Sr. Stephanie, OCD
(Schwester Stephanie lebt jetzt in De Beyart in den Niederlanden. Sie ist ungarischer Herkunft und ist jetzt neunzig Jahre alt. Sie traf Schwester Benedikta Teresa als Novizin im Kloster in Echt, wo Schwester Benedikta aus Angst vor der nationalsozialistischen Verfolgung hin ging.)
Ich erinnere mich persönlich an Schwester Benedikta. Während der Rekreation1 waren wir Novizinnen von den älteren Schwestern getrennt. Aber ich habe sie im Chör, in der Kapelle und bei der Rekreation gesehen. Und täglich trafen wir uns in unseren Lateinstunden, die wir auf Anweisung der Oberin hatten, um die Liturgie besser zu verstehen.
Der erste Eindruck, den Schwester Benedikta auf mich machte, war noch vor meinem Eintritt in den karmelitanischen Ordenszweig in Echt während eines meiner Besuche im Kloster. Bei meinem Treffen mit den Schwestern, nachdem wir uns zuerst kennengelernt hatten, wandte sie sich an mich und fragte: „Rozito, wann kommen Sie?“ Ihre Stimme war angenehm, herzlich und sanft. In ihrer Frage spürte ich Sympathie, Herzlichkeit und Freundlichkeit, es schien mir wie eine Einladung. Das gab mir viel Mut und Vertrauen. In diesem Moment wusste ich nichts über sie, aber ihre Persönlichkeit machte einen tiefen Eindruck auf mich und ich habe diesen Moment des Treffens mit ihr nie vergessen.
Das zweite Mal traf ich Schwester Benedikta bei meinem Eintritt ins Kloster, als ich die Schwestern bei meinem Eintreten in die Klausur begrüßte. Sie umarmte mich herzlich und flüsterte mir zu: „Rozito, nem szabat!“ Das ist ein ungarischer Ausdruck und bedeutet: „Rozito, das ist nicht erlaubt!“ Sie hatte sich daran erinnert seit der Zeit, als sie in Österreich im Rotkreuzkrankenhaus arbeitete, wo sie ungarische Soldaten pflegte.2 Ich antwortete: „Oh, ich werde das bestimmt noch oft hören.“3
Während der Lateinstunden stellten wir fest, dass Schwester Benedikta eine hervorragende Lehrerin war. Sie scheute sich nicht vor Anstrengung. Sie war sehr fleißig und geduldig, erkannte aber sofort, wenn wir den Stoff nicht gelernt hatten oder nicht aufmerksam waren. Dann konnte sie auch böse mit uns sein. Auch wenn sie uns nicht mütterlich verwöhnte (sie war nicht der Typ dafür), hatte sie etwas Warmes und Mütterliches in sich. Sie hatte ein gutes Gespür; und wenn eine von uns zu müde war oder nicht in Ordnung, schickte sie uns sofort zur Novizenmeisterin.
Unser Unterricht bestand nicht nur aus Grammatik, Schwester Benedikta erzählte uns interessante Dinge. Im Gespräch bereicherte sie unser Wissen mit Angaben über die Entstehungszeit und die Namen der Autoren (lateinischer Texte). Eines Tages machte sie uns deutlich, wie enttäuscht sie war, als eine von uns die Bedeutung der Worte (Hymne) Tantum ergo nicht kannte. Wie ist es möglich, jahrelang etwas zu singen und die Bedeutung der Worte nicht zu kennen! Sie war auch anspruchsvoll, als es darum ging, uns zu lehren, wie wichtig es ist, die Liturgie zu verstehen. Und dafür wurde sie kritisiert. Die Kritik nahm sie gelassen an, aber sie blieb sich selbst treu und setzte ihren Unterricht nach ihrer eigenen Methode und ihrem eigenen Urteil fort.
Schwester Benedikta war damals schon drei Jahre im Karmel in Echt und sprach gut Holländisch, aber manchmal fragte sie uns nach einigen holländischen Wörtern. Wir alle waren glücklich, wenn wir ihr helfen konnten, aber manchmal fand sie selbst einen eigenen witzigen Ausdruck.
(Das vorgeschriebene) Schweigen hielt Schwester Benedikta gewissenhaft ein, aber sie scheute sich nie, notwendige Gespräche zu führen. Eines Tages, außerhalb der Rekreation, bat sie mich, für ihre Freundin zu beten, die nach England gegangen war. Es war am Tag, als ihre Freundin Geburtstag hatte.
Es war sehr kalte Winterzeit und wir hatten (in den Zellen) keine Heizung. Schwester Benedikta störte das nicht, aber wenn wir zur Stunde gingen, wählte sie einen beheizten Raum, damit wir uns nicht erkälteten.
Im Refektorium war sie (mit dem Essen) immer schnell fertig. Bei ihrer Fürsorge um andere war sie daran interessiert, dass niemand übersehen wurde. Sie wechselte gerne die Schwestern, die im Refektorium lasen oder Dienst taten.
An Feiertagen verbrachten wir (die Novizinnen) die Rekreation gemeinsam mit den professierten Schwestern. Es war herrlich, wenn Schwester Benedikta uns von ihren Schülern erzählte. Da gab sie immer ihr Bestes. Sie lächelte immer glücklich, aber nie übertrieben. Ihre Sprache war immer bedeutungsvoll, auch wenn es um Humor ging. Sie benutzte nie bedeutungslose, belanglose Worte und wollte diese auch von anderen nicht hören. Wenn wir Theater spielten, übernahm sie auch eine Rolle, aber soweit ich mich erinnere, nahm sie nur zweimal aktiv teil. Bei der Arbeit, wie beim Waschen, war sie eine der Ersten, aber sie hatte keine Erfahrung und es gelang ihr nicht gut.
Ihre Persönlichkeit strahlte einen besonderen Charme aus, aber ich hatte nie den Eindruck, wie sie wirklich war. Ihr konzentrierter, asketischer Ausdruck erweckte in mir den Eindruck einer außergewöhnlich frommen Person. Sie ließ nie ihre außergewöhnliche Intelligenz durchscheinen.
Unsere Mutter Oberin, Mutter Antonie, wünschte sich, dass Schwester Benedikta uns über den heiligen Johannes vom Kreuz Unterricht gab. Sie hielt im Stehen Vorträge, es war zu sehen, dass sie daran gewöhnt war. Ich beobachtete, wie sie sich von uns entfernte, es war zu erkennen, dass sie geistig woanders war.
Im Chör (bei der liturgischen Gebetszeit) war sie immer ehrerbietig und konzentriert. Wenn wir lange Stunden Anbetung hatten, war sie dort bei uns, beim Knien saß sie auf ihren Fersen und manchmal schlief sie so ein. Sie war müde von den nächtlichen Einsätzen. Besonders erinnere ich mich an die Nacht von Pfingsten 1942 – sie kniete mit ausgebreiteten Armen vor dem Allerheiligsten, während wir vor Angst zitterten.
Es kam eine Zeit voller Gefahren. Drei Wochen vor Weihnachten hörten wir zum letzten Mal ihren Vortrag. Mutter Antonie wollte, dass Schwester Benedikta ihre ganze Zeit ihrer Arbeit „Wissenschaft des Kreuzes“ widmete und uns nicht mehr unterrichtete. Schwester Benedikta zeigte mir ein Bild des Karmel Le Paquier in der Schweiz, wo sie sich verstecken wollte. Ihre Augen waren voller Tränen, sie war also nicht gefühllos. Sie bat mich, für sie zu beten. Sie fühlte, dass es für sie nicht leicht sein würde, wieder in ein anderes Kloster zu gehen.
Am Vorabend des 2. August4 saßen wir während der Rekreation gemeinsam im Garten, wo Schwester Benedikta und andere Schwestern kamen, um unserer ältesten Novizin zu ihrem Namenstag zu gratulieren. Schwester Benedikta brachte ihr eine wunderschöne Rose. Schwester Alfonsa sagte zu ihr: „Hast du keine Angst vor dem, was geschieht?“ Sie antwortete: „Wir sind in Gottes Händen“. Das ist die vorletzte Erinnerung, die ich an sie habe.
Am nächsten Tag (nachmittags) las uns Schwester Benedikta wie gewohnt den ersten Teil der Betrachtung vor. Sie musste es unterbrechen, weil Mutter Antonie, die von der Unterredung zurückkam, sie abrief.5 Nach wenigen Minuten kam Schwester Benedikta zurück und kniete vor dem Allerheiligsten. Dann stand sie auf, wandte sich zu uns, ihr Gesicht war ganz rot, aber sie war ruhig und beherrschte sich. Traurig sagte sie: „Schwestern, betet“. Noch jetzt höre ich diese Worte. Einige Schwestern wurden gebeten, ihr zu helfen (bei der Vorbereitung auf den Klosteraufbruch). Wir Novizinnen waren noch im Chör, wo das Allerheiligste ausgestellt war. In diesem Durcheinander kam niemand auf die Idee, uns zu rufen. Sie verließ uns ohne Abschied.
Wir freuen uns auf ein Wiedersehen im Himmel. Liebe Schwester Benedikta, auf Wiedersehen!
P.S. Noch eine kleine Erinnerung an Schwester Benedikta. Vor meinem Kleideeinweihung fragte Mutter Antonie während der Rekreation die Schwestern: „Welchen Namen sollten wir der Postulantin geben?“ (es handelte sich um mich). Schwester Benedikta, die die ungarische Geschichte kannte, sagte: „Schwester Stephanie – Magna Domina Hungarorum, sollte ihr Name sein.“6 Ich bin froh, dass ich meinen Namen auf den Vorschlag von Schwester Benedikta erhielt.
(Diese Erinnerungen haben einen komplizierten Weg zum tschechischen Leser hinter sich: Aus dem Deutschen hat die barfüßige Karmeliterin Schwester Rafaela aus dem schottischen Dysart ins Englische übersetzt und wurden im Mai-Heft der Zeitschrift Cor unum veröffentlicht. Aus dem Englischen übersetzte es der Terziar des barfüßigen Karmels Jiří von der Eucharistie. Die Fußnoten ergänzte P. Gorazd, O.Carm.)