Heutiges Leben in Ordnung

Reinhard Körner, OCD / Birkenwerder

In der Zeit, in der ich diesen Artikel schreibe (im Oktober 1994), beraten in Rom 180 Bischöfe und ebenso viele eingeladene Vertreter von 1700 Orden und Gemeinschaften einen ganzen Monat über das „Leben, das Gott geweiht ist, und seine Mission in der Kirche und in der Welt“ – also über das Ordensleben und seine heutige Bedeutung. Seit der Verkündung dieser Synode vor drei Jahren wurde in den Klöstern und Ordensgemeinschaften viel darüber gesprochen, worin wir, Ordenskristen, selbst den Sinn unserer Lebensweise und unsere Rolle in der Kirche und in der Welt sehen. Vielleicht hat es so eine lebhafte Meinungsäußerung zu diesen Fragen unter den Schwestern und Brüdern in den Gemeinschaften – vor allem aber auch unter den verschiedenen Orden – weltweit noch nie gegeben. Als sich vor einem Jahr, im November 1993, etwa 500 Generaloberste zu einer Konferenz versammelten, um über die Haltung ihrer Gemeinschaften zum Vorbereitungspapier (zu den sogenannten „Lineamenta“) des vatikanischen Synodensekretariats zu diskutieren, waren sie sich schnell in einem Punkt einig: Das Bild, das das Synoden-Sekretariat in Rom von der aktuellen Situation der Orden hat, stimmt bei weitem nicht mit der Realität überein; ja, auch auf die Frage, worin überhaupt die Besonderheit des Ordensberufs besteht, antworten in Rom – und wahrscheinlich auch viele Christen, einschließlich Priester und Bischöfe – in vielerlei Hinsicht anders, als dies zumindest viele Ordensleute und deren Oberen versuchen zu beantworten. Und auch darin waren sie sich einig: Die „Erneuerung des Ordenslebens“, nach der der Zweite Vatikanische Konzil vor dreißig Jahren rief und zu der aufrief, hat – wie aus den Lineamenta aus Rom zu lesen war – nicht zu einem „gewissen Ergebnis“ geführt; die Erneuerung steht uns noch bevor. Der Transformationsprozess, der zurzeit in der ganzen Kirche, ja überhaupt in der ganzen Menschheit stattfindet, hat die Ordensgemeinschaften so betroffen gemacht, dass man – wie die Haltung der Einheit der Ordensoberen Deutschlands sagt – nur ehrlich konstatieren kann: Das Ordensleben ist „seit dem 2. Vatikanum einem enormen inneren und äußeren Umbruch ausgesetzt…, der – mit großer Offenheit für die Führung des Geistes – nach vielen Suchzeiten offene Horizonte von Fragen und Visionen verlangt. Heute ist nicht mehr klar, was Ordensleben ist, und es will als Frage gelebt sein.“

– So schauen wir, Ordenskristen, in diesen Tagen gespannt und natürlich auch mit einer guten Portion nüchterner Skepsis nach Rom und warten ab, welche Impulse von den Bischöfen, die sich in Rom versammeln, ausgehen werden. Ich möchte in meinem kleinen Beitrag diese Impulse nicht vorwegnehmen. Ich möchte nur einige Gedanken vortragen, die meines Erachtens und auch nach dem Gefühl vieler meiner Mitbrüder und -schwestern im Karmel die grundlegenden Bedingungen ansprechen, die nötig sind, um offen für die Erneuerung zu bleiben, zu der uns der Geist Gottes führt; grundlegende Bedingungen, die – entsprechend angepasst – vielleicht auch für die Erneuerung des christlichen Lebens insgesamt nützlich sind, unabhängig davon, in welchem „Zustand“.

1. die „Kunst des Sterbens“ lernen

Ein auffälliges Phänomen des Ordenslebens heute ist zweifellos die geschwächte und weiter schrumpfende Zahl der Mitglieder. In den letzten 30 Jahren ist sie – betrachtet aus einer globalen Perspektive – um 40 % gesunken, einschließlich eines relativ starken Zuwachses in den Ländern der Dritten Welt; 70 % aller Ordensleute sind über 60 Jahre alt, bei den Frauenorden sind es sogar über 80 %; zumindest in Europa und Nordamerika hat sich der Ordensnachwuchs verringert… Diese Statistik trifft einige Gemeinschaften stärker, andere weniger – im Allgemeinen unabhängig davon, ob es sich um „kontemplative“ oder „aktive“ Orden handelt.

Es ist kein unglaubiger Pessimismus, wenn wir nüchtern davon ausgehen, dass die Mitgliederzahl in fast allen Ordensgemeinschaften – insbesondere in unseren westeuropäischen Ländern – auch in den kommenden Jahren weiterhin sinken wird. Und einige Orden, auch in unserem Land (Anm.: schreibt ein Deutscher), werden aussterben. Ein Blick in die Kirchengeschichte lehrt, dass dies kein Phänomen unserer Zeit ist; von den über 50 „bettelnden Orden“, die zwischen 1210 und 1260 entstanden sind, sind in der heutigen Kirche nur noch Franziskaner, Dominikaner, Karmeliten, Augustiner und Serviten. Orden entstehen und vergehen…

Frühere Generationen unserer Schwestern und Brüder sprachen von „ars moriendi“, der „Kunst des Sterbens“. Viele von uns Ordensleuten erinnern sich heute wieder daran. Es ist jedoch ein Wort, das, wenn nur wenige oder gar keine Novizen eintreten, wenn man sich von Filialen zurückzieht und die übliche Klosterstruktur auf eine kleinere Zahl umgestaltet werden muss, nur schwer über die Lippen kommt…

Dankbarkeit für das, was war, Abschied von dem, was nicht mehr ist, Offenheit für das, was kommt (oder nicht kommt) – das ist die Kunst des Lebens, wegen des Sterbens und des Lebens. Das heute wieder zu lernen, dazu werden nicht nur wir, die Ordenskristen, aufgefordert. Die heutige „Krise des Ordens“ ist nur ein Element einer umfassenden Krise der Kirche und diese ist nur ein Element der Krise der Menschheit. Christen und unter ihnen auch die „Mönche“ werden immer sein – aber die Formen ihres Lebens, ihrer sozialen Strukturen und ihres Wirkens werden sich verändern.

2. geistliche „alte Lasten“ verarbeiten

Die Gründe für den Mitgliederschwund und den Mangel an Nachwuchs sind vielfältig. Sie liegen nicht nur im Bereich der Schuld und müssen im Zusammenhang mit der Entwicklung der gesamten Kirche und Gesellschaft betrachtet werden. Prozentual war der Anteil der Ordensleute unter den katholischen Christen in bestimmten Regionen selten höher als der gegenwärtige Stand von etwa 1 auf 1000. Dennoch fordern Umbruch- und Krisensituationen dazu auf, nach Fehlern und Mängeln in der Vergangenheit und nach Erneuerung in Gegenwart und Zukunft zu fragen. Ich glaube, ich male nicht rosig, wenn ich sage, dass in den Jahren nach dem Zweiten Vatikanum auch in den Orden viel darüber nachgedacht wurde – teilweise mit der Andeutung eines Weges für die gesamte Kirche. Im Gespräch anlässlich der Bischofssynode über das Ordensleben gesteht die Äbtissin des Benediktinerklosters in Dinklage ein: „In den letzten Generationen haben wir in den weiblichen Ordensgemeinschaften“ – das gilt sicher ebenso für die männlichen Orden – „in vielem sehr eng gelebt. Das hing auch mit den kulturellen Faktoren der Zeit zusammen. Das gilt nicht generell – es gab großartige Beispiele von Weite und Offenheit, auch in den Jahren vor dem Konzil. In der Geschichte der Gründung aus dem 19. Jahrhundert gibt es bemerkenswerte Beispiele von Glauben, Abenteuergeist, Initiative und Fantasie. Dennoch war insgesamt gerade viel menschliches und religiöses Elend. Das Verständnis von Gehorsam war meist so, dass viele Frauen in Abhängigkeit blieben und nicht reifen konnten. Sie erhielten keinen Raum, wurden nicht ermutigt, eigene Meinungen und Urteile zu entwickeln. Ich denke, dass wir alle bessere und angemessenere Formen des religiösen Zusammenlebens finden sollten…“ (Korespondence Herder 10/1994)

Es ist jedoch nicht nur das Verständnis von Gehorsam, das eine mutige Verarbeitung und kritische Rückschau auf das Evangelium verlangt. Zu den „alten Lasten“, die wir zu bewältigen haben, gehört überhaupt der gesamte Bereich des „geistlichen Lebens“, in dessen Praxis und Verständnis sich im Laufe der Jahrhunderte viele falsche Auffassungen eingeschlichen haben – nicht nur zwischen Mönchen und Nonnen, ebenso nicht im Klerus zwischen ihm und den Gläubigen. Doch vielleicht erscheinen uns diese in den klösterlichen Gemeinschaften schwerwiegender.

Nach dem Konzil haben fast alle Orden ihre Konstitutionen (Ordensregeln, konkretisiert für die jeweilige Zeit) im Hinblick auf solche falschen Auffassungen überarbeitet und versucht, den ursprünglichen Geist ihres Gründers neu zu erfassen. Mittlerweile erkennen wir, dass wir diese Arbeit keineswegs als abgeschlossen betrachten können… Es gibt viel Weisheit in dem Humor, mit dem ein uralter Pater auf die Frage seines Vorgesetzten, was man nach seinem Tod auf sein Totengebet schreiben solle, antwortete: „Schreib: Er hat versucht, gemäß dem Evangelium zu leben – soweit es ihm die Konstitutionen erlaubten.“

3. den Sinn suchen, nicht den Zweck

Ordensleute sind – und waren – in der Kirche und Gesellschaft eine „Minderheit“. Die Lebensweise forderte daher von jeher die Frage heraus: Warum lebt ihr so – und was ist eigentlich eure Aufgabe? Gemeinschaften, die in der Seelsorge und in der Caritas tätig sind, konnten in früheren Zeiten auf ihre Tätigkeitsfelder verweisen, in denen sie „ungeteilt“ Gott und den Menschen dienen wollten. In nahezu allen diesen Bereichen sind seitdem auch nicht-ordentliche Menschen aktiv. „Muss man Ordensmitglied werden, um bei der Pflege von Kranken, in der Schule, in der Seelsorge…zu arbeiten?“, fragen sie heute. Schwestern und Brüder, die in der Klausurform kontemplativer und monastischer Klöster leben und keine sichtbare Tätigkeit nach außen vorweisen können, hatten und haben es ohnehin schwer, ihre Existenz vor solchen Fragen zu rechtfertigen. Es ist verständlich, wenn wir Ordensleute dann nach Zweck suchen – auch wenn nicht wirtschaftlich, so doch spirituell abrechenbar – mit dem wir vor unserem Lebensumfeld (und vor uns selbst!) rechtfertigen können, was wir leben. Das Ergebnis ist eine zweckgebundene Religiosität, die sich in Aussagen wie: „Wir? Wir beten für euch; wir sind in der Kirche die kontemplativen Mariä, ihr seid die aktive Martha; wir büßen die Ungerechtigkeiten der Welt; wir vertreten euch vor Gott; wir bringen die Liebe Gottes in die Welt…“ äußert. Bischöfe und Priester, ja auch viele offizielle Texte der Liturgie oder des Kirchenrechts unterstützen dieses zweckgebundene Denken, wenn sie beispielsweise von „engerem“ Nachfolge Christi oder von „vollständigem Hingeben“ an Gott im Stand der Ehelosigkeit sprechen und speziell das Ordensleben als „Zeichen der Gegenwart Gottes in der Welt“ betrachten möchten. – Immer mehr Schwestern und Brüder erkennen heute, dass mit einem solchen Verständnis des Ordens etwas ganz und gar nicht stimmt: Es führt entweder zur Heuchelei (was man selbst selten bemerkt, dann bemerken es aber andere!), oder es führt zu einem religiösen Leistungs- und Perfektionsdruck, unter dem die Seele leidet…; und es ist eine Art stille Ungerechtigkeit gegenüber den Christen, die in ihrer oft ungeschützten Lebenssituation in Familie und Beruf ebenfalls ein kontemplatives Leben führen wollen, beten, meditieren und die Nöte der Nächsten in ihre Fürbitten einbringen und ein ganzes Leben in Hingabe an Gott leben möchten – mit einem Ehepartner oder ohne…

Das Ordensleben hat zunächst Sinn, nicht Zweck – Sinn, den der Mensch seinem Leben nicht gibt, sondern den er entdeckt und findet. Und gefunden hat ihn normalerweise nur der, der schlicht und nüchtern sagen kann: Ich lebe im Orden (und gerade in diesem bestimmten Orden!), weil ich glaube, dass ich – ganz persönlich! – in dieser Lebensform noch am ehesten ernsthaft mit Gott und seinem Reich zusammenarbeiten kann… Wenn Gott dann dieses Leben fruchtbar macht für andere oder sogar zu einem „Zeichen“ – so wie das Leben eines jeden Menschen fruchtbar und zu einem Zeichen machen kann – bleibt das seine „Verdienst“.

Immer wieder hat uns die Erfahrung gelehrt, dass Frauen und Männer, die mit edlen Idealen für Gott und die Menschheit ins Noviziat kamen, oft bald wieder einen anderen Weg gingen; in der Regel blieben nur die, die – meist nach tiefen Krisen – schlicht und einfach wissen: Hier ist wohl, in dieser unvollkommenen Gemeinschaft, für mich am ehesten Platz, um menschlich zu reifen – nichts weiter; und Gott sei Dank, dass er mich an diesen Ort geführt hat.

Der wahre Wert von Gebet, Fürbitte, Vertretung, Kontemplation… erschließt sich in diesem Sinne des Ordenslebens, nicht im Sinngeben, nicht in einem möglicherweise frommen Zweck. Heute wird von uns Ordensleuten Größe verlangt, zu diesem „kleinen“ Sinn vorzudringen und uns einfach und entschieden dazu zu bekennen – auch wenn andere in der Kirche unserer Lebensform vielleicht großen Sinn beimessen.

4. „Berufung“ neu verstehen

Das Ordensleben ist – klassisch ausgedrückt – eine Frage der Berufung, nicht von Sinngebung und Argumenten. Das gilt für den Verlauf dieses Weges ebenso wie für seinen Anfang. Was ist – „Berufung“? Die verbreitete Vorstellung lässt sich so zusammenfassen: Gott hat einen festen Plan mit mir, einen ganz konkreten Lebensweg; meine Aufgabe ist es, diesen Plan – „den Willen Gottes“ – zu erkennen und zu verwirklichen; wenn ich ihn nicht erkenne und verwirkliche, habe ich den Willen für mich verfehlt. Richtig daran ist, dass Gott mir bestimmte Gaben und Fähigkeiten gegeben hat, mit denen ich für bestimmte Wege geeignet bin, für andere nicht. Richtig ist auch, dass es Christus ist, der die Menschen – meist vermittelt durch andere Menschen – „zu sich zieht“ (vgl. Joh 12,32) und zum Nachfolgen beruft (vgl. die Geschichte der Berufung in den vier Evangelien). Falsch ist jedoch die Annahme, dass Gott für mich nur einen einzigen Weg hat oder dass die Berufung zur Nachfolge Jesu bereits an sich eine Berufung zur Ehelosigkeit oder zum Ordensstand ist. – Es gibt nur eine Berufung: zum Leben in Gemeinschaft mit Christus, die Berufung, Christ zu sein; und es gibt viele Wege, wie man diese Berufung verwirklichen kann – je nach persönlichem Charisma. Auf welchem Weg ich als Christ gehe – das darf ich selbst entscheiden. Gott lässt mir dabei Freiheit – und wartet auf meine Fantasie, auf meine Mitverantwortung gegenüber der Not und den Nöten der Zeit, auf mein Hingeben an eine konkrete Aufgabe in seinem Reich, auf meine Entscheidung… Da dieser Aspekt oft vergessen wurde, warteten viele junge Leute auf ein gewisses „Zeichen von Gott“ und blieben unentschlossen, deuteten etwas anderes als „Zeichen von Gott“, was sich später als Fiktion erwies, und viele gerieten so in Zeiten des „Misserfolgs“ und der Krise in Zweifel, ob sie zu Beginn des Weges ihre Berufung richtig erkannt hatten… – „Der Mensch wird auf dem Weg geführt, den er sich gewählt hat“, sagt alte jüdische Weisheit.

Werden wir in Zukunft in der Kirche entschiedene, bewusste Ordensleute haben, engagierte Menschen mit Rückgrat, hängt davon ab, ob wir heute lernen, von Christus zu sprechen, der uns Freunde genannt hat, nicht Diener (vgl. Joh 15,15).

„Abraham, zieh aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters, in das Land, das ich dir zeigen werde…“ (Gen 12,1 ff.)

Aus: Körner, R., OCD: Ordensleben heute,
Karmel-Impulse, 5, I/1995, 16–21, übersetzt von Dr. Vojtěch Pola.