Michael von St. Augustinus (1622–1684)
Wenn die Seele schweigt, kann sie der Stimme Gottes leichter lauschen. Denn ähnlich wie in der Nacht, wenn alles ruht und nichts stört, lassen sich verschiedene Geräusche einfacher wahrnehmen und das Echo in den Bergen ist am Abend besser zu hören, so ist auch der Ruf Gottes und das Echo seiner Stimme leichter in einer stillen Seele zu erfassen...
Nichts gefällt dem Heiligen Geist mehr, als wenn er solch ein Echo, eine solche Antwort auf seine göttlichen Eingebungen findet, die sich in Taten äußert. Nach solch einer Antwort sehnte sich der Bräutigam, als er zur Braut sprach: »Lass mich deine Stimme hören. Wie köstlich ist deine Stimme!« (Hld 2,14). Der Geliebte sehnte sich nicht danach, eine andere Stimme zu hören als die Antwort der Taten auf seine Eingebungen... Nach diesem Echo sehnt sich der Bräutigam, aus dieser Antwort möchte er sich erfreuen...
Wenn aus einem bestimmten Ort in den Bergen das Echo gut zu hören ist, sei es doppelt oder dreifach, kommen viele und erfreuen sich daran. Sie rufen laut mit unterschiedlichen, wechselnden Stimmen und freuen sich am Echo; auch Musiker kommen mit ihren Instrumenten; Trompeter spielen mit ihren Trompeten reizvolle Melodien und haben große Freude am Echo, das scheinbar auf ihre Musik und ihr Spiel antwortet. Dasselbe geschieht auch geistig in der treuen Seele, die zu einem Berg der Vollkommenheit und Anmut geworden ist; sie nimmt die Stimme des Geliebten auf und antwortet ihr mit einem wunderbaren Echo, ja einer doppelten Antwort, denn sie handelt sofort und eifrig gemäß dem, was der Heilige Geist sie im Inneren lehrt.
Wer an Gott hängt, wird ein Geist mit ihm sein (1 Kor 6,17). Diese Anhaftung erreicht der Mensch durch die Armut des Geistes, denn sie befreit die Seele von allen Geschöpfen. Und da die Seele sich entweder in Gott oder in den Geschöpfen aufhalten muss, ist sie in diesem Zustand der Befreiung von den Geschöpfen zwangsläufig auf Gott ausgerichtet. Und da es in dieser Armut keinen Mittler zwischen ihr und Gott gibt, kommt es zur Einheit der Wesenheit und die Seele wird eins mit Gott... Wenn eine Luftschicht unmittelbar eine andere berührt, vermischt sie sich und sie werden zu einer Luft; dasselbe geschieht mit der Seele, die ein Geist ist, wenn sie unmittelbar in Gott verweilt, der ebenfalls Geist ist: die Seele wird eins mit Gott.
Wenn im Meer ein Gefäß mit Wasser liegt und zerbricht, vereint sich das Wasser aus dem Gefäß mit dem Wasser des Meeres und geht gleichzeitig in ihm verloren. So ist es auch mit der Seele: Solange sie noch voller Selbstliebe und leidenschaftlicher Sehnsucht nach den Geschöpfen ist, schwimmt sie zwar im unermesslichen Meer des göttlichen Seins, jedoch nicht unmittelbar, sondern getrennt; nur die Armut des Geistes nimmt das weg, was den Vermittler zwischen Gott und der Seele ausmacht; auf diesem Weg wird die Seele »verschlungen« und wird eins mit Gott... Diese Armut des Geistes erreichte die Braut aus dem Hohelied, als sie sprach: »Ich habe meine Kleider ausgezogen, soll ich sie wieder anlegen?« (Hld 5,3). Alle geschaffenen Dinge sind wie Kleider, die die Seele, die Gott liebt, ablegen muss, wenn sie sich in der Liebe mit dem göttlichen Bräutigam vereinen möchte.
Aus dem Buch: Tanz der göttlichen Liebe
Herausgegeben von: Elisabeth Hense, T.OCarm.
Veröffentlicht im Verlag: Herder, 1991
Übersetzt und bearbeitet von: Norbert Žuška, OCarm.