Christophe Dumont
„Zu dieser Zeit sprach Jesus und sprach: ‚Ich danke dir, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du diese Dinge vor den Weisen und Klugen verborgen hast und sie den Unmündigen offenbart hast; ja, Vater, so hat es dir gefallen. Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden. Und niemand kennt den Sohn, als nur der Vater; und niemand kennt den Vater, als nur der Sohn und der, dem der Sohn es offenbaren will‘“ (Mt 11,25–27).
1. Lies diesen Abschnitt noch einmal in Ruhe: Es ist ein großartiges Gebet Jesu, ein Dankgebet, das sowohl über den Vater als auch über uns spricht. „Diese Dinge“ beziehen sich auf „das Geheimnis des Himmelreichs“, wie unser Herr etwas weiter sagt (vgl. Mt 13,14).
Diese Geheimnisse erhält man nicht durch wissenschaftliche Grundlagen oder bloßes Vernunftdenken. Nur wenn du dich mit Glauben der Geschichte Jesu, seinem Wort und dem Geist öffnest, kann dir der Vater etwas von ihnen „offenbaren“. Sogar der, der „weise und klug“ ist, muss einen schritt weiter gehen und sich dem Größeren und Göttlichen hingeben, das der Vater in Jesus ausstrahlt.
2. Denn es ist Jesus, der uns den Vater erkennen lässt. In diesem Sinne antwortet Jesus Thomas: „Niemand kommt zum Vater denn durch mich. Wenn ihr mich gekannt hättet, würdet ihr auch meinen Vater kennen.“ Und zu Philippus: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. Ich bin im Vater, und der Vater ist in mir“ (vgl. Joh 14,6.9n.).
In Jesus wird Gottes „Geheimnis“ offenbar: nicht vollständig, aber ausreichend, um in ihm den „Weg“ zum Vater zu finden (vgl. Joh 14,6) und in ihm den „Sohn“ zu erkennen: Gott aus Gott und Licht aus Licht, wie wir im Glaubensbekenntnis beten.
Darüber hinaus ist es interessant festzustellen, dass Gott im Alten Testament nur viermal als Vater bezeichnet wird. Im Neuen Testament, das viel weniger Bücher enthält, ist dies 258-mal der Fall. Diese erstaunliche Neuheit stammt von Jesus. Das liegt daran, dass er von Gott sprach: „Vater“.
3. Lassen wir uns nun bei dem kurzen und geheimnisvollen Satz verweilen: „Niemand kennt den Sohn“. Glaubst du, dass du Jesus kennst? Sicher, du kennst ihn und weißt viele Dinge über ihn aus dem Evangelium, aus dem Gebet, aus deinem Studium.
Aber kennst du ihn gründlich? In der Tiefe? Kannst du ihn „entziffern“? Du irrst dich! Als „Sohn“ hat Jesus seine persönliche Identität in der Dreifaltigkeit.
Er ist die am meisten Geliebte und gleichzeitig die völlig Unbekannte Person auf dieser Erde.
Es sind unzählige Bücher über ihn geschrieben worden, aber keins kann uns seine göttliche Tiefe offenbaren. Wir haben über ihn nur „kleine Portraits“, wie es eine kontemplative Person ausdrückte: nur blitzartige Einsichten, partielle Darstellungen, Momentaufnahmen. Aber seine tiefste Wirklichkeit zu erkunden? Das ist in dieser Welt nicht möglich. Wirklich, in der Tiefe „kennt niemand den Sohn“.
„Der Glaube gibt uns wahrhaftig Gott“, schrieb der heilige Johannes vom Kreuz, aber auf dunkle Weise, wir sehen nur „eine Skizze“.
„Jetzt sehen wir nur wie in einem Spiegel, undeutlich“, schreibt der heilige Paulus, aber im Himmel „werden wir von Angesicht zu Angesicht sehen“ (1Kor 13,12). Dann werden wir Jesus vollständig in seiner göttlichen Tiefe erkennen.
4. Dennoch! In diesem Leben ist es weniger wichtig, ihn zu kennen, als liebe. Lieben: das ist das erste Gebot, Jesu ausdrücklicher Wunsch. Er bittet uns, „in ihm zu bleiben“ (Joh 15,4), in Einheit mit ihm. Unser ganzes Dasein kann in ihm verborgen sein: Arbeit und Reden, Lauschen und Ruhe.
Er ist gegenwärtig. Auf geheime, aber reale Weise. Er ist der „Schatz, verborgen im Feld“ unseres Lebens (Mt 13,44). Er ist die kostbare Perle. Er ist uns sehr nahe. Achtungsvoll. Zugänglich. Liebend. Er ist die Kraft, die antreibt.
5. Je mehr wir jemanden lieben, desto mehr wächst in uns, auch wenn verborgen, das Herz-Kennen, das wir vielleicht nicht mit gelehrten Begriffen ausdrücken können, aber das uns so sehr hilft, „ihn“ besser zu kennen, „sie“ besser zu kennen.
Die Liebe macht dich weitsichtig: jeden Detail, das die geliebte Person betrifft, dringt zu dir durch, jede Andeutung verstehst du, jede Botschaft nimmst du an. Die Psychologie des anderen wird dir vertraut. Es geht hier nicht um „wissenschaftliches“ Wissen. Es ist ein besseres Wissen: ein intuitives Wissen, fast „natürlich“, ein „Weisheitswissen“.
Heilige, die in ihrer Liebe zu Christus groß sind, berichten davon sehr reichhaltig. Paulus fühlt sich von Christus „ergriffen“: für ihn ist „das Wissen meines Herrn Jesus Christus mehr als alles“ (Phil 3,8). Der heilige Johannes vom Kreuz spricht von „dunklem liebendem Kennen“ des Herrn und vergleicht es mit einer „goldenen Mine“, voll von unbekannten Gängen, die es weiterhin zu entdecken gilt.
Elisabeth von der Dreifaltigkeit bittet in ihrem berühmten Gebet, dass „mich jeder Moment tiefer in die Tiefe Ihres Geheimnisses führt“. In Geschichte der Seele schreibt Theresia von Lisieux, dass das einzige, wonach sie strebt, das „Wissen der Liebe“ ist.
Christus kennenzulernen bedeutet, das Leben zu finden. Daher stammt der große Wunsch des Apostels Paulus, uns in das „unergründliche Reichtum Christi“ einzuführen, damit wir „die Liebe erkennen, die alle Erkenntnis übersteigt“ (Eph 3,8.19).
(Aus dem Französischen übersetzt von VoH.)