Rückkehr zum Evangelium (Teil 1)

Die Botschaft von Theresia von Lisieux

Rundbrief der Generaloberen der O.Carm. und OCD
anlässlich des hundertsten Todesjahres von Heiligen Theresia von Lisieux

(Beginn)

Liebe Brüder und Schwestern im Karmel!

1. In einigen Monaten beginnen die Feiern zum hundertsten Todesjahr unserer Schwester Theresia von Lisieux. Dieses Jubiläum erinnert uns an die junge Karmelitin aus Frankreich, die in ihren Schriften eine tiefe Vision der Beziehung zwischen Gott und dem Menschen, das Produkt ihrer persönlichen Erfahrung unter der Leitung des Heiligen Geistes, ausdrücken konnte.

2. Ihre Mission war es, uns das, was im christlichen Botschaft wesentlich ist, in Erinnerung zu rufen: dass Gott Liebe ist und sich kostenlos denen gibt, die evangelisch arm sind; dass Heiligkeit nicht das Ergebnis unserer Anstrengungen, sondern das Wirken Gottes ist, das von uns nur liebevolle Hingabe an die rettende Gnade verlangt. Daher hat ihre Lehre nicht an Aktualität verloren und hatte einen solchen Einfluss, dass über dreißig Bischofskonferenzen und tausende von Christen darum baten, sie zur Lehrerin der Kirche zu erklären.

Evangelische und kontemplative Frau

3. Theresia von Lisieux verbrachte ihr Ordensleben in der Klausur des Karmels und wurde dennoch zur Patronin der Missionen erklärt, weil sie es verstand, kontemplative Spiritualität mit apostolischem Engagement zu verbinden. Gleichzeitig gab sie ihre evangelische Erfahrung in einer einfachen und lebendigen Sprache weiter, die von Gläubigen aller Nationen und Kulturen verstanden und angenommen werden kann. Durch ihre Rückkehr zum Evangelium und zum Wort Gottes, zu dem historischen Jesus und seinem österlichen Geheimnis von Tod und Auferstehung, ging sie dem II. Vatikanum voraus. Sie betonte den Vorrang der Liebe zur Kirche, dem Leib Christi, und legte Zeugnis ab von der Spiritualität des alltäglichen Lebens und dem allgemeinen Ruf zur Heiligkeit.

4. Die Erfahrung und Lehre von Theresia von Lisieux gewinnt in unserer Zeit eine besondere Bedeutung, in der der Frau neue Perspektiven der Anwesenheit und des Wirkens in der Gesellschaft und in der Kirche eröffnet werden. Die Frau ist berufen, „ein Zeichen der göttlichen Zärtlichkeit gegenüber der Menschheit“1 zu sein und die Menschheit mit ihrem „weiblichen Genie“ zu bereichern. Beides lebte unsere Schwester in ihrem Leben und in ihren Schriften.

Das tereziänisch-lisieuxsche Botschaft neu lesen

5. Das Lesen der Werke unserer Schwester Theresia im sozialen und kirchlichen Kontext unserer Zeit und ausgehend von unserer Kultur wird uns helfen, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren: das vertrauensvolle Öffnen gegenüber Gott, dem liebevollen Vater, der uns liebt und versteht; das Nachfolgen Jesu, unserem gegenwärtigen und nahen Bruder, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist; die Lernbereitschaft gegenüber dem Heiligen Geist, der die Geschichte unserer Ordensfamilien sowie unsere kleinen, persönlichen Geschichten leitet. Und das alles im Annehmen unserer Armut und Schwäche, mit der Gewissheit, dass uns nichts und niemand von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, trennen kann (vgl. Röm 8,37–39).

6. Wir hoffen, dass Ihnen unsere Überlegungen dazu dienen werden, die Dynamik dieser Feiern aufrechtzuerhalten, die sich in einen Moment der Gnade für den gesamten Karmel verwandeln sollen: für Ordensleute, Ordensfrauen, Priester und Laien.

Die kirchliche Aktualität von Theresia von Lisieux

7. Während der Synode zum geweihten Leben zitierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Synode unsere Schwester bei verschiedenen Gelegenheiten als Person, die eine aktuelle Botschaft für die Kirche an der Schwelle zum dritten Jahrtausend hat. Unter den Reden, die sie erwähnten, sticht der Beitrag des Generalsekretärs, Kardinal Schott, hervor, der seinen dreijährigen Bericht mit folgenden Worten abschloss: „Lassen Sie mich diesen zusammenfassenden Bericht mit der Erinnerung an die Frau beenden, die ein hervorragendes Zeugnis für das geweihte Leben im Auftrag der Kirche ist: Heilige Theresia vom Kinde Jesu … diese Nonne aus dem Karmel in Lisieux zeichnete sich durch ihre Demut, die evangelische Einfachheit und das Vertrauen zu Gott aus… In ihren autobiografischen Aufzeichnungen erinnert sie unter anderem daran: ‚Als ich intensiv nach dem Martyrertod verlangte, suchte ich die Antwort in den Briefen des Paulus. Der Apostel erklärt, dass alle vollkommensten Gaben nichts sind ohne die Liebe und dass die Liebe der beste Weg ist, der sicher zu Gott führt. Darin fand ich Frieden … im Herzen der Kirche, meiner Mutter, werde ich Liebe sein‘“ (3. Oktober 1994).

8. Als der Heilige Vater Johannes Paul II. während der Audienz am 4. Januar 1995 über den Gebetsauftrag im geweihten Leben sprach, wies er auf dessen Bedeutung für die Evangelisation hin und schloss seine Rede mit den folgenden Worten ab: „Deshalb ist es schön, diese Katechese mit der Erinnerung an die Gestalt der hl. Theresia vom Kinde Jesu zu schließen, die mit ihrem Gebet und Opfer der Evangelisation diente, als ob sie sich vollständig dem misionarischen Wirken widmete, ja sogar noch mehr. So sehr, dass sie zur Patronin der Missionen erklärt wurde“.2

9. Die postsynodale apostolische Exhortation Vita Consecrata erwähnt ebenfalls unsere Schwester und betont ihr Verlangen, die Liebe im Herzen der Kirche zu sein3 und ihr Ideal, sich in die einzigartige Zusammenarbeit mit der misionarischen Aktivität einzubringen, indem sie so oft ihr Verlangen wiederholt, Jesus zu lieben und dafür zu sorgen, dass er geliebt wird,4 ausgehend von der Gemeinschaft mit ihm: „Deine Braut sein, o Jesus … in meiner Verbindung mit dir die Mutter der Seelen sein“.5

Einladung zum Wesentlichen

10. Theresia von Lisieux konnte mit ihrem Ordensnamen „vom Kinde Jesu und vom heiligen Angesicht“ den gesamten Prozess ihres Lebens ausdrücken, der sie durch die Demut der Inkarnation (Kenosis) und das Leiden Jesu Christi zu geistlicher Reife führte, der uns mit seinem österlichen Geheimnis von jeder Sklaverei befreit. Sie verstand und lebte den Lebensplan Jesu, der jeden Bereich unserer Beziehungen umgestaltet und unseren Beziehungen zu Gott, den Nächsten und den Dingen eine neue Dimension verleiht. Im Gegensatz zum Plan des Todes, der uns in all diesen Bereichen beherrscht und versklavt, finden wir den Plan des evangelischen Lebens, der uns befreit und verwandelt. Die Mission von Theresia von Lisieux bestand gerade darin, uns an diese Wahrheiten zu erinnern, uns neu auf das Wesentliche auszurichten.

11. In der Perspektive des Plans Jesu, den wir kurz umreißen werden, vertiefen wir in der tereziänisch-lisieuxschen Botschaft die Einladung zum Übergang: von Gott-Richter zu Gott-Vater-Mutter, von Misstrauen zu Vertrauen und Hingabe an ihn, von der Suche nach Vollkommenheit zur Suche nach Gemeinschaft mit Gott, von der Komplexität zur Einfachheit, von den Gesetzen, die versklaven, zum Gesetz konkreter und wirksamer Liebe, die befreit, von der Unreife zur Reife, von äußerer Askese zur evangelischen Selbstverleugnung, von Verdiensten zu leeren Händen, von rein geistlichen Überlegungen zum Wort Gottes, von komplizierten Gebeten zum einfachen kontemplativen Blick, von der unerreichbaren Maria zur nahen Maria des Evangeliums.


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