Teresa von Los Andes
Es war Abend geworden, die Sonne versteckte sich langsam hinter den Bergen und verabschiedete sich mit ihren letzten Strahlen. Überall war Stille und Frieden.
Ein junger Troubadour ging den Weg zu der nahen Burg, um die dortige Gesellschaft zu unterhalten, und rezitierte unter dem Klang seiner Laute alte Romane, mit denen er immer allen Herren gefiel, da sie die heldenhaften Taten der Ritter jener Zeit besingen. Oder die Glut der Liebe, die in seinem Herzen brennt, wird neue, bislang ungehörte Lieder hervorbringen. Unter seiner groben Kleidung verbirgt dieser junge Mann tatsächlich eine edle Seele. Während seine Verse durch die Burg hallten, konnte ich seine erhabenen Gefühle bewundern, aber vor allem offenbarte sein Motto im strahlenden Licht: „Flügel!“. Ja, dachte ich, wenn er sich im Raum ohne Grenzen erhebt, hat er das Unendliche zum Greifen nah, und deshalb drücken die Noten seiner Lieder das Schöne, Große und Erhabene aus.
Tausende Überlegungen entstanden in meinem Geist, tausende Vorstellungen sprudelten aus meiner Fantasie. Ich sah aus der Tiefe der Abgründe einen Adler aufsteigen, der seine schwarzen Flügel im Lüfte ausbreitete. Ich sah ihn nach oben steigen, bis er zwischen den Abendröten am Horizont aus meinem Blickfeld verschwand. Noch lange beobachtete ich hoch oben die Bahn, die er genommen hatte, und beneidete ihn um seinen kraftvollen Flug. Warum, fragte ich mich, warum hat der Mensch nicht diese Gabe? Warum kriecht er auf der Erde, während der Vogel so nah am Himmel steigt, dass er, wie dieser Adler, in seiner Seele die Strahlen der Sonne beobachten kann?
Aber als ich darüber tiefer nachdachte, sagte ich mir: Hat der Mensch nicht Flügel, die tausendmal mächtiger sind?
Ach ja! Sagt mir – was erlebt man vor der Unendlichkeit des Meeres, wenn es scheint, dass es für seine Wellen keine Grenzen gibt?
Entfaltet sich nicht die Seele vor dieser erhabenen Vorstellung mit den Flügeln des Verstandes und unternimmt einen Flug bis zur Unendlichkeit, bis sie sich in der unermesslichen Größe Gottes verliert? Und erhebt sie sich nicht, wenn sie in der Schönheiten dieser Erde die höchste Schönheit erblickt? Steigt sie nicht sogar höher, wenn der Mensch dort, im Tempel Gottes, knieend betet und im geheimnisvollen Gespräch dem Allerhöchsten begegnet? Ach ja! Der Mensch, geschaffen nach dem Bilde Gottes, begabt mit einem Verstand, der nach dem Unkörperlichen strebt, das in sich alles enthält, was mit den Sinnen nicht erfasst werden kann, und mit einem Willen, der in seinen unendlichen Sehnsüchten nur in Gott selbst ruht (und darüber hinaus durch Gnade in die übernatürliche Ordnung erhoben ist), hat Flügel, die unvergleichlich mächtiger sind als jener Seeadler, Herrscher des Raumes. Glücklicher Mensch, der sie entfalten kann und stets über seiner eigenen Atmosphäre lebt! Glückliche Seele, die von dort frei wie eine Königin auf die Kleinheiten des Lebens blickt; sie wird sie leichter sehen, von dem scheinbaren Wohlstand befreit, der die fasziniert, die sie aus ihrer eigenen Höhe betrachten!
Flügel! Ach, schönes und tiefes Motto! Gebt Gestalt unserem Leben, seid unser Zeichen, so wie ihr im Mittelalter Zeichen jenes edlen Mannes wart. Seine Seele lebte ständig in Höhen der Pracht und des Ideals, als er nach der unaussprechlichen Schönheit für seine Lieder suchte.
(Übersetzt von Schwester Zdislava OCD)