(Reflexion über Psalm 63)
P. Paul Feeley, O.Carm.
„Ich sage euch wiederum: Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher in das Reich Gottes eingeht.“ (Mt 19,24) Frühere EXEGETEN milderten diese Aussage Jesu. Sie sagten, dass er ein volkstümliches Sprichwort verwendete, das sich auf das Tor der Stadt bezieht, das so niedrig und eng war, dass man es das „Nadelöhr“ nannte. Aber die französische ökumenische Übersetzung der Bibel behauptet in einer erläuternden Anmerkung, dass Jesu Ausdruck eine orientalische Hyperbel (Übertreibung) ist, die im Kontext ausgelegt werden muss: Es bezieht sich also nicht auf ein kleines Tor in der Stadtmauer. Orientalen verwenden Hyperbeln, um die Realität besser auszudrücken, über die sie etwas mitteilen möchten. Und das gilt auch für den Autor des Psalms 63, wenn er von Durst nach Gott spricht.
„Gott, du bist mein Gott, dich suche ich,
mein Seele dürstet nach dir, mein Leib verlangt nach dir
wie ein dürres, durstiges, wasserloses Land.“ (Vers 2)
Das Kamel ist ein Tier des Orients, das in der Lage ist, große Mengen Wasser in seinem Buckel zu speichern und in der Wüste sehr weit ohne Trinken zu gehen. Gott gibt uns diese Fähigkeit zu dürsten, das innere Verlangen, das uns befähigt, das Angesicht Gottes zu suchen. Und wenn Gott uns solch einen Durst eingelegt hat, liegt es an uns, ihn anzunehmen.
„So sehne ich mich, dich in deinem Heiligtum zu sehen,
um deine Kraft und Herrlichkeit zu erkennen.
Denn deine Güte ist besser als das Leben,
meine Lippen werden dich loben.“ (Verse 3-4)
Diese beiden Verse enthüllen einen tiefen Gedanken des Psalmisten. Der erwähnte Durst ist auch sein Durst. Er hat sich nicht damit zufriedengegeben, ein gewöhnlicher Gläubiger zu sein; es genügt ihm nicht, an Feiertagen in den Tempel zu gehen. Gott ist seine Kraft, weil er seine Herrlichkeit, das Angesicht Gottes, gesehen hat. Diese Herrlichkeit möchte er teilen – sie in seinem Inneren kontemplieren (sehen). Durst nach Gott!
Es ist einfach, die Kontemplation den Heiligen zu überlassen: „Das ist ihre Aufgabe. Beten, ja, sonntags zur Messe gehen, ja, aber Kontemplation? Das ist schon etwas zu viel!“ Denn wenn wir in ein beschäftigtes und hastiges Leben eintauchen, vergessen wir die Größe unseres menschlichen Seins. Wenn wir nur weltliche Unterhaltung suchen, um uns zu entspannen und die Probleme zu vergessen, verlieren wir den inneren Durst nach Gott, wir trinken aus zerbrochenen Zisternen (Jer 2,13). Das Kamel kann in der Wüste sehr weit gehen, weil es viel Wasser in sich hat. Der Mensch besitzt auch diese Fähigkeit zu dursten, um bis zum Berg Gottes zu gelangen, der Jesus Christus ist. Und wer sich der Erfahrung der Kontemplation entzieht, ist nicht demütig; er ist Agnostiker. Er ist nur im Namen gläubig, er ist billig. Er erkennt nicht die Tiefe seiner menschlichen Würde. Sein Leben wird zu seiner Angelegenheit und nicht mehr zu Gottes Geschenk. Er zerbröckelt sein Leben, auch wenn er natürlich einen Teil davon Gott gibt.
„Deine Güte (deine Liebe) ist besser als das Leben,
meine Lippen werden dich loben.“ (Vers 4)
Der Psalmist hat gelernt, sich selbst zu überwinden. Er kann kein wirklicher Mensch sein, wenn er sich nicht überwindet. Ohne Liebe (die das eigene Ich übersteigt) ist das menschliche Leben nichts. Liebe ist besser als das Leben, denn Liebe (Durst) lehrt uns zu überwinden, die menschliche Größe zu entdecken. Der Mensch beginnt, aus dem virtuellen Leben herauszutreten und in das wirkliche Leben einzutreten, er stirbt sich selbst, um für Gott zu leben.
Kontemplation ergreift Gott nicht in uns, sondern öffnet unsere Tiefen für das Geheimnis seiner Gegenwart, so dass der Mensch sein eigenes Geheimnis erkennt: eine Tiefe ruft nach einer Tiefe (Ps 42,8).1 Es ist notwendig, die eigenen menschlichen Grenzen anzuerkennen, und das Gebet stellt sich gegen jede Form von Hochmut, aber dieses Verlangen nach dem lebendigen Gott gehört zu unserer Natur, geschaffen im Bild Gottes! Der Durst nach dem Angesicht Gottes hat seinen Ursprung in der Schöpfung, wir müssen ihn uns nur aneignen, so wie uns unsere Seele und unser Körper gehören. Möge der Mensch diese Fähigkeit, Gott zu suchen, der in ihm wohnt, nicht verachten! Unser christlicher Glaube hat in sich nichts von bloßer intellektueller Spekulation, sondern stützt sich auf den Verstand, gestützt durch die Gnade, und gibt uns den Mut, mit einer Liebe zu lieben, die stärker ist als der Tod, einer Liebe, die besser ist als das Leben (Vers 4).
Wirklich kontemplative Menschen haben uns ihre Erfahrung des übernatürlichen Menschseins hinterlassen, das zu dem lebendigen Gott aufsteigt. Die Nutzung unserer Fähigkeit zu erkennen ist Teil unserer Suche nach Gott, es ist eine Fähigkeit, die alle Hindernisse dieser kontemplativen Verbindung beseitigt. Das Gebet reinigt, erhellt unser Gewissen, das durch Sünden und Hochmut befleckt ist. Es ist notwendig, sich durch geistliche Stürme zu kämpfen. Gott kann aus uns Blinde machen, die in der Dunkelheit wandeln. Deshalb spricht Johannes vom Kreuz von der dunklen Nacht der Seele.
Unser Psalmist betet:
„Wann immer ich auf meinem Lager an dich denke,
in der Nacht werde ich an dich denken.“ (Vers 7)
Gott verlässt nie den, der ihn sucht. Wir sind uns der Gegenwart Gottes bewusst, die unsere Dunkelheiten erhellt, und erfahren Freude, denn wir sind immer „im Schatten deiner Flügel“, wird weiterhin von der Rechten Gottes gestützt (Verse 8-9). Heiliger Paulus schrieb den Korinthern über außergewöhnliche Visionen: „Und ich weiß von diesem Menschen (Paul selbst), dass er in den Paradies entrückt wurde – ob im Körper oder außer dem Körper, weiß ich nicht, aber Gott weiß es“ (2 Kor 12,3). Der Mensch ist Geist und Körper, er wurde nach dem Bild Gottes geschaffen. Dies ist eine grundlegende und wesentliche Charakteristik seines Seins, wir können nicht arrangieren, dass dieses Bild verschwindet. Er trägt in sich mehrere Wirklichkeiten, die weiterhin geheimnisvoll bleiben (im Körper und außerhalb des Körpers), aber die das Geheimnis Gottes berühren, nicht die Existenz Gottes, sondern die Erfahrung mit Gott. „Ich glaube an Gott“ ist nicht nur eine Idee oder einen Glaubensartikel, der in rationalen Begriffen verstanden wird. Heiliger Paulus erkannte „diesen Menschen“, der von der Erde in den Himmel entrückt wurde und unaussprechliche Worte hörte, die dem Menschen nicht erlaubt sind, sie zu wiederholen.
Diese Unfähigkeit, sie weiterzugeben, zu teilen, ist Teil dieses Körpers in „diesen durstigen, wasserlosen Land“ (Vers 2). Der Mensch, der „Gott in seinem Heiligtum gesehen hat“ (Vers 3), hat seine Macht und Herrlichkeit gesehen. Er weiß, dass die Liebe Gottes besser ist als das Leben, aber er kann es nicht lange in sich halten, geschweige denn aussprechen. Und dennoch kann er sich daran erinnern, wenn er weiß, dass ihn das blendende Licht geblendet hat und in der Nacht lange darüber nachdenkt und betet, besonders beim Nachsinnen über das Evangelium und die Psalmen, die zu ihm über Gott sprechen.
Er ist zwar beraubt des starken Erlebens Gottes, aber die Erinnerung hilft ihm, im „Schatten deiner Flügel zu jubeln“ (Vers 8). Er weiß, dass sein Sein sich an Gott schmiegt und dass sich in ihm zwei Geheimnisse treffen (göttlich und menschlich). In seinem Geheimnis findet er den Strahl, mit dem das andere Geheimnis das Herz entzündet. Sein eigenes Geheimnis erlischt nicht, es ist im Geheimnis Gottes verborgen. „Meine Lippen werden dich loben..., meine Seele wird sich sättigen wie mit Fett und Mark“ (Verse 6 und 8).
Heiliger Irenäus sagt: „Gott findet diese Herrlichkeit im Menschen.“ Nach dem Bild Gottes geschaffen zu sein, ist keine Übertreibung, das ist Realität, so ist der Mensch. Im Gebet wird der Mensch von seinen Sorgen befreit, von seinen Tätigkeiten befreit und auf sein Wesen reduziert. Im Gebet wird der Mensch groß, überwindet sich selbst, kann in die Unendlichkeit Gottes eintreten. Die Kontemplation Gottes wird erst mit unserem Kommen in den Himmel vollendet, das ist unsere geliebte Zukunft. So ist der Mensch von seiner Natur, von Gottes Gnade.
Aus der Zeitschrift Près de la Source,
herausgegeben vom karmelitaniischen Konvent in Nantes,
übersetzt von Alžběta Dřímalová.