genehmigt durch das Generalkapitel, das im September 1995 in Rom stattfand,
wie es der Generalprior P. Joseph Chalmers angeordnet hat*
BRIEF DES GENERALPRIORS
Liebe Mitbrüder,
mit großer Freude präsentiere ich euch den Text unserer neuen Statuten, die beim Generalkapitel im September 1995 genehmigt wurden. Sie sind das Ergebnis unserer Beiträge, die aus ungefähr neun Jahren Arbeit verschiedener Fachleute sowie aus Studien und Bewertungen bei den Versammlungen der Brüder hervorgegangen sind.
Im ersten Teil wird unser Charisma und unsere Mission skizziert: Wir sind eine kontemplative Bruderschaftsgemeinschaft mitten im Volk und zu dessen Dienst.
Der zweite Teil widmet sich dem Bruderschaftsleben und fordert unsere Gemeinschaften dazu auf, Orte der Gemeinschaft, des Gebets und des Dienstes zu sein, ja, immer sichtbarer und glaubwürdiger Ikonen der Heiligsten Dreifaltigkeit zu werden.
Der Prozess der Bildung wird im dritten Teil erklärt und vorgestellt – in seinen verschiedenen Phasen – nicht als eine Menge von vielen Dingen, die zu tun sind, sondern als Lebensstil; der letzte Teil ist dann der Leitung des Ordens gewidmet, die wir als Dienst, Führung und Animation betrachten.
Das Ergebnis ist ein sehr reicher und anregender Text für das heutige Leben von uns Karmeliten und für unser Apostolat. Er darf also nicht an einem Ehrenplatz in den Regalen unserer Bibliotheken enden. Es ist notwendig, geeignete Formen zu finden, um den Inhalt der Statuten zu vertiefen und persönlich zu leben; aber auch damit alle, die zu unserer Familie gehören, zumindest in den Grundzügen vertraut gemacht werden.
Dabei können wertvolle Beiträge durch geeignete Hilfsmittel von denen aus unserer Mitte geleistet werden, die sich mit Studium beschäftigen. Dank Gott haben wir im Orden gut vorbereitete Persönlichkeiten, die diese Aufgabe erfüllen können. Daher wollen wir sie ermutigen, uns mit ihren Entdeckungen und Anregungen zu helfen, den Geist des Karmels zu erfahren, zu lieben und zu verwirklichen, damit wir zu Beginn des dritten Jahrtausends spüren, dass wir Erben einer glorreichen Vergangenheit sind, die nicht zu einem Fossil wird, sondern lebendig und aktiv bleibt durch das Leben und den Einsatz, den wir in der heutigen Kirche und Welt zeigen. Lassen wir uns bereitwillig dem Heiligen Geist übergeben und nehmen wir mit Dankbarkeit den Beitrag von Maria, unserer Mutter und Schwester, an: so werden wir spüren, dass wir ermutigt sind, über diesen Text nachzudenken und ihn als bescheidene, aber wertvolle Hilfe auf unserem Weg des geweihten Lebens anzunehmen.
Brüderlich im Karmel
P. Joseph Chalmers, O.Carm.
Generalprior
In Rom, 25. März 1996
zur Feier der Verkündigung des Herrn.
ERSTER TEIL
CHARISMA UND MISSION DES KARMELS,
GRUNDLEGENDEN CHARAKTERISTIKEN
I. Kapitel • Der Orden als Geschenk und Mission
1. In Jesus Christus, dem Sohn des Vaters und „dem Erstgeborenen aller Kreatur“,1 leben wir eine neue Art der Verbindung mit Gott und mit den Nächsten. So erhalten wir Anteil an der Mission des Fleisch gewordenen Wortes in dieser Welt und gründen die Kirche, die in Christus „ein Zeichen und ein Werkzeug der inneren Vereinigung mit Gott und der Einheit aller Menschheit“ ist.2
2. Durch das Leben in Gehorsam gegenüber Jesus Christus3 und die Annahme seines Evangeliums als oberste Norm unseres Lebens4 streben wir in der Kraft seines Geistes, der jedem seine Gaben zuteilt, wie er will,5 zum gegenseitigen Dienst – sowohl untereinander als auch gegenüber anderen Menschen. Auf diese Weise tragen wir dazu bei, dass der göttliche Plan in dieser Welt verwirklicht wird, alle zu einem heiligen Volk zu vereinen.6
3. Ein Geschenk des Geistes ist auch das Leben gemäß den Evangelischen Räten, zu dem wir uns durch die Ordensgelübde verpflichten. Als Ordensleute sind wir durch Christus dazu berufen, seine verwandelnde und befreiende Kraft zu leben und die nach den Evangelischen Räten – auf eigene, wirksame und aktuelle Weise – zu verbreiten. So zeichnet sich dieses Leben durch das streitbare Suchen nach Gott in vollkommener Hingabe an Christus aus, was sich im brüderlichen Leben und apostolischem Eifer äußert.
4. Dieses Berufung erfordert die vollständige Annahme der Bedingungen, die Christus an die stellt, die ihm in dieser Lebensweise folgen wollen: die Annahme des Willens Gottes als Teil der Gehorsam gegenüber Christus; das Leben in Armut und im Gemeinschaftsbesitz als Ausdruck unserer Einheit in Christus und der gegenseitigen evangelischen Einheit mit den Brüdern; und schließlich die geweihte Reinheit als Ausdruck der Liebe zu Gott und zu den Brüdern.
5. Unser geweihtes Leben betrachten wir vor allem als eine Einladung und großes Geschenk Gottes, durch das uns Gott für sich selbst weiht, um den Brüdern nach dem Vorbild Christi zu dienen. Diese Berufung vervollkommnet in uns – ebenso charismatisch – die Kraft des Lebens, das wir bei der Taufe und Firmung empfangen haben, indem sie uns auf besondere Weise mit der Kirche verbindet und bereit macht, Gott und den Menschen zu dienen, „damit das Königreich Christi in den Seelen verwurzelt und gestärkt wird und sich in allen Teilen der Erde ausbreitet“.7
6. Daher fragen wir, Brüder der seligen Jungfrau Maria vom Berge Karmel, uns selbst, welche besonderen Elemente, unter so vielen verschiedenen Charismen und Berufungen, unserer Ordensfamilie in der Kirche ihre eigene Prägung verleihen.
7. Zur Zeit der Kreuzfahrten ins Heilige Land ließen sich an verschiedenen Orten Palästinas Einsiedler nieder. Einige von ihnen „lebten nach dem Beispiel des heiligen Mannes und Eremiten, des Propheten Elia, ein Eremitenleben auf dem Berge Karmel, in der Nähe einer Quelle, die Eliab-Quelle genannt wird. In Zellen, ähnlich bescheidenen Bienenstöcken, bereiteten sie wie die Bienen des Herrn spirituellen Honig der Süße“.8
8. Später, auf Bitten der Einsiedler selbst, verband sie der heilige Albert, Patriarch von Jerusalem, zu einer „Collegium“ und gab ihnen Regeln für das Leben – im Einklang mit ihrem Eremitenideal („Propositum“),9 das dem Geist der sogenannten Pilgerfahrt ins Heilige Land und der ersten christlichen Gemeinde in Jerusalem entsprach.10 Diese Einsiedler, genährt von „der Liebe zum Heiligen Land, weihte sich ihm, der es durch das Verströmen seines Blutes erlangte, um ihm in der Gewandung frommer Armut zu dienen“,11 indem sie „in heiliger Buße“12 verbleiben und eine brüderliche Gemeinschaft gründen.
9. Diese Lebensregel wurde dann im Jahr 1226 von Honorius III. genehmigt, im Jahr 1229 von Gregor IX. und im Jahr 1245 von Innozenz IV.;13 Der letztgenannte Papst genehmigte sie schließlich 1247 als wahre und eigene Regel und passte sie gleichzeitig den Lebensbedingungen im Westen an.14 Diese Anpassung war nötig, als die Karmeliten begannen, nach Westen umzusiedeln, um den Verfolgungen zu entgehen, und als sie bereitwillig zeigten, sich einen Lebensstil zu eigen zu machen, „in dem sie sich mit Gottes Hilfe um ihre eigene und der Nächsten Rettung kümmern“.15
10. Die Genehmigung der Regel durch Innozenz IV. ermöglichte es den Karmeliten, sich in den Dienst der Kirche zu stellen, indem sie nach dem gemeinsamen Ideal der Bettelorden lebten, nämlich der apostolischen Bruderschaften. Sie werden jedoch die Besonderheiten ihres anfänglichen Charismas bewahren,16 die im Laufe der Jahrhunderte als besondere Gabe des Karmels strahlen werden, sowohl unter seinen Mitgliedern als auch in der gesamten Kirche, besonders dank der großen Meister des geistlichen Lebens, die Gott dem Orden geschenkt hat.
11. Die Regel legt die grundlegenden Elemente des karmelitanischen Lebens im Gehorsam gegenüber Christus gemäß dem Geist des Ordens fest: Tag und Nacht über das Gesetz des Herrn nachsinnen,17 im Schweigen und der Einsamkeit, damit das Wort Gottes reichlich im Herzen und im Munde dessen lebt, der sich damit beschäftigt;18 beständig beten, insbesondere Vigilien und Psalmen;19 sich die geistliche Rüstung anlegen;20 im brüderlichen Gemeinschaft leben, ausgedrückt im täglichen Feiern der Eucharistie,21 durch Treffen der Brüderkapitel22 und gemeinsamen Besitz;23 liebevolle brüderliche Ermahnung bei Verfehlungen;24 Strenge des Lebens zusammen mit Arbeit und Selbstverleugnung,25 gegründet auf Glauben, Hoffnung und Liebe; die Übereinstimmung des eigenen Willens mit dem Willen Gottes, die in Glauben zum Ausdruck kommt, und im Dialog sowie im Dienst des Priors an den Brüdern.26
12. Zu den charakteristischen Merkmalen der Spiritualität des Karmels gehören auch das elianische Wesen, das die Karmeliten im Bewusstsein davon, dass sie am Karmel leben – dem Ort des großen Propheten –, entwickelt haben, und die Vertrautheit mit dem geistlichen Leben mit Maria. Ausdrückliche Zeichen dieser Vertrautheit sind (marianische) Bezeichnungen der Brüder und die erste Kirche auf dem Berge Karmel, die Maria geweiht wurde.
13. In der Zeit, in der die Menschheit beginnt, eine neue Etappe der Geschichte zu betreten, versuchen wir Karmeliten, inspiriert vom Geist, der in der Kirche wirkt, unser Lebensprogramm27 an die neuen Bedingungen anzupassen und uns um das Verständnis der Zeichen der Zeit zu bemühen, um diese im Licht des Evangeliums, unseres Charismas und unseres geistlichen Erbes28 zu prüfen und dies in verschiedene Kulturen einzubringen.
II. Kapitel • Charisma des Ordens
14. „In Gehorsam gegenüber Jesus Christus zu leben und ihm treu zu dienen mit reinem Herzen und gutem Gewissen“29: Dieser Satz, der sich auf die Aussagen des heiligen Paulus stützt, ist der Ausgangspunkt aller Elemente, aus denen unser Charisma besteht, und das Fundament, auf dem Albert unser Lebensprogramm aufbaute. Die spezifischen Bedingungen der Entstehung des Ordens im Heiligen Land und seine Genehmigung durch den Heiligen Stuhl – im historischen Verlauf, den er durchlaufen hat – bereicherten die „Lebensregeln“, die in der Regel enthalten sind, um neue Anregungen.
Die Karmeliten leben in Gehorsam gegenüber Christus, indem sie die Augen auf das Antlitz des lebendigen Gottes suchen (kontemplativer Lebensaspekt), auf Bruderschaft und den Dienst (Diakonia) mitten im Volk.
15. Die geistliche Tradition des Ordens hat hervorgehoben, dass diese drei grundlegenden Elemente des Charismas keine isolierten Werte sind, die nicht miteinander in Beziehung stehen, sondern dass sie eng miteinander verbunden sind.
Diese Tradition hat die Erfahrung der Wüste als dynamischen Prozess hervorgehoben, der diese Werte vereint: Der Karmelit sollte darauf abzielen, den gekreuzigten Christus, den Menschen ohne alles, der alles verloren hat, zur Grundlage seines Lebens zu machen, alle seine Kräfte durch den Glauben auf ihn auszurichten und gleichzeitig jede Hindernis zu beseitigen, die sich einer völligen Abhängigkeit von ihm und einer vollendeten Liebe zu Gott und zu den Brüdern entgegenstellt. Dieser Prozess der Entblößung, der zur Vereinigung mit Gott führt – dem letzten Ziel des gesamten menschlichen Wachstums – wird in unserer Spiritualität durch die Themen „puritas cordis“ und „vacare Deo“ dargestellt, Begriffe für die völlige Öffnung gegenüber Gott und das schrittweise Ablegen von allem.
Wenn wir in diesem Prozess zu der Sichtweise gelangen, die die Realität mit den Augen Gottes betrachtet, verändert sich unsere Haltung zur Welt so, dass sie der Liebe Gottes entspricht, und die Kontemplation der liebevollen Gegenwart Gottes zeigt sich in unserem brüderlichen Leben und in unserem Dienst.30
1. Kontemplativer Lebensaspekt
16. Von Anfang an hat die Gemeinschaft der Karmeliten nämlich einen kontemplativen Charakter angenommen, sei es in der Organisation der Gemeinschaft oder in den grundlegenden Werten. Dieser Charakter ergibt sich klar aus der Regel. Diese zeichnet eine Gemeinschaft von Brüdern aus, die ganz dem Hören auf das Wort Gottes durch das Gebet31 und dem Verweilen im Lobpreis ihres Herrn gewidmet ist;32 eine Gemeinschaft, die aus Personen besteht, die sich von den Werten des Geistes erfüllen und prägen lassen: Reinheit, heilige Gedanken, Gerechtigkeit, Liebe, Glauben, Hoffnung auf das Heil,33 friedliche Arbeit,34 Schweigen, das – wie der Prophet sagt – das Streben nach Gerechtigkeit ist und den Worten und Taten Weisheit verleiht,35 Unterscheidung, die „die Tugenden lenkt“. 36
17. Die Ordensgeschichte hat die Regel und das ursprüngliche Charisma immer als Ausdruck des kontemplativen Lebensaspekts ausgelegt, und immer wieder wenden sich große geistliche Meister der karmelitanischen Familie diesem kontemplativen Berufung zu. Kontemplation beginnt, wenn wir uns Gott anvertrauen, gleichgültig, wie er sich uns nähern möchte. Es ist eine Haltung der Offenheit gegenüber Gott, dessen Gegenwart wir überall entdecken.
Kontemplation stellt somit den inneren Weg des Karmeliten dar, der aus der freien Initiative Gottes hervorgeht: Gott berührt ihn und verwandelt ihn, führt ihn zu einer Einheit der Liebe mit ihm, erhebt ihn, damit er aus dieser unverdienten Liebe Freude schöpfen und in seiner liebevollen Gegenwart leben kann. Es handelt sich um eine transformative Erfahrung unter dem Anspruch der göttlichen Liebe. Diese Liebe befreit uns von unseren begrenzten und unvollkommenen menschlichen Denk- und Liebesweisen und verwandelt sie in göttliche Wege.
18. Kontemplation hat außerdem einen evangelischen und ekklesiologischen Wert.37 Die praktizierte Kontemplation ist nicht nur die Quelle unseres geistlichen Lebens, sondern bestimmt auch die Qualität unseres brüderlichen Lebens und unseres Dienstes mitten im Volk Gottes.38
Die Werte der Kontemplation machen in der Tat unser brüderliches karmelitanisches Gemeinschaftswesen zu einem Zeugnis der lebendigen und geheimnisvollen Gegenwart Gottes mitten im Volk Gottes, wenn wir sie im komplizierten Geschehen des täglichen Lebens treu leben. Das Streben nach dem Antlitz Gottes und das Empfangen der Gaben des Geistes verleihen ihm größere Aufmerksamkeit gegenüber den Zeichen der Zeit, Sensibilität für die Gegenwart des Wortes in der Geschichte, auch durch die Wahrnehmung und das Bewerten von Tatsachen und Ereignissen in der Kirche und in der Gesellschaft.39
So wird der Karmel, solidarisch mit den Dramen und Hoffnungen der Menschheit40 wie Jesus Christus, in der Lage sein, angemessene Entscheidungen zu treffen, die zu einer Veränderung des Lebens und seiner Angleichung an den Willen des Vaters führen.
Darüber hinaus wird es der Kirche nützlich sein, jene zu unterstützen, die sich zur Einsiedelei berufen fühlen.
2. Bruderschaft
19. Die kontemplative Haltung zur Welt um uns herum ermöglicht es uns, in unserem täglichen Erleben die Gegenwart Gottes zu entdecken und Gott besonders in unseren Brüdern zu finden. Auf diese Weise werden wir dazu geleitet, das Geheimnis der Personen in unserer Nähe zu schätzen, mit denen wir unser Leben teilen. Unsere Regel verlangt, dass wir im Wesentlichen „Fratres“ sind,41 und erinnert uns daran, dass die Qualität der persönlichen Kontakte und Beziehungen untereinander, die das Leben der karmelitanischen Gemeinschaft prägen, nach dem Vorbild der Urchristlichen Gemeinschaft in Jerusalem weiterentwickelt werden muss.42 „Fratres“ zu sein, bedeutet für uns, im Zusammengehörigkeits- und Einheitsstreben zu wachsen,43 Unterschiede und Privilegien zu überwinden,44 sich an der Gemeinschaft und der gemeinsamen Verantwortung zu beteiligen,45 Güter zu teilen,46 ein gemeinsames Lebensprogramm und persönliche Charismen zu haben;47 und auch aufmerksam gegenüber dem geistlichen und seelischen Wohl der Personen zu sein und dabei dem Dialog und der Versöhnung nachzugehen.48
20. Diese Werte der Bruderschaft werden ausgedrückt und schöpfen Kraft aus dem Wort Gottes, der Eucharistie und dem Gebet. Durch das Wort Gottes – durch das Hören darauf, das Beten darüber, das Leben damit in Stille, Einsamkeit und Gemeinschaft,49 und besonders in Form von „lectio divina“ – werden die Karmeliten täglich zu einer erfahrungsbasierten Erkenntnis des Geheimnisses Jesu Christi geführt.50 Vom Geist angeregt und in Christus Jesus verwurzelt, verweilen sie Tag und Nacht in ihm51 und inspirieren alles Handeln und Entscheiden durch sein Wort.52
Auf die Ermutigung durch das Wort Gottes und in Gemeinschaft mit der gesamten Kirche singen die „Fratres“ gemeinsam Lobpreis für den Herrn53 und laden andere ein, die Erfahrung des Gebets zu teilen.
Zur Feier der Eucharistie, die die Quelle und den Höhepunkt ihres Lebens ist,54 sind die „Fratres“ aufgerufen, soweit es möglich ist, aus der Einsamkeit und der apostolischen Arbeit täglich um die Pforte des Herrn versammelt zu sein55, um „ein Herz und eine Seele“56 zu sein und einen echten brüderlichen Koinonii im Unverdienten der Zuwendungen und dem gegenseitigen Dienst zu erleben,57 in Treue zum gemeinsamen Programm und der durch Christus verliehenen Versöhnung.58
Als kontemplative Gemeinschaft suchen wir das Antlitz Gottes und dienen der Kirche im Herzen der Welt oder gegebenenfalls in der Einsamkeit des Eremiten.
3. Dienst mitten im Volk
21. Als kontemplative Gemeinschaft suchen wir das Antlitz Gottes auch im Herzen der Welt. Wir glauben, dass Gott mitten unter seinem Volk wohnt, und daher fühlt sich die brüderliche Gemeinschaft des Karmels als lebendiger Teil der Kirche und der Geschichte: als eine offene Gemeinschaft, die in der Lage ist, ihrer Umgebung zuzuhören und Fragen zu stellen; bereit, den Herausforderunge der Geschichte anzunehmen und authentische Antworten auf das Leben gemäß den Evangelischen Räten auf Basis des eigenen Charismas zu geben;59 als eine solidarische Gemeinschaft, die bereit ist, mit allen Menschen, die leiden, hoffen und sich bemühen, das Königreich Gottes zu suchen, zusammenzuarbeiten.60
22. Die Pilgerschaft, auf die wir in der Regel anspielen,61 ist nämlich der Ausdruck des evangelisch-apostolischen Charakters der Bettelorden und ist eine Aufforderung an die karmelitische Gemeinschaft, die Wege der Unterscheidung und des Folgens, die der Geist des Herrn der Gemeinschaft und den Einzelnen vorzeichnet, zu erkunden. Gleichzeitig ist sie ein Zeichen der Solidarität und der großzügigen Dienstbarkeit sowohl für die universelle als auch für die lokale Kirche als auch für die heutige Welt.62
23. Das Kloster, also der Ort, an dem die Gemeinschaft lebt (wie der Name vom „convenire“ – sich versammeln – ableitet), ist für den Karmel auch ein Ort der gastfreundlichen Annahme von Fremden,63 sodass das Gemeinschaftsleben, das brüderliche Versöhnung und die Erfahrung mit Gott, die wir in der Gemeinschaft machen, mit anderen geteilt werden.
24. Diese Art des Lebens „mitten im Volk“ ist dann ein Zeichen und prophetisches Zeugnis neuer Beziehungen, Freundschaften und Bruderschaften zwischen Männern und Frauen überall. Es ist ein Zeugnis der Gerechtigkeit und des Friedens in der Gesellschaft und zwischen den Völkern, das als wesentlicher Bestandteil der frohen Botschaft gebracht wird und in dem aktiven Bemühen besteht, Systeme und Strukturen der Sünde in Systeme und Strukturen der Gnade umzuwandeln.64 Es ist auch eine Entscheidung, „sein Leben mit denjenigen zu teilen, die durch die Geschichte als „Minores“ gehen, um diesen Brüdern mehr durch das Leben als durch Worte das Wort der Hoffnung und des Heils zu sagen.“65 Eine solche Wahl ist die logische Folge unseres Gelübdes der Armut, mit dem wir uns in der Gemeinschaft der Brüder des Bettelordens verpflichtet haben und in Verbindung mit dem Gehorsam gegenüber Jesus Christus, den wir auch im Gehorsam gegenüber den Armen leben, in denen sich vor allem das Antlitz des Herrn spiegelt.66
4. Elias und Maria, Figuren, von denen wir inspiriert sind
25. Alles, wonach wir heute verlangen und was wir sein wollen, sehen wir im Leben des Propheten Elias und der seligen Jungfrau Maria verwirklicht. Sie hatten nämlich, jeder auf seine Weise, „den gleichen Geist, (…) die gleiche Formung, den gleichen Lehrer: den Heiligen Geist“.67 Wenn wir auf Maria und Elias schauen, können wir die Wahrheit, die uns befreit, leichter verstehen, innerlich annehmen, leben und verkünden.68
26. Elias ist der einsame Prophet, der die Sehnsucht nach dem einen Gott bewahrt und in seiner Gegenwart lebt.69 Er ist ein Mensch der Kontemplation, entflammt von brennendem Eifer für die Hoheit Gottes,70 dessen „Wort brannte wie eine Fackel“.71 Er ist ein Mystiker, der nach langen und mühevollen Wegen lernt, neue Zeichen der Gegenwart Gottes wahrzunehmen.72 Er ist ein Prophet, der in das Leben des Volkes eingreift, gegen falsche Götzen kämpft und das Volk wieder zu Treue zum einzigen Gott führt.73 Er ist ein Prophet, der solidarisch ist mit den Armen und Benachteiligten und diejenigen verteidigt, die Gewalt und Ungerechtigkeit erleben.74
Von Elias lernen die Karmeliten, ein Mann der Wüste zu sein, mit ungeteilter Hingabe, ganz vor Gott stehend, sich ganz dem Dienst an Gott zu widmen, ein Mensch, der ohne Kompromisse Gott gewählt hat und für ihn brennt. Wie Elias glaubt auch der Karmelit an Gott, lässt sich vom Geist und vom Wort Gottes leiten, das bis in die Tiefen seines Herzens aufgenommen wird, um die Gegenwart Gottes in der Welt zu bezeugen – indem er zulässt, dass Gott in seinem Leben wirklich Gott ist.75 Schließlich sieht der Karmelit in Elias – verbunden mit einer Gruppe seiner prophetischen Jünger – das Vorbild der Bruderschaft, die im Leben der Gemeinschaft gelebt wird76 und lernt von ihm, ein Vermittler der göttlichen Zärtlichkeit gegenüber den Notleidenden und den Demütigen zu sein.77
27. Maria, vom Geist Gottes überschattet,78 ist die Jungfrau des neuen Herzens,79 die dem Wort ein menschliches Gesicht gibt, das Fleisch wird.80 Sie ist die Jungfrau des weise und kontemplativ hörenden, die die Ereignisse und das Wort des Herrn in ihrem Herzen bewahrt und darüber nachsinnt.81 Sie ist die treue Jüdin der Weisheit; die Jüdin, die Jesus – die Weisheit Gottes – sucht und sich von seinem Geist formen und prägen lässt, um so im Glauben einen Stil anzunehmen, wie man leben und was man wählen soll.82 So vorbereitet ist Maria in der Lage, die „großen Taten“, die Gott für das Heil der Demütigen und Armen vollbracht hat, wahrzunehmen.83
Maria, auch wenn sie die Mutter des Herrn war, wird zur vollkommenen Jüngerin, zur Frau des Glaubens.84 Sie folgt Jesus, zieht mit den Aposteln und teilt mit ihnen den mühsamen und anspruchsvollen Weg, der vor allem brüderliche Liebe und gegenseitigen Dienst erfordert.85 Auf der Hochzeit zu Kana lehrt sie uns, an ihren Sohn zu glauben;86 am Fuße des Kreuzes wird sie zur Mutter aller Gläubigen87 und erlebt mit ihnen die Freude der Auferstehung. Sie vereint sich mit den anderen Jüngern „in beharrlichem Gebet“88 und empfängt die ersten Früchte des Geistes, der die erste christliche Gemeinschaft mit apostolischem Eifer erfüllt.
Maria bringt die frohe Botschaft des Heils allen Menschen.89 Sie ist die Frau, die Beziehungen nicht nur zu dem engen Kreis der Jünger Jesu, sondern auch zu anderen aufbaut: zu Elisabeth, zu den Neuvermählten in Kana, zu anderen Frauen und zu den „Brüdern“ Jesu.90
In der Jungfrau Maria, der Mutter Gottes und dem Vorbild der Kirche, finden die Karmeliten das vollkommene Bild von allem, was sie selbst sein und werden wollen.91 Deshalb wurde Maria immer als Patrone des Ordens betrachtet, der auch als Mutter und Schmuck des Ordens bezeichnet wird, und sie sollte von den Karmeliten stets im Blick und im Herzen behalten werden als „die reinste Jungfrau“. Wenn wir auf sie schauen und in der Vertrautheit des geistlichen Lebens mit ihr leben, lernen wir, vor Gott zu stehen und zusammen als Brüder des Herrn zu leben. Maria lebt tatsächlich mitten unter uns als Mutter und Schwester, aufmerksam auf unsere Bedürfnisse und erwartet und hofft gemeinsam mit uns, leidet und freut sich.92
Der Skapulier ist ein Zeichen von Marias mütterlicher, beständiger und fester Liebe zu den Brüdern und Schwestern im Karmel.
Nach seiner Tradition, insbesondere seit dem 16. Jahrhundert, drückt der Karmel die liebevolle Nähe Marias zum Gottesvolk durch die Skapulier-Verehrung aus. Der Skapulier ist ein Zeichen der Weihe an Maria, ein Mittel zur Zugehörigkeit der Gläubigen zum Orden und ein zugängliches und wirksames Werkzeug der Evangelisation.93
5. Die Familie des Karmels
28. Die Vielfalt der Weisen, das Charisma des Karmels zu leben, ist für uns Grund zur Freude. Sie bestätigen die schöpferische Fruchtbarkeit,94 die der Geist bewirkt, und wir wollen sie dankbar und mit Unterscheidung annehmen.
Alle Personen und Gemeinschaften, sowohl offizielle als auch informelle, die sich von der Regel des heiligen Albert inspirieren lassen, ihre Tradition und die in der karmelitanischen Spiritualität Ausdruck gefunden Werte, bilden heute in der Kirche die karmelitanische Familie.95
Diese Familie gehört somit uns und unseren Brüdern der teresianischen Reform, den Schwestern beider Ordenszweige, den angegliederten Ordenskongregationen, den dritten Orden in der Welt, den säkularen Instituten, denjenigen, die durch das heilige Skapulier dem Orden angeschlossen sind, denjenigen, die aus einem anderen Grund oder durch ein Engagement die Zugehörigkeit zum Orden genießen, sowie jene Bewegungen, die – auch wenn sie rechtlich zum Orden nicht gehören – sich in ihrer Spiritualität Orientierung und Unterstützung suchen, und auch jeder Mann und Frau, die von den Werten angezogen werden, die im Karmel gelebt werden.
ANMERKUNGEN
(Da wir annehmen, dass die Anmerkungen nur von den eifrigsten Lesern verwendet werden sollen, verlassen wir uns auch darauf, dass sie sich die verwendeten Abkürzungen selbst erklären können. Neben den biblischen Büchern beziehen sich die Verweise auf Dokumente des Zweiten Vatikanums und des Heiligen Stuhls, die Regel des heiligen Albert (unter Verwendung der neuen Kapitelnummerierung – vgl. Zeitschrift Karmel Nr. 1/2000) sowie in einigen Fällen historische Quellen oder interne Ordensdokumente, die jedoch für uns praktisch nicht zugänglich sind.)