Wer nicht vorwärtsgeht, geht rückwärts!

Diejenigen, die den Hauch des Heiligen Geistes erfasst haben, segeln selbst im Schlaf weiter.Laurentius von der Auferstehung (1614–1691)

Erinnern wir uns beide, Sie und ich, an unsere anfängliche Begeisterung. Lassen wir uns von den Beispielen und Erfahrungen dieses Ordensbruders leiten, den die Welt zwar nicht kennt, aber Gott kennt ihn, und der von Gott sehr verwöhnt ist.

Meine ehrwürdige Mutter! (1)

Ich habe die Dienste von N... in Anspruch genommen, um Ihnen die Erfahrungen eines unserer Ordensbrüder (2) mitzuteilen, die wundersame Wirkungen und ständige Hilfe beschreiben, die ihm durch (das Leben in) der Gegenwart Gottes zuteilwerden; möge uns beiden daraus Nutzen erwachsen.

Wissen Sie, nach vierzig Jahren, die er im Orden verbracht hat, liegt ihm am meisten am Herzen, ständig mit Gott zu sein, nichts zu tun, nichts zu sagen, an nichts zu denken, was Ihm missfallen könnte. Und dies aus keinem anderen Grund als aus reiner Liebe zu Ihm, denn Er verdient viel mehr.

Jetzt hat er sich so daran gewöhnt, in der Gegenwart Gottes zu leben, dass er ihre Hilfe in allen möglichen Gelegenheiten erfährt. Seit etwa dreißig Jahren erfreut sich seine Seele ständiger und manchmal so großer innerlicher Freuden, dass er – um sie zu mildern und zu verhindern, dass sie für seine Umgebung sichtbar werden – gezwungen ist, äußerlich allerlei Torheiten zu tun (3), die eher tollpatschig als fromm wirken...

Jetzt können Sie sich vorstellen, ehrwürdige Mutter, wie zufrieden und glücklich er ist. Da er in sich einen so großen Schatz verspürt, muss er sich keine Sorgen mehr machen, ob er ihn finden wird, und er muss sich nicht mehr abmühen, ihn zu suchen: dieser Schatz liegt vor ihm offen, und es bleibt ihm überlassen, sich davon zu nehmen, was er will.

Er klagt oft über unsere Blindheit und wiederholt ständig, dass es ihn sehr betrübt, wenn wir uns mit wenigem zufriedengeben. „Gott“, sagt er, „hat für uns unendliche Schätze vorbereitet; und wir begnügen uns mit einem winzigen Gefühl der Frömmigkeit, das im nächsten Moment vergeht... Wie blind wir sind, denn damit binden wir Gott die Hände und schließen uns der Fülle Seines Gnaden ab. Es ist wie mit einem Bach, den ein Mensch aufstaut und der mächtig und überreich fließt, wenn ihm der freie Durchfluss wieder gegeben wird.“

Ja, oft stauen wir diesen Bach, weil wir ihn viel zu wenig schätzen. Lassen wir ihn jetzt nicht mehr gestaut, meine liebe Mutter, gehen wir in uns, durchbrechen wir diesen Damm, helfen wir der Gnade, sich zu ergießen, holen wir die verlorene Zeit auf; vielleicht bleibt uns in diesem Leben nicht mehr viel Zeit, der Tod ist uns auf den Fersen, seien wir vorsichtig: der Mensch stirbt nur einmal!

Noch einmal! Gehen wir in uns, die Zeit drängt und wird niemals zurückkehren, jeder ist selbst für sich verantwortlich. Sie haben sich vorbereitet, sodass Sie nicht überrascht werden können: Dafür muss ich Sie loben, denn das ist unser Auftrag! Daran müssen wir ständig arbeiten, denn im geistlichen Leben gilt, dass wer nicht voranschreitet, zurückgeht. Aber die, die den Hauch des Heiligen Geistes erfasst haben, segeln selbst im Schlaf weiter. Und wenn das Boot unserer Seele vom Sturm und Wind bedroht ist, lassen wir den Herrn aufwecken, der in ihm ruht, und Er wird bald dieses Meer beruhigen...

Erinnern wir uns beide, Sie und ich, an unsere anfängliche Begeisterung. Lassen wir uns von den Beispielen und Erfahrungen dieses Ordensbruders leiten, den die Welt zwar nicht kennt, aber Gott kennt ihn, und der von Gott sehr verwöhnt ist. Ich werde für Sie beten, beten auch Sie, meine ehrwürdige Mutter, dringend für den, der (mit Ihnen) in unserem Herrn ist.

Ihr...

Paris, 1. Juni 1682

(1) Brief an eine Ordensschwester, deren Namen wir nicht kennen.
(2) Laurentius spricht von sich selbst.
(3) Wörtlich: Kindereien.

Übernommen aus dem Buch: Bruder Lorenz von der Auferstehung, Gesammelte Werke
Herausgegeben von: Sr. Ancilla Karl OCD und P. Antonio Sagardoy OCD
Verlag: CERF Paris, 1991
Übersetzt von: Norbert Žuška, OCarm.