Maria, das Symbol der Hoffnung

Christopher O'Donnell, O.Carm.

Im apostolischen Schreiben für das neue Jahrtausend (Tertio millennio adveniente aus dem Jahr 1994) nannte der Papst mehrere Lebensbereiche der Kirche, über die wir unser Gewissen prüfen sollten. Man kann sagen, dass jeder von ihnen Gründe für Pessimismus beinhaltet: Ökumene, Intoleranz und Gewalt, religiöse Gleichgültigkeit, Säkularismus und den moralischen Verfall, soziale Gerechtigkeit, das Leben aus der Liturgie und aus der Heiligen Schrift, Charisma und Amt im Leben der Kirche, Dialog mit der Welt und mit anderen Religionen. Keiner von ihnen bietet großartige Perspektiven, geschweige denn kann er hervorragende Erfolge vorweisen (vgl. TMA, 34–36). Dennoch fordert uns der Heilige Vater auf, eine Kirche der Hoffnung zu sein (Nr. 46).
Von Hoffnung hören wir selten: Wir lehren über die Liebe, wie man Liebe empfangen und zeigen kann; oft betonen wir den Glauben. Aber Hoffnung ist oft eine vergessene Tugend, ein Schlafender, den es in unserem christlichen Bewusstsein zu wecken gilt.

Maria, die Ikone der Hoffnung

Maria wurde in eine Kultur der Hoffnung geboren, zwischen den sogenannten „Armen des Herrn“ (anawim), wie Elisabeth und Zacharias oder die alten Propheten Simeon und Anna im Tempel. Das Lied des Zacharias atmet die Spiritualität der Hoffnung (vgl. Lk 1,68–79). Simeon war ein frommer Mann, der „das Heil Israels erwartete“ (Lk 2,25). Anna sprach zu allen Armen im Tempel, „zu allen, die die Erlösung Israels erwarteten“ (Lk 2,38). Sie sind Beispiele wahrer Israeliten, die auf den Herrn hoffen.

Ich möchte über Maria als die Ikone der Hoffnung sprechen. Eine Ikone ist ein heiliges Bild, durch das wir in Kontakt mit dem Heiligen treten. Maria ist die Quelle der Hoffnung. In einem Gebet aus dem Ende des 11. Jahrhunderts betet die Kirche: „Hilf uns, Königin, Leben, Süße und unsere Hoffnung!“ Lassen Sie uns also auf Marias Leben und Sendung schauen, um zu verstehen, worin unsere Hoffnung besteht; lasst uns zu ihr aufschauen, verherrlicht als unsere Mutter, Schwester, Freundin und Führerin, damit sie uns in die tiefe Erfahrung der Hoffnung einführt.

Vier Fragen zur Hoffnung

Wir müssen uns vier Fragen zur Hoffnung stellen. Bei der Beantwortung werden wir auf Maria schauen. Es geht uns jetzt um Hoffnung als theologische Tugend, die uns bei der Taufe zusammen mit der Liebe und dem Glauben eingegeben wird. Die Fragen können wir in vier Worte zusammenfassen: Wer? Was? Warum? Wie?

1. Wer hat Hoffnung? Hoffnung ist die Tugend, die allen gehört, die noch nicht erreicht haben, was sie brauchen. Hoffnung gehört allen Menschen auf der Erde und in gewissem Sinne auch denjenigen im Fegefeuer. Lassen Sie uns mit der Betrachtung der Verkündigung beginnen: unser Nachdenken über Maria muss hier beginnen und immer wieder dorthin zurückkommen. Gott hatte seinem Volk Befreiung verheißen. Das Warten war lang, denn die Menschheit lernte nur langsam, dass das Heil allein von dem Herrn kommt. Das auserwählte Volk lernte durch seine Misserfolge, dass es seine Hoffnung nur auf den Herrn setzen soll. Der Herr konnte sich dem Volk erst dann nähern, als sie sich als die sogenannten anawim formiert hatten. Der heilige Bernard beschreibt, wie die gesamte Menschheit auf Marias JA wartet: „Du hast gehört, Jungfrau, dass du empfangen und einen Sohn gebären wirst. Du hast gehört, dass dies nicht durch einen Menschen, sondern durch den Heiligen Geist geschehen wird. Der Engel erwartet die Antwort... Auch wir, oh Dame, erwarten das Wort des Erbarmens... Wir werden sofort befreit sein, wenn du zustimmst... Warum zögerst du? Warum zitterst du? Glaube, sprich und empfange! Lass deine Demut den Mut gewinnen, deine Scheu das Vertrauen... Öffne, selige Jungfrau, dein Herz dem Glauben, deinen Mund dem Bekenntnis, dein Schoß dem Schöpfer. Siehe, der, nach dem alle Völker verlangen, klopft draußen an der Tür...“ (2. Lesung aus dem Tagesgebet der Kirche vom 20. Dezember.) Auch die Kirche ist heute in ernstem Bedarf. Jeder von uns ist schwach und benötigt Gnade und die Liebe Gottes. Maria sagt JA im Namen der Kirche und in unserem Namen, und ihr Ja wird zum Modell unserer Hoffnung.

2. Worauf hoffen wir? Die Messlatte kann nicht höher gesetzt werden: Wir hoffen auf das, was völlig außerhalb unserer Möglichkeiten liegt und nur von Gott gegeben werden kann. Hoffnung betrifft das Gute, das wir vermissen und das wir in der Zukunft erwarten, das schwer zu erreichen, aber schwierig, aber möglich ist. Wir hoffen auf das Heil, auf den Empfang der Gnade Gottes, wir haben Hoffnung auf die Vergebung der Sünden. Maria hofft auf das Heil ihres Volkes, wie sie in ihrem Magnificat sagt, „wie er unseren Vätern verheißen hat“ (Lk 1,55).

3. Warum sollten wir Hoffnung haben? Die Grundlage unserer Hoffnung ist die Macht Gottes und die Liebe Gottes, sein Erbarmen und seine Treue. All das ist wichtig. Wir wissen, dass Gott allmächtig ist. Aber unsere Hoffnung kann nicht nur darauf basieren, sondern auf seinem Willen und seinen Wünschen, die Ausdruck seiner Liebe, seines Erbarmens und seiner Treue sind. So gründen wir unsere Hoffnung nicht nur darauf, dass Gott uns retten kann, sondern dass er es auch will; nicht nur hat er es verheißen, sondern er hat auch schon bewiesen, dass er seinem Versprechen treu ist. Die Armen des Herrn im Alten Testament setzen ihre Hoffnung auf konkrete Erfahrungen. Das Gebet der Israeliten ist oft ein Lob für die großartigen Dinge der Vergangenheit, das in eine dringende Bitte übergeht und als Dank für die erwartete Segnung endet.
Das schönste Beispiel dieser Hoffnung Israels ist Marias Magnificat:

„… sein Erbarmen von Geschlecht zu Geschlecht
für diejenigen, die ihn fürchten.
Er hat mit seinem Arm Kraft gezeigt,
die, die im Herzen stolz denken, zerstreut;
die Mächtigen vom Thron gestürzt und die Erniedrigten erhöht,
die Hungrigen mit Gütern gesättigt
und die Reichen leer fortgeschickt.
Er hat sich seines Dieners Israel angenommen,
gedenkend an sein Erbarmen,
das er unseren Vätern verheißen hat,
Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.“ (Lk 1,50–55)

Marias Hoffnung wurde durch den Engel gestärkt, der ihr sagte, dass ihre Verwandte im fortgeschrittenen Alter ein Kind erwartet, und sie erinnerte sie an den alttestamentlichen Text, dass „bei Gott nichts unmöglich ist“ (Gen 18,14). So ist die Hauptquelle der Hoffnung die Macht Gottes, die Liebe Gottes, das Erbarmen und die Treue. Die andere Seite des Vertrauens in Gott ist das Bewusstsein unserer Schwäche. Maria sagt, dass Gott „auf seine bescheidene Dienerin geschaut hat“ (Lk 1,48). Das Wort „bescheiden“ (tapeinos) ist im Original sehr stark, es bedeutet den Zustand der Erniedrigung, der Demütigung, fast der Geringschätzung. Maria weiß, dass sie von sich aus nichts ist; sie hat nichts, was nicht ein Geschenk Gottes wäre; sie kann nichts tun, nur durch seine Macht. Sie freut sich über diese Schwäche. Genau weil sie so unbedeutend, so schwach, so ohnmächtig ist, weil sie nichts hat, kann sie triumphierend behaupten: „Von nun an werden mich alle Generationen seligpreisen“ (Lk 1,48).

In der Vergangenheit hatten wir die Neigung, die Größe und Pracht der Kirche zu preisen. Das erste Vatikanische Konzil lehrte 1870 beispielsweise über die Kirche:
„Und zudem ist die Kirche sich selbst der Grund für Glaubwürdigkeit, wegen ihrer erstaunlichen Ausbreitung, ihrer hervorragenden Heiligkeit und unerschöpflichen Fruchtbarkeit in all den guten Werken, wegen ihrer katholischen Einheit und unüberwindbaren Stabilität…“ (Dei Filius, 4, in DS 3013).

Es stimmt, dass die Kirche schön und heilig ist, aber das ist nicht alles: Die Kirche ist auch schwach und sündig, ihre Kinder sind eine Quelle von Skandalen. Wenn wir auf die Herrlichkeit der Kirche blicken, sollten wir ermutigt werden zu Bewunderung und Dankbarkeit. Aber die Hoffnung der Kirche ist nicht ihre Stärke, sondern ihre Schwäche. Und dasselbe gilt in unserem Leben: Die wahre Grundlage unserer Hoffnung ist nicht unsere zerbrechliche Tugend oder unsere guten Werke: Die sicherste Grundlage der Hoffnung ist unsere Schwäche. Der Apostel Paulus bringt das schön zum Ausdruck:
„… wurde mir ein Dorn im Fleisch gegeben, ein Bote Satans, der mich schlägt, damit ich mich nicht überhebe. Aus diesem Grund habe ich dreimal zum Herrn geschrien, dass er mich davon befreie, aber er sagte zu mir: Es genügt, wenn du meine Gnade hast; denn in der Schwäche zeigt sich meine Kraft.“

Und dann erklärt Paulus triumphierend:
„Darum will ich mich vielmehr meiner Schwächen rühmen, damit die Kraft Christi auf mir ruht. Deshalb nehme ich mit Freude Schwäche, Beleidigungen, Notlagen, Verfolgungen und Ängste für Christus an. Denn wenn ich schwach bin, bin ich stark.“ (2 Kor 12,7–10)

Dieser dramatische Text bietet uns eine ganz neue Sicht auf uns selbst und auf die Kirche. Maria hat uns auf die wahre Quelle unserer Hoffnung hingewiesen: es ist die Macht Gottes – und ihre Haltung der Demut. Schon im Bericht über Gideon im siebten Kapitel des Buches der Richter sehen wir, dass, wenn wir eigene Ressourcen haben, Gott uns lässt, dass wir die Dinge selbst regeln. Natürlich werden wir scheitern. Nur wenn wir wirklich schwach sind, wenn wir keine eigenen Ressourcen haben und unsere Schwäche anerkennen, können wir uns ganz auf den Herrn verlassen.

Wir sind also eingeladen, die Kirche mit neuen Augen zu betrachten. Anstatt zu versuchen, ihre Schwäche zu verbergen, sollten wir uns eher damit rühmen. Jedes neue Zeichen ihrer Ohnmacht, jeder neue Skandal, jede neue Erkenntnis des Misserfolgs sollte die Grundlage unserer Hoffnung werden. Unser Vertrauen in die Zukunft der Kirche basiert auf der Realität, dass die Kirche auf dem Felsen gebaut ist, auf dem Versprechen Christi, dass er immer bei ihr sein wird (Mt 28,20). Gerade weil die Kirche schwach ist, können wir jubeln und die Kraft Gottes anrufen, um sie zu überschatteten.

Und genauso auch in unserem Leben: unsere Hoffnung steht auf einem festen Fundamente, wenn wir endlich anerkennen, dass wir in uns selbst ohnmächtig sind.

Übernommen aus der Zeitschrift Carmel in the World.
Aus dem Englischen ausgewählt und übersetzt von Katka Lachmanová.