Aussprüche von Bruder Lorenz

„Ich mache mir keine Sorgen mehr um das Elend und die Sünden in der Welt.“

(Erstes Gespräch, 6)

Täglich sind wir durch die Medien mit dem Bösen konfrontiert, das irgendwo auf der Welt Mensch dem Menschen antut. Auch die „Unterhaltungsindustrie“ basiert in großem Maße auf Gewalt und Zorn. Der Handel mit dem Bösen, zu dem der Mensch fähig ist, ja überhaupt mit dem ganzen Elend und der Not dieser Welt, ist im Aufschwung. Horrorszenarien der Zukunft werden an die Wand gemalt: Unbekannte Viren verursachen Krankheiten, uneinsichtige Menschen produzieren verheerendes Material mit unermesslicher Zerstörungskraft, dass … Und das Lebensgefühl ist von Angst geprägt. Sorgen um Arbeit, steigende Mieten und Lebenshaltungskosten und weitere Sorgen beeinflussen uns …

Hier lesen wir in einem Gesprächsprotokoll über Bruder Lorenz: „Er sagte, dass er ständig von Elend und Sünde höre und dass ihn das nicht wundere; dass er es verstehe, wenn er sehe, wozu ein Sünder fähig ist. Er betet für ihn, aber weil er weiß, dass Gott das Böse jederzeit überwinden kann, macht er sich darüber keine Sorgen mehr.“

„Er macht sich darüber keine Sorgen“ – klingt das, zumindest für heutige Ohren, nicht gerade nach Flucht oder Ablenkung?

Bruder Lorenz schließt keineswegs die Augen vor „Elend und Sünde“. Im Gegenteil: Er staunt darüber, „dass es nicht mehr ist“! Sein Frieden rührt daher, dass er zum einen aus eigener Selbsterkenntnis weiß, „wozu ein Sünder fähig ist“, und zum anderen glauben kann, dass die Barmherzigkeit Gottes und Gottes Ja zu dieser Welt größer ist als alles Böse und aller Unglück zusammen. Er braucht darüber nicht zu verzweifeln, denn er hat einen göttlich barmherzigen Blick. Der Glaube an Gottes bedingungslose Vergebung ermöglicht es ihm, sorglos mit den Abgründen des menschlichen Herzens und dem daraus erwachsenden Bösen umzugehen. Aber soll das alles sein, was ich tun kann – im Hinblick auf das Unglück, das Menschen sich in solch erschreckendem Maße gegenseitig zufügen? Ist das nicht schon sehr viel! Ist es nicht wirklich das Vernünftigste, alles „Elend und Sünde“ Gott zu überlassen und sich darüber keine Sorgen mehr zu machen? Ist es besser, sich mit drängenden Fragen den Kopf und das Herz zu zerbrechen? Was kann der Mensch noch Gutes tun, wenn in seinen Gedanken und Gefühlen nur Dunkelheit, nur Angst und Sorge, Klage und Anklage herrscht?

Bruder Lorenz konnte durch diese Geduld den Blick dafür bewahren, dass neben dem Bösen auch das Gute ist, dass die Realität dieser Welt mehr ist als das, was durch die Alarmmeldungen immer wieder vermittelt wird. Ist es nicht ein Unrecht, dass die Berichte über die schönen und guten Seiten des Lebens so sträflich vernachlässigt werden? Aus Liebe zu seinem eigenen Herzen dürfen wir das Gute nicht verleugnen!

In dieser Haltung, im Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes und mit dem Blick auch auf die hellen Seiten der Welt, fand Bruder Lorenz die Kraft, das Gute zu tun, das er konnte. So wie er kann auch ich die Welt nicht verändern und in vieler Hinsicht nicht einmal mich selbst. Doch kleine „große Wunder“ sind möglich für den, der das Vertrauen in Gott und in das Licht lässt, das in seiner Welt leuchtet.

Ein arabisches Märchen, mit dessen Ausspruch Bruder Lorenz sicherlich übereinstimmen würde, erzählt von einem kleinen frierenden Mädchen, das ohne Essen und ohne Hoffnung auf der Straße geht. Ein Mann, der das beobachtet, wirft Gott vor: „Wie kannst du das zulassen?! Warum tust du nichts dagegen?“ Eine Weile, erzählt die Geschichte, sagte Gott nichts; aber in der Nacht antwortete er ihm: „Ich habe doch etwas dagegen getan: Ich habe dich erschaffen.“

P. Thomas Röhr OCD

 

„Der Mensch stirbt nur einmal!“

(Brief 1)

Jemanden darauf hinzuweisen, dass er einmal sterben wird, zeugt entweder von Einfachheit – schließlich ist das doch eine abgedroschene Wahrheit – oder von Geschmacklosigkeit! Denn wer möchte schon daran erinnert werden, dass er sterben muss? Tun wir nicht alles, um das Sterben und den Gedanken daran so weit wie möglich von uns fernzuhalten? Schon unsere Umschreibungen für das Sterben sind trügerisch: „Wenn mir etwas Schlimmes passieren sollte…“, „Es ist das Schlimmste passiert…“ usw. Oder unsere Reaktionen auf die Nachricht vom Tod eines Nahestehenden: Wir tun so, als sollte es nicht geschehen, dass jemand stirbt. Bruder Lorenz wollte weder abgedroschene Wahrheiten noch Geschmacklosigkeit verbreiten. Wenn er der Frau, die er geistlich führt, schreibt: „Lass uns darauf achten: Der Mensch stirbt nur einmal!“, möchte er sie zu einer realistischen Sicht des Lebens motivieren.

Wenn es nun aber eine Tatsache ist, dass der Mensch eines Tages stirbt, dann geht es nicht darum, diese ganz gewisse Tatsache, die in jedem Fall eintreten wird, zu verdrängen oder so zu tun, als ob sie nicht existent wäre. Nicht realistisch und nüchtern sind die Menschen, die den Tod beiseite schieben und sich ihm überhaupt nicht öffnen. Realisten sind vielmehr die, die auch den Tod annehmen und in ihr Lebensprojekt integriert wissen; für die es normal ist, dass ihr Leben mit dem Tod endet; die das ohne Eigensinn zur Kenntnis nehmen, sich aber bemühen, entsprechend bewusst zu leben.

Wer den Tod vor Augen hat, wird in jeder Hinsicht zum Realisten. Er sieht die Dinge in ihrer Vergänglichkeit: alles, was ihn umgibt, sich selbst, sein ganzes Leben. Deshalb kann er sich nicht von dem binden lassen, was begrenzt, endlich und vergänglich ist. Er wird bewusster nach dem fragen, was bleibt …

So kann dieser Realismus im Leben des Menschen zu einem Neuanfang werden. Der Gedanke an den Tod legt unsere Begrenztheit frei und gibt uns die Möglichkeit, die wahre Größe Gottes wahrzunehmen. Dazu möchte Bruder Lorenz in jedem Fall einladen. Er möchte zu einem wahren Leben führen, in dem der Tod nicht verdrängt, sondern zum Ausgangspunkt lebendigen Glaubens, Lebens in der Gegenwart Gottes und damit zur Vorbereitung auf die endgültige und ewige Begegnung mit ihm und mit den Nächsten wird, die mit dem Tod beginnt. Und Bruder Lorenz weiß aus Erfahrung: „Wenn Gott eine Seele findet, die von lebendigem Glauben durchdrungen ist, wird er sie mit Fülle seiner Gnade überhäufen. Es ist wie ein Strom, den der Mensch zurückgehalten hat und der dann, wenn man ihm freien Lauf lässt, mit Kraft und Fülle herausbricht“ (ebenda).

Der Realismus gegenüber dem Tod und der Vergänglichkeit zahlt sich für das Leben aus! Darum: „Halten wir diesen Strom nicht länger zurück …, treten wir in uns ein, brechen wir diesen Damm, helfen wir der Gnade, sich Bahn zu brechen, holen wir die verlorene Zeit nach; vielleicht bleibt uns nur noch wenig Zeit zu leben, der Tod ist uns auf den Fersen, lassen wir uns sagen: Der Mensch stirbt nur einmal!“

P. Ulrich Dobhan OCD

 

„Mein Leben ist ständige Freude.“

(Viertes Gespräch, 47)

Als die Briefe und Aufzeichnungen von Bruder Lorenz 1692, einige Monate nach seinem Tod, im Druck erschienen, bemerkte der Herausgeber im Vorwort: „Obwohl der Tod im letzten Jahr viele Brüder aus dem Orden der barfüßigen Karmeliten, die durch heiliges Sterben den Reichtum ihres Lebens zeigten, hinweggerafft hat, wollte Gott den Blick der Menschen besonders auf einen richten, auf Bruder Lorenz. Bei seinem Tod erstrahlte der Glanz seines Inneren in hellem Licht, obwohl Bruder Lorenz sich zeitlebens sorgfältig bemühte, die Menschen nicht auf sich aufmerksam zu machen.“

Was in hellem Licht erstrahlte und die Aufmerksamkeit der Nächsten auf diesen einfachen Ordensbruder lenkte, lässt sich am besten als „Zufriedenheit“, „Freudigkeit“ und „Freude“ beschreiben. Bruder Lorenz lebte die Freude, die so anziehend war, dass auch andere den Wunsch danach verspürten. Sein Gesprächspartner sagt, dass Bruder Lorenz ihm selbst sagte, dass er „sein Leben in ständiger Freude verbringt“. Welcher Mensch, welcher Christ kann das von sich sagen?

Fragen wir nach dem Grund seiner freudigen Lebenshaltung, stoßen wir wieder auf das wesentliche Geheimnis seines Lebens: Leben in der Gegenwart Gottes. Denn für ihn war Gott nicht nur „Gegenstand des Glaubens“, sondern eine wirkliche, wenn auch verborgene Lebensform; auch war Gottes Liebe und Barmherzigkeit für ihn real. So wusste er, dass Gott ihn wollte und annahm und konnte mit Humor auf seine Mängel und Ungeschicklichkeiten blicken. Wenn er Aufgaben übernehmen musste, die ihm nicht lagen, verlor er nicht den frohen Mut, denn er konnte sie in jedem Fall mit Liebe erfüllen – und das gilt vor Gott. Weil er Vertrauen in die unendliche Barmherzigkeit Gottes hatte, konnten ihm selbst Versagen und Sünden die tiefe Freude seines Herzens nicht nehmen. Und die Schwierigkeiten des Alltags und all das Leid, das ihm und der Welt widerfuhr, wurde ihm in dieser Freude bei Gott leicht.

Ein Augenzeuge erzählt nach Lorenz’ Tod: „Die Freude war nicht nur in seinem Gesicht sichtbar, sondern auch in seiner Art zu sprechen – was die Mönche, die ihn besuchten, wirklich dazu brachte, ihn zu fragen, ob er nicht leide. „Verzeiht mir“, sagte er ihnen, „ich leide. Ich habe Schmerzen, aber mein Geist ist ruhig.“ (Leben, 25)

„Freudigere Lieder solltet ihr mir singen, damit ich an euren Retter glauben kann“, schrieb einmal Nietzsche an die Christen in seinem Stammbaum. Bei Bruder Lorenz hätte er das gefunden, was ihm fehlte.

S. Waltraud Herbstrith OCD

 

Wie Bruder Lorenz seine Eindrücke schrieb

Er schrieb so erhabene und schöne Dinge sowohl über die Größe Gottes als auch über sein unerklärliches Teilen seiner Liebe mit den Seelen, dass diejenigen, die einzelne Blätter seiner Schriften sahen (er lieh sie unter der Bedingung, dass sie ihm möglichst bald zurückgegeben werden), so begeistert und ermutigt waren, dass sie bewundernd davon sprachen. Doch so sorgfältig er sie auch verbarg, es gelang dennoch, einige Abschnitte zu bewahren, wofür wir bedauern, dass wir nicht mehr davon haben. Denn wenn sich aus dem Wenigen, das uns aus seinen Briefen und Anweisungen erhalten geblieben ist, auf alles andere schließen lässt, sind wir berechtigt zu der Annahme, dass – wie er selbst einem seiner Freunde erklärte – seine kleinen Werke immer vom Ausgießen des Heiligen Geistes und vom Wirken seiner Liebe sprachen. Manchmal brachte er sie zu Papier, aber wenn er das Geschriebene mit dem Erlebten verglich, hielt er es für so wenig wert und so weit entfernt von seinen erhabenen Gefühlen, die ihm die Größe und Güte Gottes spüren ließen, dass er häufig das Gefühl hatte, es sofort zerreißen zu müssen. Er riss seine Werke lieber ab, wenn er sie nur schrieb, um sich selbst Erleichterung zu verschaffen, um seinem Geist einen Auftrieb zu verleihen und um sein Herz und seine Brust zu weiten, die für das göttliche Feuer, das ihn verzehrte, zu eng waren und ihn unendlich leidenschaftlich fühlen ließen, wie eine Schüssel, die nicht alle diese Wasser fassen kann und zugleich versucht, sie überlaufen zu lassen.

(Joseph de Beaufort, Freund Bruder Lorenz', im Jahr 1692
in: Eloge auf Bruder Lorenz von der Auferstehung, 41.)

Aus dem Original Karmel-Impulse 5, IV, 5–9, 1995 übersetzt von Dr. Vojtěch Pola.