Aus den Briefen der heiligen Teresa von Avila (2)

Veronika Elisabeth Schmitt, OCD

„Ich betone alles, was die Tugend unterstützt, nicht körperliche Strenge.“

Hl. Teresia von Jesus

Über Jahrhunderte hatte der „barfüßige Karmel“ den Ruf einer besonderen Bußstrenge. Doch die Briefe der hl. Teresia, Reformatorin und Gründerin dieses Ordens, sprechen eine andere Sprache. So lesen wir beispielsweise in einem Brief, der an eine ihrer Schwestern, Mutter Maria von St. Josef, Priorin in Sevilla, gerichtet ist: „... die Bonbons, die Sie mir in solchen Mengen geschickt haben, schmecken köstlich.“1 Teresia weiß die Dinge offensichtlich zu genießen. Das gesteht sie sich selbst sowie ihren Schwestern und Brüdern ihres jungen Ordens! An die Priorin aus Salamanca schreibt sie begeistert: „Ich habe eine Einsiedelei, von der aus man den Fluss sehen kann. Auch von meinem Schlafplatz aus habe ich den gleichen Ausblick und kann ihn sogar vom Bett aus bewundern, was mir außergewöhnliches Vergnügen bereitet.“2 Und dem Pater Gracián rät sie in einem ihrer Briefe: „Kommt der Schlaf, genießen Sie ihn. Sie werden immer noch genug Zeit finden, um über das nachzudenken, was nötig ist.“3 Teresia ist keineswegs eine so „abgetötete“ Ordensfrau, dass sie nicht mehr in der Lage wäre, menschliche Gefühle und Genüsse zuzulassen. Ihr intensives Mitgefühl für andere beruht gerade auf der stark entwickelten Fähigkeit, mit allen Sinnen wahrzunehmen.

Im Gegensatz dazu sieht sie skeptisch auf jene, die körperlich an äußerster Strenge festhalten, aber im spirituellen Leben zweifelhaften Genüssen nachjagen: „Wenn das Gebet von den erwähnten süßen Gefühlen begleitet wird, hinterlässt es in unserer Seele nur Schwäche, Angst und Überempfindlichkeit gegenüber jenen, die uns nicht wertschätzen. Ich wünschte mir für mich selbst kein anderes Gebet als das, das mich in den Tugenden wachsen lässt. Auch wenn es von starken Versuchungen, Trockenheiten und Beklemmungen begleitet wird, halte ich es für ein gutes Gebet, solange ich daraus demütiger hervorgehe.“4

Hier wird sehr deutlich, worum es der Reformatorin Teresia geht: „Ich betone alles, was die Tugend unterstützt, und nicht körperliche Strenge. Sie können das in allen unseren Klöstern sehen,“5 schreibt sie an den Pater Marián. Diese ihre Dringlichkeit wurde oft missverstanden, was die folgenden Zeilen aus einem anderen Brief zeigen: „Wenn Vater Johannes von Jesus sagt, dass es mein Wille sei, dass unsere Brüder barfuß gehen, scheint mir das seltsam; denn gerade ich habe es immer Vater Antonín verboten. Es ging mir darum, dass fähige Männer in den Orden eintreten wollen und sich nicht durch übermäßige Strenge abschrecken lassen.“6 Um die äußere „Strenge“, um den Rigorismus, der in ihrer Zeit in der klösterlichen Reformbewegung sehr aktuell war, geht es dieser Reformatorin überhaupt nicht. Sie distanziert sich davon. Es geht ihr um die innere Umkehr des Herzens. Sie spricht von Demut und von Tugenden, die für sie so wichtig sind, und meint damit jene Haltungen, die vom egozentrischen Eingesperrtsein zu einer Offenheit für das Göttliche und Menschliche führen. Der Mensch soll vollkommen transparent sein für die Gegenwart Gottes und für sein Wirken in ihm und durch ihn.

„Kümmert euch doch um eure Gesundheit!“

„Gott ist Ihre Gesundheit und Ihre Gehorsamkeit lieber als Ihre bußfertigen Übungen,“ schreibt Teresia ihrem Bruder Lorenz, den sie auch geistlich begleitete.7 „Dies ist ein Zeichen, dass Sie sich in seinen Willen ergeben haben, und diese Ergebung halte ich für das größte Gut, das die Übung der inneren Gebetspraxis mit sich bringt.“8 Teresia hat sicherlich viel Gewalt an ihrer eigenen Gesundheit ausgeübt, indem sie sich aufgrund übermäßiger Arbeit oft den Schlaf versagte. Rückblickend erkannte sie dies jedoch als Fehler. „Es hat meiner Gesundheit geschadet, und darum habe ich Angst, dass es eine Versuchung gewesen sein könnte,“ schreibt sie im Juni 1578 an Pater Gonzalo Dávila.9

Gesundheit ist ein Geschenk Gottes, das wir schützen müssen. Mit diesem Verständnis steht Teresia in schreiendem Gegensatz zu denen, die in ihrer Zeit mit bußfertigen Übungen übertrieben. Es gibt kaum einen Brief, in dem sie den Adressaten nicht nach seiner Gesundheit und wie es ihm geht, fragt und üblicherweise erwähnt sie auch, wie es ihr gesundheitlich geht. Besonders besorgt ist sie um ihre Schwestern und um Pater Gracián; gelegentlich gibt sie sogar therapeutische Ratschläge bis hin zur Bereitstellung von Rezepten für Pillen, die ihr so sehr geholfen haben. „Ich bin überzeugt, dass die Einnahme dieser Medikamente Ihr Leiden erheblich lindern wird, sogar wenn Sie alle vierzehn Tage nur eine Pille nehmen,“ lesen wir in einem Brief aus dem Jahr 1581 an die Priorin in Sevilla.10 Die Krankheiten anderer berühren Teresia viel mehr als ihre eigenen: „Ich weiß nicht, was ich tun soll, damit mich die Krankheiten meiner Priorinnen nicht so sehr berühren. Kümmert euch doch um eure Gesundheit, aber weder ihr noch die Schwestern solltet das ‚heilende‘ Wasser verwenden!“11 Als in Sevilla die Pest wütet, leidet Teresia unter einer tödlichen Angst um ihre Schwestern, und im Juni 1582, wenige Monate vor ihrem Tod, schreibt sie: „Lasst euch nicht auf das (...) Versuchung ein, dort hinzureisen! Das wäre der Untergang für uns alle, jedenfalls für mich. Gott hat euch zwar Gesundheit gegeben, aber sie in Gefahr zu bringen, das wäre geeignet, mich um das Leben zu bringen!“12

Rücksicht auf den Zustand, in dem sich der Mensch gerade befindet, kennt Teresia auch in Hinsicht auf das Leben des Gebetes. Sie wusste um die Bedeutung der psychosomatischen Zusammenhänge und dass Körper und Seele „mild“ geführt werden müssen, damit die menschliche Natur keinen Schaden leidet: „Sie müssen wissen, dass es sowohl in der äußeren Welt als auch in der inneren verschiedene ‚Wetterlagen‘ gibt und dass es auch gar nicht anders sein kann...“13 Sie gibt auch den Rat: „Achten Sie gelegentlich darauf, dass Sie sich unter freiem Himmel bewegen, wenn Sie bedrückt sind; denn das steht dem Gebet nicht entgegen und wir müssen gegen unsere Schwächen so kämpfen, dass unsere Natur nicht leidet. Auch das ist die Suche nach Gott; denn aus Liebe zu ihm wenden wir uns doch diesen Mitteln zu und es ist nötig, dass wir unsere Seele mild führen.“14

Teresia hat zu ihren Lebzeiten im Kloster kaum einen Tag ohne Schmerzen erlebt. Ohne Bitterkeit und mit einem großen Maß an Humor gesteht sie: „... wenn ich nicht mehr als meine gewohnten Schmerzen erlitten hätte, wäre meine Gesundheit ausgezeichnet.“15 Sie wusste sehr gut, was es bedeutet, gesundheitlich ruiniert zu sein. Das machte sie so sensibel für die Gesundheit anderer Menschen.

Es dauerte bis in unsere Zeit, bis eine vernünftige Gesundheitsfürsorge im Kloster selbstverständlich wurde. Selbst „kleiner“ Teresia von Lisieux wurde die angemessene medizinische Behandlung verwehrt. Ihre leiblichen Schwestern mussten der kranken, an Tuberkulose leidenden Schwester heimlich Morphium in die Marmelade mischen, um ihre Schmerzen ein wenig zu lindern. Wie würde sich Teresia um diese Schwester kümmern und versuchen, ihr zu helfen! Wie untreu wurde ihr Orden in diesem Punkt! Er bevorzugte ein missverstandenes Asketentum vor einer so menschlichen und christlichen Haltung seiner Gründerin!

Es ist kein Zufall, dass Teresia im geistlichen Leben so sehr die Betrachtung der Menschlichkeit Jesu betonte. Der Mensch ist der Ort, an dem sich Gott offenbart. Die Inkarnation, diese zentrale Wahrheit des christlichen Glaubens, stellte Teresia immer und in jeder Hinsicht in den Mittelpunkt ihres Lebens.

„Ich handle nicht mehr so, wie ich es gewohnt war; mit Liebe gelingt alles.“

Der Welt, die durch Ehrgeiz, Kraft, Härte und Macht geprägt ist, begegnet Teresia mit menschlichen und „mütterlichen“ Werten. Immer wieder betont sie, wie wichtig es ihr ist, dass alles mit Mäßigung angegangen wird. Diese Eigenschaft schätzt sie sehr an Pater Gracián. „Ich glaube, dass Ihre Exzellenz viel erreichen wird, wenn Sie ohne Lärm und mit Mäßigung vorgehen,“16 schreibt sie ihm im Jahr 1575, in demselben Jahr, in dem sie ihn kennenlernte. Auch den Priorinnen ihrer reformierten Klöster rät sie: „Die Priorinnen sollten daran denken, ihre Aufgaben mit großer Mäßigung zu erfüllen.“17 Von sich selbst gesteht sie, dass sie in dieser Hinsicht einen Lernprozess durchgemacht hat: „Sie wissen, was die Art der Leitung des Klosters betrifft; ich handle nicht mehr so, wie ich es gewohnt war; mit Liebe gelingt alles.“18

Einige Jahre nach ihrem Tod wird für den reformierten Karmel nicht mehr Teresias Menschlichkeit, aus der ihre tiefe Spiritualität gewachsen ist, maßgeblich sein, sondern ein lebensfeindlicher, asketischer Lebensstil, der seine Verkörperung in dem neuen Provinzial, P. Dorián, gefunden hat. Pater Gracián wurde wegen seiner „Lauheit“ aus dem Orden ausgeschlossen. P. Johannes vom Kreuz sollte dasselbe Schicksal treffen; er schützte sich davor, indem er sich freiwillig für die Mission meldete, starb aber noch vor der Abreise. Als Frau stellte Teresia ihrer Reform neue Maßstäbe auf, die von der damaligen Männerwelt zu wenig verstanden wurden. Pater Gracián und P. Johannes vom Kreuz waren hier eine ehrenvolle Ausnahme.

Erst nach und nach konnte sich Teresias große Menschlichkeit in ihrem Orden durchsetzen, nicht zuletzt dank der wissenschaftlichen Forschung unserer Zeit, die die ursprünglichen Akzente der Reform ans Licht brachte.

Auch unsere Zeit ist nicht immun gegenüber fehlerhaften Formen des geistlichen Lebens. Ich denke an jene verführerische „Leistungsfrommigkeit“, die überall zu erkennen ist, an die Neigung zu außergewöhnlichen Phänomenen, an die Überbewertung „geistlicher“ Lebensbereiche, verbunden mit der Geringschätzung des Alltäglichen und Weltlichen. Teresia hat uns mit ihrem Leben gezeigt, wie wahre Spiritualität aussieht: Himmel und Erde sind in ihr in ansprechender Menschlichkeit verbunden. Teresia wollte Authentizität und damit Glaubwürdigkeit. Das bleibt bis heute eine Herausforderung.

„Ich habe so viel beobachtet, wodurch die Klöster, wenn solche Dinge für unwichtig gehalten werden, nach und nach zugrunde gehen.“

Es geht um die Zeit der heftigsten Kämpfe zwischen reformierten und unreformierten Mitgliedern des Ordens. Alles soll der Nuncio Sega ordnen, Teresias vehementer Gegner. Den Reformierten kommen alle Arten von Verleumdungen zu ihm, auch gegen Teresia selbst: „Man hat über mich berichtet, ich sei eine umherziehende und unruhige Frau und dass die Klöster, die ich gegründet habe, ohne Genehmigung des Papstes und der Ordensoberen gegründet wurden.“19 Dennoch verfällt Teresia nicht in Selbstmitleid, auch wenn sie zugibt: „Der Herr will, dass wir leiden, da sich niemand für die Wahrheit einsetzt und kein Wort zu meiner Verteidigung sagt.“20 Auch Pater Gracián, ihr nächster Mitarbeiter und Vertrauter, kann sie nicht unterstützen. Auch er wird verfolgt. Darunter leidet Teresia am meisten.

Von der ersten Provinzversammlung der reformierten Brüder in Alcalá im Jahr 1581 wird Teresia ausgeschlossen. Als Frau hat sie nicht das Recht, mitzubestimmen, sie, die Gründerin des neuen ordens. „Was die Schwestern betrifft, so darf ich vielleicht trotzdem wenigstens ein Wort sagen, denn ich habe so viel beobachtet, wodurch die Klöster, wenn solche Dinge für unwichtig gehalten werden, nach und nach zugrunde gehen,“21 schreibt sie im Februar 1581 an Pater Gracián, um die Statuten für die Schwestern zu beeinflussen. Gracián (als Kandidat, dessen sie wünschte,) war gerade mit einer Mehrheit der Stimmen aus den ersten Wahlen als Provinzial hervorgegangen.

Es brauchte viel Zeit, bis Teresias Geist auch (und gerade) durch die Stimmen von Frauen durchgesetzt wurde, wie Teresia von Lisieux, Elisabeth von Dijon und Edith Stein. „Kurz gesagt, die Wahrheit kann leiden, aber sie wird nicht sterben; und so hoffe ich, dass der Herr sie noch mehr offenbart.“22

Entnommen aus der Zeitschrift Karmelimpulse, Jahrgang 10, 2000/II, S. 5–9.
Aus dem Tschechischen übersetzt von Schwester M. Petra vom Auferstandenen, OCD.


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