P. Reinhard Körner, OCD
„Das heilige Jahr soll unaufhörlicher Lobgesang auf die Dreifaltigkeit sein ...“ (Bulle Incarnationis mysterium, Nr. 3). Wir glauben, dass die Überlegungen von R. Körner dazu eine hervorragende Hilfe sein können. Wir drucken lediglich die Übersetzung des ersten Teils des umfangreichen Artikels ab; weitere Teile erschienen in den nachfolgenden Ausgaben der Zeitschrift Karmel-Impulse. Interessierte verweisen wir auf die Buchausgabe: R. Körner OCD, „Bleib nicht zurück am Ufer ...“ – Einladung zum Leben mit dem dreieinigen Gott, Benno - Verlag, Leipzig 1998.
Wer sich heute nach dem Kern des Christentums fragt, nach dem, was am christlichen Glauben eigen und wesentlich ist, stößt früher oder später auf die Dreifaltigkeit Gottes, auf die Dreifaltigkeit oder das trinitarische Geheimnis, wie wir Theologen es fachlich nennen. Immerhin sprechen liturgische Texte und Lieder stets von den drei göttlichen Personen; unser Gebet beginnen wir: „Im Namen“ dieser drei, zu den Psalmen und Orakeln fügen wir „Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist ...“ hinzu und im sonntäglichen Glaubensbekenntnis sagen wir, dass wir glauben „an den Vater, den Allmächtigen, Schöpfer des Himmels und der Erde, (...) an unseren Herrn Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, (...) an den Heiligen Geist ...“ Die Dreifaltigkeit Gottes ist in der Sprache der Kirche unmittelbare Allgegenwart.
Und doch: Wer kann damit etwas anfangen? Selbst theologisch ausgebildete Prediger weichen gerne „aktuelleren Themen“ aus, wenn sie – wie am Sonntag der Heiligen Dreifaltigkeit – über diese „Wahrheit des Glaubens“ sprechen sollen.
Und noch mehr: Es scheint, als hätte das Geheimnis der Dreifaltigkeit in der praktischen Religiosität und im persönlichen Umgang mit Gott nicht viel Bedeutung. Wenn wir spontan und aus dem Leben heraus beten, wenden wir uns an Gott – wobei der eine sich ihn als Vater vorstellt, während ein anderer lieber an Jesus Christus denkt; ja, und den Heiligen Geist betrachten wir nur dann, wenn wir Hilfe von oben benötigen: in Situationen, in denen wir etwas entscheiden müssen, vor einer Prüfung oder einem wichtigen Meeting oder einer Verhandlung. Wir beten nicht zu dreien, wir beten zu einem – und wechseln dabei die Personen je nach persönlichem Belieben oder situativer Gegebenheit. Praktisch beten und leben wir wie Juden oder Muslime, die jedoch – weder die einen noch die anderen – die göttliche Dreifaltigkeit in ihrem Glauben nicht kennen.
Karel Rahner merkte schon vor Jahren an, dass wir uns nicht täuschen und nicht übersehen sollten, dass viele Christen „trotz aller ihrer rechtgläubigen Bekennens der Dreifaltigkeit in ihrer religiösen Praxis eher nur ‚Monotheisten‘ sind“. Dies ist jedoch kein Urteil, das nur für unsere Zeit gilt, die immer mehr das Glaubens vergisst. Auch in den vergangenen christlichen Jahrhunderten mussten viele große Persönlichkeiten des Gebets und geistliche Lehrer erst mühselig zu der Erkenntnis gelangen, dass sie nicht mit einer einsamen göttlichen Wesenheit leben, sondern mit einem göttlichen Gemeinschaft. Das „Exil der Dreifaltigkeit“, wie es der italienische Theologe Bruno Forte nannte, dauert im Christentum schon gut tausend Jahre.
Aber wie können wir den Glauben an die Dreifaltigkeit wenigstens etwas verstehen? Wie können wir zu einer so persönlichen Beziehung gegenüber dem dreifaltigen Gott kommen, die für unser Leben Bedeutung hat? In unserer neuen Artikelreihe möchte ich teilen, inwiefern ich – durch das Studium der geistlichen Tradition der Kirche und theologischer Literatur zu diesem Thema – auf diese Fragen für mein geistliches Leben eine Antwort gefunden habe.
Als Bischof Augustinus (345–430) – wie eine alte Legende erzählt, die sehr bekannt geworden ist – sein großes Werk über die Dreifaltigkeit (De Trinitate) schrieb, ging er einmal am Ufer des Mittelmeers entlang, sinnierte und dachte nach. So kam er zu einem Jungen, der Wasser aus dem Meer schöpfte und es in eine kleine Vertiefung im Sand goss. Auf die freundliche Frage des Bischofs, was er da mache, antwortete der Junge: „Ich will das Meer ausschöpfen.“ „Das ist doch unmöglich“, bemerkte Augustinus, „das Meer ist so groß, so tief und so weit, dass das Auge nur einen ganz kleinen Ausschnitt davon erfassen kann.“ „Genauso wird es dir“, entgegnete das Kind, „nicht gelingen, mit deinen Gedanken den dreifaltigen Gott zu erfassen.“ – Die Legende spricht für sich selbst; und in Anbetracht meines Vorhabens ist sie nicht gerade ermutigend. Gott, der Dreifaltige, ist und bleibt unfassbar – selbstverständlich auch für mich.
Aber lassen wir uns noch weiter über das Bild aus der Legende nachdenken: Auch wenn das Meer unerschöpflich und unergründlich bleibt, muss ich nicht resignieren und vom Ufer weggehen. Ich kann zumindest ins kühle Element eintauchen, gegen die Wellen schwimmen, untertauchen, das Wasser fühlen und schmecken ... Dann kenne ich vielleicht noch das „Meer“ nicht, habe aber eine Erfahrung mit dem Meer gewonnen, die ich nicht hätte, wenn ich am Ufer auf dem Land geblieben wäre. Ich habe einen grundsätzlich wahren Eindruck vom Meer
Wie darf ich also den dreifaltigen Gott verstehen, wenn ich über ihn nachdenke und wenn ich auf ihn zugehe durch das Gefühl?
Lassen wir uns zunächst ins göttliche „Meer“ nehmen von denen, die als erste ihre geistlichen Schwimmerfahrungen in Worte fassen, nämlich von den frühchristlichen Autoren der neutestamentlichen Schriften.
Am Anfang des christlichen Glaubens – und das gilt auch für den Glauben an die Dreifaltigkeit – steht nicht die Lehre, sondern die Erfahrung, nicht (um im Bild zu bleiben) die Lehre über das Meer, sondern die Erfahrung, im Meer zu schwimmen. Alle Schriften des Neuen Testaments sprechen von dieser Erfahrung; ihre theologische Reflexion, die dann zur Lehre von der Dreifaltigkeit wird, beginnt erst etwa zwei Jahrhunderte später. Damit wir diese Lehre verstehen und sie in unserem Leben „anwenden“ können, müssen wir uns also auf diese Erfahrung konzentrieren, auf die Quelle des Glaubens an die göttliche Dreifaltigkeit, auf die „ursprüngliche Erfahrung“ (Leonardo Boff) in den frühen christlichen Generationen.
Ausgangspunkt ist der Glaube der Israeliten, dass hinter allem Lebendigen und allem, was ist, eine „höhere Macht“ steht: Gott, der Urheber alles Seins, dem alles, was existiert, von Moment zu Moment und unser Leben von einem Herzschlag zum anderen alles verdankt. Dieser Gott ist der einzige Gott, wie die Israeliten spätestens seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. überzeugt waren. Er ist „Allmächtig“, er ist die „Kraft“, welcher alles, was ist und geschieht, unterliegt; es gibt keine anderen göttlichen Mächte. Und es ist ein persönlicher Gott, also ein Gott, der von sich sagen kann „ich“ und den wir Menschen als „du, Gott“ ansprechen können.
Das ist auch der Glaube der ersten Christen, die zunächst zu einem Großteil Juden waren. Doch sie haben mit diesem Gott eine neue Erfahrung gemacht und verdankten sie Jesus, ihrem „Meister“ aus Nazareth:
So klar und eindeutig wie niemand zuvor sprach Jesus von Gott als von einem nahen und liebevollen Gott. Er lehrte die Menschen um sich herum, Gott nicht nur zu verehren und „zu fürchten“, sondern ihm vertrauen zu lernen und sich von seiner Liebe tragen zu lassen, völlig unabhängig davon, ob sie sich zu den „Gläubigen“ oder zu den „Gesetzesunwissenden“ zählten, ob sie wohlhabend oder arm lebten, ob gesund oder krank und behindert waren, ob sie ein reines Gewissen hatten oder ihre Vergangenheit nicht makellos war. Seine Worte waren sozusagen wie die eines sachkundigen Führers, der (um beim Bild zu bleiben) den Pilgern, die am Ufer entlang gehen, die Angst vor dem Meer nimmt und mit ihnen in das erfrischende Wasser läuft, damit sie die Pracht und Schönheit des Meeres erfahren können, die sie bisher nur vom Ufer aus kannten ... Oder in einem anderen Bild ausgedrückt: Jesus öffnete ein Fenster und ließ seinem Volk die Weite sehen, die sie umgibt, ließ Sonne und frische Luft in die dunklen, modrigen Hütten ihres Lebens strömen, sodass sie aufatmen, gesund werden, sich aufrichten und neue Menschen werden konnten ... Kurz gesagt: Gott wurde für die ersten Christen, wie er für Jesus selbst war, „Abba“, liebender Vater, und sie konnten sich – egal, was andere über sie dachten oder wie sie selbst zuvor über sich dachten – als von Gott geliebte „Söhne“ und „Töchter“ betrachten (Paulus wird dies unermüdlich an die Christen seiner Gemeinden erinnern; vgl. Röm 8,14 und Gal 4,6). Das war für sie nicht nur eine neue „Lehre“ über Gott, es war eine neue Lebensexperience mit Gott!
Dieser Blick auf Gott und sein „Reich“ wurde für die frühen Christen vor allem dadurch glaubwürdig und im alltäglichen Leben anwendbar, dass Jesus nicht nur sprach, sondern mit seinem Leben solch einen Gott an seiner eigenen Person zeigte. Jesu Haltungen und sein Verhalten, die Art, wie er dachte und lebte, wurden für viele Menschen in Israel zum schönsten, reinsten und klarsten Fenster auf jenen Gott, von dem er sprach. Jesus selbst brachte völlig und absolut das Wesen „seines“ Gottes zum Ausdruck. Mit der gleichen Zuneigung, mit der Gott – Abba auf Jesus zuging, ging Jesus zu den Mitmenschen. In seinem Verhalten erlebten die, die ihm begegneten, die Annahme, Aufmerksamkeit und Zustimmung, die sie heilten und befreiten. An ihm selbst war zu spüren, wie Gott ist – und dass Gott nur so sein kann, wie Jesus es war!
Konnten sie diese Erfahrung anders deuten, konnten sie über diesen Mann aus Nazareth etwas anderes denken als dass er „von Gott gesandt“ war, ja dass er in einem noch viel engeren Sinne als sie selbst „geliebter Sohn“ sei, ja der „Sohn Gottes“?
Und als Jesus zu Tode verurteilt und getötet wurde – wie könnten sie nicht mit Sicherheit überzeugt gewesen sein: so ein Gott kann so einen Jesus nicht dem Tod ins Nichts überlassen! „Gott hat Jesus von den Toten auferweckt!“ (Röm 10,9 u.a.), sagt die Botschaft, die sich die Jünger gegenseitig verkündeten und die sie bald „in die ganze Welt“ tragen werden, basierend auf ihrer neuen Lebenserfahrung mit Gott und Jesus. Er ist bei Gott – und ist nicht „jemand“ bei Gott: Jesus gehört zu Gott!
So, wie sie als Juden gewohnt waren, Gott anzusprechen, sprechen nun die Jünger auch Jesus an: jüdische Christen „Adonai“, griechischsprachige „Kyrie“, Lateiner „Domine“. Die deutsche (und auch tschechische) Übersetzung lautet seit jeher „Herr“. Und sie leben mit ihm, denn sie empfinden, dass er ihnen so nah ist, wie er sie gelehrt hat, dass Gott ihnen nahe ist – so nah, wie uns das Wasser des Meeres umgibt, wenn wir uns gewagt haben, hineinzuspringen ... Oder wie die Luft aus der weiten Landschaft, die um uns und in uns ist. „In ihm“, sagt Paulus in Athen, „leben wir, bewegen wir uns und sind wir“ (Apg 17,28).
Die Erfahrung, die diese ersten Christen immer wieder erleben konnten, musste wirklich mitreißend und tief erfreuend sein: die Botschaft, die sie verkündeten, die „frohe Botschaft“ von solch einem Gott und solch einem „Gottes Sohn“ – wurde angenommen! Menschen aus aller Herren Länder, Juden und „Heiden“, Sklaven und Freie, Juden aus der Diaspora, Griechen, Römer und Araber verstanden die „Sprache“ dieser Botschaft! Ja, mancher dieser Fremden beschämte sie, indem Jesu Worte tiefer in sein Herz drangen, als sie selbst sie aufgenommen hatten, und viele von ihnen wurde diese Botschaft über Jesus und seinen Gott „auf den Kopf gestellt“, mehr als sie selbst erfahren hatten. So eine Wirkung – das war ihnen klar – konnte nicht nur aus ihren ungeschickten Worten, aus ihrem unbedeutenden Leben stammen! Wirkte da nicht die ruach, der „Heilige Geist“ – was in der Sprache Jesu und der jüdischen Christen ein Wort weiblichen Geschlechts ist! – diese Kraft von Gott, von der Jesus so oft sprach und die er sagte, würde er von Abba – dem Vater senden, um sie zu „unterrichteten“ und um ihnen „alles ins Gedächtnis zu rufen ...?“ (Joh 14,26.) Und sprach Jesus nicht von dieser heiligen ruach, die sie als Kraft erlebten, die das Herz tröstet, den Verstand erleuchtet und Gemeinschaft aufbaut, als Person, die wir ansprechen können, zu der wir beten können? Und so beteten sie zu ihr wirklich, so wie sie zu Gott als Abba – dem Vater und zu Jesus als „Sohn“ dieses Vaters beteten ...
Begriffe wie „Dreifaltigkeit“ und „Dreieinigkeit“ waren den frühchristlichen Generationen fremd. In keinem der 27 neutestamentlichen Schriften – die spätesten von ihnen wurden um 120 n. Chr. geschrieben – kommen diese oder ähnlichen Worte mit derselben Bedeutung vor. Und dennoch sprechen gerade diese Schriften auf jeder Seite von dem Leben der Menschen mit Gott – „dem Vater“, mit „dem Herrn Jesus Christus“ und „dem Heiligen Geist“. Die Evangelien und die Apostelgeschichte, die Briefe und die Offenbarung sind Zeugnisse über die „Erfahrung des Schwimmens“, die die Menschen machten, als sie das Ufer hinter sich ließen und mit ihrem „Führer“ ins göttliche Meer sprangen. Sie, die an einen einzigen und einzigen Gott glaubten, fanden Gott als göttliche Gemeinschaft. Sie lebten mit drei in Gott, und als sie neue Mitglieder in ihre Reihen aufnahmen, gingen sie mit ihnen ins Wasser und tauften sie, wie das Matthäusevangelium bezeugt, das um das Jahr 80 entstand, „im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Mt 28,19).
Der Gedanke, wie die drei göttlichen Personen der eine Gott sein können, beschäftigte die Christen der ersten beiden Jahrhunderte noch nicht. Aber bald wird diese Frage immer mehr aufkommen und die Theologen – wie Augustinus – herausfordern, darüber nachzudenken ...
Mir fällt eine Geschichte ein, in der ebenfalls das Bild mit dem Meer verwendet wird. Sie wurde angeblich von Mönchen des ersten Jahrtausends erzählt. Mir persönlich hat sie sehr geholfen, um wachsam für die „ursprüngliche Erfahrung“ zu bleiben, ohne die die intelligentesten theologischen Reflexionen auch für mich verwirrend und nichtssagend geblieben wären. – Zwei Fische im Meer beginnen ein Gespräch. Der eine sagt: „Hast du je das Wasser gesehen, von dem unsere Gelehrten in so vielen Worten sprechen?“ Der andere antwortet: „Ich schwimme hier mein Leben lang im Meer hin und her – ich habe noch nie Wasser gesehen!“ Sie beschließen, die weise Fisch zu fragen, die in den Tiefen des Meeres wohnt: „Kannst du uns sagen, weise Schwester, wo das Wasser ist, von dem die Gelehrten sprechen?“ „Ach, ihr dummen Fische,“ antwortet die weise: „ihr seid im Wasser, ihr bewegt euch im Wasser, alles, was ihr habt und was ihr seid, seid ihr durch das Wasser – und ihr bemerkt es nicht?!“
Und die Mönche fügten hinzu: So lebt der Mensch in Gott – und bemerkt es nicht ...
Wachsam zu sein für die „Kraft“, die uns trägt, aufmerksam zu blicken auf die stille, so selbstverständliche Gegenwart der Wirklichkeit, die um uns, in uns und zwischen uns ist ..., sie „Abba, Vater“ zu nennen, zu spüren, dass Jesus bei diesem Vater ist, und mit ihm das gewöhnliche Leben zu teilen, empfindsam und aufmerksam zu sein für die stillen, mächtigen Wunder des Gottesgeistes in den Herzen der Nächsten, in unseren kleinen und großen Gemeinschaften, im Verlauf jedes Tages und jeder Stunde – das ist der Weg, auf dem die Christen der frühen Zeit zum Glauben an die göttliche Dreifaltigkeit gelangten.
(Entnommen mit freundlicher Genehmigung des Autors aus der Zeitschrift Karmel-Impulse,
Jg. 8, Nr. II/1998, S. 16–21.
Übersetzt von Dr. Vojtěch Pola.)