Aus der Offenbarung der Julia von Norwich

(Ich zögerte ein wenig, diesen Text auf den Seiten unserer Zeitschrift zu veröffentlichen. Denn Julian von Norwich war keine Karmelitin. (Sie lebte im Übergang vom 14. zum 15. Jahrhundert zurückgezogen an einer Kirche in Norwich in England.) Auch behalte ich die Zurückhaltung im Hinterkopf, die der heilige Johannes vom Kreuz in Bezug auf private Offenbarungen oder Visionen oder sogar deren Aufzeichnung rät.
Aber ich dachte mir: Katka würde uns doch nichts übersetzen und anbieten, was nicht beachtenswert wäre… Und so kehrte ich noch einmal, sorgfältiger, zu dem Text von Julian von Norwich zurück. Und ich suchte mir auch das kleine Buch
Weisheit von Julian von Norwich, das 1997 im Karmeliterverlag erschienen ist. Vom Geist dieser Texte berührt, präsentiere ich euch allen den folgenden Auszug. – Zur Erklärung P. Gorazd.)

„Ich war noch wach, als der Herr meine geistlichen Augen öffnete und mir mitten in meinem Herzen meine Seele zeigte. Ich sah meine Seele so weit wie ein Königreich… als wäre sie eine schöne Stadt.

In der Mitte dieser Stadt sitzt unser Herr Jesus, wahrer Gott und wahrer Mensch, von ansehnlicher Gestalt und hoch, ehrwürdig, der größte Herr. Und ich sah ihn in Herrlichkeit, umgeben von Ehren. Er sitzt in der Seele aufrecht, in Frieden und Ruhe, und zugleich herrscht und bewacht er den Himmel und die Erde und alles, was darin ist. Menschlichkeit und Göttlichkeit sitzen hier friedlich, und die Göttlichkeit herrscht und wacht über alles, ohne irgendwelche Instrumente oder Mühe. Und meine Seele ist selig erfüllt von der Gottheit: der höchsten Macht, der höchsten Weisheit und der höchsten Güte.

Der Platz, den Jesus in unserer Seele einnimmt, wird niemals leer sein, denn in uns ist sein eigentlicher Wohnsitz, und es ist für ihn das größte Vergnügen, dort zu verweilen. Es war ein trostvoller Anblick, voller Frieden, denn es ist in der Wahrheit so, für immer und ewig. (…)

Und nachdem ich das mit großer Aufmerksamkeit kontempliert hatte, offenbarte mir unser Herr sehr demütig Worte (ohne Stimme und ohne dass er die Lippen bewegte, wie zuvor), und sprach sehr ernst: Wisse wohl, dass das, was du heute gesehen hast, keine Halluzination war; nimm es an und glaube es und halte fest daran, und nichts wird über dich siegen.

Diese letzten Worte wurden zu mir gesprochen, um mich in der vollkommenen Gewissheit zu unterrichten, dass es unser Herr Jesus ist, der mir all das offenbart hat…

Nichts wird über dich siegen. Und diese Lektion und diese wahre Stärkung beziehen sich im Allgemeinen auf alle meine Mitchristen, wie ich bereits gesagt habe, und so ist der Wille Gottes.

Und diese Worte: Nichts wird über dich siegen, wurden sehr nachdrücklich und kraftvoll gesprochen, damit ich Gewissheit und Stärke in jeder Widrigkeit habe, die kommen kann. Er sagte nicht: Du wirst keinen Angriff mehr erleben, du wirst nicht mit Arbeit überlastet, du wirst keine Unruhe erfahren, sondern er sagte: Nichts wird über dich siegen.

Gott möchte, dass wir diesen Worten Beachtung schenken und immer stark in unserem Vertrauen sind, sei es inmitten von Wohlstand oder inmitten von Not, denn er liebt uns und hat Freude an uns, und so möchte er, dass auch wir Freude an ihm haben und ihm kraftvoll vertrauen, und alles wird gut sein.

Und bald darauf verhüllte sich alles, und ich sah nichts mehr.“

(Aus dem Buch Julian of Norwich: Showings (Kap. 22, kurzer Text). Paulist Press, 1978.)
Aus dem Englischen übersetzt von Katka Lachmanová.