P. Fernando Millán Romeral, O.Carm., Generalprior
4) Kontemplation
Verschiedene Referenten, die uns während unserer Überlegungen im Laufe des letzten Generalkapitels geholfen haben, betonten, wie wichtig Stille, Kontemplation und Spiritualität sind, um unser Charisma in Fülle zu leben. Wir wissen gut, dass dieses Element einen wichtigen und zentralen Platz im karmelitischen Charisma hat, ich brauche das hier nicht zu wiederholen. Nur als Beispiel sei erwähnt, dass das Dokument Ratio Institutionis Vitae Carmelitanae1 die Kontemplation als Herz des karmelitischen Charismas erklärt und (Art. 23) hinzufügt:
„Der kontemplative Aspekt ist nicht nur eines der Elemente unseres Charismas (wie Gebet, Brüderlichkeit und Dienst): es ist ein dynamisches Element, das alles vereint.“
Wir leben in einer Zeit der Informatik, Virtuellen und Unmittelbarkeit. Nachrichten gelangen in einem Bruchteil einer Sekunde von einem Ende der Welt zum anderen. Wir haben sofortigen, direkten Zugang zu einer Fülle von Informationen. Das hat zweifellos seinen positiven Wert, und die Kirche hat dies bei verschiedenen Gelegenheiten (offiziell) hervorgehoben. Dennoch sind wir in Gefahr, der besorgten Oberflächlichkeit, einer Flut von unreflektierten Daten, „Informationen ohne Bildung“ (d.h. die den Menschen nicht bilden), einer postmodernistischen Kultur, die sich auf das leichtere konzentriert und leere, flüchtige, nicht-transzendentale Realitäten hervorhebt, zu verfallen.
In einem solchen sozialen Umfeld, mehr als in der Vergangenheit, ist etwas erforderlich, das das karmelitische Charisma anbieten kann: das Gespür für Kontemplation, für geistige Tiefe. Ein Karmeliter sollte ein Mensch des inneren Lebens, der Tiefe, des inneren Reichtums sein, ein Mann oder eine Frau, die inmitten des Lärms und Hektik des Alltagslebens, der Probleme und Widersprüche unserer Zeit innere Stille schaffen können, in der Gott sprechen kann.
Manchmal lassen auch wir uns von Vorurteilen, übereilten Urteilen, abgedroschenen Phrasen etc. leiten. Vielleicht sollten wir uns an das erinnern, was die heilige Teresa zu den Schwestern gesagt hat: „Wir dürfen nicht denken, dass wir innen leer sind.“2 Die Schlussbotschaft des Generalkapitels von 2007 betonte diesen Aspekt:
„In dem Bemühen, wirklich eine betende Gemeinschaft zu sein, wurde unsere Aufmerksamkeit erneut auf den Wert der Stille gelenkt (vgl. Regel, Art. 21). In unserer gegenwärtigen Welt gibt es trotz des Übermaßes an Lärm, Informationen und Nachrichten. Stille ist eine Frage des Hörens. Sowohl als Einzelne als auch als Gemeinschaft brauchen wir Stille, um Gott zuzuhören, die Zeichen der Zeit wahrzunehmen, Weisheit und die Fähigkeit zur Unterscheidung zu gewinnen und uns eine kontemplative Haltung anzueignen. In der Regel wurde Stille durch besondere Vorschriften geschützt; auch heute benötigen wir Unterstützung (durch) Normen, auf die wir uns geeinigt haben, damit Stille sowohl in unseren Gemeinschaften als auch für die einzelnen Brüder Wirklichkeit werden kann.“
Kaum könnten wir den barmherzigen und zärtlichen Gott erfahren, wenn in unserem Leben kein Raum für das Wesentliche ist. Und sehr oft wird das Wesentliche gründlich von Arbeit, Strukturen, Gewohnheiten, Vorschriften, verschiedenem Egoismus, Dokumenten... zugedeckt. Wenn jemand mit mir über einen „guten Ordensmann“ spricht, dann stelle ich mir (unter diesen Worten) nicht nur jemanden vor, der in Gemeinschaft lebt, der das Brevier betet, der die Feier der Eucharistie nicht vernachlässigt und seine Gelübde ernsthaft lebt usw., sondern auch jemanden, der in der Lage ist zu lieben, der um Verzeihung bitten und vergeben kann, der sich an dem erfreuen kann, was edel und schön ist, der sich über Ungerechtigkeit ärgern kann und bereit ist, großzügig seine Zeit, seine Fähigkeiten und sein Leben mit anderen zu teilen. Der heilige Johannes vom Kreuz weist uns mit einfachen, aber überraschenden Worten in seinen Ausführungen über Licht und Liebe (59) darauf hin:3
„Am Abend wirst du nach der Liebe beurteilt werden; lerne zu lieben, wie Gott geliebt werden möchte, und verlasse deine Eigenheit.“
Und um das Wesentliche zu erkennen und uns darauf konzentrieren zu können, ist es notwendig, diesen Geist zu bewahren und eine solche Offenheit für die Kontemplation zu haben. Einige unserer Zeitgenossen, und vielleicht auch zwischen den Ordenspersonen, betrachten Kontemplation als Synchronisation von Flucht oder als Mangel an angemessener Beziehung zur sozialen Realität, die uns umgibt. Wahre Kontemplation wendet jedoch sicherlich niemals unseren Blick von der Realität um uns herum ab, sondern lehrt uns, sie mit neuen Augen zu sehen.
Als Beispiel könnten wir den Apostel Johannes in dem schönen Kapitel (über die Ereignisse) am See von Genezareth (Johannes 21) anführen. Der Evangelist weist uns, mit der ihm eigenen durchdringenden Sicht, darauf hin, dass die Szene beim Sonnenaufgang, in der Morgen-Dämmerung, spielt, also zwischen zwei Lichtquellen... Die Apostel, die die ganze Nacht gearbeitet haben, führen im Boot ein Gespräch mit einer geheimnisvollen Gestalt, die sie vom Ufer aus anspricht. Und dann ruft Johannes, der Jünger, der Jesus so liebte, freudig aus: „Das ist der Herr!“ Kontemplativ ist gerade derjenige, der die Realität um sich herum wahrnimmt und in der Lage ist, die geheimnisvolle Gegenwart des Herrn in unserem Leben zu offenbaren. Der kontemplative Mensch schaut nicht nur nach oben, sondern auch um sich herum und auch „nach unten“ zu den (Menschen) Bedürftigen, den Kleinsten, den Ausgestoßenen dieser Welt, und erkennt in ihnen jene Gegenwart (des Herrn), die geheimnisvoller ist als anderswo. Wahre Kontemplation und wahre Spiritualität führen zu einer Haltung des Dienens und großzügiger Bereitschaft.
Daher ist ein Mystiker, ein wahrhaft spiritueller Mensch, ein kontemplativer Mensch, unweigerlich auch ein Meister der Menschlichkeit und des Mitgefühls. Und an der Art und Weise, wie er ist und wie er in dieser Welt lebt, kann man Barmherzigkeit und Zärtlichkeit Gottes erkennen.
Diese vier Elemente sind so tief miteinander verbunden, dass die Entwicklung eines von ihnen in der Regel auch die anderen beeinflusst. Wer sein spirituelles Leben vertieft, wächst auch in Solidarität und apostolischem Dienst. Wer großzügig seinen Dienst ausführt, findet Stärke und Anregungen für die Betrachtung und Kontemplation. Wer beide Dimensionen harmonisch und positiv lebt, bereichert die Gemeinschaft und schafft ein Umfeld der Gegenseitigkeit (communio; vgl. Statuten, Art. 16–18).
Möge uns daher der Herr helfen, in diesen vier Bereichen fortzufahren und zu wachsen. Möge die Jungfrau Maria, unsere Mutter und Schwester, uns weiterhin segnen und begleiten.