Prof. Dr. Karl Adam
Ich habe diesen Text zunächst in die diesjährigen geistlichen Übungen aufgenommen, die ich geleitet habe. Ich möchte noch einmal erwähnen, was ich als anregend empfinde. Ich fand das Buch von Prof. Adam im Nachlass von P. Prior Prokop Valeny, dessen hundertsten Geburtstag wir in diesem Jahr gefeiert haben. Wir schöpfen also aus einer Quelle, aus der auch P. Prokop geschöpft hat. Aber vor allem: Es ist nie einfach, Jesus aus einer „panoraminatischen“ Perspektive zu sehen, alle Erzählungen der Evangelien in einen Überblick von wenigen Sätzen oder Absätzen zu verdichten und auszudrücken, wie Jesus eigentlich war. Wie er ist. Und der Vortrag von Professor Adam hilft uns mit seiner Frische, uns selbst dabei zu ertappen, wie wir das Bild von Jesus verflachen und wie leicht gilt: „Wie ich denke, so urteile ich über dich“.
Und als ich während der Exerzitien nicht gründlich auf die zitierten Stellen der Schrift hinweisen konnte, eröffnet die Veröffentlichung des Textes hier auf den Seiten der Zeitschrift jedem die Möglichkeit, die Verweise nachzuschlagen und erneut und in Ruhe darüber nachzusinnen... Daher habe ich die Bibelzitate nicht detailliert an die tschechischen Übersetzungen angepasst; den genauen biblischen Text werden Sie dabei direkt vor Augen haben.
(P. Gorazd, O.Carm.)
Jesus geht es bei seiner Wirksamkeit um die Verherrlichung des Vaters, um die Erfüllung des Willens des Vaters, um das Kommen des Gottesreiches. Das ist das „einzige Notwendige“, er verfolgt kein rein irdisches Ziel. „Wer seinen Vater, seine Mutter, seine Frau, seine Kinder, seine Brüder und Schwestern, ja sogar sein eigenes Leben nicht hasst, kann nicht mein Jünger sein“ (Mt 10,37 und Lk 14,26).
Wenn Jesus so leidenschaftlich für die Ehre seines Vaters im Himmel ist – scheint es Ihnen nicht, dass er für irdische Werte und für das Leben, das daraus fließt und damit zusammenhängt, nicht genügend Anerkennung hat oder ihn sogar verachtet? Oder scheint es nicht, als wäre ihm die irdische Welt mit ihren Kontrasten und Spannungen etwas, das ihn von sich aus gleichgültig ist, dem er nur einen einzigen Sinn zuschreibt: eine Art Übungsplatz und Schlachtfeld für Kämpfer für das Gottesreich?
Was sind Jesus' Haltungen zum gewöhnlichen menschlichen Leben? Gehörte er zu den Mystikern, die auf dem steilen Weg zu Gott alle irdische Freude abgeworfen haben und sich auf der Erde wie im Exil und Gefängnis fühlten? Wenn wir uns das Leben vorstellen, das ihn in den stillen Bergtälern Galiläas oder in den lärmenden Gassen Jerusalems umgab, erfüllt von Lachen, Weinen, Ausgelassenheit, Stolz und Drangsal – floh er all dem oder wusste er „um das Leben“?
Kein Merkmal im Bild von Jesus, das die Evangelien zeichnen, wird so eindeutig und kraftvoll dargestellt wie seine leidenschaftliche Beziehung zu dem himmlischen Vater, die bedingungslose Hingabe des Wesens Jesu an den Willen Gottes. „Meine Speise ist, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat“ (Joh 4,34).
Dieser Vater ist jedoch für Jesus kein blutloser, der Welt entfernter Gott der zeitgenössischen hellenistischen Philosophie und der von ihr beeinflußten Theologie des späten Judentums, ein Gott, der auf der anderen Seite der himmlischen Wolken einsam auf einem Thron sitzt und nur durch die Scharen himmlischer Geister mit den Menschen in Kontakt tritt, sondern es ist der lebendige Gott der alttestamentlichen Offenbarung. Jesus' Botschaft knüpft hier an die reinste prophetische Tradition an, die den Herrn ausschließlich als präsenten und mächtigen Gott verkündete. Für Jesus ist der Vater immer aktiv (vgl. Joh 5,19), immer handelnd (Joh 9,4). Der Vater sendet die Sonne, um zu scheinen und gibt Regen (Mt 5,45). Er kleidet das Feldgras (Mt 6,30) und gibt dem Raben Nahrung (Lk 12,24). Ohne sein Zutun fällt kein Spatz zu Boden (Mt 10,29) und er hat selbst die Haare auf unserem Haupt gezählt (Mt 10,30). Die Eigenschaften jedes Menschen und das, was er kann, all das sind „Talente“, gehört dem Vater und er wird das, was sein ist, zurückfordern (Mt 25,15). Das Brot, das wir täglich essen, ist ein Geschenk des Vaters. Das gesamte Dasein des Menschen, alles, was er ist und was er tut, gehört Gott wie die Schafe ihrem Hirten und Herrn (Lk 15,6). Und darum werden auch das Schicksal des Menschen und das Schicksal der ganzen Welt von der Hand Gottes geleitet. Gott bestimmt den Verlauf der Weltgeschichte, ihre Erschütterungen und Kriege (Mk 13,32) bis zum letzten Tag. Alle führenden Persönlichkeiten, Propheten (Mt 23,29.37) und Johannes der Täufer (Mt 11,10 und Joh 1,6) kommen auf sein Geheiß. Aber in erster Linie der Sohn.
So können für Jesus keine Ketten von Ursachen und Wirkungen auf der Ebene der geschaffenen Dinge und Wesen die endgültige Kraft, die den Lauf der Dinge bestimmt, sein, noch die eiserne Notwendigkeit der Naturgesetze, noch das menschliche Handeln. In allem, was ist, was geschieht und was jemand tut, sieht Jesus im Grunde die Hand Gottes. Nichts auf der Erde unterliegt letztlich nicht dem Willen Gottes. Jede Gegebenheit ist die Verwirklichung des Willens Gottes.
Daraus ergibt sich, dass Jesus' Haltung zu dem, was ihn umgibt, und zu den Werten des Lebens einzig positiv, zustimmend, ja immer im Grunde religiös ist. Ihm kommt es nicht zuvorkommend entgegen die fremde, kalte Notwendigkeit, noch die seelenlose Unbarmherzigkeit des Schicksals, sondern die souveräne Freiheit und Güte – der Wille des Vaters. Für Jesus existiert keine „tote“ Natur. In den Bergen, im Wasser, in den Blumen und Vögeln und vor allem im geliebten Gottes, im Menschen, begegnet die von Gott berauschte Seele Jesu etwas, was ihr am liebsten, tiefsten, wertvollsten ist. So wird der Kontakt mit der Wirklichkeit der Welt für sie zum Kontakt mit dem Willen des Vaters, zu einem unmittelbaren Erlebnis seiner Weisheit, Güte, Schönheit – also zu Frömmigkeit, Gebet, Religion.
Daher Jesu realistischer, hingebungsvoller, innerlicher Blick auf die Natur, der bezaubert wie ein ganz Moderner. Seine Parabeln, die so meisterhaft die unscheinbaren und vernachlässigten Wirklichkeiten hervorhebt, gehören zu den Perlen der Weltliteratur. Hier erfreut er sich an den Vögeln am Himmel, die nicht säen und nicht ernten. Dort beobachtet er Kinder auf der Straße, die pfeifen, tanzen, singen und sich ärgern. Hier denkt er an die Freude junger Mütter, die durch ihr Neugeborenes alle vorhergehenden Ängste vergessen. Dort bemerkt er die Hausfrau, die sorgsam nach dem verlorenen Groschen sucht... Das Kleine und Kleinste, mit dem er sich trifft, hebt er mit Liebe als göttliche Vergissmeinnicht1 hervor und lässt es in tausend Sprachen sprechen. Die Liebe zur Natur und zu natürlichen Dingen ist für ihn keine rührselige Schwärmerei wie für die Dichter des Romantizismus. Für Jesus gibt es keinen Kult der reinen Natur oder des reinen Lebens. Die Natur ist für ihn eher ausdrucksvolle Gestalt und lebendige Willensäußerung Gottes. Seine Liebe zur Natur ist nur eine anders gerichtete Liebe zu Gott und seinem Willen. Aber gerade deshalb ist sie so wahrhaftig und herzlich.
Aber noch herzlicher, mit zurückhaltender Herzlichkeit öffnet sich Jesus dem Menschen. Das menschliche Wesen ist doch so durchtränkt vom Willen des Vaters und mit ihm verbunden, dass man Gott nicht wollen kann, ohne auch den Menschen zu wollen. Während das Alte Testament die beiden Gebote „Liebe Gott, Liebe deinen Nächsten“ unmittelbar nebeneinander stellt, fasst Jesus sie in einem zusammen: „Was ihr also wollt, dass euch die Menschen tun, das tut ihnen ebenso; denn das ist das ganze Gesetz und die Propheten“ (Mt 7,12). Die Liebe zu den Menschen ist die Liebe zu Gott, nur aus einer anderen Perspektive betrachtet. So wie Jesus kein Verehrer der bloßen Natur ist, ist er auch kein Bekenner des Menschen, der dabei von Gott absehen würde. Jesus liebt den Menschen, weil Gott ihn liebt. „Aus dieser höheren Zuneigung“ gewinnt seine Liebe zu den Menschen „ihr Maß, ihre Freiheit, ihren Hauch von Würze und Ambra“ (Nietzsche). Aber dadurch wird seine Liebe zu etwas absolut Wahrhaftigem, Persönlichem, Zärtlichem, so wahrhaftig und tief wie seine Liebe zum Vater. „Dann nahm er ein Kind, stellte es in ihre Mitte, umarmte es...“ (Mk 9,36).
Wie sich Jesus in die Stimmung der anderen hineinfühlen kann, in die Angst des väterlichen Herzens (vgl. Mk 5,36), in den zerschmetternden Schmerz der einsamen Mutter (vgl. Lk 7,13), in die seelische Zerrissenheit des Kranken (vgl. Mt 9,2)! Sein Verhalten gegenüber der ertappten Ehebrecherin, gegenüber dem bereuenden Petrus und gegenüber der Dirne – das, was er sagt, und das, was er nicht sagt – gehört zu den schönsten und zärtlichsten im ganzen Evangelium. Und wie ist seine Seele berührt, wenn er menschliches Leid sieht. Immer wieder wiederholt der Evangelist: „Es tat ihm leid um die Menge“ (Mt 9,36; 14,14; 15,32; vgl. Mk 1,41; Lk 7,13). Das war das wesentliche Merkmal Jesu, das sich tief in das Gedächtnis der Evangelisten eingeprägt hat. Mehrmals lehnt Jesus eine Bitte ab (Lk 12,14; Mk 5,19), aber niemals eine Bitte um Hilfe in der Not. „Und er heilte alle“ (vgl. Mk 6,56; Mt 4,24; 8,16; 9,35; 10,1; Lk 4,40 usw.). Oft wartet er nicht einmal, bis man ihn darum bittet (Mk 1,25; 3,3; 5,8; usw.). Lieber gibt er den Pharisäern Anstoß durch das offensichtliche Brechen des Sabbatgesetzes, als dass er eine Hilfe ablehnen würde (Mk 1,23; 3,2; Lk 13,14; 14,3; Joh 5,9; 9,14). Er kann in seiner Nähe kein Elend ertragen; er kann nicht essen, bevor er vorher den Kranken im Raum geheilt hat (Lk 14,2). Und gerade die zärtlichsten Worte wählt er, um sie den Kranken zu sagen. „Sohn,“2 sagt er zu dem Gelähmten (Mk 2,5), „Tochter,“3 zu der kranken Frau (Mk 5,34).
Und als sich vor ihm der Abgrund menschlichen Kummers öffnet, wie bei dem Grab des Lazarus und vor Jerusalem, dessen Zerstörung naht, da „war er im Geist deeply betroffen und schüttelte sich“ (Joh 11,33), da „weint er“ (Lk 19,41). Jesu Leben, seine Taten und Wunder sind „eine Liebe, die siegreich die größten Schwierigkeiten überwindet“ (Ninck). Und der andere Mensch ist Jesus so sehr sein eigenes Ich, dass „ihm selbst“ das zuteilwurde, was dem „geringsten seiner Brüder“ zuteil wurde.
Wie weit entfernt sich Jesus hier von Johannes dem Täufer! Bei diesem Prediger in der Wüste steht die Liebe im Hintergrund. Asketische Naturen verlieren allzu leicht das Gespür für das Leiden anderer. Jesus bleibt nicht in der Wüste. Er geht zu den Menschen. Und hier sieht er nicht nur bösen Willen und Sünde, sondern auch tiefes, großes Leiden. Und sein ganz reicher, weitläufiger Herz gehört den Menschen und ihrem Leiden.
Aber Jesu Herz gehört auch ihrer Freude. Und das ist wohl der Punkt, an dem Jesu Sicht auf das Leben und wie er es nimmt, im klarsten Licht hervorsticht. „Leide und enthalte dich,“ predigt Kaiser Markus Aurelius. Die Neu-Platoniker nennen den Körper „das Gefängnis der Seele“. Das alte ägyptische Mönchtum kennt nichts besseres, als den Befehl: „Flieh, schweige, weine!“ In der Zeit Jesu dachten die „Gerechten“, die „Abgesonderten“ – nämlich die Pharisäer – ähnlich. In Übereinstimmung mit der „Tradition der Väter“ (Mt 15,2; Mk 7,4 ff.) erweiterten sie die fünf jüdischen landesweiten Fastentage um den Fasten an jedem Montag und Donnerstag und schnürten mit strengen, strikten Fastenregeln alle Freude ein. Auch Johannes und seine Jünger fasteten „streng“.
Jesus stellt sich diesen Anforderungen bewusst entgegen (vgl. Mt 11,18 = Lk 7,33.34). Er lehnt das Fasten an sich nicht ab – er selbst hat schließlich vierzig Tage gefastet – sondern die Denkweise, mit der die Juden ihr Fasten praktizierten. Sie fasteten in Erinnerung an die schweren Plagen, die in der Vergangenheit ihr Volk getroffen hatten; es ging um ein Trauerfasten, um innere Erniedrigung. Ein solches düsteres Fasten lehnt Jesus ab. „Wenn du fastest, salbe dein Haupt“ (Mt 6,17)! Jesus bemisst den Wert des Fastens (ebenso wie aller anderen „göttlichen Übungen“) an der inneren Freude des Herzens, dem reinen, brennenden „Ja“ gegenüber Gott und seinem väterlichen Willen. Da, wo Fasten Menschen erniedrigt und lähmt, bringt es kein Wohl mehr. Deshalb fasten Jesu Jünger, die „Hochzeitsgäste“, nicht, „solange der Bräutigam bei ihnen ist“ (Mt 9,14). Jesu Ablehnung des Misanthropismus der Pharisäer ist also ein absichtliches Absehen von jeder düsteren, verkrampften, gewaltsamen Askese und eine entschiedene Bekennerschaft zu einer innerlich freien, sprühenden Lebenshaltung. Als David vor den heiligen Broten im Tempel aß, sollte man dann den Kindern im väterlichen Haus verweigern, was ihnen der Vater gibt (vgl. Mt 12,4)? Deshalb lässt sich Jesus ohne Scheu an den kleinen Freuden teilhaben, die das Leben bringt. Er lässt sich zu Tisch einladen, auch wenn ihn seine heimlichen Feinde deshalb als „Schlemmer und Weinsäufer“ verleumden (Mt 11,19). Einmal veranstaltet Levi (Lk 5,29) oder ein Pharisäer (Lk 7,36 = Mk 14,3; Lk 11,37; 14,1) zu seinen Ehren ein großes Festmahl. Andere Male speist Jesus in vertrauter Runde bei Simon und seiner Schwiegermutter (Mk 1,31) oder bei der besorgten Martha (Lk 10,38; Joh 12,2) oder lädt sich als Gast bei Zachäus ein (Lk 19,6). Sein erstes Wunder vollbringt er für fröhliche Hochzeitsgäste (Joh 2,10). Es ist charakteristisch, dass gerade die Freude, das feine Festmahl (Lk 15,22; 12,16; 13,26; Mt 8,11) und die prächtige Hochzeit (Mt 22,11; 9,5; 25,1; Lk 12,36) ihm nicht selten den Rahmen und Stoff für seine Gleichnisse bieten. Die Feier am Ende der Zeiten erscheint ihm als das Setzen an den Tisch mit Abraham, Isaak und Jakob (Mt 8,11). Und das letzte, beste, was er seinen Jüngern auf Erden gab, ist das Festmahl der Liebe, das Festmahl der ewigen Gemeinschaft in seinem Leib und Blut.
Und so kann Nietzsches Überzeugung, dass Jesus nie gelacht hat, nicht bestehen. Wie könnte jemand, der die Freudenbotschaft vom Vater verkündet und bezeugt hat, dass sich in allem Fröhlichen wie in allem Bitteren der Wille des Vaters tut, der immer auf das Gute zielt, selbst nicht die tiefe, reine Freude kennen? In der Willen des Vaters liebte Jesus den Menschen und sein Leben. Nicht nur das Leiden der Menschen, sondern auch ihr Lachen.
Aus demselben Blickwinkel des Willens des Vaters nimmt Jesus auch die innere Haltung zu dem ein, was sich als Unflat und schmutziger Bodensatz im Menschen verfestigt – zu den Kleinlichkeiten und Elendigkeiten der Menschen. Kein anderes Auge hat so scharf gesehen wie das Auge Jesu den Jammer menschlicher Schwäche. „Ihr seid böse“ (Mt 7,11), „ihr seid schlecht“ (Mt 12,34), „ihr seid ein böses und ungläubiges Geschlecht“ (Mt 12,39 ff.). Es ist, als würde hier ein innerer, geheimer Widerstand gegen dieses verborgene, verzerrte Menschsein sprechen. Und doch geht Jesus auch mit dieser Schwäche aller Menschen nicht ohne innere Verbindung zum Willen seines Vaters um. Deshalb war er auch bereit, noch weiter zu „tragen“. Und darum klingt in seiner Seele das erhabene, feine Lied der Geduld mit den menschlichen Elendigkeiten, eine Geduld, die sich nicht müde wird. Er wird das Unkraut nicht herausreißen, sondern es bis zum Tag der Ernte wachsen lassen. Er wird kein Feuer vom Himmel über die ungläubigen Städte herabkommen lassen. Der Vater sendet schließlich auch das Licht der Sonne und den Regen für die Ungerechten. Und da alles beim Vater aufgeschrieben ist, „urteilt nicht“! In dieser Welt kann man „Sünder“ nicht von „Gerechten“ trennen. Der Sohn Abrahams, selbst der Priester und der Levit sind nicht immer besser als der Samariter. Im Willen des Vaters liegt Jesu königliche Überlegenheit über alle Verzerrungen menschlichen Lebens, über alle moralischen, sozialen und nationalen Widersprüche und Gegensatzpaare. Deshalb steht Jesus auch allen wirtschaftlichen und politischen Kämpfen fern. Er will mit den Fragen des Erbes nichts zu tun haben (Lk 12,14). Und was dem Kaiser gehört, gebt dem Kaiser. Petrus, stecke dein Schwert in die Scheide!
Wie steht Jesus zum Leben? Wir finden an ihm keine Lebensmüdigkeit, keinen ohnmächtigen Weltschmerz und keine ängstliche Flucht vor der Welt. Er sieht die Realität mit beiden Augen, er ergreift sie mit beiden Händen und gibt ihr mit seinem ganzen Herzen Zustimmung. Es gibt keine Wirklichkeit, die er krampfhaft verdrehen oder übersehen wollte. Jesus ist kein Träumer. Jesus ist Realist und neigt sich ganz den Gegebenheiten zu, der vollständigen, ganzen Wirklichkeit, egal ob diese Wirklichkeit Schatten oder Licht wirft. Und seine Hingabe an die Dinge und die Menschen ist weder eine „Liebesdrang“, noch ist sie ein Akt blinder Gehorsam gegenüber Gott, ein Akt, der Jesu Herz gleichgültig lassen würde.
Da der Wille Gottes und die Dinge für Jesus nichts Trennbares sind, was nur äußerlich zueinander steht. Gottes Wille ist vielmehr lebendig in den Dingen und durch sie hindurch. Indem er den Willen Gottes liebt, liebt Jesus also auch die Dinge – aus ihrer Wesenheit. Mit allem aus der Realität um ihn fühlt er sich verbunden, in Einheit gestiftet und zusammengefügt von der lebendigen Kraft des Willens Gottes, die sich in jeder Realität offenbart.
Andererseits: Gerade weil für Jesus die Realität nichts anderes ist als der Ausdruck des Willens des Vaters, ist seine Liebe zur Realität in seine Liebe zum Vater gefasst. Jesus gehört zur Realität nicht anders als er seinem Vater gehört. Und deshalb lässt er sich niemals vollständig von ihr vereinnahmen. Wo der irdische Reiz auf den Willen des Vaters trifft, berührt es nie die Seele Jesu. Die Freude Jesu am Leben wird durch eine wunderbare innere Zurückhaltung, selbstbewusste Gewissenhaftigkeit an Gefühlen und Stimmungen bereichert und erleuchtet. Sein langer Fastenaufenthalt in der Wüste, seine schlaflosen Nächte, sein armer Wandersmann leben, seine spannenden Predigten, sein Engagement für die Armen und Notleidenden, die gereifte, wertvolle Art seiner Auseinandersetzungen mit heimtückischen Widersachern, aber vor allem der Mut seines Lebens und Sterbens lassen sich nur durch das erklären, was sein Herz ist, das sich selbst in seiner Gewalt hat, das sich nicht von den Dingen leben lässt, sondern selbstständig in ihnen lebt.
Jesus floh nicht vor dem Leben und ließ sich auch nicht von ihm beherrschen. Jesus „konnte mit dem Leben umgehen“.
Entnommen aus dem Buch: Dr. Karl Adam, Christus unser Bruder, 6. Auflage,
Verlag Josef Habbel, Regensburg 1940.
Aus dem Deutschen übersetzt von P. Gorazd, O.Carm.