand anders, mit dem du sprechen und ihm zuhören kannst, der jedoch dennoch ein anderes Leben führt als du. Sein Leben ist dein Leben. Du und er seid eins, so wie die Glieder eins mit dem Kopf sind, so wie die Reben eins mit dem Weinstock sind. Das ist Jesu Herz, das in deiner Brust schlägt und dir Leben gibt.

(Übersetzt von Prof. Dagmar Chvojková)