P. Pierre-Marie Soubeyrand,
Gemeinschaft der Seligpreisungen, Frankreich
(Teil 2)
Die Liebe im Herzen der Dreifaltigkeit und in Jesus hat Therese geholfen, wirklich klein zu werden, aber Jesus wird sie erhöhen und groß machen. Kennen Sie die Geschichte aus dem Klosterkrankenhaus, als eine Mitschwester sie fragte: „Wie sollen wir euch anrufen, wenn ihr im Himmel seid?“ Sie antwortete: „Unsere Schwester, große kleine Therese“ (vgl. Vs 195.)
Bei ihr sehen wir ständige Kontraste: Sie ist groß in der Liebe, bleibt aber ganz klein. Und die Größten im Königreich, sagt Jesus, sind gerade die ganz Kleinen hier auf Erden. So war auch sie. Sie wollte eine große Heilige sein. Die Liebe ist das, was Heilige groß macht.
Gott liebt uns. Jesus ist Gott, der diese Liebe gezeigt hat. Gestern hat Bischof Gaucher versucht zu zeigen, dass Jesus tatsächlich das fleischgewordene Erbarmen ist, wie es auch in der Enzyklika von Papst Johannes Paul II. steht, die er zitiert hat: Dives in misericordia.
Wir müssen über Jesus nachdenken als über das fleischgewordene Erbarmen. Wie könnten wir Gott – die Liebe – ohne dieses große und unbegreifliche Geheimnis, nur menschlich, erkennen? Dieses Geheimnis können wir nur durch die Liebe erkennen. Die Liebe ist erfinderisch, aber der menschliche Verstand kann sie weder erdenken noch verstehen.
Der heilige Johannes sagt zu Beginn seines ersten Briefes, dass das Geheimnis der Inkarnation uns geholfen hat, das Wort zu berühren, die Liebe zu sehen, die Liebe zu erkennen und über sie nachzudenken. Und er schließt diesen Abschnitt seines ersten Briefes mit den Worten: „All dies schreiben wir euch, damit eure Freude vollkommen sei.“
Unsere Freude und die Freude Thereses ist: in Jesus darüber nachzudenken und Gott der Liebe zu berühren, von der Zärtlichkeit Jesu ergriffen zu sein, der Therese während ihres ganzen Lebens niemals verlassen hat. Und Jesu Leben drückt diese Liebe wirklich bis zum Äußersten aus. Der heilige Johannes schreibt: „Darin wurde die Liebe Gottes zu uns offenbar, dass Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn Leben haben.“ Und er fährt fort: „Darin liegt die Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und seinen Sohn als Sühneopfer für unsere Sünden gesandt hat. Geliebte, wenn Gott uns so geliebt hat, müssen auch wir uns untereinander lieben“ (1 Joh 4,9–11). Und das, weil wir „die Liebe erkannt haben“, denn der heilige Johannes „hat gesehen“. Und ich würde sagen: mit den Augen des heiligen Johannes und auch von Maria Magdalena – und warum nicht auch mit den Augen der Jungfrau Maria, die uns als Mutter gerade unter dem Kreuz gegeben wurde – auch uns ist es gegeben, die gekreuzigte Liebe zu betrachten, die bis zum Äußersten geliebt hat. Jesus sagt zu der heiligen Katharina von Siena: „Am Kreuz hielten mich nicht die Nägel, sondern die Liebe.“ Das ist der Beweis, dass Gott uns liebt, so wie es auch der heilige Paulus den Römern schreibt: „Gott hingegen beweist seine Liebe zu uns dadurch, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren“ (Röm 5,8). Es gibt keine größere Liebe als diese, sagt Jesus: „Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben für seine Freunde hingeht“ (Joh 15,13). Es ist wieder der heilige Paul im Brief an die Korinther, der uns solch einen „Wahnsinn“ oder Liebe beschreibt.
Sie wissen, es geht hier um etwas, das die heutige Welt ablehnt. Und es ist etwas sehr Wesentliches. Was mich jedes Mal sehr verwundert, wenn ich hier in den Westen zurückkomme, ist, dass das, was so entwürdigt, beschmutzt, verzerrt wird, gerade die Liebe ist. Heute wollen sie uns eine abgestumpfte, flüchtige Liebe anbieten, damit wir all die Schwierigkeiten vergessen. Doch gerade inmitten unserer Lebensprüfungen lehrt uns Jesus – so wie er Therese lehrte – bis ans Äußerste zu lieben. Diese Liebe jedoch ist Wahnsinn, sagt der heilige Paulus: „Denn die Welt hat Gott in ihrer Weisheit nicht erkannt, gefiel es Gott, die zu retten, die glauben, durch die Torheit der Botschaft. Die Juden fordern Wunderzeichen, die Griechen suchen Weisheit, wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten. Für die Juden ist das ein Ärgernis, für die Griechen ist es Torheit, für die Berufenen aber, sowohl für Juden als auch für Griechen, ist Christus Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn die Torheit Gottes ist weiser als die Menschen und die Schwachheit Gottes ist stärker als die Menschen“ (1 Kor 1,21–25).
Die Weisheit Gottes ist die Weisheit der Liebe. Gerade am Kreuz zeigt uns Jesus – und Therese hat das besonders in den letzten Jahren ihres Lebens verstanden – wie weit die Liebe gehen kann, insbesondere in der Ordnung des Leidens, welches für sie und für so viele andere Heilige der eigene Ausdruck der höchsten Liebe ist.
Die Liebe verwandelt das Leiden. Und ich würde sagen, dass es das Wunder des Gottes der Liebe ist, denn es gibt so viele Krankheiten, die die heutige Welt erfährt – bis hin zu Epidemien, die wir nicht besiegen können und vor denen wir ratlos stehen... Wenn wir verstehen würden, dass das Leiden durch die Liebe verwandelt werden kann und sich dadurch erlöst, wäre das der Höhepunkt der Liebe. Das hat Therese verstanden, weil sie bis zum Kreuz gehorsam war, und so ähnelt ihre Liebe am meisten der Liebe Jesu.
Die Liebe verwandelt das Leiden und die Prüfungen durch die kleinsten Akte der Liebe, die Minute für Minute wiederholt werden. Ich denke, das ist für jeden von uns zugänglich. Wir sind vielleicht nicht zu großen Heldentaten fähig wie die Märtyrer, das gestehe ich ein. Ich kannte sehr gut Bruder Christian – einen Trappisten von Tiberina – und ich fordere ihn heute täglich heraus. Es gab unter uns viele Meinungsverschiedenheiten, doch in seinem Testament gibt es etwas, das sich auch an uns wendet. Sein Tod hat mich mit einer sehr starken Liebe erfüllt, weil ich weiß, dass er heute, wie auch seine Brüder, ein Held des Glaubens ist, und seine Liebe im Himmel strahlt, weil er aus Liebe sein Blut vergossen hat.
Therese lehrt uns dieselbe Bewegung der Liebe. Sie ist nicht in der Lage, Heldin des Glaubens zu sein. Das sagt sie übrigens in einem ihrer Briefe an Abbé Bellière, dass es gewiss gut ist, nach dem Märtyrertum des Blutes zu streben, aber noch größer ist das Märtyrertum der Liebe, das in Tropfen gelebt wird, Tag für Tag bis zum Ende. Und über Therese könnte man sagen, dass sie so etwas wie die erste Märtyrerin der Liebe ist, die das große Jahrhundert, in dem wir leben, einleitet. Wir hoffen, dass im 21. Jahrhundert tatsächlich neue Märtyrer der Liebe leuchten werden, wie Johannes Paul II. über P. Maximilian Kolbe erklärt hat: er ist der Märtyrer der Liebe, der brüderlichen Liebe. Unser Jahrhundert wird in der Geschichte der Kirche gerade durch diese Märtyrer der Liebe leuchten, nach dem Vorbild und in den Fußstapfen der heiligen Therese.
Ich denke, das ist gerade das, was unsere Zeit am meisten kennzeichnet: Wir sind in einer Zeit des Märtyrertums, das bedeutet in einer Zeit des Zeugnisses der höchsten Liebe. Therese hat geschrieben: Meine Freude ist es, das Leiden zu lieben. Und im Krankenhaus sagte sie: Ich bereue nicht, dass ich mich als Opfer der Liebe hingegeben habe (vgl. Vs 150). Und indem sie sich der Liebe geopfert hat, verwandelt sie das Leiden und verleiht ihm einen erlösenden Wert. Wie auch der heilige Paulus bestätigt: „...was an den Leiden Christi noch fehlt, fülle ich auf in meinem Leiden für sein Leib, das ist die Kirche“ (Kol 1,24). Und das kann jeder von uns wie Therese, wie der Kleine, sei es in Krankheit oder im Alter, in familiären Prüfungen oder beim Verlust eines Arbeitsplatzes oder anderen Prüfungen – jeden Tag, immer wieder kann er Opfer der Liebe bringen, gerade dort, wo er ist. Sie können Ihre Kinder, Ihre Nächsten lehren: dass sie sich aus Liebe opfern, dass sie Selbstverleugnung, Prüfungen, Leiden oder irgendwelche Schwierigkeiten opfern. Das verlangt auch die Jungfrau Maria in Medjugorje. Unsere Schwester Emmanuela hat für die Kinder ein schönes großes Buch mit dem Titel: „Kinder, helft mir“ – zu siegen über die Welt durch die Liebe, durch Taten der Liebe, die in der Lage sind, das Leiden zu verwandeln und es erlauben, dass inmitten dieser Welt, die so hart geprüft wird, ein großer Schatz des Gottes der Liebe leuchtet.
Auch für uns gilt also das, was auch Therese leben wollte: lieben wie Jesus. Man kann sagen, dass sie das auch verwirklicht hat – gerade im Akt der Hingabe an die Barmherzige Liebe Gottes, den sie am 9. Juni 1895 verfasst hat. In diesem Jahr fällt dies auf den Sonntag der Heiligsten Dreifaltigkeit. Sie wollte bis zur äußersten Grenze lieben, bis zur völligen Hingabe. Sie sagt: Mein Eigentum ist dein Antlitz, welches das Reich meiner Liebe ist (B 25). Sie kann nichts anderes mehr tun, als lieben… Ich denke, das ist gerade die Transformation des ganzen christlichen Lebens. Sie wissen, Therese hatte keine großen Ekstasen. Die einzige, an die wir uns erinnern können, ist die, die sie im letzten Moment ihres Lebens erlebte, als sie diese letzten Worte sprach: Mein Gott, wie liebe ich dich! Hier musste das Leiden dem Licht Jesu, ihres göttlichen Bruders, den sie so sehr liebte, weichen. Die Schwestern sagen, dass danach ihr Gesicht sich entspannte, ein wunderbares Licht erschien ihr, und sie erlangte die Frische einer frischen Rose, die sie natürlich während der Krankheit verloren hatte (vgl. Vs 151). In dieser letzten Ekstase übertrat sie tatsächlich in das himmlische Reich.
Therese betete mit Anstrengung und in Armut. Ihr Leben, wie sie selbst sagt, war gewöhnlich, sie versuchte jedoch ständig, ganz klein zu sein und unbedeutende Dinge zu tun, durchgehend wiederholte Akte der Liebe, in innerer Trockenheit und Leiden, auch inmitten der Monotonie des Opfers und der Armut ihres Lebens. Aus ihrem ganz einfachen und armen Leben machte sie eine Geste der Liebe. Sie lebte nur in der Liebe.
In einem ihrer Gedichte – Nur aus Liebe leben – schreibt sie:
Aus Liebe leben, das ist das Leben aus deinem Leben,
du bist das Wohl der Auserwählten, der ruhmreiche König!
In der Hostie lebst du für mich – der Welt verborgen…
Auch ich verberge mich vor der Welt, wie du es gewünscht hast.
Die Verliebten wünschen sich die Einsamkeit,
am Herzen will das gemeinsame Herz schlagen;
unter deinem Blick kann ich am glücklichsten
nur aus Liebe leben!
(B 16)
In der Verbindung mit Jesus in jedem Moment liegt die Größe von Thereses Leben. Sie wissen, Therese versuchte nicht, nur in den Augenblicken des Gebetes die Verbindung zur Liebe mit Jesus zu leben, sondern ihr ganzes Leben wurde verwandelt und wurde zu einer liebevollen Verbindung mit Jesus. Was uns Christen in unserem Leben wahrscheinlich am meisten beunruhigt, ist, dass wir selbst in diesem Moment der engsten Verbindung mit Jesus oft nicht beten können. Eine unserer Schwestern – Colette – hat ähnliches erlebt. In einem Abschnitt ihres Lebens war ihr das Gebet gleichgültig und störte sie sogar. Doch die Liebe erfüllte ihr Leben und verwandelte es bis zu dem Treffen mit dem Herrn von Angesicht zu Angesicht, sodass sie heute, wie auch Therese, ihre Liebe im ewigen Umarmung mit Jesus bekennen kann.
Das kann jeder von uns erleben. Wir können zwar keine Helden oder Märtyrer sein, doch wir können lieben, die Liebe lieben und mit Liebe leben, um eines Tages aus Liebe zu sterben. Ich denke, das ist das Ergreifendste im Leben der Christen. Wir lernen, aus Liebe zu leben, schon hier auf Erden, um eines Tages aus Liebe zu sterben und so unserem Geliebten, Jesus, entgegenzugehen.
In demselben Gedicht schreibt Therese in der 14. Strophe:
Aus Liebe zu sterben, dieser Traum ist bei mir zu Hause,
oft träume ich von der Süße des Märtyrertums.
Engel, spielt die harfen aus silbernen Saiten,
ich fühle, dass ich mit diesem Exil zum Ende komme! …
Brennender Pfeil, verbrenne mich ohne Zögern,
nach einer kurzen Zeit ist es mir schwer zu leben!
Jesus, göttlicher, erfülle meinen brennenden Wunsch:
ich will aus Liebe sterben!
(B 20)
Der heilige Pfarrer von Ars sagt dasselbe, auch er wollte, dass jede Bewegung, jeder Schlag seines Herzens eine Bewegung der Liebe sei, damit er im Enthusiasmus der Liebe sterben könne. Es ist erforderlich – und wir haben unser ganzes Leben dafür – dass wir lernen zu lieben. Gerade zu dem Zeitpunkt, an dem wir am vollkommensten lieben, wenn die Liebe in uns ihren Höhepunkt erreicht, dann kommt Jesus für uns im Tod aus Liebe, damit wir in das ewige Leben der Liebe der Heiligsten Dreifaltigkeit übertreten können.
Lassen wir uns also, wie Therese, von der Liebe verzehren, treten wir in diese unaussprechliche Freude ein, denn es gibt keine größere Freude, als zu lieben. Jesus sagt das seinen Jüngern beim letzten Abendmahl, als er ihnen seine Liebe auf so starke Weise zeigte. Er offenbart ihnen die Freude dieser so intensiven Stunde, in der sie sein Märtyrertum erleiden werden, die Freude am Liebesakt. Für Jesus ist es Freude, den Vater zu lieben, für Therese ist es Jesus zu lieben: das ist der Weg, der sich auch uns anbietet, das Verlangen, das sich zu einer „schmerzhaften Freude“ verwandelt, wie es unsere östlichen Brüder sagen.
Ich möchte Ihnen einen Abschnitt vorlesen, den Therese in einem ihrer Gedichte geschrieben hat:
Meine Freude ist es, das Leben für deine Seelen zu erkämpfen,
Jesus.
Mein Herz möchte dir wiederholen
mit brennender und leisester Liebe:
Für dich, göttlicher Bruder, ist es mir
süß, auch in Leiden zu leben
und meine Freude auf dieser Erde
ist, dein Herz zu erfreuen.
(B 61)
Therese kostet die himmlische Freude schon hier auf Erden. Die Liebe, die sie im irdischen Exil erlebt, ist dieselbe Liebe, die sie auch im Himmel erfahren wird. Es ist dieselbe Liebe, die sie in unaussprechliche Freude trägt, die sie entzückt, auch wenn sie noch hier auf Erden in Trockenheit und Kämpfen bleibt. Diese Liebe gibt ihr die Kraft der Märtyrer und führt sie bis in den Himmel, bis zum Höhepunkt der Liebe, wie sie selbst am Ende ihres Hingabegeständnisses an die barmherzige Liebe sagt: Mein Geliebter, ich möchte bei jedem Schlag meines Herzens unzählige Male dieses Hingeben erneuern, bis die Schatten verschwinden und ich dir nicht mehr im ewigen Zusammentreffen von Angesicht zu Angesicht meine Liebe versichern kann! … (AS 258).
VERWENDETE ABKÜRZUNGEN:
(Tschechische Ausgaben der Schriften der hl. Therese; die Zahlen geben die Seiten an.)
AS: Therese von Lisieux: Autobiografische Schriften (Geschichte der Seele), herausgegeben von der karmelitanischen Spiritualität, Bd. 8, ediert von der Druckerei Vimperk für die tschechische und mährische Generalkurie des karmelitischen Ordens, 1991.
Vs: Therese von Lisieux: Ich trete ins Leben ein, herausgegeben von der karmelitanischen Spiritualität, Bd. 22, Karmelitische Verlagsgesellschaft, Kostelní Vydří 1992.
B: Gedichte der hl. Therese von Lisieux, Auswahl und Übersetzung von Anděla Janoušková, herausgegeben von der karmelitanischen Spiritualität, Bd. 39, Karmelitische Verlagsgesellschaft, Kostelní Vydří 1995.
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