Jubiläum 300 Jahre Wallfahrtsort in Kostelní Vydří als Anregung für unser geistliches Leben1
P. Gorazd Cetkovský, O.Carm.
Jedes gut erlebte Jubiläum ist eine neue Quelle der Gnade, lehrte uns Johannes Paul II. im Zusammenhang mit dem großen Jubiläum der Erlösung. So wollen wir auch das Jubiläum von 300 Jahren des Wallfahrtsortes auf dem Hügel über dem Dorf Kostelní Vydří erleben. Es geht uns nicht darum, in der Vergangenheit haften zu bleiben, sondern um die Anregungen, die wir aus diesem schöpfen können für unser geistliches Leben – für die Gegenwart und die Zukunft.
Die Geschichte der Wallfahrten in der christlichen Tradition
Das Pilgern zu bestimmten „heiligen“ Orten ist auch in anderen Religionen üblich. Das Alte Testament erwähnt Pilgerreisen zu verschiedenen Orten, insbesondere die Reise nach Jerusalem (Ex 23,17; Lk 2,41). Im Islam ist die Pilgerfahrt nach Mekka (einmal im Leben) als Pflicht auferlegt.
In der christlichen Umgebung gibt es keine Pflicht zum heiligen Pilgern. Aber das gesamte menschliche Leben wird mit einer Wallfahrt verglichen, insbesondere darin, dass das Ziel der „Lebenspilgerfahrt“ des Christen das himmlische Jerusalem ist (Hebr 11,16 und 12,22; Offb 3,12 und 21,9–22,5). Und das irdische Jerusalem war für die Christen der ursprünglichste Wallfahrtsort, der vielleicht bereits im 2. Jahrhundert besucht wurde. Schließlich beschreibt der heilige Lukas in seinem Evangelium das öffentliche Wirken des Herrn Jesus als gezielte Pilgerfahrt nach Jerusalem, wo sein Hinausgehen zum Vater verwirklicht werden soll (Lk 9,31 und 9,51).
Als den Christen im 4. Jahrhundert endgültig die Möglichkeit gegeben wurde, ihren Glauben frei zu bekennen, konnte sich auch das Interesse an den heiligen Stätten in Jerusalem und dann im gesamten Heiligen Land ohne Einschränkung entfalten. Zunächst waren es die Orte, die mit den Ereignissen der Kreuzigung und der Auferstehung Christi verbunden waren, und dann auch Orte, die mit seinem restlichen Leben verknüpft waren. Diese Orte wurden identifiziert, und es wurden verschiedene Reliquien gefunden und herausgehoben. An Golgatha und über dem Grab Gottes wurden Basiliken errichtet. Im ganzen Mittelalter genossen dann die Reliquien des Leidens Christi außerordene Verehrung, und die Orte ihrer Aufbewahrung wurden zum Ziel neuer Wallfahrten. (So war es auch in der Geschichte unserer Länder.) Zu den Wallfahrten nach Jerusalem kamen später auch die Pilgerfahrten nach Rom zu den Gräbern des Heiligen Petrus und Paulus sowie nach Santiago de Compostela zum Grab des Heiligen Jakobus hinzu. Diese Wallfahrten wurden als peregrinationes maiores bezeichnet. Wallfahrten zu anderen Orten wurden als peregrinatio minor benannt.
Im Mittelalter war das Pilgern oft sehr mühsam und gefährlich. Der Weg nach Jerusalem war nicht selten ein Weg ohne Rückkehr. Aus diesem Grund waren Wallfahrten oft ein Ausdruck der Buße. Manchmal wurde die Wallfahrt als angemessene Strafe auferlegt, insbesondere im Zusammenhang mit dem Verbrechen des Mordes. Das lag daran, dass die betreffende Person am Wallfahrtsort für das Seelenheil des Opfers des Verbrechens beten sollte. Dies ist vor allem in Frankreich und den Niederlanden zu beobachten. Um zu beweisen, dass der Täter die Wallfahrt tatsächlich vollzogen hatte, wurden an Wallfahrtsorten Erinnerungsstücke ausgegeben, die bestätigten, dass die betreffende Person dort angekommen war. Diese verwandelten sich bald in Souvenirs und Stolz für all jene, die sie an dem Wallfahrtsort erwarben; als Nachweis für die absolvierte Wallfahrt stellte der örtliche Bischof oder der Seelsorger eine schriftliche Bestätigung aus.
Im Laufe des 11. Jahrhunderts hörten feste Bußwerke (z. B. Wallfahrten) als Buße auf, es verbreitete sich jedoch die Praxis der Ablässe, die nicht an Einzelne vergeben wurden, sondern allgemein bekannt gegeben wurden. Ihren geistlichen Nutzen konnte dann jeder empfangen, der die betreffende fromme Handlung vollzogen hatte. Ein solcher Akt war oft auch der Besuch eines bestimmten Wallfahrtsortes – was neues Interesse an Wallfahrten hervorrief. Seitdem hatten Wallfahrten manchmal die Form, möglichst viele Ablässe zu sammeln. Auch in der Geschichte der Entstehung des Wallfahrtsortes in Kostelní Vydří war es von großer Bedeutung, dass der Ort, der durch unerklärliche Lichtphänomene auf sich aufmerksam machte und an dem die Gründer eine Kapelle mit dem Bild der Jungfrau Maria errichteten, von dem barfüßigen Karmeliter Karl Felix Slavata Ablässe erhielt. Die Ablassprivilegien wurden später wieder diesem Ort erteilt; es sind uns 13 solche päpstlichen Urkunden aus den Jahren 1734–1763 erhalten. Mit der Verkündung der Ablässe verschwanden angeblich die geheimnisvollen Lichter auf dem Hügel, was bedeutet, dass die Ablässe selbst weiterhin ein starkes Magnetfeld darstellen sollten, um die Gläubigen vertrauensvoll zur neuen Kapelle zu bewegen. Und tatsächlich geschah dies – die Zahl der Pilger nahm zu.
In unserem Umfeld war eines der häufigsten Motive für eine Pilgerfahrt das Gebet um Heilung. „Für gewöhnliche Menschen war oft der Heilige der einzige verfügbare Arzt.“2 Laut der erhaltenen „Aufzeichnung der Gnaden“ hatten in Kostelní Vydří die meisten Einträge den Charakter von wunderbaren Heilungen von Krankheiten, Schutz bei Unfällen oder Linderung von Schmerzen. Ein ähnlicher häufiger Grund für die Durchführung einer Wallfahrt war das Bitten um Abwendung drohender Katastrophen (Pest usw.). Auch Dankwallfahrten, die sich auf erfahrenen göttlichen Schutz und Hilfe bezogen, waren ebenso häufig. Solche Wallfahrten unternahmen oft große Gruppen von Gläubigen, sogar ganze Gemeinden. Manchmal hatten die Betroffenen das Versprechen abgegeben, diese Wallfahrt weiterhin jährlich zu unternehmen; und Generationen ihrer Nachkommen blieben diesem Versprechen treu und pilgerten seitdem jedes Jahr seit Jahrhunderten (insbesondere in Bayern).
Eine wichtige Grundlage dafür, dass eine Wallfahrt Sinn macht, ist neben den aufgeführten verschiedenen Motiven für das Pilgern auch die Überzeugung, dass der Wallfahrtsort ein heiliger Ort ist, an dem man Gottes Nähe und Begegnung mit Gott intensiver erleben kann als anderswo.
Oft war das Pilgern mit dem Kult eines bestimmten Heiligen verbunden. In der spätmittelalterlichen Wallfahrtsfrömmigkeit gibt uns zum Beispiel Thomas von Kempen mit seiner Bemerkung (IV,1.9) sehr konkret zu denken: „Viele eilen zu verschiedenen Orten, um die Reliquien der Heiligen zu besuchen, und wundern sich, wenn sie von ihren Taten hören; sie betrachten sich die weiten Bauten der Tempel und küssen ihre heiligen Gebeine, in Seide und Gold gehüllt...“ In diesem Zusammenhang sollten wir auch seinen kritischen Hinweis nicht übersehen, dass das Pilgern an sich kein Garant für Frömmigkeit ist: „Diejenigen, die viel pilgern, heiligen sich selten“ (I,23.4).3
Martin Luther und die Reformatoren standen wallfahrten ablehnend gegenüber. Der Hauptgrund ihrer Ablehnung lag in der Verbindung der Wallfahrten mit Ablässen. Daher wurde die Wallfahrt in der Folgezeit zu einem markanten (und häufig demonstrativen) Ausdruck des katholischen Glaubens. In der Barockzeit waren Wallfahrten eine der wirkungsvollsten Formen der intensiven Fürsorge der Seelsorger für ihre Gläubigen. Im neuzeitlichen Verlauf nahm die Wallfahrt manchmal auch einen politischen Anstrich an – sie drückte zum Beispiel die Zugehörigkeit zu den Landesheiligen oder zu Rom und dem Papst aus. So war die Wallfahrt, die ein Monarch, seine Familie und einflussreiche Adelige Personen unternahmen, aufgebaut. Dies gab ihnen gleichzeitig die Möglichkeit, ihren Untertanen ein Beispiel für Frömmigkeit zu geben.
Deutlicher als der Protestantismus griff die Aufklärung in die Wallfahrten ein, die ihnen nicht aus religiösen, sondern aus rationalistischen, wirtschaftlichen und moralischen Gründen kritisch gegenüberstand. Sie sahen sie als Zeitverschwendung an, die der Arbeit gewidmet werden könnte, als Ausdruck von untätiger Zerstreuung und dem Drang nach Freizeit, argumentierten, dass man sich zu Hause genauso gut wie an einem Wallfahrtsort zu Gott wenden könne, und wiesen auf die Exzesse hin, die bei Wallfahrten hier und da stattfanden. Unter Maria Theresia wurden zunächst Wallfahrten, die mehr als einen Tag dauerten (ausgenommen die Übernachtung auf dem Weg), verboten, und es wurden noch weitere Beschränkungen erlassen. Kaiser Joseph II. hob die Wallfahrten dann völlig auf. Doch die Gläubigen ließen sich nicht beirren: sie gingen auf Wallfahrt ohne äußere Zeichen (ohne Vorbeter oder Geistliche usw.) und versammelten sich erst am Wallfahrtsort. Jedoch drohte den Priestern, die an einer solchen Wallfahrt beteiligt waren, eine Geldstrafe von zwölf Gulden. Diese Verbote wurden nach einigen Jahren aufgehoben oder gelockert, nach und nach setzte sich erneut die Beliebtheit der Wallfahrten durch. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts führen Wallfahrten neu zu Orten, die den Glauben mit nationalen oder kulturellen Traditionen verbinden (z.B. in Mähren Velhartice).
Es ist interessant, sich zumindest in Teilaspekten der Entwicklung der Wallfahrten im 20. Jahrhundert bewusst zu werden, also in einer Zeit, die wir aus den direkten Erinnerungen vorheriger Generationen oder aus unserem eigenen Leben kennen. Nach dem Ersten Weltkrieg tauchte ein neues Phänomen auf: touristisch organisierte Wallfahrten. Bessere Verkehrsmöglichkeiten führten dazu, dass Wallfahrten zu fernen Orten (in das Heilige Land, nach Rom, Lourdes oder Fatima) nicht mehr so gefährlich und kostspielig waren wie früher.
Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm das Pilgern noch weiter zu. Während in unserer Region spezifische Bedingungen durch die politische Herrschaft eines totalitären atheistischen Regimes entstanden, entwickelten sich Wallfahrten im Westen frei, unter Jugendlichen gewannen Wallfahrten zu Fuß wieder an Beliebtheit. Jugendwallfahrten waren damals auch ein Bekenntnis zur katholischen Glauben gegenüber der übrigen Gesellschaft, in der der Einfluss des Widerstands gegen die Kirche und den praktischen Materialismus zunehmend vorherrschte. Seit den 60er Jahren ließ dieses Bekenntnis des Glaubens in Form von Jugendheiligen Pilgerfahrten nach. Die Erschütterung traditioneller Werte machte sich auch hier bemerkbar. Und wie war es bei uns während der Totalität? Darüber können Sie selbst nachdenken, ich glaube, das wird Ihnen eine Quelle interessanter Erinnerungen sein. Ich werde nur das jährliche Silvesterpilgern nach Hostýn zur Mitternachtsmesse, die Wallfahrt nach Velehrad im Jahr 1985 oder die Wallfahrt zur Heiligsprechung von Sr. Anežka im November 1989 erwähnen. Die Wallfahrten waren eine Möglichkeit, sich mit einer großen Zahl von Gläubigen zu versammeln und einen gemeinsamen Widerstand gegen die kommunistische Diktatur wahrzunehmen.
Als wir in den ersten Jahren nach 1989 die kurzzeitige Wiederbelebung der Wallfahrten vollzogen, war die Intensität der Wallfahrten zu fernen Orten nachgelassen. Doch allmählich wächst das Interesse an kleineren heimischen Wallfahrtsorten, einzelne Kirchen und Kapellen werden renoviert, Gruppen von Enthusiasten und engagierten Priestern versuchen, die Wallfahrtstraditionen an Orten, die bereits vergessen werden, wiederzubeleben. Zwischen Historikern, insbesondere des Barock, sowie unter Verlegern und Lesern von Büchern ist das Interesse an der Thematik der Wallfahrten sehr lebhaft. Obwohl die Wallfahrt in äußerem Ausdruck und in der Zahl der Pilger heute nicht mehr mit denen unserer Vorfahren vergleichbar ist, gibt es einen unbestreitbaren absichtlichen Fokus auf ihre geistliche Dimension. Wir begeben uns auf Wallfahrt, weil wir uns nach der Erneuerung unseres Glaubens, einer Beziehung zu Gott, nach Wachstum in der Umkehr sehnen und Hilfe bei der Selbstfindung vor Gott erwarten; die Schwierigkeiten der Wallfahrt nehmen wir als Teil der Buße hinzu. Wallfahrtsorte, die Ziel unserer Pilgerreise sind, bieten uns ein passendes Umfeld, um uns Gott zu öffnen.
Die Spiritualität der Wallfahrt
Bevor wir über die Spiritualität der Wallfahrt genauer nachdenken, lassen Sie uns jeder für sich bewusstwerden: Welche Wallfahrten mache ich und wann? Bei welchem Anlass und wie gestalten sie sich? In manchen Familien wird möglicherweise die Tradition einer Familienwallfahrt aufrechterhalten, andere unternehmen gelegentlich oder sogar regelmäßig Wallfahrten alleine. Vielleicht nutzen wir die Gelegenheit, an einer gemeinsamen Wallfahrt mit der Pfarrei oder einer anderen Gruppe teilzunehmen. Zu unserer karmelitanischen Gemeinschaft gehört auch die jährliche Wallfahrt der Terziaren, ihrer Familien und weiterer Freunde nach Kostelní Vydří am Tag des liturgischen Gedächtnisses des Unbefleckten Herzens Mariä. Und die meisten Terziaren, die nach Vydří zu mehrtägigen Exerzitien kommen, betrachten auch diese Reise als Wallfahrt... Wenn wir auf diese Weise konkret „kartieren“, ob und wie eine Wallfahrt zu unserem geistlichen Leben tatsächlich gehört, können wir die nachfolgenden Gedanken über die Spiritualität der Wallfahrt leichter wahrnehmen - als etwas Nahestehendes, mit dem wir entweder bereits Erfahrungen gemacht haben oder was wir uns selbst in die Praxis umsetzen möchten.
Seit den Zeiten der Wallfahrten nach Jerusalem, die aufgrund ihrer Schwierigkeit und Gefährlichkeit den Höhepunkt (und oft auch das Ende) des Lebens eines Christen darstellten, ist die Wallfahrt eine Erinnerung daran, dass unser Leben eine Wanderung zum Himmel ist, zu einem heiligen Ort, zu dem großen, schon unmittelbaren Begegnung mit Gott, in das Reich Gottes. Während der Wanderung kann der Pilger sich bewusst werden, dass wir im Leben überhaupt auf dem Weg sind und dass wir hier auf Erden kein dauerhaftes Zuhause haben (Hebr 13,14). Inmitten vieler Sorgen und Pläne des irdischen Lebens vergessen wir das leicht. Durch den Aufbruch aus der Heimat – sei es für einen Tag oder für mehrere Tage – ahnen wir bereits vorweg, dass wir sie eines Tages endgültig verlassen werden. Die Entwurzelung und Unvollständigkeit, die wir während der Wallfahrt verspüren können, führen uns dazu, über die Unzulänglichkeit und Zerbrechlichkeit nachzudenken, mit der wir trotz aller Bemühungen in unserer häuslichen Umgebung verwurzelt sind, und dass in der tiefsten Tiefe unsere Wünsche und Erwartungen einen viel größeren Umfang haben und nur bei Gott Erfüllung finden.
Als ich nach einem poetischen Titel für meine Überlegungen suchte, kam mir das Bitten in einem marianischen Gebet in den Sinn: „(Jesus) zeige uns nach dieser Pilgerfahrt“. Wir Christen glauben, dass das Leben auf Erden eine Ausrichtung auf die Ewigkeit ist. Wir freuen uns darauf, dort von Angesicht zu Angesicht mit unserem Herrn zu begegnen, und bitten Maria um Fürsprache, damit „es gut ausgeht“. Im ursprünglichen lateinischen Text dieses Gebets steht jedoch das Wort exilium, also Exil, nicht Pilgerfahrt. Aber ob wir an den Exodus aus der ägyptischen Sklaverei denken oder an die Rückkehr aus dem babylonischen Exil, beide haben das gleiche ersehnte Ziel: das gelobte Land.
Bei der Erkundung der Geschichte der Wallfahrten haben wir gesehen, dass die Wallfahrt seit jeher auch ein Bußwerk darstellt, ein Ausdruck und Werkzeug der Buße, der Sinnesänderung. Die Zeit während der Wanderung, aber auch die Strapazen des Weges und insbesondere das Gebet, ergänzt später direkt durch den Empfang des Bußsakraments an der Wallfahrtsstätte, bewirken eine innere Veränderung des Pilgers während der Reise. Der Sünder soll von der begangenen Schuld losgelöst werden, aber jeder soll durch die Wallfahrt die Möglichkeit erhalten, sein Tun von der Distanz zu betrachten, zu erkennen, was schlecht, schädlich oder nutzlos ist, und sich nicht mehr damit zu beschäftigen. Die Wallfahrt sollte zu größerer Freiheit und Reinheit auf dem Weg zur Erfüllung des Auftrags führen, den Gott mir in meinem konkreten Umfeld anvertraut. Übrigens sprechen auch viele Menschen um uns herum, wenn sie am Wochenende oder im Urlaub sind, davon, dass sie „ausbrechen und ihre Gedanken ordnen“ müssen. So erleben viele Menschen, die nicht gläubig sind, eine Wallfahrt nach dem berühmten Santiago de Compostela - als ein Ausgleich für das Ende einer Lebensphase oder für einen großen Schock (z.B. das Scheitern einer Beziehung, Frustration im Beruf in einer kommerziellen Umgebung usw.). Echte christliche Wallfahrt bedeutet jedoch eine gezielte Hinwendung: zu Gott.
Auch wenn die Wallfahrt in sich ein Element der Buße und Umkehr trägt, ist sie doch (und gewiss gerade deswegen) auch ein Fest und Freude. Das spricht bereits der alt Testamentliche Psalmist aus: „Ich erfreute mich, als man mir sagte: Zum Hause des Herrn wollen wir gehen“ (Ps 122,1). Ja, wir verbergen nicht, dass die Wallfahrt unter anderem auch ein erleichterndes „Ausbrechen“ aus dem Karussell des Alltags, aus der Überlastung durch Aufgaben und Sorgen, die auf den meisten von uns lasten, ist. Auch die antike Redewendung „Ein Wechsel erfreut“ hat nichts von ihrer Gültigkeit verloren. Aber wenn wir sagen, dass die Wallfahrt für uns ein Fest ist, hat das einen viel tiefgründigeren Inhalt als nur einen bloßen Ausbruch, „Relaxen“ (d.h. wörtlich: aus dem Zug lassen). Ein Fest im schönsten Sinne des Wortes ist eine erhebende Erholung, ein Atemholen, das sich in gehobener Einsamkeit oder in schönen Beziehungen zu anderen vollzieht, sei es mit Weggefährten aus dem Kreis von Verwandten und Freunden oder mit Menschen, die wir ganz neu kennenlernen. Auch das gehört zur Wallfahrt dazu, auch dazu ist die Wallfahrt natürlich eine Gelegenheit. Unter diesen Umständen und Zusammenhängen können wir auf der Wallfahrt eine Pause (trotz aller Müdigkeit) und Freude an der spontanen Freiheit erleben, auf die wir im alltäglichen Leben oft keine Zeit oder innere Kraft haben.
Das charakteristischste Merkmal der Wallfahrt ist jedoch ihr Charakter als Gottesdienst. Das ist ihr Wesen und ihr ureigenster Grund: Dienst an Gott. Durch die Wallfahrt wollen wir uns Gott nähern, bei ihm bleiben, ihn anbeten und mit ihm über etwas sprechen, ihm etwas anvertrauen. Der heilige Ort (Wallfahrtskirche, Kapelle) bietet uns dazu ein angemessenes Umfeld. Durch seine Schönheit (in der Natur oder Kunst) und seine Tradition hilft es uns, gut zu beten – ob wir Gott unsere Lobpreisungen und Dank bringen oder Bitten und Fürbitten vortragen. Wenn wir uns verpflichtet haben, die Wallfahrt durch ein Versprechen zu vollziehen, danken wir Gott dafür, dass er uns dabei geholfen hat.
Wenn Wallfahrtsorte mit der Verehrung eines bestimmten Heiligen verbunden sind, unterstützen die Wallfahrtsbilder, Statuen, Reliquien oder auch z.B. Quellen, die mit der Bewährung göttlicher Gnade für diejenigen verbunden sind, die hier zuvor gebetet haben, unser Gebet. Das sind alles anschauliche Zeichen von Gottes Nähe und liebevoller Großzügigkeit. Der Höhepunkt des Gebets an einem Wallfahrtsort ist dann die Teilnahme an der Liturgie: an der Heiligen Messe mit dem Empfang der Eucharistie und gegebenenfalls auch zuvor an der Beichte. Zu gemeinsamen Wallfahrten gehört traditionell auch der Segen für Andenken und den Segen für die Pilger auf dem Heimweg. Das sind ebenfalls Wege des Sich-Hingebens an Gott, wonach uns an der gesamten Pilgerreise geht. Am Rande sei bemerkt: Das Ziel unserer Wallfahrt müssen nicht immer nur die bekanntesten Wallfahrtsorte sein, noch nur heilige und offizielle Orte. Man kann auch mit einem geistlichen Anliegen und Programm an zuvor als Wallfahrtsorte bekannte, und heute vernachlässigte Plätze pilgern, oder in einen vollkommen „unheiligen“ oder profanen Ort – die sich jedoch mit einem für uns wichtigen Ereignis oder einer tatsächlichen Sache verknüpfen (z.B. Orte aus dem Leben und Erzählen von Eltern oder anderen mir teuren Menschen, die ich mit dem Anliegen meines Gebets verbinde).
Die Wallfahrt hat auch einen apostolischen Aspekt, ist ein Zeugnis für unseren Glauben. Es genügt, wenn uns während des Weges jemand fragt, wohin wir gehen und warum. Wir gleichen den Aposteln, die mit Jesus durch die Landschaft zogen und die frohe Botschaft vom Reich Gottes verbreiteten. In der Tradition der Kirche war dieser Lebensstil als ein wertgeschätztes Ideal bekannt und wurde als „apostolisches Leben“ bezeichnet.
Und als letztes Merkmal der Wallfahrt sei erwähnt, dass die Wallfahrt auch eine Form des Erlebens von Gemeinschaft ist. In dem offensichtlichsten Sinne bilden wir währenddessen eine Gemeinschaft mit denen, die mit uns pilgern, und vereinen uns im Glaubensleben, im Gebet, aber auch in wechselseitiger Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft. Die Wallfahrt intensiviert zudem unsere Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus, der mit uns ist, wie er es mit den Jüngern tat, die er auf ihrem Weg nach Emmaus begleitete. Selbst wenn wir ganz allein pilgern, bereichern wir beim Gebet auch unser Gemeinschaftsgefühl mit denjenigen, die wir zu Hause zurückgelassen haben (und zu denen wir zurückkehren werden), sowie mit der ganzen Kirche – sei sie irdisch („pilgernd“) oder himmlisch (siegreich – am Ziel der Reise). Ebenso stark können wir während der Wallfahrt die Verbindung zu denen erleben, die unseren irdischen (und konkret diesem wallfahrtschnitten) Weg vorangingen, zu den Bauherren, Künstlern und Handwerkern, die den Wallfahrtsort selbstlos erbauten und pflegten, und in weitester Breite auch mit der umgebenden Natur und der gesamten Menschheit und ihren Schmerzen und Freuden.
Fortsetzung