Jesus ist der Herr.

Raniero Cantalamessa, OFMCap.

(Beispiel aus der Ansprache, die Pater Cantalamessa im Rahmen der pontifikalen Liturgie bei St. Peter in Rom am Karfreitag im Jahr 1986 hielt. Zur Information sei erwähnt, dass die Sammlung von 16 Karfreitagsansprachen aus den Jahren 1980–1995 vom Karmelitischen Verlag unter dem Titel Wir predigen Christus, den Gekreuzigten veröffentlicht wurde.)

„Der Herr“ ist der göttliche Name, der uns direkt betrifft. Gott war „Gott“ und „Vater“, bevor die Welt, Engel und Menschen existierten, aber er war noch nicht „Herr“. Er wird zum Herr, Dominus, erst in dem Moment, in dem es Geschöpfe gibt, über die er „herrscht“ und die diese „Herrschaft“ frei akzeptieren. In der Heiligsten Dreifaltigkeit gibt es keine „Herren“, denn dort gibt es keine Diener, sondern alle sind gleich. Wir machen Gott in gewissem Sinne zum „Herrn“! Diese göttliche Herrschaft, die durch die Sünde zerstört wurde, wurde durch den Gehorsam Christi, des neuen Adam, wiederhergestellt. Gott wurde in Christus wieder zum Herrn aus noch stärkerem Grund: durch die Schöpfung und durch die Erlösung. Gott trat vom Kreuz aus in die Herrschaft ein! Regnavit a ligno Deus. „Denn genau dafür ist Christus gestorben und wieder auferstanden, um Herr über die Toten und die Lebenden zu werden“ (Röm 14,9).

Die objektive Kraft des Satzes „Jesus ist der Herr“ liegt in der Tatsache, dass sie die Geschichte gegenwärtig macht. Sie ist der Schluss zweier grundlegender Ereignisse. Jesus starb für unsere Sünden und auferstand von den Toten zu unserer Rechtfertigung: Deshalb ist Jesus der Herr! Die Ereignisse, die dies vorbereiteten, mündeten dann fast in diesen Schluss und sind in ihm jetzt gegenwärtig und wirksam, wenn er mit Glauben verkündet wird: „Denn wenn du mit deinem Mund bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass Gott ihn von den Toten auferweckt hat, wirst du gerettet werden“ (Röm 10,9).

Es gibt zwei grundlegende Wege, um Kontakt mit den Erlösungsgeschehnissen herzustellen: das Sakrament und das Wort. Jetzt sprechen wir über den Weg, den das Wort nimmt, und zwar über das wesentliche Wort, das Kerygma. Das Christentum hat viele Beispiele und Vorbilder, wie die Erfahrung mit dem Göttlichen gelebt wurde. Die orthodoxe Spiritualität betont die Erfahrung Gottes in den „Mysterien“, im Gebet des Herzens… Die westliche Spiritualität hebt die Erfahrung mit Gott in der Kontemplation hervor, wenn sich der Mensch in sich zurückzieht und sein Denken über die Dinge und über sich selbst erhebt… Insgesamt gibt es viele „Wege des Geistes zu Gott“ (Anspielung auf das gleichnamige Werk des hl. Bonaventura – Anmerkung des Übersetzers). Doch das Wort Gottes offenbart uns einen Weg, der dazu diente, den göttlichen Horizont den ersten christlichen Generationen zu eröffnen. Es war kein außergewöhnlicher Weg, der nur für einige privilegierte Personen reserviert war. Er war für alle Menschen mit reinem Herzen zugänglich – für Gläubige und für die, die den Glauben suchen. Er führt nicht über die Stufen der Kontemplation, sondern durch die göttlichen Erlösungsgeschehnisse. Er entsteht nicht aus dem Schweigen, sondern aus dem Zuhören. Dies ist der Weg des Kerygmas: „Jesus Christus ist gestorben! Jesus Christus ist auferstanden! Jesus Christus ist der Herr!“

Diese Erfahrung hatten vielleicht die ersten Christen, als sie während der Liturgie riefen: Maranatha! Dieser Ruf hatte je nach Art der Aussprache zwei Bedeutungen: „Komm, Herr!“ oder „Der Herr ist hier“. Er konnte den Wunsch nach der Rückkehr Christi ausdrücken oder die begeisterte Antwort auf die „liturgische Epiphanie“ Christi, d.h. auf seine Offenbarung in der versammelten Gebetsgemeinschaft, darstellen.

Dieses Empfinden der Gegenwart des auferstandenen Herrn ist eine Art inneres Licht, das manchmal den gesamten psychischen Zustand der Person verändert, die es empfängt. Es erinnert an das, was bei den Erscheinungen des Auferstandenen den Jüngern widerfuhr. Eines Tages nach Ostern waren die Apostel mit dem Fischfang am See Genezareth beschäftigt. Da erschien ein Mann am Ufer, der von weitem mit ihnen sprach. Alles war bis zu einem gewissen Punkt normal: Sie klagten, dass sie nichts gefangen hatten, wie es Fischer oft tun. Aber im Herzen eines von ihnen – des Jüngers, den Jesus liebte – leuchtete plötzlich ein Licht auf. Er erkannte ihn und rief: „Es ist der Herr!“ (Joh 21,7). Da änderte sich plötzlich alles im Boot.

Jetzt verstehen wir, warum der heilige Paulus sagt, dass „niemand sagen kann: ‚Jesus ist der Herr‘, es sei denn durch den Heiligen Geist“ (1 Kor 12,3). So wie das Brot auf dem Altar durch die Kraft des Heiligen Geistes, der auf ihn herabsteigt, zum lebendigen Leib Christi wird, so wird auch dieses Wort durch die Macht des Heiligen Geistes, der in ihm wirkt, „lebendig und wirksam“ (Heb 4,12). Es handelt sich um ein Ereignis der Gnade, das wir vorbereiten, dem wir helfen und nach dem wir uns sehnen können, aber das wir nicht aus uns selbst hervorrufen können. Gewöhnlich merken wir nicht, wenn es geschieht, sondern erst, nachdem es geschehen ist, und manchmal erst nach Jahren. In diesem Moment könnte jemand hier Anwesenden das erleben, was im Herzen des geliebten Jüngers am See Genezareth geschah: dass er den Herrn „erkannte“.