Aus dem Leben einer jüdischen Familie (3. Teil)

Dienst im Lazarett in Hranice an der Morawa

(Erinnerungen von Edith Stein)

3. Teil

Am liebsten war mir der Kontakt mit den Patienten, auch wenn er einige Schwierigkeiten mit sich brachte. In unserem Lazarett waren nämlich alle Nationen der österreichisch-ungarischen Monarchie vertreten: Deutsche, Tschechen, Slowaken, Slowenen, Polen, Rusinen, Ungarn, Rumänen, Italiener. Nicht selten auch Zigeuner. Dazu kam oft noch ein Russe oder Türke. Zur Verständigung zwischen dem Arzt und dem Kranken gab es ein kleines Büchlein, das die notwendigsten alltäglichen Fragen und Antworten in neun Sprachen enthielt. Damit machte ich mich auch vertraut. Als ich einmal auf dem Weg zu unserer Küche war, hörte ich aus der Distanz an einem Bett Dr. Pick, wie er zu Schwester Emma sagte: „Seid vorsichtig, die weiß es bestimmt!“ Dann rief er über den gesamten Saal: „Schwester Edith, wie sagt man ‚schwitzen‘ auf Ungarisch?“ Ich rief ihm das fehlende Verb zu, ohne stehen zu bleiben. Mit diesen wenigen Bruchstücken und der Gebärdensprache halfen wir uns. Es hätte sicherlich noch mehr Schwierigkeiten gegeben, wenn die Menschen den Wunsch gehabt hätten, sich mit anderen zu unterhalten. Aber die meisten waren in einem Zustand, in dem das überhaupt nicht in Frage kam. Ihre völlige Hilflosigkeit und die Notwendigkeit der Pflege machten meine Arbeit besonders angenehm. Sehr schnell erkannte ich die Unterschiede zwischen den Nationalitäten. An der Station hatten wir keinen einzigen Reichsdeutschen. Später hatte ich einige als Patienten. Wir deutschen Schwestern freuten uns, wenn wir in einem Transport einen Landsmann entdeckten. Aber als wir ihn einige Tage in unserem Zimmer hatten, waren wir normalerweise ziemlich verunsichert. Unsere Landsleute waren anspruchsvoll und kritisch, und wenn ihnen etwas nicht gefiel, konnten sie den ganzen Saal aufrühren. Die „wilden Völker“ waren demütig und dankbar. Es tat mir so leid um die armen Slowaken und Rusinen, die aus ihren friedlichen Dörfern gerissen und ins Feld geschickt wurden. Was wussten sie von der Geschichte des deutschen Reiches und der habsburgischen Monarchie? Und jetzt lagen sie hier und litten, ohne zu wissen warum.

Die Ungarn, berühmt für ihren Mut im Feld und schofel höflich zu uns, waren die empfindlichsten Patienten. Als ein Neuankömmling bei der ersten Verbandswechsel im Operationssaal laut zu klagen begann, wurde ihm zugerufen: „Nem sabot, Magyar!“ (Das darfst du nicht, Ungar.) Dann verstummte der schmerzliche Schrei für einige Augenblicke. An den Nationalitäten konnte man sich nicht irren. Die Tschechen, die wegen ihres „Verrats“ an der deutschen Sache so verhasst waren, erkannten wir als die geduldigsten Patienten und als die hilfsbereitesten. Einmal musste ich einen bewusstlosen Patienten, der recht schwer war, auf ein anderes Bett umlegen, um das seine in Ordnung zu bringen. Die, die bei vollem Bewusstsein waren und nicht so schwer waren, konnte ich normalerweise selbst auf das Nebenbett hinübertragen. Wenn man sie richtig anpackte, ging das ganz gut. Aber in diesem Fall war das nicht möglich. Da keine Schwester in der Nähe war, bat ich einen jungen deutschen Tschechen um Hilfe. Er machte sich schon gut und schlenderte träge durch den Saal. Er war immer so nett wie ein Kind und mir sehr ergeben. „Schwester“, sagte er jetzt verlegen, „ich würde das gerne für Sie tun. Aber ich kann nicht, es ekelt mich zu sehr.“ Da kam freiwillig ein Tscheche. Von weitem stand er nicht so fest auf den Beinen wie der erste. „Auch für mich ist es nicht einfach“, sagte er, „aber einem kranken Menschen muss geholfen werden“.

(...) Manchmal kam ein Militärgeistlicher in Uniform in den Saal und ging die Reihen entlang. Ich muss sagen, dass er wenig vertrauenswürdig aussah; ich habe auch nie bemerkt, dass er bei jemandem länger verweilte. Ich habe nie erlebt, dass einem Kranken die heilige Kommunion gebracht oder die heilige Salbung gespendet wurde. Leider war ich in diesen Dingen so unbeleckt, dass ich nicht einmal auf die Idee kam, danach zu fragen oder mich darum zu kümmern.

Ein anderer Gast, der manchmal kam, war ein Leutnant, dem das Militärbüro unterstand. Er war immer äußerst höflich und befahl streng den Leuten, dass sie den Schwestern gehorchen sollten, als wären sie er selbst. Notwendiger als bei den Patienten war das bei den Landsturmleuten, die wir zur Unterstützung hatten. Zunächst war ich vollkommen erschüttert, dass von den Soldaten erwartet wurde, dass sie die niedrigsten und schmutzigsten Arbeiten erledigen. Sie widersetzten sich nicht offen. Aber die Polen und Tschechen unter ihnen widersprachen passiv, indem sie so taten, als ob sie den deutschen Befehlen nicht verstünden. Wenn wir den Saal gefegt haben wollten, mussten wir so einen Menschen an den Schultern packen und ihm den Besen in die Hand drücken. Dann wollte er vielleicht anfangen zu arbeiten. Aber wenn wir uns von ihnen abwandten, mussten wir darauf vorbereitet sein, dass der Besen schnell wieder in der Ecke stand. Wir sollten die Faulen dem Leutnant melden. Aber die Österreicher hatten so schreckliche Strafen – Fesseln oder sogar Prügel. Dem wollten wir doch niemanden aussetzen.

Als ich zwei Wochen auf der Typhusstation war, bekam ich Nachtdienst. In unserem Saal hielten wir ihn abwechselnd. So kam man nach 14 Tagen nur in der Nacht zur Station – von 7 Uhr abends bis 7 Uhr morgens – und der Tag war zur Erholung. Gegen 9 Uhr morgens gab es für den Nachtdienst das Frühstück, dann sollten sie bis etwa 6 Uhr nachmittags schlafen, um halb sieben zu Abend essen und dann zur Station gehen. Nachts bekamen sie eine Kanne Kaffee, zwei dicke Stücke Brot mit Butter und Eier. Für die, die Nachtdienst hatten, gab es ein besonderes Schlafzimmer; dort bin jetzt auch ich umgezogen. Wenn man gute Freundinnen hatte, die sich um das Frühstück kümmerten, konnte man es sich zur üblichen Zeit holen lassen und ans Bett bringen. Dann war es nicht nötig, bereits um 9 Uhr dort zu sein, sondern man konnte länger draußen bleiben. Denn nach Licht, Luft und Sonne verlangte man mehr als nach Schlaf.

Als ich am ersten Abend mit meiner Kanne Kaffee zur Reitbahn ging, begegnete ich Dr. Pick mit einem Kollegen. Er wünschte mir eine gute Nacht und sagte zu dem anderen: „Sie ist seit zwei Wochen hier und hat bereits die Verantwortung für 60 typhuskranke Patienten übernommen.“ Aber noch mehr wartete auf mich. Die Oberin ließ mich rufen und fragte mich, ob ich Injektionen geben könne. Ich hatte es gelernt, auch wenn ich es bisher nicht oft gemacht hatte. Sie bat mich, auch ein wenig auf den II. Saal zu achten; die Polin, die dort Nachtdienst hatte (ein kleiner Corporal!), verstand sich mit den Injektionen nicht. Auch im III. Saal sollte ich gelegentlich nachsehen, da dort nur eine Pflegekraft war. Schließlich übergab sie mir noch einen kleinen Isolierraum: dort war ein Patient von unserem Saal verlegt worden, weil bei ihm Diphtherie festgestellt worden war. Er war ein Zigeuner, der uns bereits viele Sorgen gemacht hatte, weil er die Nahrungsaufnahme verweigerte. Er war schrecklich abgemagert und sein braunes Gesicht war gelblich. Die Diphtherie hatte ihm den Rest gegeben. Aber er starb während meines Nachtdienstes nicht. Im Gegenteil, das kleine Mädchen, ganz verängstigt, brachte mich in der ersten Nacht sofort zu einem Sterbenden. Der arme Sterbende konnte sich mit ihr überhaupt nicht verständigen. Er war ein Deutscher und sie verstand kein Deutsch. Ich schickte sie schnell zum Arzt, der bei uns Nachtdienst hatte, und bereitete inzwischen die Injektion vor. Der Arzt kam bald, aber da war schon keine Hilfe mehr möglich. Er konnte nur auf den Tod warten und ihn feststellen.

Das war das erste Mal, dass ich jemanden sterben sah. (...)

Als ich am Abend in den Saal kam, ging ich ihn zunächst einmal ganz ab. (...) Ich ging die Reihen entlang und überzeugte mich, wie es den schwer kranken Patienten ging. Wenn die Leute Schlafenszeit hatten und nichts Besonderes war, setzte ich mich an einen kleinen Tisch, schrieb Briefe oder las. Nach Hranice hatte ich nur zwei Bücher mitgenommen: Husserls „Ideen“ und Homer.

Direkt hinter mir in der ersten Reihe lag ein Tscheche, ein Mann in der Mitte des Lebens, klein und schwächlich. Er hatte so erfrorene Füße, dass mehrere Zehen wie verkohlt aussahen und amputiert werden mussten. Er schlief fast nie und hatte fast die ganze Nacht seine Pfeife im Mund. Ruhig ließ ich ihn, obwohl das Rauchen im Bett den Menschen streng verboten war. Ich wollte ihm diesen Trost nicht nehmen.

Auch Mario lag normalerweise ohne Schlaf, mit großen, glänzenden Augen. Eines Tages winkte er mir und gab mir mit Zeichen zu verstehen, dass er mir gerne einen Brief diktiert hätte. Wahrscheinlich hatte er bemerkt, dass ich gelegentlich schrieb. Ich brachte Papier und einen Stift und kniete mich neben sein Bett. Mit seinen Lippen formte er die Worte – er konnte nicht einmal flüstern – und ich blickte ihm mit angespannter Aufmerksamkeit auf die Lippen, entnahm jedes Wort, schrieb es auf und zeigte ihm jeden Satz, den ich hatte, damit er ihn überprüfte. So haben wir einen recht guten italienischen Brief an seine Schwestern zusammengesetzt. Es war sicherlich die erste Nachricht, die seine Schwestern seit seiner Krankheit zu Hause bekommen hatten. Bald darauf teilte ihm Dr. Pick bei der Visite mit, dass seine Schwestern geschrieben hatten. Die große Mühe, die wir uns mit Mario gegeben hatten, hat sich reichlich ausgezahlt. Nach Wochen des erbitterten Leidens erhielt er seine Stimme zurück – tatsächlich wirklich eine starke Stimme – konnte mit Appetit essen und schließlich auch aufstehen. (...)

Einige Nächte bereitete mir ein Patient im schweren Delirium Mühe. Er war schon ohne klares Bewusstsein gebracht worden; er wirkte zwar gutmütig, aber von schrecklichen Albträumen geplagt. Als ich zu ihm kam, packte er meinen weißen Kittel und rief: „Schwester, helfen Sie mir, helfen Sie mir!“ Eines Nachts wollte er ständig weglaufen. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihn fest zu fesseln. Über das ganze Bett zog ich das Laken und band die Enden am Bettgestell fest. Der unruhige Kranke hatte noch den Kopf herausgestreckt, aber sonst war er gefangen. Doch nachdem er eine Weile aktiv war – er war ein starker Mann – lösten sich die Knoten und ich musste die Arbeit von Neuem beginnen. Dabei überraschte mich einmal der Arzt, der in dieser Nacht Dienst hatte und sehen wollte, was auf der Station geschehen war. Er war ein friedlicher Landarzt, der wahrscheinlich noch nie einen Fall von Typhus gesehen hatte. Er erschrak, dass ich im Saal allein bei einem so schwer fesselbaren Kranken war. Als er sah, wie ich das Bett säuberte, rief er entsetzt: „Schwester, Sie werden sich anstecken!“ Lächelnd zeigte ich auf unsere Sublimat-Schüssel. Um dem Kranken und mir zu helfen, gab er ihm schließlich eine Morphium-Injektion. Die Wirkung war jedoch nicht die beste. Der Mann lag nun zwar ruhig, aber begann laut zu singen, und weckte die anderen auf. Am nächsten Morgen sagten sie, es wäre schön gewesen, wie die Schwester am Bett saß und wie Wiegenlieder gesungen wurden.

(Edith Steins Werke VII, Editions Nauwelaerts – Löwen 1965, S. 239–244, gekürzt.
Ausgewählt und übersetzt von Schwester Petra von den Auferstandenen OCD.)


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