Frau – das Abbild des Menschen

Sirja Walter

Ein Name, der durch die Jahrhunderte klingt: hebräisch Mirjam, griechisch Maram, lateinisch Maria, und dann weiter in der Vielgestaltigkeit der Sprachen dieser Welt.

Der Name der Frau

Es ist der Name einer einzigen Frau, der Name eines Menschen, wie wir sind. Nichts von dem, was zum menschlichen Dasein gehört, war ihr fremd. Sie hatte nur einen einzigen, unverwechselbaren Auftrag: wesentlich am Leben Jesu, des Sohns Gottes, der Mensch wurde, teilzuhaben. Sie gehört zu Jesus wie Eva zu Adam. Sie ist die neue Eva, die Mutter aller Lebenden, so wie Jesus der neue Adam ist, der durch seinen Tod der Welt Leben schenkt. Dieser Blickwinkel hat seinen Ursprung nicht in übersteigerter Spekulation, sondern stellt den Grundstein der altkirchlichen Verkündigung dar, wie wir sie aus den Schriften der Kirchenväter kennen. In Marias Weiblichkeit wird deutlich, dass sie selbst kein Einzelfall, kein Sonderfall ist, ohne Beziehung zur normalen menschlichen Existenz. In Maria als Frau wird das uranfängliche Geheimnis der ganzen Schöpfung sichtbar. Ihr „Fall“ ist typisch und richtungsweisend. Maria bürgt für uns, damit wir uns selbst und unsere Berufung erkennen. Und schließlich geht es um die Frage der Menschheit: Was ist der Mensch? Und weil der Mensch nur als Mann oder Frau existiert, geht die Frage weiter: Was ist der Mann? Was ist die Frau?

Was ist die Frau?

Maria ist eine Frau. Das ist das Erste, was wir über sie sagen können. Was bedeutet das jedoch? Gehört das einfach zu den persönlichen Angaben? Soll das etwa bedeuten, dass sie zum „schwachen“ Geschlecht gehört? Wenn wir so denken, ist das ein Beweis dafür, wie weit wir von der Wirklichkeit und der Wahrheit entfernt sind. Wenn Maria eine Frau ist, dann ist sie, noch bevor wir von ihrem persönlichen Beruf erfahren, das Tor zu etwas Großem: Sie ist durch ihr Weiblichsein eine mögliche Teilnehmerin am Wirken Gottes zur Heilung der Welt und zum menschlichen Glück. Damit wird wirklich etwas von dem uranfänglichen Geheimnis der Schöpfung sichtbar. Die Schöpfung als Gegenüber Gottes gehört zum weiblichen Geschlecht. Und der Grund? Alles geschaffene Sein ist Gnade, ein freiwilliges Geschenk des schaffenden Gottes. Gnade kann jedoch nur empfangen, nicht erkämpft werden. Empfangen ist aber eine besondere Fähigkeit der Frau, nicht des Mannes. Das Zeichen der Frau ist die Hülle. In der dreifachen Hülle des weiblichen Körpers ist die Frau das Ohr, das Herz und der Schoß der Schöpfung. Und sie wird nicht wegen ihres Aussehens, ihrer geschickten Hände oder ihrer Kraft gesegnet. All dies wäre eine männliche Leistung. Sie jedoch kennt als Frau keine Leistung. Oder anders gesagt: Ihr „Leistung“ sind leere Hände, ganz offen, ganz bereit. Sie hört zu und beobachtet aufmerksam. Sie wägt in ihrem Herzen alles ab, was sie gehört hat, und entdeckt so das Geheimnis, das im Gehörten verborgen ist. So nimmt sie auf, empfängt und trägt ihre Frucht, die ihr als Geschenk zugeteilt wurde.

Die Berufung des Menschen

Maria zeigt jeder Frau, wozu sie berufen ist – und jedem Mann, dass er sein menschliches Dasein vor Gott nur leben kann, indem er wie eine Frau stets bereit ist zu empfangen. Marias Weiblichkeit kulminiert in der Wahl, die Mutter Gottes zu sein, die Mensch wurde. Diese Wahl ist zwar unwiederholbar, aber ihre Bedeutung hat Gültigkeit für alle. In der Tatsache, dass sie die Mutter Gottes ist, wird das uranfängliche Zusammentreffen von Wirklichkeiten, wegen derer Gott, der Herr Allerhöchste, das Universum und darin den Menschen als sein Gegenüber, als sein „Du“ geschaffen hat. Was in der sternenfunkelnden Stunde der Verkündigung in Nazareth geschah, ist das Ergebnis der liebevollen Begegnung zwischen Gott und Mensch. In Maria, in der Frau, gibt sich der ganze Mensch, Frau und Mann, Gott hin, der um uns wirbt und uns liebt.

Gott schuf den Menschen als Mann und Frau, damit im Zusammenkommen von Mann und Frau im Alltagsleben etwas von dem Abenteuer der Liebe zwischen Gott und Mensch verstanden werden kann. Das ist der Sinn des Unterschieds zwischen Mann und Frau: im Kleinen und Unbedeutenden zu zeigen, dass die Liebe Gottes keine Grenzen kennt und dass der Mensch bereit sein soll, diese Liebe zu erwidern. Es ist eine besondere Berufung des Mannes, im täglichen Leben als Gegenüber der Frau ein Zeichen der Liebe Gottes zu sein. So werden Mann und Frau zu einem Bild und Gleichnis der Beziehung zwischen Gott und Mensch.

Entnommen aus dem Churer Marienbuch,
übersetzt von A. Janoušková