Die Gefahr des „Staus“ auf dem Weg zu Gott

P. Peter Lippert, SJ

Der deutsche Jesuit P. Peter Lippert (1879–1936) war zu seiner Zeit ein bekannter Prediger und Publizist, Autor von Artikeln und Büchern. In seinem Buch „Briefe in ein Kloster“ hat mich eine Passage sehr beeindruckt, die ich deshalb übersetzt habe und nun auch Ihnen zur Lektüre anbiete.1

Das gesamte Buch besteht aus Briefen, die ein geistlicher Begleiter an einen jungen Mann schreibt, der in sich die Berufung zu einem Ordensleben vernimmt, ins Kloster eintritt und dort lebt. Unser Auszug betrifft die Phase, in der der junge Mann discerniert, ob er für das Ordensleben geeignet ist. Zuerst erwähnt P. Peter seine guten Eigenschaften und lobt ihn: Disziplin, Zuverlässigkeit, Ausdauer. Er ist überzeugt, dass er die notwendigen Voraussetzungen für ein Leben im Kloster hat.

Aber dann weist er ihn auf ein Laster hin und bewertet es als sehr gefährlich. Doch vielleicht werden seine präzise Beschreibung und die Aufforderung, sich diesem Laster entschieden zu widersetzen, auch für einige von uns nützlich sein...

Aber du selbst bist dir bewusst, dass auch deine Grenzen und ja, die Schwächen deiner Persönlichkeit in diesem Zusammenhang wichtig sind, über die ich oft mit dir gesprochen habe. Und diese entscheiden hier vielleicht sogar noch mehr. Du bist ein kluger (vielleicht sogar zu kluger) junger Mann, du siehst alles, beobachtest es und bildest dir dein eigenes Urteil. Dagegen möchte ich nichts einwenden, das gehört zu einem reifen Menschen dazu, wenn er die Augen offen hat, dass er auch die Kraft zur ehrlichen und ernsthaften Kritik hat.

Aber ich bin mir nicht sicher, ob du diese Kritikalität, dein klares und hartes Urteil auch selbst ertragen kannst. Und dein (weit geöffnetes) Blickfeld, das jetzt so warm und ermutigend strahlen kann, wird sich mit den Jahren vielleicht verhärten und abkühlen. Du wirst dich mit sehr strengen Maßstäben messen, dich selbst und deine Brüder, deine Vorgesetzten, das Kloster und den ganzen Orden – und du wirst enttäuscht sein.

Auf der Erde gibt es nichts, das vollkommen deinem Ideal entspricht. Weder die Ehe, noch irgendein männlicher oder heroischer Beruf könnte das erreichen. Aber dort würdest du nicht enttäuscht sein, denn dort rechnest du mit Misserfolgen und Schwierigkeiten. Doch in deinem Ordensideal rechnest du mit ihnen nicht. Widerspreche mir nicht, du rechnest wirklich nicht damit. Du, wenn du jetzt ins Kloster gehst, bringst deine ganze Seele mit und suchst das Heiligste für dein Leben, suchst deinen Gott, seine Reinheit und seine Unendlichkeit, suchst die ganze Ewigkeit. Und es wird für dich sehr bitter sein, wenn du auch dort nur auf Menschen triffst. „Wo ist jetzt mein Gott?“ wirst du eines Tages fragen.

Dass du auch eine scharfe Zunge hast und deine Meinungen und Überzeugungen gerne sehr liberal äußerst, möchte ich nur am Rande erwähnen. Nach einigen Misserfolgen wirst du schließlich lernen zu schweigen, letztendlich wirst du verstehen, dass Gott auch dich nicht zur Rettung von Gerechtigkeit und Wahrheit braucht. Ja, du wirst schweigen. Aber du würdest letztendlich mehr als schweigen, du würdest verstummen.

Und jetzt komme ich zu dem, was entscheidend ist. Du erinnerst dich sicherlich noch an einige ernsthafte Gespräche, in denen wir über deine „Einfrierungen“2 und die Anstrengungen, die du aufbringen musstest, um dich aus einem solchen Stau wieder zu befreien, gesprochen haben. Und mehrere Male konntest du dich nur befreien, weil ich dir geholfen habe. Aber dann wirst du im Kloster mich nicht bei dir haben, ich werde dir nicht wie damals zur Verfügung stehen.

(Wie viel Kraft hat) dieser (deine) Stau! Alles schließt sich in dir, alles gefriert und erstarrt und du bist – wie sagst du – „nicht gut“. In diesem Moment kannst du wirklich über Menschen verachten und wirst zu einem kleinen großen Hassenden. Mit klaren, wachsamen Augen siehst du das Schlechte, (auch) den Widerstand und die Härte in dir und verfluchst dich selbst, verlierst den Glauben an dich und bist dir selbst nicht mehr gut. Dann läufst du nicht weiter zu Gott, ziehst dich von ihm zurück, antwortest nicht, wenn er dich anspricht, senkst den Blick vor dem Strahl seines Lichtes, mit dem er dir in die Augen und ins Herz dringen möchte. Ja, Junge, eine solche Verstocktheit kann dich überwältigen.

Wenn ich daran denke, dass dich so etwas im Kloster wieder überkommen könnte und ich weit weg wäre oder tot, wer hilft dir dann? Ich fürchte mich schon jetzt davor, wenn ich daran denke. Dann wäre es wirklich besser, wenn du einen völlig gewöhnlichen, bedeutungslosen, seelenlosen Beruf wählen würdest, ja, ich würde es lieber sehen, wenn du – wenn es möglich wäre – ein oberflächlicher Mensch wirst, der nicht nachdenkt und gewöhnlich ist, wie die meisten. Nur das nicht, nur nicht das fürchterliche, dass dich dieser Stau im Kloster erfasst, denn wahrscheinlich wird dort niemand sein, der dich daraus herausziehen kann.

Ich möchte nicht weiter beschreiben, wie dann – in so einem Zustand – deine Seele gelähmt wäre, wie deine besten Kräfte erloschen wären, wie dein Innenleben geschrumpft wäre und deine Flügel gebrochen wären. Das wäre nämlich nicht das Schlimmste. Nein, das Schlimmste wäre dein Verstummen vor deinem Gott. Du weißt gar nicht, wie wunderbar und erfüllt von Gnade dein Leben und Handeln, dein Reden und Schweigen vor Gott sein können. Mehr, als man ausdrücken könnte. Ich weiß es und habe schon oft mit Gott Freude daran gehabt, dass er dich hat. Ja, das habe ich erlebt. Aber in jenem unglücklichen Stau würdest du vor Gott plötzlich taub und kalt werden, der unaufhörliche Dialog, mit dem ihr in Liebe miteinander verbunden seid, würde enden.

Junge, das darf niemals, wirklich niemals geschehen. Wenn du mich in dieser Hinsicht beruhigen kannst, dann werde ich dich persönlich (bei deinem Eintritt) ins Kloster begleiten. Aber wenn du auch heute noch sagen musst: „Ja, so wird es immer mit mir (mit den Staus) sein“, dann würde ich lieber dafür beten, dass du noch vor deinem Eintritt ins Kloster dorthin gehen kannst, wo keine Dämmerung und keine Kälte (wie die Jahreszeit) mehr die Liebe beenden können.

Jetzt habe ich beim Schreiben selbst geweint und bin mit meinem Brief überhaupt nicht zufrieden. Warum muss ich dir so Schmerz zufügen? Schreib mir bald, oder noch besser: komm bald zu mir, noch vor Beginn des Semesters. Wie auch immer mein Brief auf dich wirkt, denke daran, dass ich mich sehr unwohl fühle und mir entgegenkommen soll!

Dein (Peter)

Soviel zur Zitat aus dem Buch. Ich habe noch einige Fragen, die denen dienen können, die sich intensiver mit den genannten Gedanken beschäftigen möchten:

  1. Leide ich auch unter solchen „Einfrierungen“ und Sprachlosigkeit vor Gott? Oder zu welchen anderen ungesunden Reaktionen neige ich und muss aufpassen?
  2. Welche Mittel haben sich mir als Heilmittel dagegen bewährt? Wie aufrichtig vertraue ich Jesus damit?
  3. Welche Hilfe dagegen habe ich in der Schrift entdeckt? Könnte ich eine Lehre dazu zum Beispiel in der biblischen Erzählung über die Heilung eines besessenen Jungen (Mk 9,14–29) finden?

(Aus dem Deutschen übersetzt und mit einem Kommentar ergänzt von P. Gorazd, O.Carm.)