Das Geheimnis des Namens

– gemeinsamer Schatz der Juden und Christen

P. Etienne Richer, Gemeinschaft des Glücks, Dolany bei Olomouc

Am 24. Juni 1985 wurde ein offizielles kirchliches Dokument mit dem Titel: „Anmerkungen zur richtigen Darstellung der Juden und des Judentums in der Predigt und Katechese der katholischen Kirche“ veröffentlicht. In diesem grundlegenden Text, der vollständig an die Erklärung des II. Vatikanums über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen – Nostra Aetate anknüpft, heißt es: „Wenn wir den eschatologischen Dimension des Christentums betonen, wird uns mehr bewusst, dass das Volk des Alten und das Volk des Neuen Bundes in die Zukunft ähnliche Ziele sieht: das Kommen oder die Rückkehr des Messias – auch wenn es von zwei unterschiedlichen Perspektiven ausgeht.“

Ein anderes, älteres Dokument, das an Ostern 1973 von den französischen Bischöfen herausgegeben wurde, enthält ebenfalls eine Richtlinie für Prediger und Katecheten: „Wir werden versuchen, die Mission dieses Volkes (des jüdischen) als „Heiligung des Namens“ darzustellen. Diese Mission verwandelt das Leben des jüdischen Volkes in einen Segen für alle Völker der Erde.“

Beide Dokumente des kirchlichen Lehramtes fordern hier zu einem Bewusstsein für die Bedeutung der „Heiligung des Namens“ in der Mission des jüdischen Volkes und zur Betonung der eschatologischen Dimension der frohen Botschaft Jesu Christi auf. Diese beiden Anforderungen sind vollkommen konvergent, denn in der Bibel gibt es nichts Eschatologischeres als die Offenbarung des Namens. Gott offenbart seinen Namen immer, um zu zeigen, dass er der Erlöser ist…

„Das reinste Öl ist dein Name, deshalb lieben dich die Mädchen“, singt die Braut im Hohelied (1,3). Ihr schöner Gesang könnte allein ausreichen, um uns bewusst zu machen, dass „Name“ in der Sprache der Bibel die Gegenwart des Bräutigams in der Braut evoziert. Der göttliche Name, das ist Gott selbst, wie er sich selbst offenbart. Die Mission Israels ist es, von dem göttlichen Namen bewohnt zu werden, sich mit dem heiligen Öl seiner Salbung durchdringen zu lassen. Wenn das auserwählte Volk seiner Berufung treu bleibt, werden alle Völker lernen, diesen Namen, der über jeden Namen ist, zu lieben und nach ihm zu verlangen. Offenbart er sich dem Volk Israel (Ex 3, Ex 34), möchte er sich dem Risiko der Gemeinschaft mit diesem freiwillig gewählten Volk aussetzen, möchte sich selbst den Lippen des Menschen, seinem Gebet, dem Flüstern seines Herzens anvertrauen. Der Name, Ha Šem, ist in der biblischen Offenbarung viel mehr als ein Begriff oder eine abstrakte Vorstellung. Er bezeichnet Gott, der sich bemüht mitzuteilen, dass er der Erlöser ist, dass er der Vater aller Barmherzigkeit ist! „Der Name“, erklärt Pater Manaranche, „wird nicht als Gegenstand gegeben, sondern als Liebe, die empfangen werden soll. Er kommt nicht, um Neugier zu stillen, sondern um Vertrauen zu gewinnen. Er ist nicht dazu bestimmt, erkannt zu werden, sondern für eine Beziehung. Er garantiert, dass die Beziehung offen ist – damit sie wachsen kann… Alle Verliebten tun es genau so: Sie beginnen damit, sich die Namen mitzuteilen und tauschen dann Adressen aus, um sich wieder zu treffen“ (André Manaranche: Des Noms pour Dieu). Der Psalmist, der so oft den Namen Gottes preist, kann deshalb ausrufen: „Mit Jubel werden dich die lieben, die dein Name lieben“ (Ps 5).

Bereits im Buch Exodus vertraut Gott seinen Namen an, um zu zeigen, dass er der Retter ist. Im brennenden Busch offenbart er sich Moses, nachdem er ihn berufen hat, um das Volk aus Ägypten zu führen (Ex 3). Nach der Episode mit dem goldenen Kalb stieg Gott am Sinai in einer Wolke herab. Moses bleibt bei ihm. Er ruft seinen Namen und der HERR kommt, stellt sich feierlich vor, und so erneuert er feierlich den gebrochenen Bund: „Der HERR, ein barmherziger und gnädiger Gott, langsam zum Zorn, reich an Güte und Treue“ (Ex 34,5–6).

Den Namen Gottes sprach der Hohepriester im Allerheiligsten zu Zeiten des Tempels nur an Jom Kippur aus, also am Tag der großen Vergebung. Das Gebet Israels ruft Gott als Erlöser an. Mit dem Anrufen des Namens in den Bittgebeten begegnen wir in der gesamten Geschichte des auserwählten Volkes. Hören wir die Propheten: „Du bist doch unser Vater! Abraham kennt uns nicht, Israel weiß nichts von uns. HERR, du bist unser Vater, unser Erlöser von alters her, das ist dein Name“ (Jes 63,16); „Jeder, der den Namen des HERRN anruft, wird gerettet“ (Joel 3,5). So sehen wir, warum Petrus bei der Begegnung mit Kornelius sagen konnte: „Über ihn geben alle Propheten Zeugnis, dass jeder, der an ihn glaubt, durch seinen Namen Vergebung der Sünden empfängt“ (Apg 10,43). Papst Johannes Paul II. schrieb in der Enzyklika Dives in Misericordia: „Barmherzigkeit gehört nicht nur zu dem Begriff Gottes selbst, sondern prägt auch das Leben des gesamten israelitischen Volkes sowie die einzelnen Söhne und Töchter. Sie ist der Inhalt der innigen Vertraulichkeit zu ihrem HERRN, der Inhalt ihres Gesprächs mit ihm…“ – denn sein Name ist unendliche Barmherzigkeit!

Dieses Geheimnis des Namens, so teuer unseren jüdischen Brüdern, sollte uns Christen nicht weniger teuer sein. Die Fleischwerdung des Wortes ist die Fleischwerdung des Namens. Der Name Gottes wohnte in der Wolkensäule, im Zelt der Begegnung und dann im Tempel, damit die Israeliten ihn anrufen konnten. Doch um das Heil bringen zu können, muss sich dieser Name unserer Leibbarkeit noch näher, bis zur äußersten Grenze, nähern: indem er in ihm wohnt. Die Heiligung des Namens (Kiduš Hašem), diese Mission des israelischen Volkes, dem der Name offenbart wurde, hat Christus nicht aufgehoben, sondern erfüllt. Der Name Jesus bedeutet: „Ich bin der, der euch rettet.“ Mit Jesus erreicht die Offenbarung des Namens – und damit auch die Offenbarung der Barmherzigkeit – ihren Höhepunkt!

„Der Name“ war in der Urgemeinde ohne Zweifel eine häufige Bezeichnung für den Erlöser. Davon zeugen unter anderem die Apostelgeschichten. Und die ersten Christen nannten sich selbst, im Kontrast zu den Heiden, den Verehrern falscher Götter: „die, die den Namen des Herrn anrufen“. Diese Wendung, die sehr häufig im Alten Bund und in der jüdischen Tradition vorkommt, bezeichnet letztendlich die christliche Identität selbst. Damit dies möglich wurde, hatte Gott zuvor durch den Propheten Joel angekündigt: „Ich werde meinen Geist auf alles Fleisch ausgießen … jeder, der den Namen des HERRN anruft, wird gerettet werden“ (Joel 3,1). In Kapitel 2 der Apostelgeschichte verwendet Petrus diese Verse aus Joel, um zu zeigen, dass die eschatologische Zeit bereits hier ist, dass der Geist allen gegeben wird, dass jeder den Namen des Herrn anrufen kann und dass der Herr, dessen Name angerufen werden soll, der auferstandene Jesus ist.

Zu Beginn des 1. Paulusbriefs an die Korinther grüßt Paulus die Christen als diejenigen, die „den Namen des Herrn Jesus Christus, des Herrn unserer und euerigen, anrufen“ (1 Kor 1,2), und einige Kapitel später sagt er: „Niemand kann sagen, dass Jesus der Herr ist (also, dass er selbst der Name ist), es sei denn, im Heiligen Geist“ (1 Kor 12,3). So sehen wir, wie wertvoll die biblische Theologie des Namens zum Verständnis des Neuen Testaments ist.

Lass uns die Apostelgeschichte durchgehen: „Es gibt kein Heil in keinem anderen. Denn unter dem Himmel ist den Menschen kein anderer Name gegeben, durch den wir selig werden können“ (Apg 4,12), um dieses Namens willen leiden die Apostel (Apg 5,41), in ihm werden die Gläubigen getauft, diesen Namen rufen sie an, und Paulus, der „einst dachte, dass er alles Mögliche gegen den Namen Jesus von Nazareth tun müsse“ (Apg 26,9), erkannte auf seinen apostolischen Reisen, dass man den Völkern seinen Namen nicht bringen kann, ohne dass man dabei viel Leiden erfährt (vgl. Apg 9,15–16). Was auch für ein Vers, spiegelt die Verkündigung, die Katechese und die Liturgie der ersten Zeiten der Kirche wider, umso wertvoller, weil sie offensichtlich tief in der jüdischen Tradition verwurzelt ist.

Wenn die Jünger des Auferstandenen, die aus der Apostelgeschichte, ebenso wie die heutigen und zukünftigen, seinen Namen anrufen können, dann deshalb, weil sie, Juden wie Heiden, Glieder seines Leibes geworden sind, „Volk seines Namens“ (Apg 15,14), also ein Volk, das seiner Barmherzigkeit geweiht ist, das dies leben und von ihm Zeugnis ablegen soll. „Wenn du mit dem Mund bekennst, dass Jesus der Herr ist, und im Herzen glaubst, dass Gott ihn von den Toten auferweckt hat, wirst du gerettet werden“ (Röm 10,9).

Das Tier*, der Widersacher Gottes, hat keinen Namen, sondern eine Zahl. Das Tier ist eine Zahl und verwandelt auch den Menschen in eine Zahl, den ein gewisser Autor als „Menschen der Quantität“** bezeichnet. Aber Gott offenbart sich Moses mit Namen und ruft ihn auch mit Namen. Deshalb kann Jesus, der „neue Moses“ und Hohepriester des Neuen Bundes, beten: „Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast“ (Joh 17,11), Vater aller Barmherzigkeit, geheiligt werde dein Name, nimm uns an in deiner väterlichen Liebe, denn wir sind deine Kinder… „… zu Ehren deines Namens erlöse uns…“ (Ps 79).

*) Das Tier, das aus dem Abgrund auftaucht (Offb 11,7): Kaiser Nero (Redaktionshinweis).

**) Mensch der menschlichen Masse (des Volkes) (Redaktionshinweis)