Wanderung zur Wahrheit

Wilfrid Stinissen

(Auszug aus dem Buch Der Weg zur Wahrheit, Untertitel des Buches: Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört meine Stimme)

Kapitel 16.

Danket in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus gegen euch (1 Thess 5,18),

Dankbarkeit ist die zentrale Realität des christlichen Lebens. Die Messe wird traditionell als „Eucharistie“ bezeichnet, was Danksagung bedeutet. Das bezeugt, dass Dankbarkeit die grundlegendste Haltung des Christen ist. Ein wahrhaft christliches Leben ist geprägt von „dem Ausdruck von Dankbarkeit zur Ehre Gottes“ (2 Kor 4,15).

Wie können wir Gott danken, wenn in der Welt so viele Tragödien geschehen? Wäre es nicht an der Zeit, unser Bild von Gott zu überdenken und aufzuhören, Gott als den Allmächtigen zu betrachten, der die Fäden alles Geschehens in seinen Händen hält? Sollten wir nicht Gott eher als machtlosen Zuschauer beschreiben, der gezwungen ist, mitanzusehen, wie der Mensch sich selbst und seine Umwelt zerstört, ohne dass er etwas dagegen tun kann?

Die Kirche bekennt jedoch weiterhin: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen“. Ist es nicht gerade eine Folge seiner Allmacht, dass Gott nicht ständig eingreifen muss? Gott kann jedes Geschehen zulassen, gerade weil er allmächtig ist. Gottes Macht besteht darin, dass für ihn alles, absolut alles verwendbar ist, sodass er sogar absurden Phänomenen Sinn verleihen kann. Aus den grauenhaften Dissonanzen, die der Mensch ihm präsentiert, kann Gott eine wohlklingende Symphonie komponieren. Das, was von sich aus böse ist, wird zu etwas Gutem, weil Gott es als Material für seine Baupläne verwendet.

Unser Blick auf die Realität ist extrem fragmentarisch. Wir sind Meister im Analysieren. Den großen Plan Gottes können wir in kleine Stücke zerlegen. Dann erscheint uns alles unverständlich und sinnlos. Gott hingegen denkt synthetisch. Gott sieht das Ganze und hat den Überblick über die gesamte Geschichte. Deshalb misst er auch nach anderen Maßstäben. Wenn wir dem Tod gegenüberstehen, sehen wir nur den Tod und nichts weiter. Gott hingegen sieht, wie aus dem Tod neues Leben geboren wird.

Sagen wir nicht allzu unüberlegt, dass Leiden und Tod etwas Schlechtes sind? Sicher, und zwar, weil wir die Dynamik der Gegenwart nicht sehen. Der Tod ist kein Endziel, sondern ein Übergang, eine Wachstumsphase. Ist es nicht merkwürdig, dass es uns so schwerfällt, Leiden und Tod als Reifungsprozesse zu akzeptieren, während die Natur uns ständig lehrt, dass das alte Leben sterben muss, damit das neue geboren werden kann? Ist die Raupe nicht bereit, ihr Leben als Raupe zu verlassen, kann sie niemals ein Schmetterling werden. Und will die Blüte ständig Blüte bleiben, kann sie niemals zur Frucht reifen. Der Tod ist nicht so böse, wie wir denken. Seht, wie Jesus seine Beziehung zum Tod ausdrückt: „Ich gehe zum Vater“ (Joh 14,28).

Die Bibel lehrt uns an jeder Stelle diesen großartigen Blick. Die Bibel sieht alle Geschehnisse auf dem unendlichen Horizont, vor dem Hintergrund der Ewigkeit. Die Bibel erweitert ständig die banalen und begrenzten Blickfelder des Menschen und bringt sie ins rechte Maß. Wenn wir die Bibel lesen, geschieht das unter anderem, um ständig zu erfahren, wie Gott mit unglaublicher Virtuosität den Lauf der Geschichte lenkt, wie geschickt und sicher er jedes Phänomen, jedes Ereignis, sogar die menschliche Sünde und die menschliche Rebellion für die Verwirklichung seines Plans nutzt.

Wenn wir lernen, jedes Detail in unserem Leben als einen Baustein im Plan der göttlichen Liebe zu betrachten, beginnt unsere Dankbarkeit von selbst zu sprudeln. Wir sind von Herzen einig mit dem Priester, wenn er in der Messliturgie singt: „Es ist wahrhaftig würdig und gerecht, dir, Herr, immer und überall zu danken.“

„Danket Gott in allen Dingen“, schreibt der heilige Paulus, „denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus gegen euch“ (1 Thess 5,18). Gott für alles zu danken, auch für das, was für uns quälend und schmerzhaft ist, ist der Glaube in voller Aktivität. Wenn wir Gott nur für freudige Ereignisse danken, ist das ein Zeichen, dass unser Glaube noch nicht gereift ist. Nichts macht den Glauben so stark, so unabhängig vom emotionalen Leben, wie Gott für alles zu danken.

Dankbarkeit hebt uns auf die Wellenlänge Gottes. Gott lenkt die Umstände unseres Lebens mit Liebe, und wir nehmen sie auch als Ausdruck der Liebe an. Unsere Seele wahrnimmt die Liebe Gottes, obwohl der Körper vielleicht schreit und der Verstand nicht versteht. Wenn wir Gott danken, öffnen sich die Tore weit, sodass ein mächtiger Strom der Liebe unser Innerstes erfüllen kann. Wir lassen die Kraft der göttlichen Liebe in uns einströmen und fühlen, wie in uns eine neue Energie erwacht.

Radikale Lösungen sind oft leichter als halbe Lösungen. Für das, was wir als unangenehm empfinden, zu danken, erfordert zunächst etwas mehr Energie, als wenn wir uns einfach mit dem Unvermeidlichen abfinden. Wenn wir jedoch einmal diese kleine Anstrengung unternehmen, erscheint uns alles danach viel leichter. Wir haben die Schwelle überschritten und befinden uns in einem Umfeld, wo wir reinere Luft atmen und alles ruhiger abläuft. Darüber hinaus tun wir dies mit einem klareren Verstand. Sogar für unsere Sünden sollten wir danken, denn unsere Sünden machen uns arm und erinnern uns immer deutlicher an unser enormes Bedürfnis nach Erlösung. Jede Sünde, die wir durch die Gnade Gottes von uns abwenden, vertieft in uns die Teilhabe am Geheimnis des Kreuzes. Auf eine paradoxe Weise ist es so, dass unsere Sünden uns mit Christus verbinden (vgl. Lk 5,32). Die einzige Bedingung ist, dass wir die Sünde anerkennen. Die bekannte Sünde führt uns zu einem wahrhaften Selbstverständnis, und nur die Wahrheit befreit. Deshalb lässt Gott bestimmte Ereignisse zu, vielleicht arrangiert er sogar selbst die Umstände so, dass sie uns wahrhaft herausfordern, ein Test, der uns unser wahres Gesicht zeigt.

Unser Inneres beherbergt eine große Menge an Rebellion gegen Gott, schlummernde Revolten, die uns oft nicht einmal bewusst sind. Wir riskieren, dass unser ganzes Leben eine Illusion ist, dass wir reine Liebe in uns tragen oder dass wir ganz der Willen Gottes hingegeben sind. Und dann bringt uns Gott in eine Situation, in der die schlummernde Rebellion erwacht und sich im vollen Licht zeigt. Ich kann beispielsweise von mir glauben, dass ich liebevoll und sanftmütig bin, weil ich mit meinem Umfeld ohne Konflikte auskomme. Vielleicht verdankt sich das jedoch genau meinem Umfeld, denn die Menschen, in deren Gegenwart ich lebe, haben einen ungewöhnlich guten Charakter. Dann kann es mir nur zugutekommen, wenn Gott mir jemanden vor die Füße stellt, der mich ärgert und mir auf die Nerven geht. Wenn ich dann die Geduld verliere oder sogar in Wut ausbreche, sollte ich sagen: „Danke, Herr Gott, dass du mich von meinen Illusionen über mich selbst befreit hast.“ Dankbarkeit für unsere Sünden und Fehler ermöglicht es Gott, uns zu erinnern, wie sehr wir von ihm abhängig sind.

Viele fragen sich vielleicht, ob dieses ständige Danken nicht zu einem Mangel an Engagement führt. Aber ist es nicht genau umgekehrt? Dankbarkeit steht nicht im Widerspruch zu der Mühe, die wir aufbringen, um die Welt zu reparieren. Das Danken regt uns vielmehr an, die Arbeit mit größerer Überlegung und Entschlossenheit anzugehen. Die Kunst des Dankens setzt voraus, dass wir in der rauen Realität, aber mit einem Herzen voller Hoffnung, eine neue Dimension entdeckt haben. Derjenige, der dankt, beweist, dass er erkannt hat, dass das Leben und die Zukunft des Auferstandenen den Tod und die Sünde durchdringen. Der Christ lässt sich nicht von der Vergangenheit blenden. Er hat die Augen für das Neue geöffnet, das noch verborgen ist, aber bereits im keimenden Samen gegenwärtig ist. Derjenige, der beginnt, diese verborgene neue Dimension zu entdecken, kann nicht anders, als zu danken. Danken bedeutet also nicht, dass wir uns mit der gegenwärtigen Situation als etwas Unveränderlichem und Definitivem abfinden. Dankbarkeit schafft gerade den Gegensatz zum aktuellen Zustand, ganz einfach, weil wir nicht danken können, wenn wir das Neue, das zwischenzeitlich wächst, nicht ahnen. Und so wird Dankbarkeit zum ersten Schritt auf dem Weg zur Veränderung. Dankbarkeit wird getragen von der Hoffnung auf eine bessere Zukunft, nicht nur im Himmel, sondern auch hier auf Erden. Denn das Reich Gottes ist wie Sauerteig, der den ganzen Teig durchsäuern soll (vgl. Mt 13,33).

Derjenige, der dankt, beweist, dass er daran glaubt, dass in all den Gewalttaten und Schrecken unserer Zeit die Schmerzen zur Geburt einer neuen Welt führen, dass er sieht, wie aus dem Tod neues Leben geboren wird. Dafür haben wir ein einzigartiges Beispiel, nämlich das große Dankgebet Jesu, das aus der Dunkelheit der Nacht hervorging. Der Evangelist Johannes betont, dass es in jener Nacht war, als Judas fortging, nachdem Satan in ihn eingegangen war (vgl. Joh 13,27–30). In diesem Moment der Dunkelheit sah Jesus, wie der Morgen eines neuen Tages anbricht, der niemals enden wird. Deshalb dankte er. Er sah das schreckliche Drama vor sich, das am nächsten Tag stattfinden würde und das zum Heil der Welt werden würde. Deshalb sandte er in dieser dunkelsten Stunde seines Lebens ein inneres Dankgebet.

Dieses Dankgebet bleibt unter uns nicht als Relikt, sondern als aktuelle Realität in der Eucharistie – dem Abendmahl des Herrn. Wer oft zur heiligen Kommunion geht, dem fällt es nicht schwer, Gott „immer und überall“ zu danken, auch in den dunklen Zeiten des Weltgeschehens und des eigenen Lebens.