Rückkehr zum Evangelium (3. Teil)

Botschaft von Theresia von Lisieux

Rundbrief der Generalkapitel von O.Carm. und OCD
anlässlich des hundertsten Todestages von Heiligen Theresia von Lisieux

(Teil 3)

II. Theresia von Lisieux lebt und bezeugt den Plan des Lebens Jesu

26. Die Feierlichkeiten zum hundertsten Todestag unserer Schwester sind eine Gelegenheit, um ihr Leben und ihre Schriften aus der Perspektive des Plans Jesu und unseres sozial-kulturellen und kirchlichen Umfelds neu zu ergründen. Aber Überlegungen zu ihrer spirituellen Erfahrung erfordern von allen vor allem eine tiefe Erneuerung unseres karmelitischen Lebens. Theresia erinnert uns an die grundlegenden Werte des Evangeliums und lädt uns ein, uns darauf zu konzentrieren. Durch das Lesen und Meditieren des Wortes Gottes offenbart sie das Wesentliche im Verhältnis zu Gott, zu den Nächsten und zu den Dingen; sie erlebt dies ganz einfach, natürlich und tief und gibt es durch ihr Leben und ihre Schriften weiter.

1. Gott ist nahe, der uns liebt

Von der lebendigen Quelle des Wortes Gottes trinken

27. Theresia von Lisieux nährte ihr Leben und ihre Spiritualität aus den reinsten Quellen des Wortes Gottes. In einer Zeit, in der die Bibellektüre kaum verbreitet war, verwirklichte sie das, was später das Konzil von allen Christen, besonders den geweihten Menschen, fordert: „Durch häufiges Lesen der Heiligen Schrift sollen sie eine unermesslich kostbare Kenntnis von Jesus Christus gewinnen. Denn Unkenntnis der Schrift ist Unkenntnis Christi“.10

28. Sie war dem Gebot der Ordensregel treu und meditierte Tag und Nacht über das Gesetz des Herrn und wachte im Gebet.11 Wie Theresia von Avila, ihre Mutter, fand auch sie in Jesus das lebendige Buch12 und war in der Nachfolge des heiligen Johannes vom Kreuz in der Lage, „ihren Blick nur auf Christus zu richten“.13 Sie erzählt uns selbst, wie sie allmählich von der Lektüre geistlicher Bücher, die ihr auf ihrem Weg sehr halfen, besonders von Johannes vom Kreuz, zu einer Fokussierung auf die Heilige Schrift, insbesondere auf die Evangelien, überging:
„Aber später hinterließen alle Bücher in mir eine Trockenheit… Wenn ich ein Buch, das von einem geistlichen Autor geschrieben wurde (auch das schönste, bewegendste), öffne, fühle ich sofort, wie mein Herz sich zusammenzieht, und ich lese, ohne es fast zu verstehen…, oder wenn ich verstehe, bleibt mein Geist still und kann nicht meditieren… In dieser Unfähigkeit kommen mir das Wort Gottes und ‚Die Nachfolge Christi‘ zu Hilfe. In ihnen finde ich feste und ganz reine Nahrung. Aber über alles hält mich in den Momenten des inneren Gebets das Evangelium. Darin finde ich alles, was meine arme Seele braucht. Ich entdecke darin immer neue Lichter, verborgene und geheimnisvolle Sinnhaftigkeit… Ich verstehe und weiß aus Erfahrung, dass ‚das Reich Gottes in uns ist‘.“14

29. Die Lektüre und das Meditieren des Wortes Gottes führten sie dazu, das Wesentliche in der Botschaft Jesu für das tägliche Leben zu erkennen. Diese Beziehung zwischen dem Wort Gottes und der konkreten Existenz führt sie dazu, dass sie „gerade in dem Moment, in dem ich es brauche, Lichter erkennt, die ich bisher nicht gesehen habe… mitten in den täglichen Beschäftigungen“.15 Noch mehr, mit seinem befreienden Wort wird Jesus in Theresia von Lisieux gegenwärtig: „Nie habe ich ihn reden hören, aber ich fühle, dass er in mir ist, in jedem Moment. Er führt mich und gibt mir ein, was ich sagen oder tun soll“.16

30. In ihrem Auftrag, uns das Wesentliche zu erinnern, stellt uns unsere Schwester Theresia vor das Wort Gottes wie vor ein Licht, das unsere Schritte erleuchtet (vgl. Ps 119,105)17 und weist uns darauf hin, dass die Bedingung für das Verständnis der Botschaft Gottes ein Kind-Geborenen-Herz ist, das offen und bereit ist für alles, was uns der Geist offenbart, als unser Beruf, unsere Berufung in der Kirche.

31. Wir müssen in der Schule des Wortes Gottes leben. Es ist „die erste Quelle jeder christlichen Spiritualität“.18 Die Kirche empfiehlt, das Wort Gottes gemeinsam zu meditieren, nicht nur den geweihten Personen, sondern auch allen Gliedern des Volkes Gottes. „Aus dem häufigen Kontakt mit dem Wort Gottes schöpften sie das notwendige Licht für individuelles und gemeinschaftliches Unterscheiden, das ihnen half, in den Zeichen der Zeit die Wege des Herrn zu suchen“.19

32. Theresia von Lisieux, die den Wunsch hatte, biblische Sprachen zu beherrschen, um das Wort Gottes besser zu würdigen, wurde das nicht vergönnt, das neue Naheverhältnis der Kirche zur Heiligen Schrift zu erleben. Auch hatte sie nicht die Möglichkeiten, die wir heute haben, um das biblische Zeugnis besser kennenzulernen und sich anzueignen. Dennoch erfüllte sie den Auftrag der karmelitischen Regel, dass das Wort Gottes reichlich in unserem Herzen und in unseren Mündern wohnen soll, damit alles unser Handeln von ihm ausgeht.20 Wie sie lasen auch wir das Wort Gottes und meditierten es und setzen seine Anforderungen in die Tat um mit Hilfe neuer Mittel, die uns Gott in diesem Moment der Kirchengeschichte anbietet, um unser Wissen über sein Wort zu vertiefen und es besser zu verstehen.

Die väterlich-mütterliche Gestalt Gottes neu entdecken

33. Theresia lebte in einer Zeit, die von jansenistischer Spiritualität geprägt war, die das Antlitz Gottes verzerrte und ihn einseitig als strengen Richter darstellte, der auch Opfer verlangen konnte, um seine Gerechtigkeit zu besänftigen.

34. Die Lektüre und das Meditieren der Heiligen Schrift führten Theresia von Lisieux dazu, Jesus zuzuhören, der ihr das wahre Antlitz Gottes offenbarte: einen barmherzigen Vater-Mutter, der uns einlädt, in der Haltung von Söhnen und Töchtern in Hingabe und Vertrauen zu leben und sich mit Liebe Gott hinzugeben, und verantwortlich wie Christus den Auftrag zu übernehmen, den Plan Gottes mit den Menschen zu verkünden. Theresia verstand, „wie Jesus Verlangen hat, geliebt zu werden“, und bot sich als Opfer der barmherzigen Liebe an, die allen geteilt werden möchte.21

Das Gebet als einfacher und kindlicher Dialog

35. In Übereinstimmung mit ihrer Mutter Theresia von Avila22 erlebt Theresia von Lisieux das Gebet als einen vertraulichen und liebevollen Dialog mit Gott, dem Vater-Mutter.23 Die Kraft, die sie dabei teilt, verwandelt Theresia in eine vitale Erfahrung und öffnet sich der Notwendigkeit der evangelischen Entbehrung, damit das Gebet echt sei:
„Mein ganzes Geld ist das Gebet und das Opfer. Das sind die unbesiegbaren Waffen, die Jesus mir gegeben hat. Sie berühren die Seelen viel mehr als Worte.“24
Ihr Gebet wurde immer einfacher und brachte sie zur Quelle des lebendigen Wassers oder vereinte sich mit dem göttlichen Feuer, das reinigt und verwandelt: „Für mich ist das Gebet ein Aufstieg des Herzens, es ist ein einfacher Blick zum Himmel, es ist ein Ruf der Dankbarkeit und Liebe in Prüfungen und in Freude. Kurz gesagt, es ist etwas Großes, Übernatürliches, das meine Seele erweitert und mich mit Jesus verbindet“.25

Von Heiligkeit, die als „Vollkommenheit“ verstanden wird, zu Heiligkeit als Gemeinschaft

36. Die Wiederentdeckung des väterlich-mütterlichen Antlitzes Gottes war der Ausgangspunkt eines neuen Weges zur Heiligkeit, den sie vor allem ab dem Jahr 1894, seit ihrer Erfahrung ihrer Schwäche, erlebte. Jesus zeigte ihr, wie sie selbst sagt, dass dieser Weg in der Hingabe und dem Vertrauen eines Kindes besteht, das ohne Angst im Schoß seines Vaters einschläft:
„Wer klein ist, der komme zu mir“, sagte der Heilige Geist durch die Lippen Salomos und derselbe Geist der Liebe sagte auch: „Dem Kleinen wird aus Barmherzigkeit vergeben.“ In seinem Namen offenbart uns Jesaja, dass am letzten Tag … „Wie eine Mutter ihren Sohn tröstet, so werde ich euch trösten, auf dem Schoß werde ich euch tragen, auf den Knien schaukeln“ … Jesus verlangt keine großen Taten, sondern nur Hingabe und Dankbarkeit“.26

37. Hier stehen wir vor dem Übergang von Angst zu Vertrauen. Wir stehen vor Gott wie Söhne und Töchter vor Vater und Mutter. Gott wirkt, dass alles zu unserem Wohl beiträgt, sogar unsere Schwächen und Fehler:
„Vertrauen und nichts als Vertrauen muss uns zur Liebe führen…“ „…ihm (d.h. Gott) gefällt es, zu sehen, dass ich meine Kleinheit und meine Armut liebe, mein blinder Hoffnung auf seine Barmherzigkeit“ … „Um Jesus zu lieben, sei das Opfer seiner Liebe – je schwächer, ohne Wünsche und ohne Tugenden er ist, desto fähiger ist er für das Wirken dieser Liebe, die verbrennt und verwandelt.“27

38. An der Wurzel unserer Berufung zum geweihten Leben im Karmel steht die Initiative des Herrn. Die berufenen Personen, die auf den Ruf Gottes reagieren, vertrauen auf seine Liebe und verwirklichen eine bedingungslose Hingabe ihres Lebens, indem sie „alles, gegenwärtig und zukünftig, in seine Hände legen“.28 So wie Theresia von Lisieux sind auch wir berufen, die Erfahrung des väterlich-mütterlichen Antlitzes Gottes tief zu erleben; das Gebet als liebevoller Dialog mit Gott zu leben und als kontemplative Betrachtung der Wirklichkeit, als Zuhören auf Gott, um uns für unsere Brüder und Schwestern einzusetzen; Heiligkeit nicht als „Vollkommenheit“, sondern als Gemeinschaft mit Gott durch Glauben, Hoffnung und Liebe zu verstehen. Theologale Heiligkeit, wie sie in der Regel und von dem heiligen Johannes vom Kreuz dargestellt wird, der durch seine Schriften Vater und geistlicher Lehrer von Theresia von Lisieux war.

Treue zur ihm anvertrauten Mission und Reinigung des Glaubens

39. Die uns geschenkte Erfahrung des väterlich-mütterlichen Antlitzes Gottes, das sich uns in Jesus offenbarte, und die Treue zu unserem eigenen Beruf – dem Auftrag, den wir als Söhne und Töchter Gottes verantwortlich annehmen, treten in die Dynamik des österlichen Geheimnisses von Tod und Auferstehung ein und öffnen sich der Reinigung und der Prüfung des Glaubens. Theresia von Lisieux konnte dies ausdrücken, indem sie zu ihrem Namen „von dem Kinde Jesus“ in untrennbarer Einheit „und vom heiligen Antlitz“ hinzufügte. Das fleischgewordene Wort, das uns im Geheimnis seiner Kindheit zur Hingabe, Liebe und Selbsthingabe einlädt, ist gleichzeitig der leidende Diener, der uns in das Geheimnis des Leidens einführt, das er vor uns durchlitten hat. Leiden, das aus der Treue zu jener Mission entspringt, die ihm der Vater anvertraut hat.

40. Gerade während des Prozesses der Reinigung des Glaubens entdeckte und verstand Theresia ihre Berufung. Ihr apostolisches Verlangen, die frohe Botschaft des Heils zu verkünden, verwandelt sich in das Martyrium der Liebe, als sie nicht weiß, wie sie all das, wonach sie sich sehnt, mit dem, was sie kann, in Einklang bringen kann. In dieser Situation gibt Gott ihr zu verstehen, im Licht von Kapitel 12 und 13 des ersten Korintherbriefes, dass die Kirche der Körper ist und ihr Herz die Liebe ist, die alle anderen Glieder in Bewegung setzt und die so alle Berufe in sich enthält und alle Zeiten und Orte umschließt; deshalb ruft sie aus: „…Endlich habe ich meine Berufung gefunden! Meine Berufung ist die LIEBE! … Ja, ich habe meinen Platz in der Kirche gefunden, und diesen Platz hast du mir gegeben, mein Gott! … Im Herzen meiner Mutter Kirche werde ich lieben… So werde ich alles sein… So wird mein Traum erfüllt!!!“29

41. In ihren Letzten Gesprächen zeigt sich stark das, was als „Leiden der Heiligen Theresia von Lisieux“ bezeichnet wurde.30 Es sind reinigende Nächte, hervorgerufen durch Krankheit, Dunkelheit, Zweifel, Angst vor dem Tod. In dem Bemühen, ihrem kontemplativen Beruf treu zu bleiben, durchlebt sie den Kalvarienweg: „Ich hatte damals große innere Prüfungen aller Art. (So fragte ich mich manchmal, ob es ein Himmel gibt.)“31 Besonders intensiv war die reinigende Nacht in den letzten Monaten ihres Lebens. In ihnen trinkt sie den Kelch des Schmerzes bis zur Neige. Wie Jesus gibt sie ihr Leben für andere.

42. Der österliche Rahmen des geweihten Lebens umfasst auch das Kreuz und den Schmerz, wenn wir unserem Auftrag in der Mission der Kirche treu bleiben,32 denn „das (Auftrag zu verkünden, d.h. missio) ist für jede Gesellschaft (Institut) von großer Bedeutung, und das nicht nur für Gesellschaften des aktiven apostolischen Lebens, sondern auch für kontemplative Gesellschaften. Bevor die Mission durch äußere Taten zum Ausdruck kommt, muss Christus den Menschen durch persönliches Zeugnis bezeugt werden“.33 Bei der Erfüllung unseres Auftrags sind wir, wie Theresia von Lisieux, berufen, die Reinigung im Glauben zu erleben, die ein Schild ist, das uns vor den Fallstricken des Feindes schützt,34 und das Kreuz zu tragen, welches „das höchste Zeichen des Überflusses der Liebe Gottes ist, die auf den Menschen ausgegossen wird, das große Zeichen der rettenden Gegenwart Christi, und zwar besonders in Zeiten der Mühe und Versuchung,“35 in schwierigen Situationen, einschließlich Verfolgung und Martyrertum.


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