Du bist ein geliebter Mensch (Teil 1)

H. J. M. Nouwen

Seitdem du mich gebeten hast, dir und deinen Freunden etwas über das geistliche Leben zu schreiben, beschäftigt mich die Frage, ob es ein Wort gibt, das ich mir wünsche, dass es nach dem Lesen alles, was ich dir sagen möchte, in deinem Gedächtnis bleibt. Im vergangenen Jahr hat sich dieses Wort allmählich aus der Tiefe meines Herzens erhoben. Es ist das Wort „geliebt“. Da ich Christ bin, habe ich dieses wunderbare Wort zum ersten Mal in der Geschichte der Taufe von Jesus von Nazareth gehört. „Sobald Jesus aus dem Wasser trat, siehe, der Himmel öffnete sich und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabkommen und auf ihn herniedersteigen. Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: ‚Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.‘

Jahrelang habe ich diese Worte immer wieder gelesen, darüber nachgedacht und sogar Predigten und Vorträge darüber gehalten, aber erst seit unseren Gesprächen in New York hat es für mich eine Bedeutung bekommen, die weit über die Grenzen meiner eigenen religiösen Tradition hinausgeht. Viele unserer Gespräche haben mich zu der inneren Überzeugung geführt, dass diese Worte: „Du bist mein geliebter Sohn“ die tiefste Wahrheit jedes Menschen enthüllen, unabhängig davon, zu welcher speziellen Tradition er gehört.

Frede, alles, was ich dir sagen möchte, ist in der Aussage zusammengefasst: „Du bist ein geliebter Mensch.“

Wir sind gesegnet

Als geliebte Kinder Gottes sind wir gesegnet. Das Wort „Segnung“ ist in den letzten Jahren sehr wichtig für mich geworden, und du bist einer der Menschen, die mich dazu gebracht haben.

Erinnerst du dich noch, wie du mich eines Samstagmorgens in die Synagoge in New York City mitgenommen hast? Als wir dort ankamen, stellten wir fest, dass eine „Bar Mitzvah“ stattfand. Ein dreizehnjähriger Junge wurde von der Gemeinschaft in den Stand der Erwachsenen aufgenommen. Zum ersten Mal leitete er den Gottesdienst. Er las einen Abschnitt aus dem Buch Genesis vor und hatte eine kurze Ansprache darüber, wie wichtig es ist, rücksichtsvoll gegenüber seiner Umgebung zu sein. Der Rabbiner und seine Freunde bestätigten ihm das, und seine Eltern gaben ihm ihren Segen. Es war das erste Mal, dass ich eine Bar Mitzvah erlebte, und ich war tief berührt – vor allem durch den Segen der Eltern. Ich höre immer noch den Vater sagen: „Mein Sohn, egal was in deinem Leben passiert, ob du erfolgreich bist oder nicht, ob du berühmt bist oder nicht, ob du gesund bleibst oder nicht – vergiss niemals, dass deine Mutter und ich dich über alles lieben.“ Als er dies vor der ganzen Gemeinschaft aussprach und dabei mit Zuneigung auf den Jungen schaute, liefen mir die Tränen in die Augen, und ich dachte: „Was für eine Gnade, so einen Segen zu empfangen.“

Immer deutlicher wird mir, wie wir, ängstlichen, verunsicherten, unsicheren menschlichen Wesen, den Segen brauchen. Kinder brauchen den Segen ihrer Eltern, Eltern brauchen den Segen ihrer Kinder. Wir alle brauchen es, uns gegenseitig zu segnen: Lehrer und Schüler, Rabbiner und Schüler, Bischöfe und Priester, Geliebte und Freunde.

Aber lass mich vorher näher erklären, was mit dem Wort „Segen“ gemeint ist. Im Lateinischen bedeutet segnen „benedicere“. Das Wort „benedicere“, das im Reden vieler Kirchen vorkommt, bedeutet wörtlich: Gutes (bene) von jemandem zu sagen (dicere). Ich sehe darin einen tiefen Sinn. Denn ich brauche wirklich zu hören, dass gute Dinge über mich gesagt werden, und ich weiß, wie sehr auch du davon abhängig bist. Heute sprechen wir oft darüber, dass wir uns gegenseitig bestätigen müssen. Wenn wir nicht gelegentlich Bestätigung erfahren, können wir nur schlecht leben. Wenn wir jemanden segnen, bedeutet das, dass wir ihm Bestätigung in der höchsten Form schenken.

Segen ist wesentlich mehr als ein Wort des Lobes oder der Anerkennung; es ist mehr als einen Hinweis auf die Fähigkeiten oder guten Taten einer Person; es bedeutet mehr, als jemanden in ein gutes Licht zu rücken. Ein Segen über jemanden auszusprechen bedeutet, Zustimmung auszudrücken, dass diese Person geliebt ist, und dies zu bekräftigen. Darüber hinaus: Segnen schafft die Realität, über die es selbst spricht. In unserer Welt gibt es viel gegenseitige Bewunderung, aber ebenso viel gegenseitige Beurteilung. Jeder Segen geht weit über die Unterscheidung von Bewunderung oder Verurteilung, Tugenden oder Laster, guten oder schlechten Taten hinaus. Segen berührt die ursprüngliche Güte des anderen und weckt in ihm das Gefühl, geliebt zu sein.

Die Segensworte, die wir einander aussprechen, sind der Widerhall des Segens, der seit der Ewigkeit auf uns ruht. Es ist die tiefste Zustimmung zu unserem wahren Sein. Wir benötigen unaufhörlichen Segen, der uns immer wieder ausdrücklich die Wahrheit sagt, dass wir einem liebenden Gott gehören, der uns niemals verlässt, sondern uns immer wieder darauf hinweist, dass wir in jedem Schritt unseres Lebens von Liebe geleitet werden.

Übersetzt von: V. Pola

Fortsetzung in der nächsten Ausgabe.

Fortsetzung