Eucharistie und das Wachstum in der Einheit mit Gott (Teil 2)

Karmeliten-Spiritualität als Weg zu einer tieferen Erfahrung der Liturgie

Paul Menting

Zur Einheit gelangen

Liebe führt zur Einheit. So konnte Jesus sagen: „Ich und der Vater sind eins“ (Johannes 10,30). Dennoch fallen Vater und Sohn nicht einfach „in eins“. 1 Es handelt sich vielmehr um einen Prozess der Einigung zwischen beiden. Christus kehrt nach seinem Tod und seiner Auferstehung zum Vater zurück und empfängt dann den Namen, der größer ist als jeder andere Name (vgl. Philipper 2,9). Er muss beinahe den gesamten Weg der Fleischwerdung durchlaufen, unser menschliches Leben teilen, dann leiden, sterben und von den Toten auferstehen, um schließlich zur Rechten Gottes zu sitzen (vgl. Markus 16,19). Grundsätzlich ist dies ein einziger Prozess des sich-selbst- Hingebens aus Liebe: „Er gab sich selbst auf, nahm die Gestalt eines Dieners an und wurde einem Menschen ähnlich. Er erniedrigte sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz“ (Philipper 2,7–8). Über die Liebe sagt Jesus: „Es hat niemand größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde“ (Johannes 15,13). Diese uneigennützige Liebe machte ihn zum Meister der Liebe, und deshalb ist er unser Vorbild. Er sagt uns: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebe dich untereinander, wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr euch untereinander lieben“ (Johannes 13,34). Nicht nur die Apostel wurden aufgefordert, so zu lieben, wie Christus es uns an sich selbst gezeigt hat, sondern jeder ist eingeladen, ihm in dieser mystischen Liebe zu folgen. Jesus betet deshalb auch für alle, die an ihn glauben: „Die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, damit sie eins seien, wie wir eins sind: ich in ihnen und du in mir. Damit auch sie in vollkommener Einheit sein, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und sie geliebt hast, wie du mich geliebt hast“ (Johannes 17,22–23).

Die Liebe, die zum Prozess der Vereinigung führt, hat ihren Ursprung in Gott. Gott möchte alles und alle in seine Liebe hineinziehen und sie mit ihm vereinen. Die Ähnlichkeit und wachsende Übereinstimmung mit der göttlichen Liebe wirkt göttliche Schönheit, wie der Heilige Johannes vom Kreuz (1542–1591) sehr treffend beschrieben hat:2

Und so sagt (die Seele zum Geliebten) weiter: Und lasst uns in deiner Schönheit aufeinander schauen.

Das bedeutet: Lasst uns so handeln, dass wir durch diese bereits erwähnte Übung in der Liebe bis zu dem Punkt gelangen, dass wir uns in deiner Schönheit ansehen im ewigen Leben; das heißt, dass ich so weit in deiner Schönheit verwandelt werde, dass ich in Schönheit ähnlich bin und wir uns beide in deiner Schönheit sehen, wenn ich bereits deine eigene Schönheit habe; so dass, wenn einer den anderen anschaut, jeder die Schönheit des anderen sieht, da sowohl der eine als auch der andere nur deine Schönheit sein werden, wenn ich bereits in deiner Schönheit aufgehoben bin; und so werde ich dich in deiner Schönheit sehen, und du mich in deiner Schönheit, und ich werde mich in dir sehen, in deiner Schönheit, und du wirst dich in mir sehen, in deiner Schönheit; und so werde ich wie du in deiner Schönheit aussehen, und du wirst wie ich in deiner Schönheit aussehen, und meine Schönheit wird deine Schönheit sein und deine Schönheit meine Schönheit; und so werde ich durch dich in deiner Schönheit sein, und du wirst durch mich in deiner Schönheit sein, denn deine eigene Schönheit wird meine Schönheit sein; und so werden wir uns gegenseitig in deiner Schönheit sehen.

Wenn Menschen verliebt sind, heben sie oft die Schönheit des Geliebten hervor. Der Verliebte hält gewöhnlich denjenigen, mit dem ihn die Liebe verbindet, für schön und anziehend, unabhängig von den üblichen Schönheitskonventionen. Wer wirklich liebt, versteht die Worte des ersten Petrusbriefes (die ursprünglich an Frauen gerichtet sind): „Wenn ihr euch schmückt, soll es nicht das Äußere sein: dass ihr euch kunstvolle Frisuren macht, Goldschmuck anlegt und prächtige Kleider anzieht. Vielmehr soll das Herz mit unvergänglichen (Schmuck) geschmückt sein: mit Güte und Sanftmut des Geistes. Das hat vor Gott Wert!“ (1 Petrus 3,3–4.) Die wahre Schönheit des Menschen müssen wir in seinem Inneren suchen. Dieses Innere hat Gott selbst geschmückt und verschönert, schließlich hat Gott uns „nach seinem Ebenbild“ (Weisheit 2,23) geschaffen.

Diese innere Schönheit, mit der der Mensch durch die Schöpfung ausgestattet ist, kann nicht immer sofort erkannt werden. Nur die Augen des Liebenden können sie wahrnehmen. Die flüchtige Skizze, wie wir zunächst zu erscheinen scheinen, kann allmählich mehr Gestalt annehmen, wenn wir dem Blick der liebevollen Augen Gottes ausgesetzt sind, die uns immer mehr in göttliche Schönheit umwandeln. Gott kann den Menschen nur dann in seine Schönheit hineinziehen, wenn der Mensch sich als göttliches Gegenstück in die Intimität des wechselseitigen Anblicks (einander anzusehen) vertieft und sich zu einem Treffen führen lässt, bis der Funke überspringt. Dann ruft Gott in seiner unendlichen Liebe zu uns: „Wie schön bist du, meine Freundin, wie schön bist du“ (Hohelied 4,1). Und immer, wenn er uns mit seinem liebevollen Blick anblickt, werden wir tiefer in seine Liebe umgewandelt und in seiner Schönheit gekleidet. Wir werden von jeder Makel gereinigt und Gott kann uns ins Ohr flüstern: „Du bist ganz schön, meine Freundin, an dir ist kein Flecken“ (Hohelied 4,7). Gott sieht und offenbart unsere innere Schönheit durch seine Liebe.

Johannes vom Kreuz erlebte dies während seiner neunmonatigen Gefangenschaft (1577 bis 1578). Überwältigt von dieser Erfahrung verfasste er Gedichte, die davon berichten. Eines dieser Gedichte ist Das geistliche Lied, in dem er der menschlichen Seele ein Liebesduett mit Gott singen lässt. Diese Duette stehen in Sachen Atmosphäre und Wortwahl in enger Verbindung mit dem biblischen Hohelied. Zu diesem (seinem) Gedicht verfasste Johannes einen Kommentar, in dem er erklärt, wie der Mensch, der mit mystischer Erfahrung ausgestattet ist und an der göttlichen Liebe teilhat, in die Einheit gezogen wird. Denn wenn Gott sieht, dass der Mensch ihn so sehr liebt, dass die Schönheit der göttlichen Liebe, die der verliebte Mensch im Zusammentreffen mit Gott sieht, beinahe sichtbar auf seinen Augen bleibt und seinen Blick ebenso liebevoll macht, dann freut es Gott umso mehr, dass er auf den Menschen schauen kann. Denn dann sieht er seinen eigenen Reiz und seine eigene Liebe in der Liebe des Menschen, und nichts kann ihm mehr gefallen. Auch der Mensch, wenn er auf sich selbst schaut, sieht dann nicht mehr seine eigene Unzulänglichkeit, sondern die Schönheit Gottes und kann in seinem eigenen Inneren mit Gott strahlend und ohne irgendeinen Schleier zusammentreffen. Normalerweise sehen wir Gott wie in einem Spiegel und nur in Umrissen, aber wenn die Liebe vollkommen geworden ist, betrachten wir ihn von Angesicht zu Angesicht (vgl. 1 Korinther 13,12). Die Kontemplation ist dann nicht mehr das Anblicken Gottes als Gegenüber, sondern die mystische Erfahrung der Kontemplation wird zum Sehen mit Gottes Augen in siehe Blickrichtung Gottes. So sieht der Mensch sich selbst, andere, die Welt um sich herum auf die göttliche schöpferische Art und Weise, die Leben gibt und sieht, dass es schön ist.

Maria Petyt (1623–1677) beschreibt, wie sich diese Erfahrung in ihr festigte und eine gewisse Beständigkeit erlangte:3

Der Geliebte hat in mir Wohnung genommen und sich in mir einen Ort seines Ausruhens gewählt. Mein Herz ist ein Ort der Freude, an dem der Geliebte sich erfreut und Erheiterung findet. Oh, eifersüchtiger Liebhaber! Oh, von Liebe verrückter (man könnte sagen) Geliebter! Du duldest nicht einmal das geringste müßige Augenwinkern, sogleich ermahnst du mich: „Sieh mich an, bin ich nicht genug für dich? Ich sättige dich, erfreue dich und erfülle dich; ich bin ganz und gar dein und du bist ganz und gar mein.“
Meine Seele antwortet wie ein Echo, ja wie ein doppeltes Echo: Ja, mein Geliebter, ich bin ganz und gar dein und für dich und du bist ganz und gar mein und für mich ohne – Vermischung mit Geschöpfen. Dann scheint es, dass sich das Herz auf wunderbare Weise Gott öffnet und sich dehnt, sodass es fähig wird, den Geliebten aufzunehmen und sich mit ihm in klarem Wissen und unvermischter Liebe zu vereinen.

Auch Maria Petyt knüpft durch die gewählten Worte an das biblische Hohelied an, in dem die Braut über den Bräutigam sagt: „Mein Geliebter ist in seinen Garten hinabgegangen zu den Beeten der Balsamöle, um in den Gärten zu weiden und Lilien zu pflücken“ (Hohelied 6,2). In der Tradition der Liebesmystik wird die Braut als die menschliche Seele und der Bräutigam als Christus oder Gott verstanden. Die Seele ist der Ort, an dem Gott verweilen kann, so wie sich der Bräutigam in den Garten zurückziehen kann, der eine Freude für alle seine Sinne ist. Der Mensch, der Gott liebt, ist für Gott ein Ort der Freude, an dem Gott gerne verweilt: „Wer mich liebt, wird mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen.“ (Johannes 14,23). Wahre Liebe wird stabil, verankert sich, setzt sich fest und verlässt den geliebten Partner niemals. Das Bewusstsein der Untrennbarkeit ermöglicht es, sich ganz zu verschenken: „Ich bin meines Geliebten und mein Geliebter ist mein, er weidet unter den Lilien“ (Hohelied 6,3). Beide verschenken sich in äußerster Hingabe und nehmen den anderen in vollkommener Offenheit an. Beide erfreuen sich am Anderen und genügen sich gegenseitig.

Im mystischen Zusammensein zwischen Gott und Mensch geschieht es nicht so, dass Gott mit dem Menschen sich vermischt, sondern nimmt der Mensch Gott in sein Herz auf, so bedeutet dies: klares Wissen und unvermischte Liebe, d. h. Kontemplation und Liebe sind dann eine göttlich-menschliche Wirklichkeit, die den gesamten Horizont ausfüllt.

Aus dem Tschechischen übersetzt von Schwester Petra von der Auferstehung, OCD.


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