Der Glaube ist »das dunkle Licht«... er ist »das Erfassen« Gottes.

Jeder Lichtstrahl, der als Vorbote künftiger Helligkeit in unsere Nacht fällt, ist eine unschätzbare Hilfe...Teresa Benedicta vom Kreuz (Edith Stein)

Liebe ist Leben in höchster Vollkommenheit: Sein, das sich ewig hingibt, ohne dabei einen Verlust zu spüren, unendliche Fruchtbarkeit.

Das Innerste der Liebe ist Hingabe, Auslieferung. Gott, der Liebe ist, schenkt sich seinen Geschöpfen, die er zur Liebe erschaffen hat.

Das Herz ist das eigene Zentrum des Lebens. Mit dem Wort »Herz« bezeichnen wir das körperliche Organ, dessen Funktion mit dem körperlichen Leben verbunden ist. So verstehen wir jedoch auch häufig das Innere der Seele, offenbar weil gerade das Herz am meisten an dem beteiligt ist, was im Inneren der Seele geschieht, denn nirgendwo sonst spüren wir die Verbindung von Körper und Seele so stark.
Im Inneren ist das Wesen der Seele nach innen geöffnet. Wenn unser »Ich« hier lebt – im Fundament seines Seins, wo es eigentlich zu Hause ist und wo es hingehört – fühlt es etwas von dem Sinn seines Seins und spürt seine konzentrierte Kraft, noch bevor es sich in einzelne Teilkräfte aufteilt. Und wenn das Leben dieses »Ich« gerade von hier ausgeht, lebt das »Ich« voll und erreicht den Höhepunkt seines Seins. Die Inhalte, die von außen aufgefangen werden und hierher dringen, bleiben nicht nur im Besitz des Gedächtnisses, sondern können »in Leib und Blut« übergehen und so im Inneren der Seele zur lebensspendenden Kraftquelle werden. Es ist jedoch auch möglich, dass hier etwas eindringt, das seiner Wesenheit nach fremd ist und das Leben der Seele verzehrt. Das wird dann für die Seele zu einer tödlichen Gefahr, wenn sie nicht alle ihre Kräfte sammelt und es von sich abstoßen kann.

„Wenn du vielleicht einen erhabenen Ort, einen heiligen Ort suchst, dann gib dein Inneres als Gottes Tempel hin. ‚Denn der Tempel Gottes ist heilig, und dieser Tempel seid ihr.‘ (1) Willst du im Tempel beten? Bete in dir selbst. Aber zuerst musst du Tempel Gottes sein, denn in deinem Tempel hört Gott den, der ihn bittet.“ (2) „Führe mich aus der Verirrung: Sei mein Führer, und ich werde zu mir selbst und zu dir zurückkehren.“ (3) Mystische Gnade vermittelt die persönliche Erfahrung dessen, was der Glaube lehrt: die Wohnung Gottes in der Seele. Ein Mensch, der in der Wahrheit des Glaubens Gott sucht, wird in seinem freien Streben gerade dorthin gehen, wo ihn die mystische Gnade anzieht: von den Sinnen und den »Bildern« des Gedächtnisses, ja selbst von der natürlichen Tätigkeit des Verstandes und des Willens wird er sich in die leere Einsamkeit seines Inneren zurückziehen, um dort im dunklen Glauben zu verweilen – im einfachen liebenden Blick des Geistes auf den verborgenen Gott, der gegenwärtig ist. Hier – an seinem Ruheplatz – wird er in tiefer Stille verweilen, bis es dem Herrn gefällt, den Glauben in seliges Schauen auf ihn zu verwandeln.

Glaube ist »dunkles Licht«. Er erlaubt uns, etwas zu verstehen, aber nur um darauf hinzuweisen, was für uns unerreichbar bleibt. Da der Grund aller Dinge unergründlich ist, gerät alles, was aus ihm sichtbar ist, ins »dunkle Licht« des Glaubens und des Geheimnisses... Der Glaube ist eine Art „Ergreifen“ Gottes. Dieses Ergreifen setzt jedoch voraus, dass auch wir „ergriffen“ sind: Wir können nicht ohne Gnade glauben. Und Gnade ist Teilhabe am göttlichen Leben. Wenn wir uns der Gnade öffnen und den Glauben annehmen, haben wir in uns den Anfang des ewigen Lebens.

Der Glaube ist der göttlichen Weisheit näher als jede philosophische und sogar theologischen Wissenschaft. Da es jedoch für uns schwierig ist, in der Dunkelheit zu gehen, ist jeder Lichtstrahl, der als Vorbote künftiger Helligkeit in unsere Nacht fällt, eine unschätzbare Hilfe, damit wir auf unserem Weg nicht irre gehen.

(1) 1 Kor 3,17.
(2) Augustinus: In Ioannis evangelium tractatus 15,25.
(3) Augustinus: Soliloquia II 6,9.

Entnommen aus dem Buch: Edith Stein, Gedanken und Meditationen
Verlag: Trinitas, 2000
Ausgewählt und bearbeitet von: Norbert Žuška, OCarm.