Kapitel VIII: Dienst im Lazarett in Hranice an der Morava
(Erinnerungen von Edith Stein)
2. Teil
Die Lazarette in Böhmen und Mähren waren überwiegend in den Händen deutscher Schwestern. Die Lazarette wurden von einer Organisation deutscher Pflegekräfte eingerichtet, und das Schlesische Rote Kreuz stellte Hilfskräfte zur Verfügung. Vermittelt wurde dies von einer Dame aus Breslau, Fräulein Gertrud Stein. Als ich am 7. April 1915 um 6 Uhr morgens abfuhr, kam sie zum Zug, stellte mich zwei weiteren Helferinnen vor, die aus Sachsen kamen und mit mir nach Hranice fahren sollten, und überreichte uns unsere Abzeichen: einen Emaille-Anstecker, ein schwarzes Band mit einem roten Kreuz in der Mitte eines weißen Feldes. Beide Begleiterinnen aus Sachsen waren junge Mädchen, eines aus einer wohlhabenden bürgerlichen Familie, das andere etwas einfacher, beide – so erinnere ich mich – Mädchen aus dem Haus ohne einen Beruf. Natürlich warteten wir alle angespannt auf unser neues Tätigkeitsfeld. Am Mittag erreichten wir unser Ziel. Am Bahnhof nahmen wir eine Pferdekutsche und fuhren zum Lazarett. Es lag ziemlich weit außerhalb der Stadt. Hranice war eine hübsche Stadt. Auf dem Marktplatz die steinernen „Lauben“, wie ich sie aus den alten Städten in Schlesien und Böhmen kannte; unter den Bögen standen Markttische, die aus den Läden hinausgeschoben worden waren. Unsere Kutsche hielt vor dem Tor eines großen Gebäudes. An der Straße standen drei große Häuser, die unmittelbar aneinandergrenzten. Es dauerte etwa zehn Minuten, das gesamte Hauptgebäude zu durchqueren. In Friedenszeiten war hier eine Reitkadettenschule untergebracht, dazu ein Gebäude für Offiziere und eine höhere Realanstalt. Dahinter schloss sich eine große und eine kleine Reithalle an. Außerdem waren neu Gebäude für die Zwecke des Lazaretts angebaut worden (ich erinnere mich nicht mehr genau, ob 10 oder 20). In jedem gab es zwei Säle für Erkrankte mit je fünfzig Betten.
Zuerst wurden wir in die Kantine gebracht und erhielten ein reichhaltiges Mittagessen. Die meisten Schwestern waren bereits am Essen, es waren nur ein paar Verspätete da. Sie fragten uns, ob wir Post für sie mitgebracht hätten. Fräulein Stein hatte uns tatsächlich Briefe mitgegeben. Wir legten sie auf den Klavier, wo die Adressatinnen ihre abholten. Dass Schwestern Briefe von hier nach dort transportierten, war gewöhnlich, denn auf normalem Wege gingen viele verloren oder wurden wochenlang zurückgehalten. Es war jedoch streng verboten, die Zensur zu umgehen, die zwischen den Alliierten bestand. Aber offensichtlich kümmerte sich niemand um dieses Verbot.
Wenn ich mich recht erinnere, wurden uns nach dem Mittagessen Schlafplätze zugewiesen. Man rief eine Hilfskraft auf dem Flur, um mich mit ihr zu nehmen. Sie zeigte mir ein freies Bett im großen Schlafsaal, das ich bereit machen sollte. Außerdem sagte sie mir in den wenigen Minuten, die sie für mich hatte, dass ich wahrscheinlich bald Angina bekommen würde, das bekämen hier alle am Anfang. Es schien mir wenig einladend, in dieser Umgebung krank zu werden. Einen freundlicheren Eindruck erhielten wir, als die Oberin endlich Zeit fand, uns willkommen zu heißen. Sie rief uns in ihr Büro. Es war ein heller, großer Raum, der mit ihrem soliden Schreibtisch und Blumen ganz wie in Friedenszeiten wirkte. Schwester Margareta war klein, aber kräftig, sie war etwas über 30; das Gesicht unter der weißen Haube war gütig und freundlich, ihre Natur einfach, natürlich und bescheiden, aber fest und entschlossen. Vor dem Krieg war sie Schwester in der Landgemeinde in Schlesien gewesen. Wie die meisten Schwestern hier gehörte sie der Organisation der deutschen Pflegekräfte an. Sie hatte das Lazarett unter schweren Bedingungen mit einer geringen Anzahl von Hilfspersonal eingerichtet.
Bevor sie das Nötigste an Personal hatte, kam bereits der erste Transport von choleraerkrankten Patienten. Jetzt führte sie eine Gruppe von 150 Schwestern und Helferinnen, dazu noch die schwierigen Umgangsformen mit dem tschechischen Direktor, Ärzten und dem militärischen Büro. Bei der Bevölkerung fand sie überhaupt keine Unterstützung. Diese war fast vollkommen tschechisch und feindlich gegenüber Deutschen. Wenn wir jemanden auf der Straße nach dem Weg auf Deutsch fragten, erhielten wir keine Antwort. Spenden von den einheimischen Leuten erhielt das Lazarett sehr selten, weil dort deutsche Schwestern pflegten. Wir waren auf das angewiesen, was wir von zu Hause erhielten. Während wir ihre Verwundeten pflegten, saßen die Mädchen aus Hranice schön herausgeputzt auf der Kurpromenade beim Konzert.
Schwester Margareta überlegte einen Moment, wohin sie die neuen Helferinnen senden sollte. Mich ordnete sie der Typhusstation zu. Sie telefonierte in die große Reithalle, um mich dort anzumelden. Wer mich dorthin brachte, weiß ich nicht mehr. Wir gingen zur Tür zum Hof und gingen entlang der kleinen Reithalle zur großen. Es war ein einstöckiges Gebäude, eigentlich nur ein geräumigeres Haus. Links von den Eingangstüren war im Flur zuerst ein kleiner Raum für den Arzt, der gerade Nachtdienst hatte. Dahinter war ein Zimmer für die Schwestern. Auf der rechten Seite befanden sich ein Badezimmer und ein kleiner Raum, in dem Patienten untergebracht wurden, die aufgrund einer anderen Infektionskrankheit von den anderen isoliert werden mussten. Gegenüber dem Eingang führten zwei Türen in die beiden vorderen Säle für Erkrankte. Hinter ihnen befanden sich noch zwei weitere Säle, jeder mit einem Büro für den Oberarzt und die Oberin. Jeder Saal hatte auch eine kleine Teeküche. In beiden vorderen Sälen lagen jeweils 60 schwer kranke Typhuspatienten, in den hinteren jeweils 58. Die sich erholenden Patienten wurden in die Gebäude verlegt. Jeder Saal hatte seinen eigenen Arzt, zwei Schwestern von Beruf und zwei Helferinnen; außerdem für die Hausarbeiten noch Pflegekräfte (einheimische Mädchen) und einen Mann aus der Heimatwehr. Der Leiter der gesamten Typhusabteilung war Geheimer Rat Boral, die Oberin war Schwester Anna. Man führte mich in den ersten Saal, wo ich als Helferin arbeiten sollte, und stellte mich den Schwestern vor.
(…) Die Schwestern begrüßten mich freundlich. Zu den Schwesternkleidern und der weißen Schürze erhielt ich noch einen weißen Arztmantel. Den zogen wir aus, wenn wir die Typhusstation verließen, um so wenige Bazillen wie möglich nach draußen zu bringen. Außerdem stand in jedem Saal eine Schüssel mit Desinfektionslösung. In diese tauchten wir unsere Hände nach jedem Kontakt mit Erkrankten. Auch sonst wurde mit Desinfektionsmitteln nicht gespart. Benutzte Wäsche ging sofort in große Eimer mit Lysol-Lösung. Alle waren stolz darauf, dass sich im Haus nur sehr selten jemand infiziert hatte. Und über die Oberin sagte man, dass sie, wenn sie sich infizieren würde, nicht an Typhus, sondern vor Scham sterben würde. (…)
Auch die zweite Helferin auf der Station, Steffi, war ungeschultes Personal. Im Gegensatz dazu hatte ich einen Vorsprung. Aber: Unser Kurs dauerte nur einen Monat, und dann arbeitete ich praktisch noch sechs Wochen. Das war schon ein halbes Jahr her. Einen Typhuspatienten hatte ich noch nie gesehen; nur die Ursachen, Symptome und den Verlauf der Krankheit kannte ich aus unserem Lehrbuch. Natürlich musste ich mich zuerst einarbeiten und machte wahrscheinlich viele Fehler. Ich erinnere mich nur an eine. Als ich durch den Saal ging, sah ich einen Erkrankten, dessen Zähne vor Kälte klapperten. Schnell füllte ich eine Wärmflasche mit heißem Wasser und legte sie ihm an die Füße. Da musste auch der Patient selbst lächeln: er lag nämlich in kaltem Wickel.
Schwester Loni führte mich nach meiner Ankunft durch den gesamten Saal, zeigte mir die ganze Ausstattung und stellte mich mit dem Zustand der Erkrankten bekannt. Besonders wies sie mich auf den damals schwersten Fall unter den Patienten hin. Es war ein junger italienischer Kaufmann aus Triest. Man bezeichnete ihn nur mit dem Vornamen; der Name fällt mir nicht mehr ein, nennen wir ihn Mario. Die Krankheit trat bei ihm mit ungewöhnlicher Heftigkeit auf. Sein Mund war ständig voller Schleim, oft mit Blut vermischt. Schwester Loni befahl mir, ihm jedes Mal, wenn ich vorbeiging, den Mund mit einem Tampon zu reinigen. Für diese barmherzige Tat bedankte er sich immer mit einem Blick. Er konnte überhaupt nicht sprechen; seine Stimme hatte er völlig verloren. Bei jeder Visite wurde er gründlich untersucht. Der Arzt und die Schwestern sprachen dann an seinem Bett über ihn, als ob er nichts verstehen würde. Aber ich sah in seinen großen, glänzenden Augen, dass er voll bewusst war und jedem Wort gespannt laushörte. Meistens lag er vollkommen still, verfolgte uns jedoch mit seinem Blick. Die anderen Erkrankten wussten fast alle aufgrund der Fieber kaum etwas von sich und waren sich nichts von dem, was um sie herum geschah, bewusst. Wir pflegten sie, als wären es kleine Kinder, und waren erstaunt, als sie nach Wochen zu sich kamen und sich wie normale Menschen verhielten. Bei einigen klang der Typhus bereits ab, sie litten jedoch noch unter Begleiterscheinungen. Die häufigsten Komplikationen waren Lungenentzündungen und Pleuraentzündungen, die mehr Opfer forderten als der Typhus selbst. Einige kamen von der Karpatenfront mit erfrorenen Füßen und mussten dementsprechend behandelt werden.
Während unserer Rundgänge durch den Saal kam der Arzt zur Visite und wurde mir vorgestellt. Er war noch sehr jung, klein und pummelig, mit hellen Haaren und rosigen Wangen. Nach ein paar freundlichen Worten erklärte er: „Die Schwester wird nach der Reise müde sein. Heute entlassen wir sie.“
Inzwischen war in einem anderen Saal ein Fall von Flecktyphus festgestellt worden. Das wurde für etwas sehr Schlimmes gehalten. Der Verlauf endete meist mit dem Tod, und die Ansteckungsgefahr war groß; auch war es kaum möglich, sich davor zu schützen, da der Erreger der Krankheit noch nicht entdeckt worden war. Die Oberin erließ die Anweisung, dass die Schwestern der Typhusstation so wenig wie möglich mit anderen in Kontakt treten und alle im großen Reitstall schlafen sollten. So musste ich mein Gepäck erneut aus dem großen Saal holen, wo ich es vor einigen Stunden abgelegt hatte. Nur mit Mühe fand ich meinen Weg in dem weitläufigen Gebäudekomplex.
(…) Mit den Schwestern kam ich gut zurecht. Sie waren fleißig und eifrig in ihrem Dienst, auch wenn es den Eindruck machte, dass sie dabei mehr Ehrgeiz als Menschlichkeit antrieben. Es schien, als hätten sie mich gerne. Es erfreute mich jede Arbeit, die man mir anvertraute, und ich sprang auch gerne für andere ein, wenn sie etwas hatten. Es war festgelegt, dass wir vier zwischen dem Mittagessen und dem Kaffee – zu der Zeit, wo es normalerweise nicht viel Arbeit gab – abwechselnd frei hatten. Mir war nicht viel an Freiwilligkeit gelegen, schließlich war ich gekommen, um zu arbeiten, und nicht um spazieren zu gehen oder zu schlafen. Aber Schwester Loni bestand allgemein darauf, dass ich auch Zeit zur Erholung hatte. Nach und nach erkannte ich auch, dass es nötig war – Briefe zu schreiben, meine Dinge in Ordnung zu halten, mir etwas Kleines in der Stadt zu besorgen usw. Aber als ich sah, dass Steffi Kopfschmerzen hatte – das passierte oft – bat ich um Erlaubnis, sie ins Bett zu schicken und den Dienst für sie zu übernehmen. Sie machte nicht viele Worte, war aber dankbar, dass sich jemand freundlich um sie kümmerte. Sie war eine Exilantin ohne Heimat. Als ich während des großen deutschen Vormarsches in Galizien oft freudig in den Saal kam und von Siegen berichtete, sagte sie in ihrem etwas harten Deutsch: „Oh Schwester Edith, Sie bringen immer so gute Nachrichten.“ Einmal konnte ich auch berichten, dass ihre Heimatstadt Tarnow von den Russen befreit worden war. Mein freudiger Nachrichten fanden bei den Soldaten weniger Resonanz. Ungläubig schüttelten sie den Kopf. Sie hatten Niederlagen und ständigen Rückzug erlebt und konnten nicht glauben, dass sich die Lage gewendet hatte. Ich war darüber ganz empört.
Auch mit Dr. Pick arbeitete ich gut zusammen. Er kam von der Prager Universitätsklinik, war Internist und wollte auf unserem Saal dieselbe makellose Ordnung wie auf seiner Klinik. Es freute ihn, dass ich mich für Medizin interessierte, und er gab mir am Bett der Kranken gerne lehrreiche Vorträge, wie er es gern bei der großen Visite tat. Auch praktisch lernte ich viel von ihm. Angenehm für ihn war die Entdeckung, dass er sich mit mir wie mit einem Kollegen auf Lateinisch unterhalten konnte. Doch das Latein, das diese Ärzte sprachen, war wirklich barbarisch.
(Edith Steins Werke VII, Editions Nauwelaerts – Louvain 1965, S. 233–239, gekürzt.)
Ausgewählt und übersetzt von Schwester Petra von der Auferstandenen, OCD.)